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Die Macht der Hoffnung nie verlieren

Interview mit Adolfo Perez Esquivel

Sie haben 1980 den Friedensnobelpreis erhalten. Könnten Sie bitte vom Beginn Ihres Engagements erzählen, das zu dieser Auszeichnung geführt hat? 

Ich arbeitete seit meiner Kindheit in den Pfarreien und den Volksorganisationen. Langsam begriff ich die Realität in Lateinamerika. Zwei Personen, die viel Verantwortung für meine Arbeit tragen, sind Hildegard Goss-Mayr und ihr Mann Jean Goss. In den 60ern begann Hildegard, mit christlichen Gruppen und Bewegungen in Lateinamerika zu arbeiten und das Konzept von Veränderung durch Gewaltfreiheit darzulegen. 

Ich hatte Erfahrung mit den Bewegungen von Mahatma Gandhi, ich arbeitete mit seinen Prinzipien in Schulen, in den Universitäten und in den Randzonen der Gesellschaft. Wir begannen, mit den Studentlnnenbewegungen in dieser gravierenden Situation während der Militärdiktaturen in Lateinamerika zu arbeiten. In Argentinien hatten wir eine Militärdiktatur und es gab eine sehr starke Konfrontation zwischen dem Regime und den Studentinnen. Zu dieser Zeit begannen wir, die gewaltfreie Bewegung zu organisieren. 

1974 fand eine internationale Tagung in Kolumbien statt, an der alle gewaltfreien Organisationen in Lateinamerika teilnahmen. Dort wurde ich gebeten, diese Bewegung für ganz Lateinamerika zu koordinieren. Daraus entstand Servicio Paz y Justicia (Dienst für Frieden und Gerechtigkeit), welcher gegen die Militärdiktatur, Gefängnisse, Folter und für den Widerstand arbeitet.

Man lernt sehr viel im Gefängnis: man lernt, wie man überlebt und widersteht. Für mich war es sehr wichtig zu lernen, in Hoffnung zu widerstehen. Im Gefängnis gab ich nie auf. Es waren immer die Hoffnung, der Widerstand und der Kampf dabei. Im Gefängnis lernte ich, dass ich ein freier Mensch bin. Dass sie mir meinen Körper nehmen können, aber nicht meinen Verstand. Sie konnten meinen Geist nie wegnehmen. 

Dort erfuhr ich dank meiner Familie, die mich ab und zu besuchen durfte, dass ich Kandidat für den Friedensnobelpreis war und dass mir ein Preis von Pax Christi International verliehen worden war. Ich glaube, all das wurde gemacht, um meine Freilassung zu erwirken. Am 13. Oktober 1980 wurde ich informiert, dass ich den Friedensnobelpreis gewonnen habe, und das erste, was ich sagte, war, dass ich den Preis nicht nur für mich akzeptieren kann, da meine Arbeit nicht nur die Arbeit einer Person ist, sondern die Arbeit von Millionen von Menschen in Lateinamerika und der ganzen Welt. Hildegard Goss-Mayr z.B. war eine der größten Kämpferinnen. 

Im Jahr 1975 waren wir beide im Gefängnis in Brasilien. Wir wurden am Flughafen festgenommen und ins Gefängnis gebracht. Sie verhüllten unsere Gesichter und mich verhörten sie die ganze Nacht. Es gab in Brasilien eine große Mobilisierung unter der Leitung des Kardinals von Sao Paulo, Pablo Evaristo Arns, dem es gelang, uns aus dem Gefängnis zu befreien. Dank des Kardinals wurden wir aus Brasilien abgeschoben.

Der Friedensnobelpreis ist also ein Instrument im Dienste des Volkes. Er ist nicht nur für eine Person. Ich würde mit oder ohne ihn weitermachen. 

Dachten Sie nach dem Gefängnis nie daran, Feuer mit Feuer zu bekämpfen? 

Nein, weil ich sah, dass diese Methode nicht funktioniert. Aber es geht auch um das Verständnis von Widerstand. Wir können die Freiheit durch andere Wege als den bewaffneten Widerstand erreichen, so wie es Mahatma Gandhi vorgezeigt hat. Er zerstörte die britische Industrie in Indien mit zivilem Ungehorsam. Martin Luther King machte dasselbe während des zivilen Widerstands in den USA, um die Rechte seiner Brüder und Schwestern durchzusetzen. Auch wir wandten zivilen Ungehorsam an, die Bewegungen gegen die Diktaturen in Lateinamerika und in Argentinien waren gewaltfrei. Es waren Organisationen von Müttern, Großmüttern, Verwandten. Die Armee hatte die Waffen, wir hatten nichts. Trotzdem organisierten wir große Mengen von Menschen und wir hatten internationale Solidarität. Es war also ein anderer Weg, unsere Ziele zu erreichen. Man kann bewaffnet kämpfen, wie Guerillas es taten, und die wurden völlig zerstört. Uns konnten sie aber nicht zerstören. Ich respektiere den Kampf von Camilo Torres in Kolumbien (ein Priester, der zu den Waffen griff), von Che Guevara und Fidel Castro, um ihre Völker zu befreien, aber es ist nicht der einzige Weg. Ich glaube, es gibt Wege, die Leben retten statt zerstören können. Aber ich respektiere die anderen. 

Sie reisten nach Europa, um mit Regierungen zu reden und sie zu überzeugen, Ihnen zu helfen. War es schwierig, mit den Regierungen zu sprechen? 

Viele Regierungen unterstützten die Militärdiktaturen, da sie von ihnen profitierten. Daher mussten wir mit den Regierungen reden. Ich hatte viele Gespräche mit verschiedenen Regierungen. Sehr geholfen haben uns die Regierungen in Schweden und in Österreich. Bruno Kreisky war ein sehr fähiger und objektiver Mann. Frankreich half uns auch. Aber wichtiger war die Unterstützung der Völker. Es gab viel Mobilisierung von Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und von Leuten des Volkes, die vor den argentinischen Botschaften demonstrierten. Religiöse und Nicht-Religiöse protestierten gegen Menschenrechtsverletzungen, und das half uns.

Was können Menschen tun, um Konflikte zu vermeiden oder zu verändern? 

Jede/r kann dort wirken, wo er/sie gerade steht. Man darf nicht nur an die großen Dinge denken. Die wirksamste Revolution ist die alltägliche, die permanente. Sie verfügt über kritisches Denken und über Werte. Sie werden sehen, wie dadurch Solidarität erreicht wird. Ich sage immer, es gibt zwei Dinge, die wir alle teilen: Brot, welches unseren Körper und unsere Seele ernährt, und Freiheit, ein tiefes Gefühl der Freiheit. Denn ohne Freiheit können wir nicht lieben, und ohne Liebe hat die Welt keine Bedeutung. 

Was können SchülerInnen und StudentInnen tun? Sie sind noch jung und glauben oft, dass sie nicht viel bewirken können. 

Ich arbeite nach wie vor auf Uni- Ebene, aber ich arbeite auch mit Heranwachsenden. Wir haben eine Gruppe, die wir "Jugend für Frieden" nennen. Wir versuchen, kritisches Denken und Werte sowie eine Kultur der Solidarität in den Jugendlichen zu entwickeln. Sie können dann mit anderen Jugendlichen in der Gemeinde oder in ihrer Schule zusammenarbeiten. Es gibt Wege, die den Schülerinnen beim kritischen Denken helfen können. Es ist eine Sache zu sehen, eine andere ist es, hinzusehen. Es ist eine Sache zu hören, eine andere ist es, zuzuhören. Wir müssen lernen hinzusehen und zuzuhören. Dadurch können wir lernen, andere Menschen in ihrer Verschiedenheit zu verstehen. Ich glaube nicht, dass alle gleich denken müssen. Das wäre keine gute Idee. Wir sind unterschiedlich, wir denken unterschiedlich, aber wir können teilen. Wir können einander verstehen und wir können Solidarität zeigen. Bildung sollte eine Praxis in Freiheit sein. Im Grunde müssen die Jugendlichen lernen, dass sie die Macht der Hoffnung nie verlieren dürfen. Nie. Auch nicht in den schwierigsten Momenten, denn es gibt immer ein Licht, es gibt immer Hoffnung im Leben, die eine Situation verändern kann.

Sie haben schon Ihre Beziehung zu Hildegard Goss-Mayr erwähnt. Wie begann dieser Briefwechsel?

Im Jahre 1972 brachte ich eine Zeitung namens Frieden und Gerechtigkeit heraus. Darin veröffentlichten wir alle Informationen über gewaltfreie Bewegungen, die wir finden konnten. Durch eine gewaltfreie Organisation in Südfrankreich erhielt ich Informationen über Hildegard und Jean Goss. Wir ließen ihnen unsere Zeitung zukommen, ohne Brief, nur die Zeitung. Und dann bekam ich eine Rückmeldung. Und somit begannen wir zu kommunizieren. Sie hatte die internationale Aufgabe, die Gewaltfreiheit aus der Kraft des Evangeliums zu verbreiten und Leuten den Weg der Freiheit zu zeigen. Ich glaube, sie ist eine Frau, die viele Wege aufgezeigt hat, sowohl in Österreich als auch auf der ganzen Erde. 

Viele Menschen glauben nicht, dass sie Veränderung herbeiführen können und dass Leute wie Sie oder Hildegard nicht so sind wie sie selbst. Wie kann man diese Sichtweise verändern? 

Die Menschen müssen sich organisieren, ein kritisches Denken entwickeln und sehen, wie sie Konflikte lösen können. Wir in Lateinamerika organisieren alles, Bewegungen von Frauen, Indigenen, Bauern. Diese Organisationen erdenken ihre Wege gemeinsam. Eine Person allein kann nicht viel schaffen. Hildegards und mein Vorschlag und der Vorschlag von vielen ist nicht eine Utopie, sondern konkrete Arbeit. Heutzutage haben wir ein Weltforum, es gibt viele Möglichkeiten zu widerstehen und sich zu organisieren. Menschen müssen aufhören, das Publikum zu sein und zu Protagonistinnen werden, die Trägerinnen ihres eigenen Lebens und der Geschichte. Wir warten nicht, bis Probleme von anderen gelöst werden. Wir müssen die Konflikte aufgreifen und sie lösen, nicht vermeiden. Jede/r kann das in der Praxis umsetzen, nicht nur Heilige oder besonders begabte Menschen. Menschen müssen beginnen, indem sie das Konzept der Gewaltlosigkeit in der Familie, in den Schulen, an den Universitäten und in der Arbeit anwenden. Sie dürfen nicht nur an die großen Sachen, die die Menschheit beeinflussen, denken. Die große Revolution geschieht täglich, da können wir Veränderungen herbeiführen. Revolution bedeutet Veränderung. Es kommt darauf an, wie wir eine ungerechte Situation durch friedliches Handeln verändern. Verstehen Sie Frieden nicht als Abwesenheit von Konflikten, sondern als permanenten, dynamischen Teil des Lebens.

Das Interview führte Dune Johnson, der Sprachwissenschaften studierte und u.a. als freier Übersetzer arbeitet.

Quelle: Spinnrad Nr. 4/Dezember 2009 - Zeitschrift des Internationalen Versöhnungsbundes - Österreichischer Zweig .

Veröffentlicht am

05. April 2010

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