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Howard Zinn: Ein Interview mit Chomsky, Klein, Arnove und Walker zum Gedenken an den legendären Historiker und Aktivisten

Von Amy Goodman, 29.01.2010 - Democracy Now! / ZNet

Unsere Interview-Gäste sind:

  • Noam Chomsky, emeritierter Professor des MIT (an dem er mehr als ein halbes Jahrhundert lang lehrte) und Autor zahlreicher Bücher.
  • Naomi Klein: Journalistin, Autorin (u.a. ‘Die Schock-Doktrin’).
  • Alice Walker: Pulitzer-Preisträgerin, Autorin (‘Die Farbe Lila’), Poetin und Aktivistin. Howard Zinn war - Anfang der 60er Jahre - einer ihrer Dozenten am Spelman-College/Atlanta, wo Walker als Studentin eingeschrieben war.
  • Anthony Arnove verfasste gemeinsam mit Zinn das Buch ‘Voices of A People’s History of the United States’; zudem arbeiteten er gemeinsam mit ihm an seiner letzten Dokumentation ‘Let the People Speak’ (2009)

Amy Goodman: Wir senden heute vom Sundance Film Festival in Park City/Utah. Es ist das größte Festival des Unabhängigen Films, hier, in den USA.

Den zweiten Teil der Stunde widmen wir dem Gedenken an Howard Zinn. Der Historiker, Autor und Aktivist starb am Mittwoch überraschend an einem Herzanfall. Er wurde 87 Jahre alt.

Im Zweiten Weltkrieg war Howard Zinn Bomberpilot. Nach dem Krieg war er, Zeit seines Lebens, Friedensaktivist und Dissident. Er engagierte sich in der Bürgerrechtsbewegung und beteiligte sich in den vergangenen 50 Jahren an vielen anderen Kämpfen für soziale Gerechtigkeit.

Zinn dozierte mehrere Jahre am Spelman-College in Atlanta - einem historischen College für schwarze Frauen. Er wurde wegen Insubordination gefeuert, weil er sich für seine Studentinnen eingesetzt hatte. Während seiner Lehrtätigkeit am Spelman-College gehörte er dem Exekutivkomitee des SNCC (Student Nonviolent Coordination Committee) an. Nach seiner Entlassung wurde er Professor an der University of Boston.

1967 veröffentlichte er das Buch ‘Vietnam: The Logic of Withdrawal’. Es war das erste Buch über den Vietnamkrieg , das zu einem sofortigen, bedingungslosen Rückzug aus Vietnam aufrief. Ein Jahr später reiste er mit Pater Daniel Berrigan nach Vietnam, um die ersten drei amerikanischen Kriegsgefangenen heimzuholen, die von den Nordvietnamesen freigelassen wurden.

Daniel Ellsberg, der Enthüller der geheimen ‘Pentagon Papers’, zog Howard Zinn zu Rate, als er nach einem Versteck für seine Geheimunterlagen suchte, bis er sie an die Presse durchsickern lassen würde. Howard Zinn und seine Frau Rozlyn versteckten sie.

1980 veröffentlichte Howard Zinn ein Werk, das zum Klassiker werden sollte: ‘A People’s History of the United States’ (‘Eine Geschichte des amerikanischen Volkes’Anmerkung d. Übersetzerin: ‘Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes’ (‘A People’s History of the United States’) von Howard Zinn ist als 9-bändiges Geschichtswerk oder als Gesamtausgabe erhältlich. Weitere auf Deutsch erschienene Bücher von Howard Zinn: ‘Künstler in Zeiten des Krieges’‘Schweigen heißt lügen’ (bei Edition Nautilus); ‘Amerika, der Terror und der Krieg’ (Herder). Eine ausführliche Biografie und eine Bibliografie seiner meist englischsprachigen Werke finden Sie auf http://de.wikipedia.org/wiki/Howard_Zinn .). Es wurde mehr als eine Million mal verkauft. Es veränderte den Blick der Amerikaner auf ihre Geschichte. Zinn/Arnove drehten darüber die Dokumentation ‘Let The People Speak’ (2009)Anmerkung d. Übersetzerin: Die Dokumentationen ‘You Can’t Be Neutral on a Moving Train’ und ‘Let The People Speak’ sind auch als DVDs erhältlich..

In Kürze werden wir mit Noam Chomsky, Alice Walker, Naomi Klein und Anthony Arnove verbunden sein. Zunächst möchte ich einen Ausschnitt aus einem Interview einblenden, das ich mit Howard Zinn im Jahre 2005 führte. Darin sprach er über seine Zeit als Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg:

(Eingeblendet)

Howard Zinn: Nun, wir dachten, mit den Bombeneinsätzen wäre es vorbei. Der Krieg näherte sich ja seinem Ende. Es war im April 1945. Erinnern wir uns: Der Krieg war Anfang Mai 1945 zu Ende. Einige Wochen, bevor der Krieg aus war - und alle wussten, dass er bald aus sein würde (unsere Armeen waren über Frankreich nach Deutschland vorgedrungen) -, lag in Royan noch ein kleines Kontingent deutscher Soldaten. Sie hingen dort herum - in dieser kleinen französischen Stadt an der Atlantikküste. Die Air Force beschloss, sie zu bombardieren. 1200 schwere Bomber - ich mitten unter ihnen - flogen über die kleine Stadt Royan und warfen Napalm ab. Es war der erste Napalm-Einsatz in Europa.

Wir wissen nicht, wieviele Menschen getötet oder schrecklich verbrannt wurden - durch das, was wir taten. Ich handelte, wie die meisten Soldaten, mechanisch, ohne nachzudenken. Ich dachte, wir stehen auf der richtigen Seite und sie auf der falschen. Deshalb können wir machen, was wir wollen, es ist okay. Erst danach, erst nach dem Krieg, als ich las, was John Hersey über Hiroshima schrieb oder die Geschichten der Überlebenden von Hiroshima, (als ich las), was sie durchlitten hatten, erst an diesem Punkt begann ich, über die humanitären Folgen der Bombardements nachzudenken. Erst da begann ich, darüber nachzudenken, was es für Menschen am Boden bedeutet, wenn Bomben auf sie abgeworfen werden - denn ein Bomber fliegt in 30.000 Fuß Höhe, 4,5 km hoch. Wir konnten die Schreie nicht hören, das Blut nicht sehen. Das ist moderne Kriegsführung.

Moderne Kriegsführung bedeutet: Soldaten feuern, oder sie werfen Bomben ab, ohne eine Vorstellung - eine tatsächliche Vorstellung - davon zu haben, was mit den Menschen passiert, auf die gefeuert wird. Alles geschieht auf Distanz. Auf diese Weise werden furchtbare Greuel ermöglicht. Als ich an diesen Bombeneinsatz zurückdachte oder an Hiroshima und an all die übrigen Angriffe auf zivile Städte, an das massenhafte Töten so vieler Zivilisten in deutschen und japanischen Städten (in Tokio wurden in nur einer Nacht 100.000 Menschen durch Brandbomben getötet), brachte mich das zu der Erkenntnis, dass selbst so genannte ‘gute Kriege’, wie der Krieg gegen den Faschismus im Zweiten Weltkrieg, fundamentale Probleme nicht lösen können. Sie vergiften nur alle - auf beiden Seiten. Sie vergiften Seele und Geist aller Beteiligter auf beiden Seiten. Wir sehen das heute im Irak, wo der Geist unserer Soldaten vergiftet wird, weil sie eine Besatzungsarmee sind - in einem Land, das sie nicht haben will. Das Resultat ist schrecklich.

Amy Goodman: Als er aus dem Krieg heimkehrte, bekam Zinn ein Soldaten-Stipendium (gemäß dem GI-Gesetz (GI-Bill)). Er studierte zunächst an der New York University und schloss mit einem Mastergrad ab. Danach machte er an der Columbia University seinen Doktor in Geschichte.

Ende der 50er Jahre zog Zinn nach Atlanta, um am Spelman-College zu unterrichten. Es war ein College, das ausschließlich schwarze Frauen aufnahm. Dort wurde Zinn tief in die Bürgerrechtsbewegung hineingezogen. Wir sprechen nun mit einer ehemaligen Studentin Zinns - der Autorin und Poetin Alice Walker. Sie ist uns aus Mexiko zugeschaltet, wo sie heute lebt.

Alice, willkommen bei Democracy Now! Es ist so traurig, mit Ihnen zu sprechen - einen Tag nach Howard Zinns Tod.

Alice Walker: Vielen Dank, dass Sie mich zu diesem Gespräch eingeladen haben.

Amy Goodman: Unterhalten wir uns über Ihren ehemaligen Dozenten.

Alice Walker: Nun, mein ehemaliger Dozent war einer der lustigsten Menschen, die ich je gekannt habe. Er war einer, bei dem du damit rechnen konntest, dass er im unglaublichsten Moment die ungewöhnlichsten Dinge sagt.

Ich nenne ein Beispiel. Einmal gingen wir in Atlanta in eines dieser sehr noblen Colleges, die damals nur für Weiße waren… all diese äußerst noblen, weißen Mädchen aus der Oberschicht und ihre Lehrer. Howie stand auf - ich weiß nicht, wie es ihm gelungen war, eine Einladung zu bekommen, aber jedenfalls waren wir da. Das war noch, bevor sich in Atlanta irgendetwas änderte. Damals kämpften wir noch darum, in ein Restaurant zu kommen. Howie stand also auf und stellte sich im Saal vorne hin - es war ein großer Raum voller Menschen -, und er sagte: "Nun, ich stehe links von Mao-tse-Tung." Es war ein so - ein so unglaublicher Moment, weil die Leute sich nicht vorstellen konnten, wie jemand in Atlanta so etwas sagen konnte. Damals bedeuteten die Chinesen und die Chinesische Revolution noch, dass es irgendwo auf diesem Planeten Menschen gab, die vorwärts schritten… eine Volksrevolution. Und er (Zinn) sagte, er stünde links davon. Es war wirklich unglaublich.

Ich glaube, ich dachte, er würde ewig leben. Ich bin sehr glücklich, dass ich ihn kennenlernen durfte. Er hatte einen so positiven Einfluss auf mein Leben und auf das der anderen Studentinnen am Spelman, auf Millionen Menschen. Wir hatten einfach unglaubliches Glück, ihn all die Jahre zu haben. 87 ist eine lange Zeit - wenngleich nicht lange genug. Aber ich bin einfach nur dankbar.

Amy Goodman: Alice, das Spelman-College feuerte Howard Zinn - stimmt’s? Er war dort Professor und wurde wegen Insubordination gefeuert (ungeachtet dessen, dass das Spelman ihm vor kurzem den Ehrendoktortitel verlieh und er vor der Abschlussklasse reden durfte). Warum haben sie ihn damals gefeuert?

Alice Walker: Er wurde gefeuert, weil er uns sehr, sehr gern hatte. Er zeigte seine Liebe, indem er schlicht bei uns war. Er hatte seine Studentinnen sehr gern. Er sah nicht ein, warum wir Bürgerinnen zweiter Klasse sein sollten. Er sah nicht ein, warum wir nicht dort essen sollten, wo wir essen wollten oder schlafen, wo wir schlafen wollten oder mit Menschen zusammen sein, mit denen wir zusammen sein wollten. Also blieb er bei uns. Wissen Sie, er blieb nicht einfach in seinem schulischen (Elfenbein-)Turm zurück. In der damaligen Situation war er ein Subversiver.

Natürlich konnte die Schulleitung auch Studentinnen wegen ‘Aktionismus’ rausschmeißen. Ich verließ das Spelman, weil mir irgendwie mein Stipendium abhandenkam (aber zumindest war ich dort gewesen). Das war eine der Arten, wie sie uns kontrollierten. Sie haben auch versucht, ihn zu kontrollieren - aber man konnte Howie nicht kontrollieren. Sie warteten sogar mit der Kündigung, bis er über die Sommerferien verreist war - vorher feuerten sie ihn nicht. Sie feuerten ihn nicht von Angesicht zu Angesicht. Aber, yeah, soweit es sie betraf, war er ein Radikaler, ein Subversiver auf dem Campus. Unsere Freiheit war der Schulleitung nicht sehr viel wert. Ihnen war wichtig, dass wir nicht zuviel Wirbel machten.

Amy Goodman: Ich wende mich nun an Noam Chomsky. Er ist uns aus Boston schon eine Weile per Telefon zugeschaltet. Noam, ich möchte Sie gerne zu Howard Zinns Rolle in der Antikriegs-Bewegung der 60er Jahre befragen. 1968 reiste Zinn mit Pater Daniel Berrigan nach Nordvietnam, um drei amerikanische Kriegsgefangene heimzuholen. Zinn und Berrigan waren die ersten Amerikaner, die Nordvietnam seit Kriegsbeginn besuchten. Hier eine Einblendung dessen, was Howard Zinn 1968 sagte, als er in die Staaten zurückkehrte:

(Einblendung)

Howard Zinn: Pater Berrigan und ich befinden uns auf der Rückreise. Es mag überheblich klingen, aber auf der Rückreise, als wir Paris gerade hinter uns hatten, schickten wir ein Telegramm an das Weiße Haus - ich glaube, mit unseren letzten 15 Kröten -, in dem in etwa Folgendes stand: "Wir möchten gern mit Präsident Johnson reden. Würden Sie sich bitte mit uns treffen? Wir kommen gerade aus Hanoi. Wir haben soeben mit Premier Pham Van Dong gesprochen. Aber in der Zeitung lesen wir, dass Sie sagen, die Nordvietnamesen wären nicht zu Verhandlungen bereit. Was wir von Pham Van Dong erfahren haben, scheint dies zu widerlegen. Wir möchten uns gerne mit Ihnen darüber unterhalten und auch über die Freilassung von Gefangenen. Letzteres wurde, wie es uns scheint, falsch angepackt". Bis jetzt haben wir noch keine Antwort von LBJ (Anmerkung d. Übersetzerin: US-Präsident Lyndon B. Johnson) erhalten. (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Das war Howard Zinn. Noam Chomsky, sprechen Sie mit uns bitte über diese Zeit, über die Zeit, als Howard Zinn mit Pater Dan Berrigan nach Nordvietnam reiste. Was bedeutete das damals?

Noam Chomsky: Nun, es war ein Durchbruch - die Erkenntnis, dass der offizielle Feind menschlich war. Natürlich war das Volk von Südvietnam der Hauptfeind. Es wurde praktisch vernichtet. Zu dieser Zeit war Südvietnam schon verwüstet. Das spielte eine wesentliche Rolle.

Zumindest meiner Ansicht nach war Howard Zinns Buch, das Sie vorhin erwähnt haben, das Wesentlichere, das Wichtigste: ‘The Logic of Withdrawal’. Zu dieser Zeit existierte bereits eine substantielle Antikriegsbewegung - daher glaube ich, es war so um 1967. Aber diese (Bewegung) war noch palliativ, im Sinne von: Hört mit den schlimmen Dingen auf, haltet euch etwas zurück etc. Howard - er brachte wirklich den Durchbruch. Er war der Erste, der - laut, öffentlich und sehr überzeugend - sagte: Das muss schlicht aufhören, wir sollten abziehen, Punkt, bedingungslos. Wir haben nicht das Recht, dort zu sein. Es ist ein Akt der Aggression. Zieht ab.

Damals war es sehr seltsam (später wurde es normaler), dass er niemanden fand, der sein Buch rezensieren wollte. Er fragte mich, ob ich eine Rezension darüber schreiben wolle und in ‘Ramparts’ veröffentlichen. ‘Ramparts’ war damals ein linkes Magazin, das ich herausgab… nur, damit einige Leute darauf aufmerksam werden sollten. Also tat ich es.

Aber es (‘The Logic of Withdrawal’) wurde dann ziemlich schnell bekannt und veränderte die Sicht der Leute auf den Krieg. Im Grunde war es einer seiner phantastischen Erfolge. Er schaffte es einfach, die Perspektive der Leute zu verändern - durch seine Argumentation und seinen Mut, durch seine Integrität und seine Einfachheit und seine Bereitschaft, stets an vorderster Front zu stehen und - wie Alice Walker schon gesagt hat -, durch seinen Humor. Der Krieg war die eine Sache, ‘Eine Geschichte des amerikanischen Volkes’ die andere. Ich meine, es (‘Eine Geschichte…’) hat das Bewusstsein einer ganzen Generation verändert.

Bereits zuvor gab es einige Studien - wissen Sie, über Aktionen von unten und so -, aber er (Zinn) hob das Thema auf eine ganz neue Ebene. Eine Formulierung von ihm, die mir immer im Kopf herumgeht, lautet: "die zahllosen kleinen Aktionen unbekannter Menschen". Ihnen widmete er seine detaillierte Studie (‘Eine Geschichte…’), ihnen galt sein Respekt. Sie führten ja zu den großen Momenten, die in die eingetragene Geschichte eingingen. Doch diese eingetragene Geschichte kann man nicht einmal ansatzweise begreifen, wenn man diese zahllosen kleinen Aktionen nicht sieht.

Er schrieb nicht nur eloquent über diese Aktionen, er beteiligte sich auch daran und inspirierte andere, sich daran zu beteiligen. Die Antikriegsbewegung war die eine Sache - davor kam die Bürgerrechtsbewegung - dann kamen die Kriege in Zentralamerika (in den 80er Jahren). Im Grunde war er immer mit dabei. Wissen Sie, ob es nun ein Streik von Büroangestellten war oder etwas anderes, bei jeder wichtigen Aktion für Frieden und Gerechtigkeit war er dabei, bei allem Möglichen. Die Leute sahen in ihm einen Anführer. In Wirklichkeit war er ein Beteiligter. Sein bemerkenswerter Charakter machte ihn zu einer Führungspersönlichkeit, selbst wenn er nur dort saß - wissen Sie - und auf die Polizei wartete, die ihn, zusammen mit den anderen, wegschleifen würde.

Amy Goodman: Noam, vielleicht erinnern Sie sich noch an 1971, vielleicht waren Sie sogar mit dabei, als Howard Zinn und Daniel Ellsberg von der Bostoner Polizei bei einer Protestveranstaltung gegen den Vietnamkrieg zusammengeschlagen wurden? Am Tag zuvor hatte Zinn auf einer Großkundgebung auf dem ‘Boston Common’ gesprochen. Hier ein Auszug aus der Dokumentation ‘You Can’t Be Neutral on a Moving Train’:

(Einblendung)

Howard Zinn: "Viele Menschen haben ein Problem mit zivilem Ungehorsam. Sobald du sagst, du praktizierst zivilen Ungehorsam, sind sie leicht peinlich berührt. Aber genau das ist das Ziel von zivilem Ungehorsam: Die Menschen sollen peinlich berührt, beunruhigt, verstört sein. Wir, die wir zivilen Ungehorsam praktizieren, sind nämlich auch ein wenig verstört, und aus diesem Grund wollen wir jene verstören, die für diesen Krieg die Verantwortung tragen."

Daniel Ellsberg: Am Schluss seiner Rede sagte er - ich erinnere mich -, er sagte: "Lassen Sie mich nun zu den Geheimpolizisten in der Menge sprechen".

Howard Zinn: "Ihr Agenten des FBI, die ihr in der Menge kreist, hey, seht ihr nicht, dass ihr durch euer Tun gegen den Geist der Demokratie verstoßt? Seht ihr nicht, dass ihr euch aufführt wie die Geheimpolizei eines totalitären Staates?"

Daniel Ellsberg: Nun, das musste er ziemlich teuer bezahlen - ich denke, am folgenden Tag, als wir, in vorderster Front, vor dem Federal Buildung (in Boston) saßen. Es ist so ein Gefühl - (denn) wieder verhaftete die Polizei am Ende fast niemanden. Sie wollten keine Verhaftungen. Sie wollten keinen Prozess. Sie wollten keine öffentliche Aufmerksamkeit für diese Sache. Also verhafteten sie nur ein paar der Ringführer - einer davon war Howard.

Howard Zinn: "Und so möge der Geist des Ungehorsams sich über die Kriegsfabriken und das Schlachtfeld ausbreiten, über die Hallen des Kongresses und über alle kleinen und großen Städte - bis das Töten aufhört und wir wieder erhobenen Hauptes vor die Welt treten können. Unsere Kinder haben eine Welt ohne Krieg verdient, und wir sollten versuchen, sie ihnen zu geben."

Daniel Ellsberg: An diesem Punkt hoben (die Polizisten) ihre Knüppel und begannen, uns massiv zu verprügeln. Wie gesagt, sie zogen Howard hoch. Sein Hemd wurde zerrissen. Er wurde weggebracht. Als er wegging, sah ich, wie Blut aus seiner Brust lief.

(Ende Einblendung)

Amy Goodman: Das war ein Auszug aus dem Dokumentarfilm ‘You Can’t Be Neutral on a Moving Train’, nach dem gleichnamigen Titel von Howard Zinns Autobiografie.

Noam, wir haben in diesem Teil der Sendung nur noch eine Minute Zeit, aber sprechen Sie doch bitte weiter über Aktivismus.

Noam Chomsky: Nun, die Sache (in Boston) erinnert ziemlich an Howards Schilderung des Bombenangriffes. Die Polizei zeigte im Grunde Sympathie - der einzelne Polizist. Sie kamen herüber zu den Demonstranten, wissen Sie und brachten ihre Unterstützung verbal zum Ausdruck. Als sie schließlich den Befehl zum Vorrücken erhielten, sagten sie zu den Leuten - zu Howard und zu anderen: "Schaut - bewegt euch doch (weg), wir wollen das nicht tun". Aber als der Befehl kam, taten sie es doch. Ich weiß nicht, wer es war. Aber das erinnert mich sehr an das, was er (Zinn) sagte: Wenn du eine Uniform und Waffen trägst und ein Roboter bist, der Befehlen gehorcht, tust du es.

Dan (Ellsberg) hat darauf hingewiesen, dass sie direkt gegen Howard vorgegangen sind. Wahrscheinlich war es eine Reaktion auf Howard Zinns Kommentare am Vortag. Er wurde weggeschleppt und verprügelt.

Aber er blieb dem zivilen Ungehorsam immer treu. Ich war oft dabei, ebenso Dan Ellsberg und andere. Zinn war… er kannte keine Angst. Er war einfach. Er war gerade heraus. Er sagte das Richtige, und er sagte es eloquent und inspirierte andere, vorwärts zu gehen - und zwar in einer Weise vorwärts zu gehen, wie sie es sonst nicht getan hätten. Er veränderte ihr Denken. Indem sie handelten und indem sie ihm zuhörten, änderten sie ihre Meinung. Er war wirklich - sowohl was sein Werk als auch sein Leben angeht -, eine bemerkenswerte Persönlichkeit und einfach unersetzlich.

Amy Goodman: Noam, Sie waren sein persönlicher Freund. Sie und Ihre verstorbene Frau Carol und Howard und seine verstorbene Frau Roz verbrachten gemeinsame Sommer - nebeneinander - auf Cape.

Noam Chomsky: Ja, wir waren persönlich befreundet - enge Freunde - seit vielen Jahren, seit über 40 Jahren. Daher ist es, natürlich, ein persönlicher Verlust. Aber ganz abgesehen von seinen Freunden und seiner Familie haben Millionen Menschen einen tragischen Verlust erlitten. Wer weiß, wie unendlich groß die Zahl derer ist, die er bewegt hat, deren Leben er verändert hat, denen er geholfen hat, weit bessere Menschen zu werden?

Das einzig Gute daran ist, dass er - vor allem in seinen letzten bemerkenswerten, spannenden Lebensjahren - gewiss erkannt und begriffen hat, wie sehr seine unschätzbaren Beiträge begrüßt und bewundert wurden, wie sehr er geliebt und bewundert wurde. Er konnte auf ein sehr befriedigendes Leben zurückblicken und auf wirklich außergewöhnliche Erfolge.

Amy Goodman: Nun, Noam, ich möchte Ihnen sehr danken, dass Sie bei uns waren. Noam - weltbekannter Dissident und Linguist. Noam war ein enger Freund von Zinn. Alice Walker - auch Ihnen vielen Dank, dass Sie uns aus Mexiko zugeschaltet waren. Alice Walker ist eine ehemalige Studentin von Howard Zinn und war mit ihm befreundet.

Hier ist Democracy Now! Im nächsten Teil werden wir mit Anthony Arnove sprechen - Ko-Autor und Kollege des Verstorbenen. Und wir werden Zinn selbst (in Einblendungen) wieder zu Wort kommen lassen. Bleiben Sie bei uns.

(Pause)

Amy Goodman: Wir sind nun mit Anthony Arnove verbunden. Naomi Klein ist hier bei uns. Es ist ein trauriger Tag. Es ist der Tag nach Howard Zinns Tod. Ich möchte eines der letzten Interviews, das wir mit ihm geführt haben, einblenden. Es entstand im Mai 2005. Er kam gerade aus New York, um für sein neues Buch zu werben.

(Einblendung)

Amy Goodman: Howard Zinn, Sie schreiben in der Einleitung für (Ihr neues Buch) ‘A Young People’s History of the United States’: "Über die Jahre hinweg haben mich Einige gefragt: ‘Glauben Sie, dass sich Ihr Geschichtswerk - das sich radikal von normalen Geschichtsbüchern über die USA unterscheidet -, für junge Menschen eignet? Wird es nicht zu einer Desillusionierung hinsichtlich unseres Landes führen? Ist es richtig, die Regierungspolitik derart zu kritisieren? Ist es richtig, die traditionellen Helden der Nation zu demontieren - wie Christopher Columbus, Andrew Jackson oder Theodore Roosevelt?’"

Howard Zinn: Ja, stimmt. Immer wieder haben mich Leute gefragt: Sollen wir den Kids wirklich erzählen, dass Columbus (von dem ihnen ja gesagt worden war, er sei ein großer Held), Indianer verstümmelt, entführt und getötet hat - auf der Suche nach Gold? Sollen wir den Leuten sagen, dass Theodore Roosevelt, einer unserer großen Präsidenten, in Wirklichkeit ein Kriegstreiber war, der militärische Abenteuer liebte und einem amerikanischen General gratulierte, der auf den Philippinen ein Massaker veranstaltet hatte? Sollen wir jungen Leuten das erzählen?

Ich denke, die Antwort lautet: Wir sollten ehrlich zu den Jungen sein; wir sollten sie nicht täuschen. Wir sollten ehrlich sein, was die Geschichte unseres Landes angeht. Wir sollten traditionelle Helden - wie Andrew Jackson oder Theodore Roosevelt - nicht nur stürzen, sondern durch alternative Helden für die Jugend ersetzen.

Erzählt ihnen nicht von Theodore Roosevelt, erzählt ihnen stattdessen von Mark Twain. Mark Twain - nun, alle haben gelernt, dass Mark Twain der Autor von ‘Tom Sawyer und Huckleberry Finn’ war. Aber in der Schule haben wir nichts über Mark Twain den Vizepräsidenten der ‘Anti-Imperialist League’ gelernt. Wir haben nicht gelernt, dass Mark Twain Theodore Roosevelt für dessen Beifall für das Massaker auf den Philippinen verurteilt hat. Nein.

Wir sollten den jungen Leuten Vorbilder geben wie (die Taubblinde) Helen Keller. Ich erinnere mich an das, was ich über Helen Keller gelernt habe. Jeder von uns hat gelernt, dass sie eine behinderte Frau war, die ihre Behinderung überwunden habe und schließlich berühmt geworden sei. Aber die Leute - die jungen Leute - lernen in der Schule nicht, dass Helen Keller auch eine Sozialistin und Gewerkschaftsorganisatorin war. Einmal weigerte sie sich, eine Linie von Streikposten zu durchbrechen, die ein Theater bestreikten, in dem gerade ein Stück über sie aufgeführt wurde. Das wollen wir mit Büchern wie ‘A Young People’s History of the United States’ erreichen.

Es gibt sie also, die alternativen Heldengestalten der amerikanischen Geschichte: Fanni Lou Hamer oder Bob Moses sind Helden der Bürgerrechtsbewegung. Viele Menschen steh’n im Dunkeln. Man sieht sie nicht. In ‘A Young People’s History…’ schreiben wir beispielsweise über eine junge Frau, die in Montgomery in einem Bus saß und sich weigerte, nach hinten zu gehen. Das war noch vor Rosa Parks . Ich meine, Rosa Parks ist zu Recht berühmt, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz (einem Weißen) zu überlassen. Mit ihrer Verhaftung nahm der Montgomery-Bus-Boykott seinen Anfang. Das war tatsächlich der Beginn der großen Bewegung im Süden. Doch, das oben genannte 15jährige Mädchen war die Erste, die es machte. Und wir haben viele … wir versuchen, etliche dieser Menschen, die im Dunkeln steh’n, wieder in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken, und wir wollen junge Leute inspirieren, zu sagen: "So sollte ich mein Leben führen". (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Ja, das war Howard Zinn. Wir sind mit Anthony Arnove in New York verbunden. Naomi Klein ist hier bei uns in Sundance. Im vergangenen Jahr war Howard Zinn mit Anthony Arnove hier - mit ihrer gemeinsamen Dokumentation ‘Let The People Speak’, die damals Premiere hatte. Anthony Arnove ist Ko-Autor des Buches: ‘Voices of a People’s History of the United States’.

Anthony, wir haben nur noch ein paar Minuten, aber sagen Sie uns doch bitte - was fühlen Sie, wenn Sie an Ihre letzte gemeinsame Arbeit mit Howard Zinn denken? Ich weiß, Sie haben einen sehr, sehr großen persönlichen Verlust erlitten - wir alle.

Anthony Arnove: Wissen Sie, Howard war rastlos. Er hatte eine solche Energie. In den letzten Jahren hat er immer weiter geschrieben, weiter Vorträge gehalten. Er hat diesem Geschichtsbuch, von dem in dem (Interview-)Auszug, den Sie eben gesendet haben, die Rede war, Leben gegeben. Auf diese Weise wollte er eine neue Generation in Kontakt bringen mit den Stimmen des Widerstandes und des Protestes, mit den Stimmen derer, die sie in ihren Schullesebüchern nicht finden und die wir in den Medien des Establishments vergebens suchen. Und er wollte sie (die Jugend) auf die Stärke ihrer eigenen Stimme aufmerksam machen, auf die Macht des Widerspruchs, aus die Macht des Protests. Er wollte ein Vermächtnis hinterlassen, in dem sich all diese Stimmen kristallisieren, in dem sie eine Synthese bilden.

Er wirkte aktiv an dieser bemerkenswerten Dokumentation ‘Let The People Speak’ (2009) mit. Er übernahm die Sprecherrolle. Er arbeitete rastlos, um es zu verwirklichen. Und - wissen Sie - ich fühle mich insgesamt privilegiert, weil ich die Chance hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten - ganz zu schweigen von diesem Projekt… zu sehen, wie es tatsächlich realisiert wurde.

Wissen Sie, Alice Walker hat seinen Humor, seine Lebensfreude, angesprochen. Das war etwas Ansteckendes. Er hat wirklich allen, mit denen er in Kontakt kam, vermittelt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als zu kämpfen, dass es keine wichtigere oder sinnvollere Lebensaufgabe gibt, als den Kampf für Gerechtigkeit. So viele Menschen - auch ich - Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, unzählige Menschen, haben ihr Leben verändert, weil ihnen Howard Zinn über den Weg gelaufen ist. Howard hat ihr Leben verändert, weil sie ‘Eine Geschichte des amerikanischen Volkes’ gelesen haben oder einen seiner Vorträge hörten, weil sie ihn trafen oder ihn im Radio hörten oder einen seiner Artikel lasen. Er hat die Menschen wirklich inspiriert, jene Bewegungen ins Leben zu rufen, die etwas bewirkt haben - was unsere Rechte, Freiheiten und Bürgerrechte und alles, was in diesem Land erreicht wurde, angeht. Das ist sein wahres Vermächtnis. Wir alle sind seine Erben, die es verbreiten und lebendig und spannend weiterführen sollten.

Amy Goodman: Anthony, ich will Naomi Klein wieder in die Diskussion miteinbeziehen. Es ist sehr anrührend. Wir befinden uns hier auf dem Sundance-Festival, wo Sie im vergangenen Jahr mit Howard Zinn die Premiere von ‘Let The People Speak’ erlebt haben. Gestern Abend - nach Howards Tod - lasen wir den Nachruf von Associated Press (AP) in der New York Times. Die New York Times hat ein Archiv mit circa 1200 Nachrufen über bestimmte Personen. Über Howard Zinn hatte sie nichts parat. Der Nachruf von Associated Press wandte sich sehr schnell einem Zitat des Historikers Arthur Schlesinger zu, der einmal gesagt hat: "Ich weiß, er (Howard Zinn) hält mich für einen gefährlichen Reaktionär. (Und) ich nehme ihn nicht sehr ernst. Er ist ein Polemiker, kein Historiker". Naomi Klein - was sagen Sie zu dieser Reaktion?

Naomi Klein: Ich glaube nicht, dass das Howard Zinn irgendwie gekratzt hätte. Es hat ihn nie überrascht, wenn die Macht sich selbst in Schutz nahm. Er war wirklich ein Historiker des Volkes; daher erwartete er auch keine Wertschätzung von den Eliten.

Ich bin sehr, sehr froh, dass Anthony und das unglaubliche Team von ‘Let The People Speak’ Howard an seinem Lebensabend dieses unschätzbare Geschenk gemacht haben. Ich war bei der Premiere der Dokumentation im ‘Lincoln Center’ mit dabei, und als der Name Howard Zinn auch nur erwähnt wurde, sprangen Tausende auf und schenkten ihm die stehende Ovation, die er verdient hatte. Daher glaube ich nicht, dass er die New York Times braucht. Ich glaube auch nicht, dass er die offiziellen Historiker braucht. Er war in gewisser Weise der Lieblingslehrer aller. Er war der Lehrer, der unser Leben veränderte. Allerdings hatte er diese Funktion für Millionen von Menschen. Sehen Sie - genau das ist geschehen: Wir haben unseren Lieblingslehrer verloren.

Das Interessante an Howard ist, dass es ihm, bei dem Geschichtlichen, das er lehrte, nicht nur darum ging, uns unsere offiziellen Illusionen über heroische Figuren oder über den Nationalismus zu nehmen. Er wollte die Menschen lehren, an sich selbst zu glauben und an ihre Macht, die Welt zu verändern. Wie bei jedem tollen Lehrer werden seine Lektionen haften bleiben. Ich denke, wir alle sollten an diesem Tag versuchen, ein wenig wie Howard zu sein.

Amy Goodman: Beenden wir (die Sendung zu Howard Zinn) mit seinen eigenen Worten. Sie stammen aus einem seiner letzten Vorträge, den er im November 2009, an der Boston University, gehalten hat:

(Einblendung)

Howard Zinn: Ganz gleich, was uns gesagt wird, ganz gleich, welche Tyrannen es gibt, welche Grenzen überschritten wurden und werden, welche Aggression stattfand und stattfindet - wir werden nicht passiv sein im Angesicht von Tyrannei und Aggression, nein, wir werden andere Wege finden als den Krieg, um mit unseren Problemen fertig zu werden, was immer diese auch sein mögen. Denn ‘Krieg’ bedeutet unausweichlich - unausweichlich - dass Massen von Menschen unterschiedslos getötet werden, viele davon Kinder. Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder.

Wenn wir es recht bedenken, geht es nicht so sehr darum, (Leute wie) Saddam Hussein loszuwerden. Nun, wir sind ihn losgeworden. Im Verlauf dieses Prozesses haben wir Massen von Menschen getötet, die einst seine Opfer waren. Wenn man gegen einen Tyrannen Krieg führt, wen tötet man? Man tötet die Opfer des Tyrannen. Wie dem auch sei - dies ist geschehen, damit wir uns wieder Gedanken über den Krieg machen, damit wir uns klarmachen, dass wir in diesem Moment im Krieg sind - stimmt’s? Im Irak, in Afghanistan, in gewissem Sinne auch in Pakistan (weil wir Raketen nach Pakistan abschießen und in Pakistan Unschuldige umbringen). Also - wir sollten es nicht akzeptieren.

Schauen wir uns nach einer Friedensbewegung um, der wir uns anschließen können. Im Ernst - sehen Sie sich nach einer Friedensorganisation um und treten Sie ihr bei. Am Anfang wird sie noch klein, hilflos und Mitleid erregend wirken. Aber so beginnen Bewegungen nun einmal. So begann auch die Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Sie begann mit ein paar Grüppchen von Menschen, die sich hilflos und machtlos fühlten. Denken Sie daran, die Macht derer da oben hängt vom Gehorsam der Menschen da unten ab. Wenn die Leute nicht mehr gehorchen, haben jene keine Macht. Wenn die Arbeiter streiken, verlieren die großen Konzerne ihre Macht. Wenn Konsumenten einen Boykott starten, müssen große Unternehmen klein beigeben. Wenn Soldaten sich weigern, zu kämpfen - wie es viele getan haben in Vietnam (es gab etliche Deserteure, viele Verweigerungen, viele Akte des tatkräftigen Widerstandes von Wehrpflichtigen gegen ihre Offiziere in Vietnam; B52-Piloten weigerten sich, weitere Bombeneinsätze zu fliegen) - , kann ein Krieg nicht weitergehen. Ja, die Macht liegt bei den Menschen. Wenn sie anfangen, sich zu organisieren, wenn sie protestieren und eine starke Bewegung bilden, können Dinge sich verändern. Das ist alles, was ich sagen möchte. Danke. (Ende Einblendung)

Amy Goodman: Ja, das war Howard Zinn. Wir kommen zum Ende. Naomi Klein - Ihr Schlusswort?

Naomi Klein: Nun, wir befinden uns derzeit mitten in einem Howard-Zinn-Revival. Ich meine, es wäre so oder so gekommen. Es war so außergewöhnlich, dass Filme über einen Mann gedreht wurden, dessen Leben sich dem Ende zuneigte, dass diese Filme im Fernsehen gesendet wurden und dass die Bücher dieses Mannes erneut auf den Bestseller-Listen erschienen. Es liegt an der besonderen Botschaft, auf die sich Howard ein Leben lang verlassen hat und der er sein ganzes Leben gewidmet hat. Gerade heute, in diesem Moment, ist sie so wichtig. Einen Tag nach der ‘State of the Union address’ (Rede des Präsidenten zur Lage der Nation) lautet Howards Botschaft: Glaubt nicht an große Männer, glaubt an euch selbst. Die Geschichte entwickelt sich von unten nach oben.

Und noch etwas: Wir haben in diesem Land vergessen, wie Wandel bewirkt wird. Wir glauben, wir bräuchten nur wählen zu gehen, und der Wandel komme. Doch Howard hat uns unermüdlich ermahnt: Nein, ihr müsst den Wandel, den ihr haben wollt, selbst bewerkstelligen. In diesem Moment war eine solche Botschaft von so großer Relevanz. Ich bin Anthony so dankbar - und, um es noch einmal zu sagen, dem ganzen Team, das dieses Zinn-Revival ermöglicht hat -, denn wir brauchen Howards Stimme heute mehr denn je.

Amy Goodman: Natürlich. Dieses letzte Werk - ‘Let The People Speak’ - wurde in den vergangenen Wochen auf dem History Channel gesendet, gerade in den letzten Wochen. Es war wirklich ein krönender Abschluss von Howard Zinns Werk.

 

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ’ Democracy Now! ‘, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 01.02.2010. Originalartikel: Howard Zinn (1922-2010) . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

03. Februar 2010

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