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“Direkte Partizipation durch Kreativität”

Eric French von Amauta interviewt Chomsky

Mitte September war Noam Chomsky einer der Ehrengäste beim Fest zum 25. Geburtstag der mexikanischen Tageszeitung ‘La Jornada’. Eric French von ‘Amauta’Siehe  http://revista-amauta.org interviewte ihn dazu. 

Von Noam Chomsky, 10.01.2010 - ZNet

Amauta: Ich möchte das Gespräch gerne mit Ihrer jüngsten Lateinamerikareise beginnen. Ich habe gerade erfahren, dass Sie in Lateinamerika waren - und am Montag und am Wochenende in Mexiko. Wie war es - ich meine, generell?

Chomsky: Ich war in Mexiko-City. In vielerlei Hinsicht ist es eine sehr nette, angenehme Stadt. Die Gesellschaft ist lebendig, vibrierend und sehr aufregend - auf der anderen Seite aber auch deprimierend und manchmal fast hoffnungslos, wissen Sie. Es sollte nicht so sein, aber es ist so. Eine Ökonomie existiert fast überhaupt nicht.

Amauta: Waren Sie dort speziell wegen des 25. Geburtstages von La Jornada?

Chomsky: La Jornada - meiner Meinung nach ist sie die einzige unabhängige Tageszeitung in der gesamten Hemisphäre.

Amauta: Yeah.

Chomsky: … und erstaunlich erfolgreich. Heute ist sie Mexikos zweitgrößte Zeitung - nahezu die größte.

Die Anzeigenkunden boykottieren sie völlig. Wenn man La Jornada liest - ich habe hier eine Ausgabe - wenn man die durchblättert, findet man keinerlei Anzeigen. Das liegt nicht daran, dass sie keine Anzeigen akzeptieren würden. Es liegt an der Geschäftswelt, die nicht in La Jornada werben will. Allerdings enthält die Zeitung Bekanntmachungen, wissen Sie, Ankündigungen von Versammlungen oder Regierungsbekanntmachungen - aber nur, weil die Verfassung es vorschreibt. Nein, Im Prinzip wird La Jornada boykottiert. Trotzdem überlebt sie und blüht.

Amauta: Woher, glauben Sie, kommt dieser Erfolg? Warum ist sie so erfolgreich?

Chomsky: Ich kann es mir nicht erklären, und ich bin mir nicht sicher, dass sie es können (lacht). Aber sie haben erstaunlichen Erfolg. Natürlich ist das äußerst ungewöhnlich, weil alle Medien für ihr Überleben von der Werbung abhängen. La Jornada ist auch unabhängig. Ich meine, ich war nur vier Tage da und habe bereits ein halbes Dutzend wichtige Artikel entdeckt, (deren Informationen) in der internationalen Presse nicht aufgetaucht sind.

Amauta: Ich möchte jetzt eine generelle Zusammenfassung eines Teils Ihres Werkes versuchen. Sie sagen, da das Medienwesen ein Geschäft ist, das auf Profite angewiesen sei, richte es sich mehr an den Anforderungen des Marktes und dessen Investoren aus als an der Integrität der Nachrichten. Man beschränke sich auf Inhalte, die, innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Ideologie, akzeptabel seien und werbe - quer durch die Gesellschaft - für diese Ziele und Werte. Sie sagen, die Medien hielten die soziale Ordnung aufrecht, den Konformismus und eine unhinterfragte Konsumhaltung. So sähe die uns zugedachte Rolle im Leben aus. Sie sagen, die Konzerne, die die Medien kontrollieren, würden immer mehr miteinander verschmelzen und ihr Zugang zum Markt vergrößere sich; daher beschränkten sich die Informationen und Debatten noch stärker auf das, was im Interesse einer noch kleinerer Zahl mächtiger Leute sei.

Sehen Sie die Aktivitäten der Medien als eine Art sanfte Gedankenkontrolle? Oder ist Ihnen diese Aussage zu brachial?

Chomsky: Nun, erstens ist es ein wenig eng gefasst - da ich glaube, dass sie (die Medien) auch den staatlichen Interessen in erstaunlicher Weise dienen. Das staatliche System und das System der Konzerne hängen eng miteinander zusammen, sind aber nicht identisch. Zudem muss uns klar sein, dass eine Reihe von Interessen mit im Spiel sind. Die Konzerne verfolgen nicht nur ein Interesse, und der Staat verfolgt nicht nur ein Interesse. Es existiert eine ganze Reihe von Interessen. Hinzu kommt die Tatsache, dass es so etwas wie professionelle Integrität gibt. In den Medien sind viele ehrliche, gewissenhafte Leute beschäftigt. Sie sagen - und ich denke, das stimmt -, dass sie nicht gezwungen werden, irgendetwas zu schreiben…

Amauta: Sie sind also objektiv.

Chomsky: … nein, daran glauben sie nicht. Was diese Leute Ihnen nicht sagen werden - vielleicht sind sie sich dessen auch gar nicht bewusst -, ist, dass sie sich frei äußern dürfen, weil ihre Überzeugungen mit dem doktrinären System, das Standard ist, übereinstimmen. Dann, ja, dann, lässt man sie frei schreiben, ohne sie unter Druck zu setzen. Wer allerdings dieses doktrinäre System nicht akzeptiert, kann zwar versuchen, innerhalb der Medien zu überleben - aber es ist eher unwahrscheinlich, dass es gelingt. Ein gewisser Spielraum ist allerdings vorhanden. Gleichzeitig herrscht grundsätzliche Konformität. Sie ist praktisch die Voraussetzung, um durch das Medientor zu treten. Ihnen ist klar, wir reden hier nicht von einer totalitären Gesellschaft - daher gibt es Ausnahmen. Sie werden sie finden. In dieser Hinsicht unterscheiden sich die Medien nicht sehr von den Universitäten. Es gibt Werbeeffekte, es gibt Konzerne als Eigner, und es gibt den staatlichen Effekt. Aber zum größten Teil handelt es sich wirklich um das aktuelle Geschehen einer intellektuellen Kultur. Sie werden nicht…

Amauta: Sie glauben also, dass vor allem die Werte der Menschen hier Einfluss nehmen?

Chomsky: Nun, diese ganze intellektuelle Kultur hat ein eingebautes Filtersystem. Das fängt bei den Schulkindern an: Man erwartet (von ihnen), dass sie bestimmte Dinge glauben, dass sie ein Verhaltensmuster, einen Stil und so weiter akzeptieren. Wenn du es nicht akzeptierst, sagt man vielleicht, du seiest verhaltensgestört, etwas in der Art, und du wirst ausgesondert. Das geht so weiter bis ans Ende deiner Studienzeit oder deines Abschlusses an der weiterführenden Schule. Sie haben ein eingebautes Filtersystem mit der starken Tendenz, einem einen Konformismus überzustülpen. Aber weil es nur eine Tendenz ist, gibt es Ausnahmen, und manchmal handelt es sich dabei um äußerst erstaunliche Abweichungen. Nehmen wir das MIT (Massachusetts Institute of Technology) in den 60er Jahren.

In dieser Zeit - in den 60ern, in der Zeit des Aktionismus - wurde das Institut praktisch zu hundert Prozent vom Pentagon finanziert. Gleichzeitig war es wahrscheinlich das wichtigste akademische Zentrum für den Widerstand gegen den Krieg (in Vietnam).

Amauta: Ja, ich habe gesehen, dass (der amerikanische Rüstungskonzern) Lockheed Martin einen Stock tiefer ein Büro hat.

Chomsky: Stimmt, dort befindet sich ein Büro von Lockheed Martin. Damals gab es das aber noch nicht. Seit dieser Zeit ist (das MIT) Konzern orientierter geworden, hinsichtlich der Militärindustrie. Aber damals wurde es noch direkt vom Pentagon finanziert. Ich arbeitete damals in einem Labor, das zu hundert Prozent vom Pentagon finanziert wurde. Gleichzeitig war es (MIT) das Zentrum der organisierten Widerstandsbewegung gegen den Krieg.

Amauta: Sie sagen also wirklich, es gibt ein Fenster (Spielraum) für Widerstand?

Chomsky: Es gibt eine ganze Reihe von Möglichkeiten, aber auch Grenzen, wissen Sie. Das Tendenziöse ist ziemlich mächtig, und Konformität wird honoriert. Die Strafen für Nonkonformismus können beträchtlich sein - allerdings nicht im Sinne von, wir schicken dich in die Folterkammer.

Amauta: Es trifft eher den Lebensstandard, und man wird, bis zu einem bestimmten Grad, eingeschränkt…

Chomsky: Das kann passieren. Es kann die Karriere negativ beeinflussen oder sogar die Sicherheit des Arbeitsplatzes. Es kann die Art beeinflussen, wie mit einem umgesprungen wird: Denunziation, Verleumdung, Entlassung, Demütigung. Eine Reihe dieser Dinge gibt es in allen Gesellschaften.

Amauta: Sie glauben also, es ist so eine Art fester Bestandteil unserer Kultur?

Chomsky: Nein, denn es existiert in jeder Gesellschaft. Ich könnte mich auf keine Gesellschaft in der Geschichte besinnen, in der es anders war.

Wenn wir in klassische Perioden zurückgehen - nehmen wir das klassische Griechenland - wer trank dort den Schierlingsbecher (Gift)? Etwa der Konformist, der den Göttern gehorsam war oder eher der Mensch, der der Jugend den Kopf verdrehte und den Glauben und die Überzeugungen anfocht? Sokrates. Natürlich war es Sokrates. Oder gehen wir zurück ins Alte Testament der Bibel. Dort wird von Menschen berichtet - Propheten genannt - die wir heute als Intellektuelle bezeichnen würden. Im Grunde waren es Intellektuelle. Diese Leute setzten sich kritisch mit geopolitischen Analysen auseinander. Sie sagten, die Entscheidungen des Königs würden in die Vernichtung münden. Sie verdammten Unmoral und forderten Gerechtigkeit für Witwen und Waisen. Heute würden wir sie als Intellektuelle mit einer abweichenden Meinung bezeichnen. Wurden sie nett behandelt? Nein, man jagte sie in die Wüste hinaus, warf sie ins Gefängnis, verurteilte sie. Natürlich gab es auch Intellektuelle, die konformistisch waren. Jahrhunderte später wurden diese - zum Beispiel in den Evangelien - als falsche Propheten bezeichnet. Aber zu ihren Lebzeiten war das nicht so. Da waren sie willkommen und wurden nett behandelt. Sie waren die Günstlinge bei Hofe. Und ich kenne keine Gesellschaft seither, wirklich keine, in der es anders gelaufen wäre. Natürlich gibt es Variationen aber das Grundmuster bleibt dasselbe. Im Grunde ist es absolut nachvollziehbar. Ich meine, welcher Machtsektor würde schon das Aufkeimen von Dissens fördern? Keiner. Und aus diesem Grund schaltet die Geschäftswelt auch keine Anzeigen in ‘La Jornada’.

Amauta: Glauben Sie, wir könnten dieses Grundmuster durchbrechen?

Chomsky: Bis zu einem bestimmten Grad ist es bereits durchbrochen. Schließlich, wissen Sie, leben wir in keiner Zeit der Tyrannei. Kein König entscheidet mehr, was legitim ist. Es herrscht viel mehr Freiheit als früher. Ja, die Muster können modifiziert werden. Aber solange es Machtkonzentrationen der einen oder anderen Art gibt - durch Waffen oder Kapital oder etwas anderes - ist mit solchen Konsequenzen fast automatisch zu rechnen.

Wie gesagt, es gibt Ausnahmen, und es ist interessant, sich mit ihnen zu beschäftigen. Nehmen Sie zum Beispiel Ihr Land, oder nehmen Sie den Westen allgemein. Es gibt nur ein einziges Land - wenigstens meines Wissens -, mit einer Kultur des Widerstandes. In diesem Land stehen führende Persönlichkeiten - die berühmtesten Autoren, Journalisten, Akademiker usw. - der staatlichen Politik nicht nur kritisch gegenüber, sondern praktizieren unaufhörlich zivilen Ungehorsam. Sie riskieren Gefängnis und werden häufig auch tatsächlich eingesperrt, weil sie für die Rechte der Menschen eintreten. Ich spreche von der Türkei.

In Westeuropa wird die Türkei als unzivilisiert angesehen. Man will sie erst in die Europäische Union aufnehmen, wenn sie zivilisierter geworden sei. Ich meine, es ist genau umgekehrt. Wenn wir das hohe zivilisatorische Niveau - sagen wir der türkischen Intellektuellen - erreichen, wäre das ein wirklicher Erfolg.

Amauta: Sie haben geschrieben: Hätte die Öffentlichkeit "ihre eigenen, unabhängigen Informationsquellen, so würden die offizielle Regierungslinie und die Linie der Konzernkaste in Zweifel gezogen". Laut einer Studie des ‘Pew Research Center’, sagen lediglich "29% der Amerikaner, dass Nachrichtenorganisationen in aller Regel die Tatsachen richtig darstellen".

Dennoch sagen "doppelt soviele (Amerikaner), die Presse sei eher liberal als konservativ". Dies hat zu noch mehr zwischenmenschlichem Misstrauen und einer größeren Spaltung zwischen den Menschen geführt.

Chomsky: Ja, ich würde auch sagen, dass die Presse im Großen und Ganzen das ist, was wir unter "liberal" verstehen. Aber was wir als "liberal" bezeichnen, ist in Wirklichkeit ziemlich rechts. "Liberale" - "die Wächter der Tore". Die New York Times ist "liberal", gemäß der so genannten Standards der politischen Debatte. Die New York Times ist liberal, und CBS ist liberal. Nichts dagegen. Ich denke, an ihren ausgefransten Rändern sind sie maßvoll kritisch. Sie haben sich der Macht nicht völlig unterworfen, aber sie sind sehr strikt, wenn es darum geht, wie weit man gehen darf. Im Grunde hat ihr Liberalismus eine extrem wichtige Funktion für die Machterhaltung: "Ich bewache die Eingangstore - du kommst bis hierher und nicht weiter". So könnte man es ausdrücken.

Nehmen wir ein wichtiges Thema - die Vietnam-Invasion. Nun, keine der liberalen Zeitungen sprach von einer Vietnam-Invasion. Sie sprachen von der Verteidigung Vietnams. Dann hieß es auf einmal: "Es läuft nicht so gut". Okay, das also macht Liberale aus. Würde man zurückblicken auf die Nazi-Zeit, so würde dies bedeuten: Hitlers Heeresführung war nach Stalingrad plötzlich liberal. Schließlich kritisierte sie Hitlers Taktik: "Es war falsch, einen Zweifrontenkrieg zu führen, wir hätten zuerst England ausschalten müssen" - so etwa in der Art. Okay, das nennen wir Liberalismus: "Es läuft nicht so gut", wisst ihr, "vielleicht ist der Preis, den wir zahlen, für uns zu hoch". Einige mögen sogar sagen: "Vielleicht töten wir zu viele Menschen." Das nennt man dann "liberal". Oder nehmen wir Obama. Er wird als ‘liberal’ bezeichnet und für seinen "prinzipiellen Widerstand gegen den Irak-Krieg" gepriesen. Worin bestand dieser "prinzipielle Widerstand" noch gleich? Er sagte, es handle sich um ein "strategisches Desaster". Das sagten die Nazi-Generäle nach Stalingrad auch. Nun, okay…

Amauta: Also nicht der Krieg an sich, sondern…

Chomsky: Krieg muss (deren Meinung nach) nicht unbedingt falsch sein - aber dass er zum "strategischen Desaster" wird, ist falsch. "Wir hätten es nicht tun sollen, wir hätten etwas anderes tun sollen". Das klingt wie: "Wir hätten keinen Zwei-Fronten-Krieg führen sollen", wie es damals die deutsche Heeresführung formulierte. Oder nehmen wir die Prawda in den 80er Jahren. Ich denke, sie hätten dort lesen können, dass es ein dummer Irrtum war, in Afghanistan einzumarschieren: "Es war eine dumme Tat, wir müssen raus, es kostet uns zuviel". Ein analoges amerikanisches Beispiel würde als ”extrem liberal" bezeichnet werden. Diese Dinge sind ziemlich gut erforscht.

Folgendes Szenario: Der Vietnam-Krieg dauert schon ziemlich lange; Tonnen von Material wurden bereits verfasst. Was gegen Ende des Krieges als "extreme Kriegskritik" bezeichnet wurde und wirklich zu weit ging, kam von der so genannten "extremen Medienlinken" - wie Anthony Lewis oder die New York Times, die offen redeten und liberal waren, die "Extremen" eben. 1975 fasste Lewis den Krieg folgendermaßen zusammen. Die USA seien in Südvietnam einmarschiert - ich glaube, er sagte, sie "vermasselten Anstrengungen, das Gute zu tun". "Das Gute zu tun" ist ein Zirkelschluss: Weil unsere Regierung es tut, war es per definitionem "gut". Er brachte keine Belege, denn es verstand sich ja von selbst. Es ist eine Tautologie - so, wie wenn man sagt, Zwei plus Zwei ist das Gleiche wie Vier. Wir marschierten also ein, und vermasselten es, yeah, es hat nicht funktioniert. Wir gingen rein, "vermasselten Anstrengungen, das Gute zu tun". Aber ab 1969 wurde klar, dass es ein Desaster war, weil zu kostspielig für uns. Wir konnten Vietnam nicht die Demokratie und die Freiheit bringen - nicht zu einem Preis, der für uns noch akzeptabel gewesen wäre. Aber allein schon die Vorstellung, dass wir dies angeblich versucht haben sollen, ist auch so eine Tautologie: Da unser Staat per definitionem nobel ist, müssen unsere Taten nobel sein. Das nennt man "extremen Liberalismus".

Amauta: Also sagen Sie, dass Zeitungen wie die New York Times…

Chomsky: …liberal sind.

Amauta: … und also in den Augen der allgemeinen Öffentlichkeit die liberale Seite verkörpern.

Chomsky: Liberal, gemäß unserer Standards, gemäß der konventionellen Standards für Liberalismus.

Amauta: Das heißt, wenn doppelt so viele Menschen sagen würden, sie sind zu liberal…

Chomsky: … hätten sie Recht. Sie haben Recht, verstehen jedoch etwas anderes unter dem Begriff. Sehen Sie, es ist nicht das, was den Menschen vorschwebt, wenn sie auf diese Frage (nach dem Liberalismus) antworten. Ich würde ihnen zustimmen - aber mit einer anderen Interpretation im Hinterkopf. Ich sage, was in der intellektuellen Kultur als "liberal" gilt, ist milde kritisch aber äußerst konform gegenüber der Macht, wie es die Prawda in den 80er Jahren war oder die deutsche Heeresführung nach Stalingrad: sehr angepasst gegenüber den Mächtigen, aber andererseits auch kritisch, vielleicht sogar mit etwas Schärfe: Weil es ein Fehler ist, oder weil es uns zuviel kosten würde, oder weil es falsch wäre, so zu vorzugehen - so in der Art. Ja, das ist liberal - das bezeichnen wir als liberal. Aber wenn Leute auf die Frage nach ‘Liberalismus’ Antwort geben, meinen sie etwas anderes. Wissen Sie, in den Umfragen wird nicht nachgehakt, daher wissen wir es nicht genau und müssen raten, aber was sie, meiner Einschätzung nach, vermutlich meinen, bezieht sich auf ihren (liberalen) Lebensstil: Sie akzeptieren Abtreibungen, sind nicht religiös, wissen Sie, sie führen kein traditionelles Familienleben und praktizieren einen mehr oder minder freizügigen Lebensstil. Sie glauben an die Rechte der Homosexuellen usw.. Was die Umfragen uns nicht sagen - aber es gibt Umfragen, die es tun -, ist, dass Studien ergeben haben, dass CEOs, also Topmanager von Konzernen, liberal sind. Ihre Haltung zu diesen Themen entspricht in etwa der der Presse.

Amauta: Meinen Sie…

Chomsky: Übrigens, wenn Sie sich die Talkshows anhören…. die sind durchgeknallt rechts und sehr interessant, und sie sagen Entscheidendes über die USA aus. Sie werden feststellen, dass diese Radiosendungen ein immenses Publikum erreichen. Sie sind sehr uniform. Sie sind derart rechtsgerichtet - ich glaube kaum, dass Sie in Ihrem (Land?) etwas Analoges finden werden. Aber sie erreichen ein Massenpublikum. Sie vertreten die Auffassung, dass Konzerne liberal seien. Sie kommen bei der Bevölkerung gut an, weil sie sagen: "Unser Land wird von Liberalen regiert; sie besitzen die großen Unternehmen; sie stellen die Regierung; sie besitzen die Medien, und sie scheren sich nicht um uns normale Menschen". Auch hier findet sich eine Analogie: die Endphase der Weimarer Republik. Es erinnert wirklich stark an das Ende der Weimarer Republik. Diese Faszination der Massen erinnert sehr an die damaligen Reaktionen auf die Nazipropaganda. Und… ein wichtiger… es gibt viele Unterschiede, aber ein sehr wichtiger Aspekt ist vergleichbar: Sie (die rechtsgerichteten Radiosender) wenden sich an Menschen, die echte Probleme haben - keine aus den Fingern gesogenen Probleme. Das ist in den USA so, und das war auch im Deutschland der Weimarer Zeit so.

Amauta: Meine Frage lautet: Wenn die Menschen so misstrauisch sind, könnten sie doch auch den Medien ein gewisses gesundes Misstrauen entgegenbringen? Aber (vielleicht) glauben Sie, die Menschen könnten dann von anderen, extremen Interessen manipuliert werden?

Chomsky: Nun, ich kann Ihnen nur raten: Hören Sie sich die Talk-Radio-Sendungen an. Ich denke, Sie brauchen nur zuzuhören, was diese Talk-Moderatoren sagen… die hören sich an wie Verrückte.

Amauta: Und die Medien berichten sehr viel darüber.

Chomsky: Schieben Sie einfach Ihre Zweifel beiseite und hören es sich an. Stellen Sie sich vor, Sie seien ein normaler Amerikaner: "Ich bin ein hart arbeitender, gottesfürchtiger Christ, der für seine Familie sorgt und in die Kirche geht und immer alles ‘recht’ macht. Aber ich werde verarscht. In den letzten dreißig Jahren stagniert mein Einkommen. Ich muss immer mehr arbeiten und meine Sozialleistungen werden gekürzt. Meine Frau muss mitarbeiten - zwei (Jobs) - wissen Sie, damit wir etwas zu essen auf dem Tisch haben. Was die Kinder betrifft, oh Gott, es gibt keine Kinderbetreuung für sie, die Schulen sind verrottet und so weiter. Was habe ich falsch gemacht? Ich habe alles getan, was man erwarten kann, aber irgendwas ist in meinem Fall schiefgelaufen." Die Moderatoren der Talkshows geben eine Antwort, (sie sagen), niemand kenne die Antwort. Aber, ich meine, es gibt eine Antwort.

Amauta: Richtig, diese Leute sprechen die Probleme an.

Chomsky: Die Antwort lautet unter anderem: Der Neoliberalismus hat die Wirtschaft völlig umgestaltet. Doch diese Antwort wird den Leuten von niemandem gegeben. Von den Medien ganz sicher nicht, weil sie anderer Meinung sind. Ihnen geht es schließlich gut. Kommen wir noch einmal, sagen wir, auf Anthony Lewis zu sprechen: Wie beschreibt die ‘extreme Linke’ die letzten dreißig Jahre? Als das Goldene Zeitalter, das Goldene Zeitalter des Amerikanischen Kapitalismus. Nun, für ihn und seine Freunde - oder für mich - war es das. Wissen Sie, Leute, die soviel verdienen wie ich, kommen zurecht. Die Leute beschweren sich über die Krankenversorgung. Meine Krankenversorgung ist prima.

Amauta: Sie arbeiten an der Universität.

Chomsky: Die (amerikanische) Krankenversicherung ist rationiert. Rationierungskriterium ist der Reichtum. Die Leute, mit denen Anthony Lewis zu Abend speist, seine Freunde und so weiter, ja, für die läuft es gut. Nicht so gut läuft es für die Hörer der Talkshows, und die stellen einen Großteil unserer Bevölkerung.

Für die Mehrheit der Bevölkerung stagnieren die Löhne und Einkommen. Die Bedingungen sind schlechter geworden. Also fragen sie sich: "Was habe ich nur falsch gemacht?" Die Antwort, die der Talkshow-Moderator gibt, klingt plausibel (gemäß einer internen Logik): "Es ist falsch, dass die reichen Liberalen alles besitzen, dass sie überall am Ruder sind und sich nicht um euch scheren; deshalb, traut ihnen nicht über den Weg" - und so weiter. Was sagte damals Hitler? Das Gleiche. "Es sind die Juden", sagte er. "Es sind die Bolschewiken…"

Amauta: Er hat Sündenböcke gesucht.

Chomsky: … das ist eine Antwort. Okay, es ist eine Insider-Antwort… Ihre Logik ist intern und vielleicht auch verrückt, aber es ist eben eine interne Logik.

Amauta: Meine letzte Frage: Wenn wir davon ausgehen und uns fragen, was wir dagegen unternehmen können, dann denke ich, die Rechten…

Chomsky: Populismus. Es ist Populismus.

Amauta: Ja, Populismus. Sie sagten, um eine Bewegung aufzubauen, müsste man die Medien mit ein beziehen. Das ist mein Ding (Umschreibung). Aber um eine Bewegung aufbauen zu können, braucht man "Anziehungskraft auf breiter Grundlage". Eine "echte radikale Kultur kann nur durch geistige Veränderungsprozesse der großen Masse bewirkt werden. Ein essentieller Aspekt jeder Sozialrevolution besteht darin, größere Möglichkeiten für Kreativität und Freiheit für die Menschen zu schaffen". Wie könnten folglich alternative Medien, wie Amauta, sich einbringen, um eine solche "Anziehungskraft auf breiter Grundlage" aufzubauen, um nicht nur vor Insidern zu predigen? Ich habe das Gefühl, dass viele unserer Medien - ich lese zum Beispiel bestimmte Medien, wie La Jornada… lesen nur Leute wie ich La Jornada? Oder lesen auch andere diese Zeitung? Vielleicht mögen sie es ja nicht, wenn es zu anspruchsvoll wird (wenn sie herausgefordert werden).

Chomsky: La Jornada ist schon ziemlich weit verbreitet. Du gehst die Straße entlang und siehst eine Person, die dasteht oder an einer Bar sitzt und diese Zeitung liest. Aber, wissen Sie, Medien alleine sind nicht genug. Organisation ist nötig. Nehmen wir als Beispiel Mexiko. Ich behaupte nicht, dass ich sehr viel über Mexiko weiß, aber ich habe mit ziemlich vielen linken mexikanischen Intellektuellen gesprochen. Sie alle sagten dasselbe. Die Bevölkerung sei besorgt und aktiv, aber alles sei sehr zersplittert. Die einzelnen Gruppen hätten sehr spezifische, eng gefasste Zielsetzungen. Sie würden zudem nicht kooperieren und interagieren. Okay, das ist etwas, was es zu überwinden gilt, wenn man eine Massenvolksbewegung auf die Beine stellen will. Hierbei könnten die Medien helfen. Umgekehrt würden sie auch davon profitieren. Sie haben Recht - solange das nicht geschieht, solange man es nicht schafft, die einzelnen Anliegen der Aktivisten und die Bewegungen irgendwie unter einen Hut zu bekommen, wird jeder nur vor Insidern predigen (‘preaching to the choir’).

Amauta: Sie meinen also, wir müssten die Menschen mit ein beziehen. Aber aktive Partizipation bei dieser Sache zu erreichen, dazu braucht es…

Chomsky: Organisation - Organisation und lernen. Wenn Leute interagieren, stärken sie einander, sie unterstützen sich gegenseitig.

Amauta: Wie stellen Sie sich das vor: Ein Netzwerk von Menschen aus allen Teilen der Gesellschaft soll entstehen - aber vor allem aus der Mehrheit (Leute, die leise treten müssen) -, und sie alle sollen zu Experten für Bürgerjournalismus oder zu Künstlern werden und einander die Verantwortung für die Nachrichtenberichterstattung übertragen?

Chomsky: Es gibt viele Wege. Ich muss gehen, aber ich will Ihnen noch ein praktisches Beispiel mitgeben - eines von vielen. Ich war vor rund 15 Jahren in Brasilien. Damals reiste ich viel mit Lula (da Silva) herum. Er war noch nicht Präsident. Einmal brachte er mich in ein großes Vorstadtviertel vor Rio de Janeiro, in dem ein paar Millionen Menschen lebten. Es war ein armes Vorstadtviertel. Es gab dort einen großen Platz im Freien, einen offenen Raum, eine Art Plaza.

Brasilien ist ein semitropisches Land. Alle Leute sind abends draußen. Eine kleine Gruppe von Journalisten aus Rio - Profis - kam abends mit einem Lastwagen und parkte in der Mitte des Platzes. Oben war ein Bildschirm angebracht. Sie hatten auch Übertragungstechnik dabei. Sie übertrugen Sketche - geschrieben von den Menschen der Gemeinde. Sie schauspielerten auch und führten Regie. Die Leute vor Ort präsentierten also Spielszenen. Eine der Darstellerinnen war ein Mädchen von vielleicht 17 Jahren. Sie ging mit einem Mikro durch die Menge. Sie fragte die Leute nach ihrem Kommentar. Es waren viele Menschen, und sie zeigten Interesse. Sie schauten zu. Wissen Sie, die Leute hockten in den Bars oder hingen auf dem Platz herum. Sie kommentierten, was sie sahen, und ihre Kommentare wurden übertragen. Wissen Sie, hinten wurde ein TV-Bildschirm angebracht, der zeigte, was eine Person gerade sagte, und die anderen kommentierten wiederum. Auch die Darbietungen waren sehr wichtig. Wissen Sie, ich kann kein Portugiesisch, aber ich habe es mehr oder weniger kapiert.

Amauta: Das verstehen Sie also unter aktiver Teilnahme an der Bewegung?

Chomsky: Absolut. Es ging um ernste Themen… einiges war auch Komödie, wissen Sie, aber es ging auch um die Schuldenkrise oder um Aids.

Amauta: Es gab den Menschen Raum für Kreativität, für Leute…

Chomsky: Das ist direkte Partizipation - durch Kreativität. Und es war ziemlich phantasievoll in der Umsetzung, wie ich fand. Ich weiß nicht, ob es das noch immer gibt, aber es ist (oder war) eines von vielen möglichen Modellen.

Noam Chomsky ist Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technologie (MIT) und hat in den 60er Jahren die Vorstellungen über Sprache und Denken revolutioniert. Zugleich ist er einer der prominentesten und schärfsten Kritiker der gegenwärtigen Weltordnung und des US-Imperialismus.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 15.01.2010. Originalartikel: "Direct Participation in creativity" . Übersetzt von: Andrea Noll. 

Fußnoten

Veröffentlicht am

20. Januar 2010

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