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Herbst ‘89: Die müden Empörer

Vom revolutionären Schwung zum restaurativen Schwank: Wie der Wandel immer wieder verhindert wird

Von Daniela Dahn

So wie wir heute demonstrieren, werden wir morgen leben. Eine weitsichtige Reaktion auf den schwarz-gelben Koalitionsvertrag? Weit gefehlt. Derart souveräne Einsichten bedürfen einer Gesellschaft in Bewegung, eines politisierten Volkes, das seine Ohnmacht abgeschüttelt hat. Dieses Glücksgefühl war im Herbst ‘89 nicht vom Himmel gefallen, sondern hatte sich vorbereitet, in den Jahren der anschwellenden Unzufriedenheit darüber, wie Glasnost und Perestroika verhindert und Freiheitsrechte mit Füßen getreten wurden. Der unangepasste Teil der DDR-Kunst hatte das Individuum gestärkt, und wie eine Graswurzel bildeten sich in den achtziger Jahren halbprivate Gesprächskreise, oft unter dem Dach der Kirche. Es waren nicht gänzlich Unvorbereitete, die vor 20 Jahren die Chance zur großen Einmischung ergriffen.

Wer damals etwas forderte, wurde in die Pflicht genommen. Ich erfuhr dies als Mitinitiatorin einer Resolution des Schriftstellerverbandes, die einen sofortigen Dialog über die angestauten Probleme verlangte. Sie sickerte mit den ersten Aufrufen vom Neuen Forum und von Demokratie Jetzt in die Öffentlichkeit und ermöglichte mir, in einer kleinen Gruppe von Autoren ein neues Pressegesetz zu erarbeiten. Die Moderation einer Kirchenlesung fast aller namhaften DDR-Autoren brachte mir den Vize-Vorsitz in der ersten unabhängigen Untersuchungskommission ein. Wegen gewaltsamer Übergriffe auf Demonstranten forderten wir den Rücktritt des Berliner Polizeipräsidenten, der wenig später, trotz des Sicherheitsvakuums in der maueroffenen Stadt, auch erfolgte.

Subjekt der Geschichte

Eine ganz neue Bürger-Erfahrung griff um sich: Man kann als Einzelner etwas verändern. Da demonstrierten 12.000 Handwerker in Halle gegen die Ungleichbehandlung von genossenschaftlichem und privatem Handwerk, und schon am nächsten Tag wurde unbürokratisch begonnen, ihre Forderungen umzusetzen. Millionen waren in derartige Straßen-Dialoge einbezogen. Später verlagerten sich die Gespräche an die Runden Tische. Fernsehen und Zeitungen warteten unser neues Presse-Gesetz nicht ab, sondern wurden von selbst interessanter. Viele Ostdeutsche erinnern sich dieser Zeit als ihrer aufregendsten, intensivsten, schönsten. Einige Wochen dauerte das Gefühl, Subjekt der Geschichte zu sein. Einige Wochen, in denen die Westmächte und ihre Geheimdienste nicht sicher sein konnten, ob der Hase so läuft, dass sie am Ende der Furche rufen konnten: Ich bin allhier.

Bei all dem flog kein Stein, keine Fensterscheibe klirrte, kein Reifen brannte. Lediglich eine Blumenrabatte vor dem Staatsratsgebäude hat am 4. November unter dem Versuch gelitten, die schweigende Führung als Pantomime darzustellen. An diesem Tag hatte der Erneuerungswille einer Million Demonstranten seinen Kulminationspunkt erreicht. Das Fernsehen übertrug, weil massenhaftes, heiteres Selbstbewusstsein nicht mehr übergangen werden konnte. Fünf Tage später zerbarst der zeitliche und räumliche Rahmen für Alternativen, und es ging fortan ums Fitmachen für den Beitritt. Die friedliche Revolution startete als kultureller Aufbruch. Und endete als was?

Denn sie wollen nicht, was sie tun

Die Macht geht vom Volke aus, aber wo geht sie hin?, die damals gestellte Frage trifft bis heute den Nerv. Freie Wahlen waren eine der Hauptsehnsüchte der Umstürzler; inzwischen hält Bärbel Bohley, Mitbegründerin des Neuen Forum, diese Prozedur für "Kasperltheater" und preist das Nichtwählen als passiven Widerstand. Der vom ernüchterten Osten längst angeführt wird. Der Wille zu radikaler Veränderung würde nicht dauerhaft akzeptiert werden, das war klar. Nieder mit dem Schweizer Bankgeheimnis - sobald sich die Losungen vom Alexanderplatz am Westen vergriffen, zeigte sich aber, dass der Demokratisierungsdruck aus dem Osten total abgeblockt wurde. Stattdessen galt seit der Einheit die Devise: mehr Markt wagen.

Die Krise hat die Spielräume nochmals verengt. Indem der Staat sich wie nie zuvor verschuldete, um die Banken zu retten, wurden diese mehr denn je zu seinem Vormund. Es ist fast egal, welche Parteienkoalition unter der Wirtschaft Regieren simuliert. Egal, wer an Merkels Seite Profil verliert. Es gab keine regierungsfähige Alternative für einen Wechsel in den existenziellen Fragen Krise, Klima, Krieg. Das Regierungsprogramm bestätigt nur, was alle wussten oder hätten wissen können: Schattensprünge von einem Schuldenloch ins andere. Geld von den Kommunen an die Familien, denen andere das bisschen wieder aus der Tasche ziehen werden. Die Wähler hatten keine Wahl. Abermals für vier Jahre ihrer Stimme entledigt, werden Mehrheitswünsche wie Mindestlöhne nicht erhört werden. Der Verdruss bei Wählern und Nichtwählern dürfte wachsen. Denn sie wollen nicht, was sie tun.

Die Kommunikation zwischen Oben und Unten ist gestört. Wie vor 20 Jahren. Der Diskurs ist diesmal wegen ungünstiger Witterung ins Feuilleton verlegt. Eine Initiative von Wohlhabenden fordert eine Vermögensabgabe für Reiche, und der Vatikan mahnt eine Rückbesinnung auf Karl Marx an. Alles schön folgenlos. Die Welt steht Kopf, und das erstaunlich ausdauernd. Oder nicht? So wie wir heute bloggen, werden wir morgen leben? Kann die von Brecht beschriebene "Unlust der Massen, sich zu empören" in der Tradition von ‘89 überwunden werden?

Quelle: der FREITAG vom 29.10.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

04. November 2009

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