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Naomi Klein in Kopenhagen: Das Schicksal des Planeten hängt davon ab, ob es zu einer Massenbewegung für Klimagerechtigkeit kommt

Von Naomi Klein, 11.12.2009 - Democracy Now!

Hunderte von Aktivisten aus der ganzen Welt trafen sich gestern in der Innenstadt von Kopenhagen auf dem Klimaforum - doch auch auf dem Klimagipfel des Volkes. Die Autorin und Journalistin Naomi Klein sprach in einer überfüllten Halle zu den Themen ‘Ökoschulden’ und ‘Klimagerechtigkeit’.

Naomi Klein ist Autorin und Journalistin. Einer ihrer aktuellen Artikel trägt den Titel ‘Climate Rage’. Sie bloggt aus Kopenhagen für The Nation.

Amy Goodman: Als einziger globaler Sender, der jede Stunden Nachrichten sendet, berichten wir (Democracy Now!) exklusiv und täglich - in Fernsehen, Radio und Internet - aus dem Bella-Center (COP15) vom Gipfel zur Klimaveränderung.

Doch jetzt führt unser direkter Weg zum ‘Volksklimagipfel’. Das alternative Klimaforum findet im Herzen von Kopenhagen statt, wo Aktivisten aus der ganzen Welt sich täglich treffen. Auf dem Klimagipfel des Volkes werden Probleme wie Reparationen, Gerechtigkeit, Modelle für alternative Entwicklungen, nachhaltiger Konsum, nicht marktorientierte Lösungen, Klimaflüchtlinge und die Rechte der Indigenen erörtert.

Am Dienstagabend sprach Naomi Klein - Autorin von ‘Die Schock-Strategie’ - in einer total vollen Halle - im Rahmen eines Podiums, das sich mit den Themen Ökosteuer und Klimagerechtigkeit befasste. Sie erreichen in unter dem Blog von thenation.com.

Naomi Klein: Drüben, im Bella-Center krepiert gerade ein bestimmtes Modell im Umgangs mit dem Klimawandel. Es entblößt sich gegenüber der Welt - als nichts anderes als der Run auf die verbliebenen Ressourcen unseres fatal gefährdeten Planeten. Ja, das passiert im Bella-Center. Wenn Sie dahin gehen, können Sie es spüren - dieses wirklich hässliche Gefühl.

Gestern gab es einen Protest der Menschen von Tuvalu. Sie sorgten dafür, dass sie gesehen wurden. Sie waren … ich sehe, Sie alle nicken. Es ist wirklich sehr merkwürdig dort drüben. Sie (die Menschen von Tuvalu) sprachen darüber, dass sie keine Zukunft haben, dass ihr Land verschwindet. Dies ist eine Form des Genozids und entspricht der UNO-Definition von Völkermord, denn es geht um Handlungsweisen, durch die Menschen verschwinden. Während sie protestieren, sieht man Typen in Geschäftsanzügen, die vorbeigehen. Sie schauen auf ihre Schuhe und versuchen, den Blicken auszuweichen. Das erinnert mich sehr daran, wie Menschen auf der Straße wegschauen, wenn sie einen Obdachlosen sehen. Aber hier handelt es sich um ein ganzes Land, das verschwindet. Dieses Gefühl herrscht da drüben.

Hier (bei uns) findet ein anderes Modell seinen Ausdruck. Es ist ein historisches Treffen. Es ist ein historisches Treffen, weil Jubilee South diese Art Treffen auch im Süden organisiert. Während hier in Kopenhagen verhandelt wird, findet gleichzeitig in Bangkok ein Tribunal über Klimaschulden statt. Ja, diese Debatte hat dort stattgefunden. Und ich glaube nicht, dass es im Norden jemals ein derart großes Treffen gegeben hat.

Was wir erleben, ist die Neudefinition von Umweltschutz. Im Norden war ‘Umweltbewegung’ immer mit einer gewissen Sentimentalität verbunden: "Wir sitzen alle im selben Boot. Halten wir doch Händchen" - genau so, stimmt’s? Es ist nichts Schlechtes daran, sich an den Händen zu halten, aber es ist eine Tatsache, dass wir nicht alle im selben Boot sitzen. Die Beziehung zwischen den Leuten, die die Probleme verursacht haben und denen, die die Auswirkungen dieser Probleme zu spüren bekommen, ist unvereinbar. Es geht ihnen gerade umgekehrt. Das Verhältnis zwischen denen, die die Probleme verursacht haben und über genug Geld verfügen, um sich vor der Problematik zu retten und den anderen, nicht nur im globalen Süden: Sie sitzen in entgegengesetzten Booten. Erinnern wir uns an New Orleans. Stimmt’s? Auch New Orleans ist Süden. New Orleans - das war Süden im Norden. Menschen, die über entsprechende Mittel verfügten, konnten die Katastrophenzone verlassen; Menschen, die auf den Staat angewiesen waren, blieben auf den Dächern zurück. Es war eine Art ‘Klimaapartheid’ mitten in den USA.

Wir führen eine Diskussion über Reparationen. Wenn wir in den USA über Reparationen diskutieren, geht es nicht nur um den Diebstahl von Ressourcen, sondern ebenso auch um Menschenraub. Die Bewegung, über die wir heute reden, ist Teil dieser Bewegung, wie die Konferenz 2001 von Durban/Südafrika, bei der es um Rassismus ging und um Ökoschulden. Dies war Thema auf der Agenda - ebenso wie Reparationen für Sklaverei. Ich glaube, dass einige Leute von N’COBRA (ein nationales Bündnis in den USA, das Reparationen für die Sklaverei fordert) heute auch bei uns sind. Sie haben Anerkennung verdient, denn diese Bewegung hier baut unter anderem auf deren Arbeit auf.

Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, die zeigt, mit wem wir es zu tun haben, wenn es um das Thema ‘Reparationen’ geht. Ich versuche, mich kurz zu fassen. Indigene Völker, deren Land gestohlen wurde sowie die Ersten Nationen (First Nations) haben natürlich auch einen Anspruch auf Reparationen durch den globalen Norden. Vor einigen Jahren machte ich folgende Erfahrung. Es war im Jahr 2004. Ich erinnere mich daran, weil in den USA gerade Präsidentschaftswahlen waren. Ich war in New York, um gegen den Parteitag der Republikaner zu demonstrieren, auf dem George Bush wiedergewählt wurde. Einige Aktivisten von First Nation aus Kanada waren in New York bei diesen Protesten.

Als Teil dieser Aktionen (eine Nebenaktion) gingen sie, gingen die Ureinwohner zu Moody. Moody ist, wie Sie wissen, eine Kreditagentur und vergibt Kredite an Staaten. An meiner Seite war der mächtige Sprecher der Haida - einer First Nation. Er hieß Gujao. Außerdem war da Arthur Manuel, ein ehemaliger Häuptling der Nuu-chah-nulth. Letztere sind Ureinwohner British-Kolumbiens.

Arthur hatte Folgendes beschlossen: Eine Möglichkeit, Kanada dazu zu bringen, die Schulden gegenüber seinen Ureinwohnern (First Nations) anzuerkennen, sei ein Treffen mit der Moody-Agentur, die Kanada einen Tripple-A-Kreditrahmen einräumt. Der Tripple A ist der höchst mögliche Kreditrahmen überhaupt. Wir sollten Moody erklären, so Arthur, dass Kanada in Wirklichkeit hohe, unbezahlte Schulden mit sich herumschleppt - in Form von Landraub - ohne Verträge mit den Völkern der First Nations zu haben. Arthur schaffte es, ein Treffen zwischen sich, Gujao und dem Mann bei Moodys zu arrangieren, der für den kanadischen Kreditrahmen zuständig war. Wir begaben uns ungefähr ins 35. Stockwerk und trafen uns mit dem Kerl und einem Kollegen, einem Argentinier, der während des Treffens einschlief.

Das Interessante an der Sache war, dass Arthur und Gujao alle Dokumente vorlegen konnten, das schriftlich Niedergelegte und die Rechtsentscheidungen des Obersten Gerichtshofs von Kanada. Dies alles belegte, dass das Land gestohlen war und dass ihnen Milliarden zustehen - unbezahlte, unbezahlte Schulden also. Und sie sagten: Kanada ist kein toller Ort, um zu investieren - denn, was ist, wenn wir unsere Schulden zurückfordern? Es war sehr interessant. Der Mann von Moddy nickte und sagte: "Sie haben Recht. Wir haben diese Gerichtsentscheidungen mit verfolgt, aber wir sind zu der Überzeugung gekommen, dass Sie diese Schulden nicht eintreiben werden. Daher ist es für unseren Kreditrahmen irrelevant".

Das ist etwas sehr Wichtiges, das wir nicht vergessen sollten, denn Schulden sind eine politische Sache. Richtig? Sie können unsere Argumente vorbringen. Aber wenn wir argumentieren, wird ehrlich gesagt, niemand gegenargumentieren, denn es ist ja so offensichtlich. Die Wissenschaft und die Rechtsverträge beweisen es. Die anderen werden sagen: "Ihr - und welche Armee, bitteschön? Wie wollt ihr das Geld von uns bekommen? Ihr seid nicht stark genug, um das Geld aus uns herauszuholen". An dieser Stelle kommen die Sozialbewegungen ins Spiel, denn wir können über Schulden und Reparationen reden, soviel wir wollen, man wir uns nur auslachen - es sei denn, eine starke Bewegung steht hinter diesen Themen und Forderungen. Das ist unsere Aufgabe.

Ich denke, es gibt sehr Vieles, was wir machen könnten. Sie wissen, ich bin die Einzige in dieser Runde, die aus einem Schuldner-Land kommt. Ich muss zugeben, dass wir Kanadier - o Junge - eine Menge Schulden haben. Hier in Kopenhagen ist Kanada der oberste Klimagangster. Anders als die USA haben wir das Abkommen von Kyoto unterzeichnet. Amerika hat es nicht unterzeichnet. Kanada hat es unterzeichnet. Folglich brechen wir ganz aktiv ein rechtlich bindendes Abkommen - indem wir die Emissionen um 26% erhöhen. Wir wissen, dass Leute, die ihren Verpflichtungen gegenüber der Welthandelsorganisation WTO nicht nachkommen, dies zu spüren bekommen. Als Bolivien die Entscheidung traf, sich von Bechtel kein Wasser mehr stehlen zu lassen - das Auffangen von Regenwasser wurde verboten, und Bechtel wurde ausgewiesen - verklagte der Konzern Bechtel Bolivien wegen Vertragsbruch und forderte $26 Millionen. Aber was passiert, wenn Kanada in Hinblick auf Kyoto seinen Vertrag mit der Welt bricht? Wir müssen beginnen, Druck auf solche Regierungen auszuüben, die sagen, dass diese Themen sie nicht interessieren. Es muss Handelsstrafen geben. Kanada sollte aus dem Commonwealth ausgeschlossen werden - solche Dinge sollten passieren. Es muss eine gewisse Macht zum Ausdruck kommen. Es muss Konsequenzen haben. Diese Ideen liegen also auf dem Tisch.

Wir können das alles nicht auf einen Schlag machen, aber ich möchte ein wenig darüber reden, was wir diese Woche tun können. Angelica bat - unserer Stimme Gehör zu verleihen. Ich denke, das sollten wir wirklich. Wir müssen dem Gesicht der Gegenbewegung Kontur verleihen, bevor der Gipfel zu Ende ist.

Bei der Eröffnung des Klimaforums sagte ich, Wut und ziviler Ungehorsam seien zuweilen angebracht. Ich sagte nicht - wie in einigen Nachrichtenberichten behauptet wurde -, Kopenhagen solle zerstört werden. Das ist wirklich nicht meine Meinung. Ich denke, das wäre eine sehr schlechte Idee. Ich sage das jetzt explizit (obwohl manche mir immer wieder sagen, "sag’ nicht, das sei schlecht, sag’ nicht, das sei schlecht"). Hören Sie, der Grund, warum so etwas schlecht ist, hängt genau mit dem zusammen, was wir hier sehen: Das Gespräch über das wahre Gesicht des Umweltschutzes als Klassenkampf hat begonnen. Dieser Klassenkampf wird von den Reichen gegen die Armen geführt. Etwas Derartiges hat es nie zuvor gegeben. Noch nie gab es eine globale Medienaufmerksamkeit bei einer solchen Diskussion. Aber wenn wir es zulassen, dass die Medien, hier, in Kopenhagen, die Diskussion umwidmen - im Sinne von ‘broken windows’ - würde dies die langweiligste Diskussion der Welt, okay? In diesem Fall hätten wir wirklich versagt.

Doch ich sage nicht, dass es keine direkten Aktionen geben sollte. Es sollte direkte Aktionen geben. Ich möchte Euch alle dazu aufrufen, die tolle Aktion, die für den 16. Dezember geplant ist, zu unterstützen und daran teilzunehmen. Am 16. Dezember findet ein Marsch auf das Bella-Center statt. Wir hoffen, dass es auch zu einem AUSZUG aus dem Bella-Center kommt. Wir denken dabei an die Gruppen, die sich im Bella-Center befinden und sehr frustriert sind - die ‘nein’ sagen wollen zu diesen ganzen Marktmechanismen, die wissen, dass es zu keinem Deal kommen wird, der in der Lage ist, die Klimakrise zu bewältigen, Leute, die nicht nur eine Presseverlautbarung herausgeben wollen - nach dem Motto: "Im Grunde mögen wir das alles nicht". Nein, sie sollen auf die Straße hinaustreten und mit den Leuten, die zum Bella-Center marschieren werden, zusammenkommen. Wir sollten uns gemeinsam Gehör verschaffen.

Amy Goodman: Das war Naomi Klein, Autorin von ‘Die Schock-Strategie’. Vor ziemlich genau 10 Jahren erschien ‘No Logo’. Naomi Klein sprach auf dem Klimaforum. Sie bloggt aus Kopenhagen unter thenation.com.

Naomi Klein ist eine kanadische Schriftstellerin, Journalistin und Globalisierungskritikerin. Klein ist verheiratet mit dem Journalisten Avi Lewis und lebt in Toronto.

 

Quelle: ZNet Deutschland vom 15.12.2009. Originalartikel: Author & Journalist Naomi Klein: Fate of Planet Rests on Mass Movement for Climate Justice . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

16. Dezember 2009

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