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Tè Tremblé - auf Haiti bebte die Erde

Von Amy Goodman, 19.01.2010 - Truthdig

Port-au-Prince, Haiti. Tè Tremblé ist Kreolisch und heißt ‘Erdbeben’. Wörtlich übersetzt heißt es: "Die Erde bebte". Nach dem verheerenden Erdbeben, das Haiti verwüstete, ist der Geruch des Todes überall. Auf dem Gelände des General Hospital liegen die Leichen meterhoch gestapelt neben der Leichenhalle. Im Gemeindehaus ‘Matthew 25’ breiten Ärzte ein Plastiktuch über einen Küchentisch, um, im Schein der Helmlampen, eine Amputation durchzuführen. Der verletzte Haitianer ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Man könnte sagen, er zählt zu den Glücklichen: Die Mehrzahl der Verletzten kommt nicht in den Genuss einer medizinischen Behandlung. Außerdem wird diese Amputation unter Narkose durchgeführt werden - was bei vielen Amputationen auf Haiti nicht der Fall ist. Seine Ärzte, die am Montag eingetroffen sind, haben Anästhetika mitgebracht und werden es einsetzen.

Während diese bittere Amputation durchgeführt wird, trifft unerwartet eine Lieferung Lebensmittel ein. Normalerweise beherbergt das Matthew-25-Haus 35 Gäste. Jetzt leben mehr als 1.000 Menschen hier. Sie kampieren auf dem Fußballfeld nebenan. Oft ist in Berichten von der Sorge die Rede, die Verteilung (der Lebensmittel) könnte Unruhen und Gewalt provozieren. Wir haben genau das Gegenteil beobachtet. Der Grund ist, dass in eine in der Gemeinde etablierte Gruppe bevollmächtigt wurde, die Lebensmittel zu verteilen. Die Menschen stellten sich in einer Reihe auf und erhielten ihre Rationen. In der Nähe wurde der komplizierte chirurgische Eingriff (Amputation) ungestört durchgeführt. Dies war eine typische Erfahrung, die wir machten, als wir durch das Katastrophengebiet reisten: Menschen, die nichts besitzen - die hungrig und durstig sind und auf der Suche nach Angehörigen, die ihre Toten beerdigen oder sich um ihre Verletzten kümmern -, zeigen Energie, sind höflich und beweisen (bei all ihrer stillen Verzweiflung) Mitgefühl.

Wir begaben uns an den Ort, an dem Myriam Merlet gelebt hat. Sie war die Stabschefin des Haitianischen Frauenministeriums. Merlet trug dazu bei, die internationale Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu lenken, dass Vergewaltigungen als politisches Instrument eingesetzt werden. Sie engagierte sich - gemeinsam mit der Bühnenautorin und Aktivistin Eve Ensler - in der so genannten ‘V-Day-Bewegung’, die sich dafür einsetzt, Gewalt gegen Frauen zu beenden. Wir fanden Merlets Haus zerstört vor - eigentlich das ganze Viertel. "Wir haben gerade ihre Leichen unter dem Schutt vorgezogen", wurde uns gesagt. Das war am Sonntag - fünf Tage nach dem Erdbeben. Wir wissen nicht, wann sie gestorben ist oder ob sie zu retten gewesen wäre. Ihre Schwester Eartha brachte uns an das frische Grab.Siehe Myriam Merlet (1953-2010): Zum Tod der Feministin auf Haiti .

Wir verließen Port-au-Prince und begaben uns zum Epizentrum des Bebens: Léogane, bei Carrfour. Laut Einschätzung der UNO wurden hier 80 bis 90 Prozent aller Strukturen zerstört. Es gibt keine Regierungsgebäude mehr. Unterwegs grüßte uns ein junger Mann. Er sagte: "Bitte - wir sehen die Helikopter über uns, aber sie landen hier nicht. Wir haben keine Hilfe. Wir haben keine Nahrung".

Ein staubbedeckter Mann benutzte einen Holzhammer, um den Zement zu zerhauen, der seinen Großvater - wie in einem Grab - umschlossen hielt. Nebenan grub ein Vater sein einjähriges Baby aus. Es lag tot in seinem Laufstall. Laut Agence France-Press (AFP) warnt die UNO, sie könne die "Hilfsoperation nicht in abgelegene Gebiete ausdehnen, bevor die Sicherheit nicht gewährleistet" sei. Auf unserer Fahrt nach Léogane fühlten wir uns nicht bedroht. Alles, was wir sahen, waren Menschen, die dringend Hilfe benötigten. Während unserer Zeit in Léogane sahen wir, wie ein Helikopter der Mission zur Landung ansetzte. Dann hob er - aus unerfindlichen Gründen - plötzlich wieder ab. Die Hubschrauber-Crew warf Brotlaibe herab. Einige junge haitianische Männer wurden wütend. Einer riss die Verpackung (der Laibe) auf und rief: "Wir sind keine Hunde, denen man einige Knochen hinwirft!"

Wir sprachen mit dem Bürgermeister von Léogane. Er heißt Alexis Santos. Er wirkte nahezu hilflos - angesichts der totalen Verwüstung um ihn herum. Ich fragte ihn, was er von dem Angebot (‘vereinigte Front’) der US-Regierung halte. Präsident Obama hatte die Ex-Präsidenten Clinton und George W. Bush benannt, um die US-Aktion zu leiten. Ich fragte Santos auch, was er von dem Angebot des gestürzten ehemaligen Präsidenten, Jean-Bertrand Aristide, halte, der sein südafrikanisches Exil verlassen und nach Haiti zurückzukehren will, um, gemeinsam mit dem aktuellen Präsidenten Rene Preval, eine vereinigte Front für den Wiederaufbau einzugehen. Santos ist keineswegs ein Anhänger Aristides, doch er hält den Vorschlag für eine gute Idee.

Wir kehren zurück zum Haus Matthew 25 (benannt nach einer Stelle im Evangelium des Matthäus (Matthäus 25: "Was ihr dem/der Geringsten meiner Brüder (oder Schwestern) getan habt, das habt ihr mir getan"). Ich sprach mit einer Person des Chirurgenteams - Dr. Jennifer Bruny. Sie war gemeinsam mit anderen Ärzten des Children’s Hospital in Denver nach Haiti geflogen. Sie war es auch, die die Amputation, von der am Anfang die Rede war, durchgeführt hatte. Es liegt in der Natur dieser Katastrophe (Erdbeben), dass es zu Tausenden von Quetschungen und Trümmerbrüchen kam. Hinzu kam, dass die Hilfe so lange auf sich warten ließ. Daher ist die Amputation eine der wenigen Maßnahmen, durch die jetzt noch Leben gerettet werden kann. "Diese Amputation hätte nicht nötig sein müssen", sagt die Chirurgin zu mir. "In einem früheren Stadium hätte man die Sache leicht behandeln können. Diese Menschen hätte früher Hilfe gebraucht".

Denis Moynihan hat mit seiner Recherche zu diesem Artikel beigetragen.

Copyright 2010 Amy Goodman

 

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ’ Democracy Now! ‘, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 27.01.2010. Originalartikel: Tè Tremblè - The Haitian Earth Trembled . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

28. Januar 2010

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