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Keine Zukunft ohne Frieden - Der Israeli Uri Avnery erhält den “Blue Planet Award” von ethecon

Von Peter Bürger

Im Jahr 2008 sind die die weltweiten Rüstungs- und Militärausgaben auf 1.464 Milliarden Dollar gestiegen. Im gleichen Zeitraum betrug die öffentliche Entwicklungshilfe weltweit nicht viel mehr als 100 Milliarden US-Dollar. In den USA, die allein über 40 Prozent des Weltrüstungshaushaltes bestreiten, ist für 2010 eine erneute Realsteigerung um 4 Prozent beschlossene Sache. Deutschland ist mittlerweile drittgrößter Rüstungslieferant der Welt; in den Vergleichszeiträumen 1999 - 2003 und 2004 - 2008 hat es seine Waffenexporte um 70 Prozent gesteigert. Ein Außerirdischer käme bei der Betrachtung solcher Zahlen leicht auf die Idee, man rüste auf der Erde für einen neuen Weltkrieg.

Derweil wird die Friedensfrage vorerst nur von wenigen mit höchster Dringlichkeit gestellt. ethecon, die fünf Jahre junge "Stiftung Ethik und Ökonomie", setzt in diesem Jahr ein wichtiges Zeichen. In Zusammenarbeit mit Otto Piene, dem international bekannten Mitbegründer der Künstlergruppe ZERO, wird der "Blue Planet Award" 2009 dem israelischen Journalisten und Schriftsteller Uri Avnery verliehen. Dessen Einsatz für Frieden und Menschenrechte findet damit Würdigung als außerordentliches Engagement zum Erhalt und zur Rettung des "Blauen Planeten".

Ohne Frieden wird es für kommende Generationen keine Zukunft geben. Das Programm "Krieg" steht im Verein mit einer aggressiven Wirtschaftsordnung der Lösung aller Überlebensfragen auf der Erde entgegen. Deshalb brauchen wir Menschen, die sich der Philosophie der Vergeblichkeit verweigern und dabei ihre besonderen Gaben einbringen. Der Künstler Otto Piene, der den "Blue Planet Award" gestaltet, bekannte 1961: "Ja, ich träume von einer besseren Welt. Sollte ich von einer schlechteren träumen?" Avnery sagte 2005 in einem Radiointerview: "Jeder Mensch hat die Aufgabe die Welt zu verbessern, und Schriftsteller sind ja auch Menschen. Sie haben … die Möglichkeit, ein Bild einer anderen Welt im Bewusstsein der Menschen zu schaffen." Avnerys Schreibhände waren so sehr gefürchtet, dass man sie ihm - nach einer Kritik am Massaker von Qibya (1953) - im Hinterhalt brach. Eine außergewöhnliche, sehr streitbare Sprachkunst zeichnet bis heute seine aktuellen Kommentare aus. Der rechtsextreme Politiker Baruch Mazel forderte noch im März 2006 seine gezielte Tötung.

Seit über sechs Jahrzehnten herrschen Kriegszustände im Nahen Osten. Biographie und Gedankenwelt von Uri Avnery sind tief davon geprägt: Geboren wird er 1923 unter dem Namen Helmut Ostermann in Beckum/Westfalen. In der Weimarer Republik erlebt er das Außenseitergeschick als Jude und die zunehmende Militarisierung. 1933 flieht seine Familie vor den Nazis nach Palästina. Mit 15 Jahren tritt er dort der jüdischen Untergrundorganisation Irgun bei, die zum rechtsgerichteten Minderheitsflügel im Zionismus gehört und von den Engländern als Terroristenvereinigung geführt wird. Wegen Araberfeindlichkeit steigt Avnery drei Jahre später aus. Dass er 1948 als Soldat im Palästinakrieg eine lebensgefährliche Verwundung überlebt, bewirkt eine dauerhafte Hinwendung zum Pazifismus. Fortan wird der Einsatz für Frieden mit den Palästinensern zur Lebensaufgabe. In seinen Büchern zeigt Avnery, wie der Krieg zur Verrohung aller Beteiligten führt.

Von 1950-1990 gibt er ein erfolgreiches Nachrichtenmagazin heraus, das sich kritisch mit der offiziellen Politik Israels auseinandersetzt und Feindbildmythen entlarvt (die Gegner des Blattes schrecken vor Anschlägen und Messerstichen nicht zurück). Im Establishment gilt Avnery als "Staatsfeind Nr. 1". Dem Engagement als Autor steht parlamentarisches Wirken in der Knesset (1965-1973 und 1979-1981) zur Seite. Die legendäre "Ein-Mann-Fraktion" sorgt unermüdlich für Widerspruch. Zu den zahlreichen Brückenschlägen zählt - 1982 mitten im Libanonkrieg - Avnerys spektakulärer Besuch beim PLO-Führer Jassir Arafat in Beirut. 1993 gründet er den israelischen Friedensblock "Gush Shalom". Im gleichen Jahr bildet er mit 30 anderen israelischen Friedensarbeitern einen "menschlichen Schutzschild" am palästinensischen Präsidentensitz Ramallah, um eine befürchtete Ermordung Arafats durch das Militär zu verhindern. 2008 beteiligte sich Avnery, bereits 85jährig, an einem Hilfskonvoi für Gaza. Zur stattlichen Liste der Auszeichnungen gehören Ehrenurkunden palästinensischer Dörfer, der Aachener Friedenspreis (1997), der Alternative Nobelpreis (2001, zusammen mit Ehefrau Rachel) und der Sokolov-Preis (2004, Tel-Aviv).

Jüdische Kritiker der israelischen Politik, die sich auf den hebräischen Humanismus führender Zionisten der "alten Schule" berufen können, sind wichtige Partner der internationalen Friedensbewegung. Sie werden deshalb regelmäßig mit der Ferndiagnose "jüdischer Selbsthass" oder gar dem Vorwurf des Antisemitismus verleumdet. Im Fall des Nonkonformisten Uri Avnery wirken solche Schubladen besonders absurd. Für ihn ist die Shoa, die Ermordung von sechs Millionen Juden, als geschichtlicher Hintergrund der israelischen Politik stets mit zu bedenken. Er kämpft kompromisslos gegen israelische Rassisten und die systematische Entrechtung der Palästinenser, lehnt jedoch Pauschalvergleiche mit dem südafrikanischen Apartheidsystem ab. Boykottmaßnahmen, so fordert er, müssen gezielt die Verantwortlichen für völkerrechtswidrige Besatzung, Besiedlung, Hauszerstörungen, Blockade, Mauerzaun-Verlauf und Kriegspolitik treffen. Boykottaufrufe, die sich gegen die gesamte israelische Zivilgesellschaft wenden, finden in keiner Weise seine Zustimmung.

In einem seiner jüngsten Beiträge bekennt Avnery: "Ich bin ein Israeli. Ich bin ein israelischer Patriot. Ich wünsche mir, dass mein Staat demokratisch, säkular und liberal ist, dass er die Besatzung beendet und mit einem freien und souveränen Staat Palästina, der neben ihm entsteht, in Frieden lebt und auch mit der ganzen arabischen Welt." ( www.uri-avnery.de ) Die von Avnery beharrlich vorgetragene Friedenslösung ist denkbar klar: Maßgeblich ist die 1949-1967 geltende Grenze (welche den Palästinensern erheblich weniger Land belässt als im UN-Teilungsplan von 1947). Israel hat keinerlei Anspruch auf besetzte Gebiete. Jerusalem wird Hauptstadt zweier selbstständiger Staaten: Ost-Jerusalem mit den Heiligtümern des Islam für Palästina, West-Jerusalem mit der Klagemauer für Israel. Anzustreben ist zwischen beiden vollständig autonomen Staaten ein enger Verbund der Kooperation. Die Zeit ist reif für Palästina. Welch eine Ermutigung zum Frieden würde hier der ganzen Menschenfamilie geschenkt!

Die Preisverleihung von ethecon legt jährlich auch eine hässliche Kehrseite der Medaille offen. Das besondere Profil der Stiftung besteht nämlich darin, Krieg, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung als gemachte Leiden zu entlarven. Die Drahtzieher einer Weltunordnung, die über Leichen geht und Profite über das Glück künftiger Generationen stellt, sollen benannt werden. Dem entspricht die gleichzeitige Verleihung eines internationalen Negativ-Preises. Dieser "Black Planet Award" geht 2009 an die Besitzerfamilie Wang, den Geschäftsführer Lee Chih-tsuen und das verantwortliche Management des multinationalen Chemie-Giganten FORMOSA PLASTICS GROUP (FPG) aus Taiwan. "Auf ihr Konto", so die Begründung von ethecon, "gehen der Ruin der menschlichen Gesundheit und die Zerstörung der Umwelt im großen Stil, ja selbst der Tod vieler Menschen. Sie stellen nicht nur eine Gefahr für den Frieden und die Menschenrechte dar, sondern auch für die Demokratie, die Ökologie und die Menschheit insgesamt. Sie handeln einzig zum Vorteil der persönlichen Bereicherung. Dafür treten sie Moral und Ethik mit Füßen".

Die Verleihung der beiden internationalen Preise findet statt am 21. November im Rahmen der öffentlichen ethecon-Tagung "Fahnenflucht - Krieg & Desertation" (Tagungsort: Pfefferwerk, Berlin). Wer an einer Teilnahme interessiert ist, kann über E-Mail (info@ethecon.org) Unterlagen anfordern oder sich direkt einen Platz sichern. Über unterschiedliche Möglichkeiten eines eigenen Beitrags durch Zustiftung, Fördermitgliedschaft oder Spenden informiert die Internetseite der Stiftung ( www.ethecon.org ).

Mit freundlicher Genehmigung aus der Düsseldorfer Straßenzeitung fiftyfifty, Ausgabe November 2009

Veröffentlicht am

06. November 2009

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