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Israel: Gestohlene Identitäten für einen Mord

Von Amy Goodman und Juan Gonzalez, 19.02.2010 - Democracy Now!

Israel wird vorgeworfen, für das Attentat auf einen Hamas-Kommandeur in Dubai gefälschte Pässe eingesetzt zu haben.

Democracy Now! vom 19. Februar 2010

Israel gerät unter wachsenden internationalen Druck. Es geht um den Mord an einem Top-Kommandeur der Hamas im Januar in Dubai. Am Donnerstag setzte die internationale Polizeiagentur Interpol 11 Mitglieder eines angeblichen Todeskommandos auf die Liste der Meistgesuchtesten. Die Gruppe der 11 Verdächtigen soll 6 gefälschte britische und 3 gefälschte irische Pässe mit den Namen israelischer Bürger/innen verwendet haben. Mindestens 7 der Namen in den Pässen gehören Israelis, deren Identität geraubt wurde.

Unser Gast ist Paul McGeough. Er ist Chefkorrespondent der australischen Tageszeitung Sydney Morning Herald und Autor des Buches ‘Kill Khalid: The Failed Mossad Assasination of Khalid Mishal and the Rise of Hamas’, das in den USA soeben auch als Taschenbuch erschienen ist. Er ist uns aus Washington zugeschaltet.

Juan Gonzalez: Israel gerät zunehmend unter internationalen Druck. Es geht um die Ermordung eines hochrangigen Kommandeurs der Hamas im vergangenen Monat in Dubai. Kommandeur Mahmoud al-Mabhouh wurde am 20. Januar in seinem Hotel in Dubai tot aufgefunden. Am Donnerstag setzte die internationale Polizeiagentur Interpol 11 Mitglieder (eines angeblichen Todeskommandos auf die Liste der Meistgesuchtesten. Interpol gab so genannte ‘Red Notices’ heraus - Alarmstufe 1 -, und reagierte damit auf einen Antrag der Dubaier Behörden. In einem im Fernsehen gesendeten Interview) sagte der Polizeichef von Dubai, Dhahi Khalfan Tamim, er denke, dass israelische Agenten in den Mord verwickelt seien.

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Dhahi Khalfan Tamim (übersetzt): Nun, wenn gesagt wird, dass sieben der Verdächtigen, die möglicherweise britische Pässe haben, nach Israel gegangen sind und sich jetzt in Israel befinden, dann glaube ich nicht, dass eine Friedensgruppe diese Operation durchgeführt hat. Gewiss wurde sie durch einen Flügel innerhalb der israelischen Regierung durchgeführt, der Attentat-Teams leitet. (Ende Einblendung)

Juan Gonzalez: Die Polizei von Dubai veröffentlichte CCTV-AufnahmenAnmerkung d. Übersetzerin: CCTV (closed-ciruit TV) bezeichnet ein Netzwerk aus Kameras, das ein Gebäude (Flughafen, Hotel, Bahnhof usw.) oder einen Platz praktisch lückenlos und kontinuierlich überwacht und die Aufnahmen aufzeichnet. Dadurch entstehen (zeitlich nachvollziehbare) Bewegungsbilder von Personen, die sich innerhalb dieser Zone aufgehalten haben. Im vorliegenden Fall wurden der später getötete Hamas-Kommandeur und seine mutmaßlichen Mörder von ihrer Ankunft im Internationalen Flughafen von Dubai an durch verschiedene geschlossene Kamera-Überwachungszonen überwacht. Auch Orte, die im Zusammenhang mit dem Mord von Bedeutung sind, wie die Zone vor al-Mabhoughs Hotelzimmer, wurden kontinuierlich durch Kameras überwacht.. Sie sollen das angebliche Todeskommando zeigen, wie es den Hamas-Kommandeur in sein Hotel verfolgte, bevor er getötet wurde. Am Donnerstag forderte der Polizeichef von Dubai zudem die Verhaftung des Chefs des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, falls dessen Verantwortung bewiesen würde.

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Dhahi Khalfan Tamim (übersetzt): Die Anordnung, sie zu verhaften, wird bestehen bleiben - wohin sie auch gehen. Und falls bewiesen wird, dass sie diesen Job durchgeführt haben - und inzwischen ist das wahrscheinlich -, bitte ich Interpol, einen Haftbefehl gegen den Chef des Mossad auszustellen. Er wird danach nicht mehr in der Lage sein, in ein arabisches Land zu reisen. (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Am Mittwoch weigerten sich israelische Offizielle, eine Beteiligung an dem Mord zu bestätigen oder zu bestreiten. Sie beriefen sich (Zitat) auf "eine Politik der Ausgewogenheit" (policy of ambiguity).

Zu der Gruppe der elf Verdächtigen zählen sechs Personen mit gefälschten britische Pässen, in denen die Namen von israelischen Bürgern eingetragen sind. Drei hatten irische Pässe bei sich. Mindestens sieben der Namen in den (elf) Pässen sind israelischen Bürgern zuzuordnen, die in Israel leben und deren Identität gestohlen wurde.

Sowohl Großbritannien als auch Irland sollen den jeweiligen israelischen Botschafter (in London bzw. Dublin) zu einer Befragung einbestellt haben. Hier die Aussage des irischen Außenministers Michael Martin:

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Michael Martin: Nun, ich bin darüber sehr erbost und sehr besorgt. Dies ist ein äußerst ernstes Thema. Es gefährdet die Sicherheit irischer Bürger. Wir wissen, dass zwei der drei, mit denen wir Kontakt aufgenommen haben, regelmäßig auf Reisen gehen. Einer wollte eigentlich an diesem Wochenende verreisen. Es hätte sehr gut passieren können, dass diese Person verhaftet worden wäre - aufgrund der Informationen aus Dubai, in Zusammenhang mit dem Mordanschlag, dem Mord, in Dubai. (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Der britische Premierminister Gordon Brown sagte, er werde darauf drängen, dass seine Regierung Ermittlungen einleite:

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Premierminister Gordon Brown: Ich denke, das ist eine Sache für Ermittlungen, (und) wir müssen die Fakten erfahren, wir müssen erfahren, was vorgefallen ist, wir müssen erfahren, was mit einigen britischen Pässen passiert ist. So einfach ist das. Die Ermittlungen müssen erfolgen, noch bevor irgendwelche Schlüsse gezogen werden. (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Die britische Regierung bestreitet, schon zuvor gewusst zu haben, dass gefälschte britische Pässe eingesetzt wurden. Doch Schattenaußenminister William Hague sagt, es sei durchaus denkbar, dass die Regierung gewarnt worden sei.
Um mehr zu erfahren, sind wir jetzt mit Paul McGeough verbunden (…)

Paul McGeough: Es war eine ausgeklügelte Operation, um ein sehr wichtiges Glied in der Hamas-Hierarchie zu töten. Die Operation weist alle Markenzeichen eines Mossad-Jobs auf: Cleverness und - traurig für den Mossad - gelegentliche Tricksereien.

Erklären Sie uns einfach, was passiert ist. Erklären Sie es Leuten, die diese Sache nicht über alle Sender verfolgt haben - vor allem das mit den umfassenden Kameraaufzeichnungen (CCTVSiehe Fußnote 1). Was ist im vergangenen Monat vorgefallen?

Paul McGeough: Nun, das mit der lückenlosen Kameraüberwachung (CCTVSiehe Fußnote 1) ist der Schlüssel zum Verständnis der Geschichte. Es ist erstaunlich, dass der Mossad den in Dubai überall vorhandenen Kamera-Netzwerken anscheinend keine weitere Beachtung geschenkt hat. Das Team wurde gefilmt, wie es im Dubai International Airport eintraf - einzeln. Auch die Ankunft des Hamas-Waffenhändlers wurde aufgezeichnet. Sie folgten ihm in sein Hotel. Man sieht, wie sie sich bewegen - wie die Killer in den Hotelaufzügen auf und ab fahren und seinen Weg bis ins Hotelzimmer verfolgen. Er wird auf sein Hotelzimmer gebracht. So finden sie seine Zimmernummer heraus. Man sieht, wie ein Teil des Teams in Dubai shoppen geht, wie sie zurückkehren ins Hotel. Ab und zu sieht man sie in einem Klo verschwinden und Minuten später mit einer anderen Perücke oder einem anderen ans Kinn geklebten Bart wieder auftauchen. Wissen Sie, es war ein wenig wie Monty Python.

Doch es war auch Gänsehaut erregend: al-Mabhouh wohnte in Zimmer 230, und die Kameras auf seinem Hotelflur zeigen, wie die Killer sein Zimmer betreten. Sie verbringen ganze 45 Minuten in diesem Zimmer. Man fragt sich, wofür brauchen vier vorsätzliche Killer 45 Minuten, um mit einer Person fertig zu werden? Dann sieht man, wie sie aus dem Zimmer herauskommen und auf den Lift warten. Zwei von ihnen tragen einen Sack - einen anscheinend sehr schweren Sack, der alles enthalten könnte.

Es gibt Berge von CCTV-Filmmaterial - das die Dubaier Behörden auf wirklich spannende 27 Minuten zusammengeschnitten haben. Wir leben ja im Medienzeitalter, und sie haben es wirklich nett redaktionell bearbeitet. In den vergangenen drei Tagen war es auf YouTube und allen Webseiten sowie in sämtlichen TV-Kurznachrichten der Welt zu sehen.

Juan Gonzalez: Nun, diese 45 Minuten, die sie in dem Zimmer verbrachten… könnte dies möglicherweise zu dem Verdacht führen, dass sie versuchten, ihn zu foltern oder Informationen zu erzwingen, bevor sie ihn töteten?

Paul McGeough: Bis heute gibt es keine klare Aussage, was die Todesursache betrifft. Die Dubaier Behörden, die Hamas und einige Familienmitglieder des Getöteten bieten verschiedene Varianten an: Strangulation, Ersticken, Tod durch Stromstöße. Das klingt… es wäre plausibel, dass mehrere Versuche unternommen wurden, um den Mann zu töten. Angesichts der Zeitspanne scheint es zudem plausibel, dass versucht wurde, Informationen von ihm zu erlangen, bevor er eliminiert wurde.

Die Geschichte, die von den Israelis herausgegeben wurde, lautet: Der Mann sei in Dubai gewesen, um für die Hamas einen Waffen-Deal abzuschließen. Es ist vorstellbar, dass sie herausfinden wollten, mit wem er sich treffen wollte und an welchem Ort man sich treffen wollte, um den Deal abzuschließen - bevor sie ihn töteten.

Amy Goodman: Nun, wer immer es koordiniert hat, war sich wohl im Unklaren über die umfassende Kameraüberwachung - CCTV* (closed-circuit TV) genannt, oder?

Paul McGeough: Sie scheinen sich darüber nicht klar gewesen zu sein. Das ist erstaunlich. Schließlich fand in Dubai 2008 ein berühmter Mordprozess statt, in dem es um einen ägyptischen Milliardär ging, der seine libanesische Geliebte in Dubai ermorden ließ. Die lokalen Medien - überall in der Region - brachten damals sehr viel über die Arbeit der Polizei von Dubai, die ihre multiplen CCTV-Kameras einsetzte, um Beweise zu sammeln, die den Fall knacken sollten.

Die zweite große Blamage ist, dass die Killer ausländische Pässe verwendeten - wie damals bei der versuchten Ermordung von Khalid Mishal (1997). Für die Regierungen der Länder, aus denen diese Pässe stammen, ist es sehr, sehr peinlich. Im vorliegenden Fall sind jetzt London, Dublin, Paris und BerlinAnmerkung der Übersetzerin: Inzwischen wurde bekannt, dass auch ein deutscher Pass bei dem Mordanschlag an al-Mabhough in Dubai eingesetzt wurde. Die Staatsanwaltschaft in Köln ermittelt. unter Erklärungsdruck: Sie sollen öffentlich erklären, inwiefern Pässe ihres Landes bei einer solchen Operation verwendet wurden.

Juan Gonzalez: Sie haben ein spannendes Buch über die Geschehnisse von 1997 verfasst. Damals versuchte der Mossad, (den Hamas-Führer) Khalid Mishal zu töten (‘Kill Khalid: The Failed Mossad Assasination of Khalid Mishal…’). Könnten Sie uns etwas über die Gemeinsamkeiten zwischen der damals gescheiterten und der jetzigen Operation sagen?

Paul McGeough: Nun, es ist schon komisch, dass Benjamin Netanjahu auch damals israelischer Premierminister war (und der Premier muss eine solche Mission ja genehmigen). Die Vergleichbarkeit liegt darin, dass der Mossad die Sache (beides Mal) im Ausland inszenierte. Damals wählte er die jordanische Hauptstadt Amman - obwohl König Hussein von Jordanien der beste Freund Israels in der Arabischen Welt war und sich ein Bein ausgerissen hatte, um ein Friedensabkommen mit Israel zustande zu bekommen.

Auch damals war es ein sehr cleverer Plan. Sie wollten ein geheimes, mysteriöses Sekret in Khalid Mishals Ohr injizieren, während er die Straße entlangging. Sie glaubten, er würde es nicht bemerken. Sie hofften, er würde heimgehen, sich hinlegen, sich müde fühlen und sterben. Es würde eine Autopsie geben, aber man würde keine Spur des geheimen Giftes in seinem Körper finden.

Was geschah wirklich? Das Brillante an dem Plan entpuppte sich als dessen Achillesferse. Das Gift sollte lange brauchen, bevor sich die Wirkung entfaltete, so dass Mishal den Ort der Injektion bereits verlassen haben würde und keiner seiner Leute auf die Idee käme, dass der versehentliche Rempler auf der Straße etwas mit seinem späteren Tod zu tun haben könnte. Aber die lange Zeit, die das Gift brauchte, um zu wirken, nutzten jordanische Ärzte, um Mishals Leben zu retten.

Währenddessen schnappten Mishals Leibwächter zwei der Mossad-Agenten und lieferten sie als Verhandlungs-Joker bei König Hussein ab. Dieser war somit in der Lage, von Israels Premier Benjamin Netanjahu die Freilassung von Hamas-Gefangenen aus israelischer Haft zu verlangen - und Netanjahu dadurch bewusst zu demütigen. Außerdem konnte Hussein den damaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton dazu bewegen, Netanjahu zu zwingen, den Jordaniern das geheime Gift und ein Gegenmittel zu übergeben.

Amy Goodman: Was hat es damit auf sich, dass Israel jetzt von (Zitat) "einer Politik der Ausgewogenheit" spricht? Warum reagieren sie nicht? Und was hat die aktuelle internationale Empörung - vor allem in Großbritannien - zu bedeuten?

Paul McGeough: Dazu müssen Sie zurückgehen auf den 20. Januar, dem Tag des Attentats und die Tage danach. Wir erlebten damals die typische israelische Reaktion auf einen typischen israelischen Geheimdiensterfolg. So etwas wird weder bestätigt noch bestritten. Doch maßgebliche Kommentatoren und Sprecher des israelischen Establishments sagten so Dinge wie: "War es nicht ein guter Job? War es nicht clever? Habt ihr gemerkt, wie brillant es war? Und die Welt ist ein besserer Ort, weil das Opfer der Attacke nicht mehr da ist", aber kein Wort darüber, dass es der Mossad war.

Nun, dieser kleine Vorgang ereignete sich noch im Januar - bevor der Schuss allmählich nach hinten losging. Seit er nach hinten losgeht, heißt es: "Oh, wir verfolgen eine ausgewogene Politik". Die Tatsache, dass sie angesichts dieser Blamage eine Politik der Ausgewogenheit anbieten, ist fast so gut wie ein Eingeständnis - sollte man eigentlich meinen. Hinzu kommt die Linie des israelischen Außenministers, der - auf dieses Thema angesprochen - nicht direkt bestreitet, sondern sagt: "Es gibt keine Beweise, dass es der Mossad war". Auch das ist fast so gut wie ein Eingeständnis. Sieht man die These von der Beteiligung des Mossad vor dem Hintergrund der anderen Konspirationstheorien, so würde ich die Mossad-Theorie auf Platz 1 setzen.

Juan Gonzalez: Und was ist mit der Reaktion der britischen Regierung auf die Verwendung britischer Pässe bei diesem Mordanschlag im Ausland?

Paul McGeough: Das ist ein sehr ernstes Thema. Ich meine, ein Pass ist etwas Heiliges. Ein Pass ist ein von der Regierung ausgestelltes Dokument, das einen Bürger oder eine Bürgerin auf einer Auslandsreise schützen und das Reisen erleichtern soll. Viele Briten, Iren und andere Europäer reisen regelmäßig in den Nahen/Mittleren Osten - geschäftlich oder als Touristen. Die Vorstellung, dass man zu einem Mordverdächtigen wird, nur, weil man einen Pass seiner Regierung bei sich trägt, ist schon ziemlich beängstigend.

Als die Israelis damals versuchten, Khalid Mishal zu töten, verwendeten sie kanadische Pässe. Zu der Zeit interviewte ich einen kanadischen Diplomaten. Er sagte zu mir: "Schauen Sie, das ist so übel, so gefährlich, denn es kann passieren, dass ein kanadischer Pass, der auf den Namen Fred Nerk ausgestellt ist, bei einer Operation wie der in Jordanien eingesetzt wird. Sagen wir, Fred Nerk lebt in Winnipeg. Plötzlich klopft es an der Tür, und wenn er öffnet, steht da ein Bewaffneter, um ihn zu töten". Das ist folglich eine sehr ernste Angelegenheit.

Amy Goodman: Und dieses Mal waren es Israelis - die benutzten Namen gehörten israelischen Staatsbürgern, deren Identität gestohlen wurde.

Paul McGeough: Ja. Ja, als ich damals für mein Buch ‘Killing Khalid…’ recherchierte, erklärten sie es mir folgendermaßen: Die israelischen Behörden borgen sich öfter mal einen Pass für kurze Zeit aus - während jemand gerade aus- oder einreist oder während der Immigrationsprozess läuft. Dabei würden sie die Details (des Passes) erfassen. Aber da ist noch eine zweite Sache. Viele Juden immigrieren ja aus anderen Erdteilen, aus anderen Ländern, nach Israel. Sie verfügen über eine doppelte Staatsbürgerschaft. Sie haben einen amerikanischen, britischen oder kanadischen Pass - was auch immer. Was passiert? Etliche dieser Leute werden, wenn man so will, einem informellen Loyalitätstest gegenüber dem Staat Israel unterzogen: Man bittet sie, ihren Pass für eine gewisse Zeit auszuborgen.

In den Nachwehen des Vorfalles um Khalid Mishal (1997) gab es einen erstaunlichen Fall. Ein Kanadier meldete sich bei den kanadischen Behörden und beichtete, er habe 1996 seinen Pass an die israelischen Behörden ausgeliehen. Nach der Sache mit Mishal entschuldigten sich die Israelis aus tiefster Seele bei Kanada und versprachen, keine kanadischen Pässe mehr zu verwenden. Aber einige Wochen später klopfte es an der Tür des oben genannten Kanadiers. Er beschrieb die Besucher als Front für den Mossad. Sie fragten ihn, ob sie seinen neuen Pass ausleihen könnten und ob sie mit seiner Tochter (die in Israel lebte) nach Ottawa fliegen könnten, wo diese einen neuen (kanadischen) Pass beantragen sollte. Sie wollten sie anschließend wieder zurück nach Israel fliegen und ihren (kanadischen) Pass ausborgen.

Amy Goodman: In der Jerusalem Post wird Melvyn Mildiner zitiert, der vor neun Jahren nach Israel umgezogen ist. Er sagte gegenüber der Post: "Ich weiß nicht, wie ich meinen Namen reinwaschen kann". Sein Name ist unter denen, die (im Fall Mabhough) verwendet wurden. Er sagte: "Ich werde von Interpol per Haftbefehl gesucht. Ich weiß nicht, wie ich künftig reisen soll. Ich hatte mich mit einer Lungenentzündung zu Bett gelegt, (und) als ich aufwachte, war ich ein Mörder".

Noch schnell eine Frage zum Schluss, Paul McGeough: Was bedeutet das alles für die israelisch-palästinensische Politik, und welche Bedeutung hatte Mahmoud al-Mabhough?

Paul McGeough: Nun, wichtiger als der Tote sind womöglich zwei noch lebende Palästinenser. Sie wurden in Jordanien verhaftet und an die Behörden von Dubai überstellt. Die Einzigen, die bislang im Zusammenhang mit dem Mord (an al-Mabhough) von den Dubaier Behörden festgehalten werden und denen der Mord angelastet wird, sind diese beiden Palästinenser. Berichten zufolge sollen sie aus Gaza kommen. Davor sollen sie für Mahmoud Abbas gearbeitet haben und zwar für die von der Fatah und der PA kontrollierten Sicherheitsdienste, die gegen die Hamas sind. Das bedeutet, dass in der Politik der Palästinensergemeinde gerade ein sehr ernster, hässlicher Verdacht am Entstehen ist: Mahmoud Abbas - oder Leute aus seinem Umfeld - könnten Kollaborateure sein beziehungsweise bis zu einem bestimmten Punkt den Israelis geholfen haben, das Kadermitglied der Hamas zu eliminieren.

Amy Goodman: Paul McGeough, vielen Dank, dass Sie uns aus Washington zugeschaltet waren.

Paul McGeough ist Chefkorrespondent der australischen Sydney Morning Herald. Sein Buch heißt: ‘Killing Khalid: The Failed Mossad Assasination of Khalid Mishal and the Rise of Hamas’. Amy Goodman und Juan Gonzalez sind Moderatorin bzw. Moderator des TV- und Radioprogramms ’ Democracy Now! ‘, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 21.02.2010. Originalartikel: Israel Accused of Stealing Identities, Using Fake Passports in Killing of Hamas Commander in Dubai . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

24. Februar 2010

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