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Oscar Romero: Kein Superman

Die Gleichzeitigkeit von Mut und Zweifel: Oscar Romero ist ein inspirierendes Beispiel für die Stärke in der Schwäche

 

Von Bärbel Fünfsinn 

Seit 1987 bin ich bei den Hamburger Romero-Tagen dabei. Jedes Jahr erinnern wir an das Engagement von Oscar Romero und an seinen gewaltsamen Tod. Romero ist für mich wie für viele LateinamerikafreundInnen ein Symbol des Widerstandes und der Hoffnung. Sein Handeln macht mir Mut und dient mir als Vorbild. Manchmal ertappe ich mich dabei, Oscar Romero zu einem christlichen Helden zu stilisieren, wie das heute viele Gruppen in Mittelamerika ohne Hemmungen tun. Ohne Zweifel, wir brauchen Vorbilder, auch Helden und Heldinnen. Wenn sie jedoch zu außergewöhnlich, zu Superman- oder Superwoman-haft werden, dann frage ich mich, ob wir ihnen und uns damit gerecht werden. 

Die brasilianische Theologin Ivone Gebara ist davon überzeugt, dass es ein Bestandteil unserer menschlichen Psyche ist, uns historische Personen als übernatürliche Erlösungs- oder Befreiungsfiguren vorzustellen. Diese, so schreibt sie, seien "mehr" als wir und hätten uns etwas voraus. Sie verwirklichen eine Art Ideal eines jeden Menschen - zum Beispiel das Ideal, aufrichtig und widerständig zu sein - und stiften ihre AnhängerInnen dazu an, ihre Handlungen nachzuahmen. Kritisch wird es, wenn sie  übermenschlich und so außergewöhnlich dargestellt werden, dass der Abstand zwischen ihnen und  "normalen" Menschen fast unüberwindbar wird.

Oscar Romero war kein Superman. Hinter seinem mutigen Auftreten in den letzten drei Jahren seines 63-jährigen Lebens wird immer wieder ein zögernder, ängstlicher Mann sichtbar. Lange Zeit hatte Romero sich aus den unhaltbaren gesellschaftlichen Zuständen herausgehalten, nicht deutlich Partei ergriffen. Nach seiner "Bekehrung", die ein lange währender Prozess war (Lesen Sie hierzu auch den Beitrag "…" von Jon Sobrino in dieser Ausgabe.), plagten ihn dennoch Zweifel.

Folgende Episode macht das sehr anschaulich. Ungefähr ein Jahr vor seiner Ermordung, als er schon für seine regimekritischen und scharfen Predigten international bekannt war, entschloss Romero sich, einen Psychiater in Mexiko aufzusuchen. Er brauchte psychologische Unterstützung: "Meine Angst ist, dass ich nicht den Erwartungen aller entspreche. Außerdem macht mir Sorgen, dass ich beeinflusst werde. Ich bin so erschöpft, dass ich schon nicht mehr weiß, ob ich es bin, der entscheidet, oder ob ich von außen getrieben werde." Nach drei Tagen intensiver Untersuchungen entließ ihn der Psychiater, dem er sich als Chef eines großen Unternehmens vorgestellt hatte, und erklärte ihn für völlig gesund und urteilsfähig. Romero kehrte gestärkt in sein Land zurück.  

Sein Auftreten danach war dennoch nicht immer geradlinig und klar. Bei einem Militärputsch von "Jungmilitärs" 1979 blieb er für einige Wochen in dem Glauben, diese würden für Gerechtigkeit im Land sorgen. Viele seiner WegbegleiterInnen stritten heftig mit ihm und warfen ihm vor, sich von den rechten Kräften instrumentalisieren zu lassen. Romero brauchte einige Zeit, um das neue alte Regime zu durchschauen.

Auch Oscar Romero zeigte Schwächen, und das macht ihn für mich sympathischer. Er konnte nicht immer klar und stark sein. Das kann ich auch nicht. Er zögerte manchmal und verschloss die Augen vor der Wahrheit. Das tue auch ich mitunter.  

Diese Seiten des beeindruckenden Menschen Oscar Romero, der Todesdrohungen nicht beachtete und der für seine Bereitschaft zu sterben bekannt wurde, rücken mir ihn viel näher. Denn damit wird mir und uns allen deutlich, dass auch in uns - in all unserer Schwäche - solch ein Potenzial an Widerstand und Mut steckt wie in dem Menschen Oscar Romero. Weder er noch wir sind Supermenschen. Aber: In all unserer Mittelmäßigkeit sind wir ebenso begabt zu großartigen Handlungen. Das "von Gott" lebt in uns allen und befähigt uns, über uns hinaus zu gehen, um glücklicher und furchtloser zu sein. Die vielen Frauen und Männer in El Salvador, die damals mit Romero und heute nach ihm unter existenziell härteren Bedingungen als wir für Gerechtigkeit eintreten, bezeugen das.

Bärbel Fünfsinn ist Theologin und Vorstandsmitglied der Christlichen Initiative Romero. Sie lebt in Hamburg. 

Quelle: Romero Zeitung 2010 zum 30.Jahrestag der Ermordung Erzbischof Oscar A. Romeros. Hrsg. von Christliche Initiative Romero .

Veröffentlicht am

31. März 2010

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