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Und plötzlich ist Krieg

Nach dem Gefecht von Kunduz am vergangenen Wochenende hat Verteidigungsminister zu Guttenberg einen längst fälligen Offenbarungseid geleistet.

 

Von Lutz Herden

Ein Schuss aus der Hüfte - und ein angeschlagener Ressortchef präsentiert sich als Mann der Stunde. Nach dem Karfreitags-Gefecht im Raum Kunduz hat Karl-Theodor zu Guttenberg die Verhältnisse in Afghanistan "Krieg" genannt. Es braucht dazu weder Scharfsinn noch Willenskraft zum Tabubruch, sondern wirkt eher zynisch, wenn sich die Sprache der Politik ausgerechnet nach dem Tod von drei Bundeswehrsoldaten auf die Höhe des Geschehens schraubt. Was so lange im Halse stecken blieb, geht nun so leicht von der Zunge. Frei nach dem Motto, wer entschlossen in den gedrehten Strick greift, dem wird der Krieg schon keinen Strick mehr drehen.

Semantik des Scheins

Noch vor kurzem wurde solcherart Realitätssucht als Ausbund von Realitätsverleugnung, Populismus und "Taliban-Sprache" (Ex-Verteidigungsminister Jung) diffamiert. Die Bundeswehr leiste am Hindukusch "bewaffnete Wiederaufbauhilfe", hieß es zunächst, stand dann in einem "robusten Stabilisierungseinsatz", hatte sich plötzlich "kriegsähnlicher Zustände" zu erwehren, bis Minister zu Guttenberg im Januar seine ganze Deutungsmacht entfaltete und befand, man stehe in einem "nicht-internationalen bewaffneten Konflikt". Wer diese Semantik des Scheins ertrug, hatte es mit keiner Abfolge tragischer Irrtümer zu tun, sondern einer Kriegserklärung an die Wahrheit, wie sie gewöhnlich den ersten Schuss zu segnen pflegt.

Man mag darüber streiten, ob der NATO-ISAF-Einsatzes von Anfang an verdiente, "Krieg" genannt zu werden. Eines jedoch dürfte unbestreitbar sein. Als es am 4. September 2009 in Kunduz zum schlimmsten militärischen Ereignis auf deutschen Befehl seit 1945 kam - einem Bombenabwurf mit 142 größtenteils zivilen Opfern - spätestens in diesem Moment wurde aus dem geführten ein erklärter Krieg. Nicht nur gegenüber den Taliban. Mit dem Feuerball von Kunduz wurde ein Offenbarungseid geleistet, der glaubwürdiger kaum sein konnte, weil er vor allem eines war: ein Bekenntnis zu diesem Krieg. Schließlich waren die Amerikaner im Oktober 2001 nicht aus christlicher Nächstenliebe einmarschiert, um Afghanistan von den Taliban zu befreien, sondern weil sie für ihren Feldzug gegen den Terror und aus imperialer Hybris Feinde und Ziele brauchten. Die Deutschen hatten sich mitreißen lassen, aus Bündnistreue und weil sie sich im Fieber ideologischer Inbrunst ("das Gute gegen das Böse") als geübte Gesinnungstäter für unentbehrlich hielten.

Karl-Theodor zu Guttenberg hätte, als er im Oktober das Verteidigungsressort übernahm, getrost sein jetziges Afghanistan-Zertifikat ausstellen können. Die Bomben von Kunduz boten ausreichend Legitimation. Doch verweigerte der Minister das Nächstliegende. Stattdessen wurde vertuscht, Führungspersonal entlassen und dem Credo gehorcht: Erst von Krieg reden, wenn der Ernstfall im Tod der eigenen Soldaten, nicht im Mut zur eigenen Courage besteht. Dieses Heldentum der Heimatfront wird die "Nationale" der Guttenberg-Claqueure hierzulande nicht davon abhalten, den Klartexter für seine jetzige "Kriegs"-erklärung und den so bewiesenen Realismus zu loben. Ausgeblendet bleibt die Frage, was die Einsichten des Ministers eigentlich bedeuten. Wer genau steht im Krieg? Die Afghanistan-Vorposten der Bundeswehr allein, die deutschen Streitkräfte in Gänze? Die Bundesrepublik Deutschland? Hat dieses Land eine politische Führung, die dem gewachsen ist? Zweifel sind angebracht. Wer Krieg führt, ist nicht automatisch kriegsfähig. Die Sprachtünche der regierenden Anti-Terror-Kombattanten von Rot-Grün über Schwarz-Rot bis Schwarz-Gelb wurde vorzugsweise aus einem Grund dick aufgetragen: Diese Gesellschaft wollte zwar nach 9/11 mehrheitlich Gerhard Schröders Parole von der uneingeschränkten Solidarität mit den USA applaudieren, dieselbe aber nicht durch heimkehrende Zinksärge quittiert sehen.

Ein Himmelfahrtskommando

Von daher könnte es sein, dass Minister zu Guttenberg durch seinen neuerlichen Afghanistan-Befund auch eine Durchhalteparole ausgegeben hat, wie sie mit dem Ruf nach angemessenem Equipment bereits dankbar aufgenommen wird. Krieg heißt kapitulieren oder kämpfen. Letzteres üblicherweise bis zum Sieg. Also weitere Opfer für die Bundeswehr, noch mehr Soldaten, selbstverständlich besser ausgerüstet als bisher (wie es der neue Wehrbeauftragte reklamiert, statt für Abzug und Leben der ihm anvertrauten Soldaten zu plädieren). Und auf jeden Fall noch einmal acht Jahre Krieg. Oder mehr, denn der Kampf gegen die Taliban oder den "Terrorismus" lässt sich militärisch nicht gewinnen, sondern nur verlängern, das haben die vergangenen acht Jahre gezeigt. Um so mehr stellt sich die Sinnfrage. Wofür das alles, wenn selbst Hamid Karzai einem Krieg abzuschwören beginnt, ohne den es seine Präsidentschaft nicht gäbe?

Die Regierung Merkel rettet sich in ihre vernetzte Strategie aus Wiederaufbau und Militäreinsatz. Und vergisst zu erwähnen, dass Wiederaufbau auf einem Kriegsschauplatz zum Himmelfahrtskommando wird, wie die in Kunduz umgekommenen Soldaten bezeugen. Wer darauf beharrt, dies sei der Weg, leidet trotz "Kriegs"-Erklärung unter Realitätsverlust. Was könnte für die Bundeswehr in Afghanistan gefährlicher sein?

Quelle: der FREITAG vom 08.04.2010. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

09. April 2010

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