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Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran (Teil 6): Weiteres über das Gesundheitswesen im Iran

Von Afsane Bahar; 10. Oktober 2009

In der fünften Folge hatte ich das iranische Gesundheitswesen erwähnt. Heute möchte ich anhand einer Zuschrift beispielhaft eine nähere Beschreibung liefern. Um den ursprünglichen Verfasser zu schützen, habe ich einige Namen im Text mit drei Punkten gekennzeichnet. Es handelt sich außerdem um eine sinngemäße Übersetzung.

Liebe Afsane,

Wie versprochen möchte ich dir einen Bericht über die Lage hier bei uns schicken. Ich werde dir das Herzzentrum meiner Stadt … beschreiben, der Hauptstadt der Provinz …. Es ist nur ein kleines Beispiel von dem Elend und den menschenunwürdigen Verhältnissen, die hier herrschen. Bereits die Geschichte des Hauses ist aufschlussreich.

Vor 1979 war das Krankenhaus für das Personal der Streitkräfte und ihre Familien vorgesehen. Nach dem Sturz des Schah-Regimes wurde daraus zunächst ein Spital für Allgemeinchirurgie. Wie du es weißt, spielt in dem hiesigen Orchester jeder Musiker nach seiner eigenen Vorstellung. Kommt ein neuer Direktor, so werden alle bisherigen Pläne geschmissen und neue werden aufgestellt. Das einzig Beständige bei uns ist der planlose Wandel. Ein paar Jahre später hatte man die glorreiche Idee, die Allgemeinchirurgie in Gynäkologie umzuwandeln und zwar nach einem damals in Mode gekommenen Prinzip: Geschlechtertrennung!

Lach bitte nicht, ja tatsächlich ging es um die alleinige Beschäftigung weiblichen Personals. Wie sich einst der berühmte iranische Schriftsteller Sadegh Hedayat treffend und bündig über die herrschende Ideologie äußerte, ist ihr Hauptaugenmerk auf bestimmte Körperteile gerichtet, auf den Bauch und Unterbauch, oder wie er es provokant formulierte, auf den Bauch und 15 cm darunter. Du weißt als Frau ja besonders gut, dass man auf deine Geschlechtsgenossinnen besonders Acht geben muss. Ihr könnt das Teufelszeug sein. Eure Haare strahlen erotisierende Wellen aus, eure Körperrundungen verdrehen den Kopf des Betrachters und ihr könnt ein Volk in Verderb führen. Und wir Männer, ja die Männer sind wahrhaftig geile Tiere, die nur eins im Kopf haben, nämlich den Geschlechtsverkehr, am liebsten seine verbotene Art. Deshalb werden ja auch hier eine Vielzahl patrouillierender Truppen als Hüter der Zucht und Moral benötigt: "gaschte erschad" (Patrouille zur Belehrung), "gaschte chaharane Ze’inab" (Patrouille der Schwestern von Ze’inab), "gaschte sarallah" (Patrouille der Vergeltung Gottes), die alle zum Guten aufrufen und vom Bösen abraten, natürlich sehr sanft und gewaltfrei unter strikter Beachtung der Menschenwürde und der Religionsfreiheit.

Nun dieses Vorhaben, ich meine die Geschlechtertrennung, setzte man in Tat um. Da, wie bereits erwähnt, das einzig Beständige im Iran der Wechsel und Wandel ist, dauerte es nicht lange, bis neue Pläne auf den Tisch kamen: ein Herzzentrum sollte aufgebaut werden, damit das leidende Volk in … nicht nach Teheran fahren muss. Gesagt, getan. Es entstand ein Herzzentrum mit drei Operationssälen, einer Intensivstation mit sieben Betten und mit Normalstationen. Nun tauchte ein klitzekleines Problem auf, das man nicht bedacht hatte. Bei herzchirurgischen Eingriffen muss man gelegentlich die Gefäße im Leistenbereich als Zugang für Schläuche und Katheter benutzen. Deshalb werden die Patienten aus hygienischen Gründen vor der Operation im Genitalbereich rasiert. Nun stellte es sich heraus, dass nicht genügend männliches Pflegepersonal zur Rasur von Patienten vorhanden war, was für eine Schande. Wie du es dir vorstellen kannst, nimmt das Operationsteam vor dem Eingriff eine Händedesinfektion vor, hierzu müssen die Arme bis zur Ellenbeuge frei sein. Die Hüter der Moral pochten anfangs auf zwei getrennte Waschbecken für die Händedesinfektion. Daraus wurde allerdings nichts, wofür die Beschäftigten bestimmt im Jenseits büßen müssen.

Am Anfang arbeitete nur ein Herzchirurg in diesem Herzzentrum, der in Teheran ausgebildet worden war. Er wollte als Pionier in die Stadtgeschichte eingehen und fing mit den Operationen zu einem verfrühten Zeitpunkt an, als noch bestimmte Gerätschaften nicht vorhanden waren. So hatte man anfangs einen Helfer, der auf seinem Motorrad die Proben für die Blutgasanalyse aus dem Herzzentrum in ein anderes Krankenhaus brachte und die Ergebnisse zurückbeförderte. Nach mehrjähriger Tätigkeit verfügt das Herzzentrum immer noch nicht über ein Bronchoskop, ein flexibles Rohr mit Optik und Arbeitskanal, das zur Untersuchung und Behandlung von Lungenerkrankungen auf der Intensivstation eingesetzt wird.

Nach einigen Monaten kam ein weiterer Arzt dazu, der in England Herzchirurgie gelernt hatte. Nun fing die "friedliche, freundschaftliche, kollegiale" Zusammenarbeit an. Beide Kontrahenten waren sich in zwei Eigenschaften gleich: Geldgier und Hass auf den Gegner. Neben diesem Herzzentrum wurde bald eine private Abteilung für Herzchirurgie in einem anderen Krankenhaus in Betrieb genommen. Dieselbe Mannschaft, die im staatlichen Herzzentrum operierte, also dieselben Operationsschwestern, Kardiotechniker und Chirurgen, waren auch in dem privaten Krankenhaus tätig. Kannst du dir das vorstellen?

In einigen Bereichen ist Iran den Vereinigten Staaten ähnlich: es gibt praktisch unbegrenzte Möglichkeiten, bei uns allerdings aufgrund fehlender Bestimmungen. So gibt es für Privatliquidationen de facto keine Vorschriften. Während der Chirurg für eine Herzoperation in einem staatlichen Krankenhaus ca. 250.000 Tuman bekommt (der Wechselkurs für 1 Euro beträgt ca. 1.300 bis 1.400 Tuman) bekommt, kann er im privaten Bereich je nach Berühmtheitsgrad die zehn-, zwanzig oder dreißigfache Summe verlangen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Ärzteschaft sich in erster Linie für den privaten Sektor interessiert. Was für Konsequenzen hatte nun diese Tatsache für die Stadt …? Bevor ich diese Frage beantworte, muss ich noch auf die Anzahl der jährlichen Arbeitstage in der Islamischen Republik Iran eingehen.

Wie du es besser weißt, haben wir 14 fehlerfreie Heilige, den Propheten, seine Tochter und die zwölf Imame; von diesen lebt der letzte, der 12. Imam, weiterhin in Verborgenheit unter uns. So ergeben sich jährlich 27 Anlässe, Geburts- und Todestage zusammengerechnet, um weniger oder überhaupt nicht zu arbeiten. Dann kommt noch der Monat Ramadan hinzu. In diesem Monat fängt die Arbeit in vielen Ämtern eine Stunde später an und hört eine Stunde früher auf, damit sich die fastenden Gläubigen weniger körperlich anstrengen müssen. Dann haben wir noch die Neujahresferien. Offiziell gibt es zwar, abgesehen von den Schulen mit zwei Wochen Ferien, nur wenige Feiertage, praktisch dauert jedoch das Bummeln bzw. die Arbeitsbefreiung ca. drei Wochen. Man muss sich ja in der letzten Woche des zu Ende gehenden Jahres für die Feierlichkeiten vorbereiten. Außerdem sollte berücksichtigt werden, dass man sich an den ersten Arbeitstagen Mitte des ersten Monats des neuen Jahres von den Strapazen der Ferien erholen und die entsprechenden Begrüßungszeremonien und Glückwünschen vollziehen muss. Das ist unter anderem ein Grund dafür, wieso wir Iraner auf allen Gebieten der Wissenschaft und Technik im Vergleich zu anderen Nationen gewaltige Fortschritte gemacht haben.

Das alles habe ich aufgezählt, um dich auf eine andere Tatsache aufmerksam zu machen. Im Iran wird donnerstags (dem Samstag in Deutschland entsprechend) gearbeitet. Man muss also nur den Freitag als arbeitsfreien Tag berücksichtigen. Zählt man auch die vielen bereits erwähnten Feiertage zusammen, so ergeben sich trotzdem effektiv mindestens 250 Werktage. In jedem Operationssaal können normalerweise pro Tag zwei kardiochirurgische Eingriffe vorgenommen werden. Also kann man von ca. 400 bis 500 Operationen pro Saal ausgehen, da im Iran genügend Patienten auf der Warteliste stehen. Von den drei Sälen in dem Herzzentrum der Stadt … dient der dritte als Lager, ja du hast es richtig gelesen, als Lagerraum. Also bleiben zwei Säle übrig; man kann trotzdem von 800 bis 1000 Operationen pro Jahr ausgehen. Weißt du wie viel Patienten in … im Jahr 2007 einem herzchirurgischen Eingriff unterzogen worden sind? Ca. 300 Patienten!

Die beiden Herren Chirurgen konfrontieren die Patienten, von Todesangst und Ungewissheit geplagt, mit der Tatsache, dass ihnen drei Möglichkeiten zur Wahl stehen: 1) sie können auf die Warteliste des Herzzentrums gesetzt und nach einer unbestimmten Zeit operiert werden, 2) sie können sich praktisch sofort in dem privaten Krankenhaus operieren lassen oder 3) sie müssen nach Teheran fahren. Jetzt kannst du verstehen, wieso die Kapazitäten in diesem staatlichen Herzzentrum brachliegen.

Das ist nur ein Aspekt der menschenunwürdigen Zustände bei uns. Ein anderer Aspekt sind die Absprachen zwischen den Kardiologen und den Herzchirurgen. Der Herzchirurg ist darauf angewiesen, dass der Kardiologe ihm Patienten zuweist. Das macht der Kardiologe ja nicht aus purer Nächstenliebe. Nein, beträchtliche Summen werden vereinbart, damit die "Kooperation" laufen kann. Der Herzchirurg zahlt, der Kardiologe schickt die Patienten.

Ich könnte dir noch viel schreiben, über die miserablen Verhältnisse in der Kindertagesstätte dieses Herzzentrums der Provinzhauptstadt, über die Bibliothek, über die Wäscherei und Näherei, über die Poliklinik und über vieles mehr. Das schmerzhafte ist, dass dieses Krankenhaus ein staatliches Musterspital darstellt. In derselben Stadt existiert ein weiteres großes Krankenhaus, das Imam Khomeini-Hospital, wo wesentlich schlechtere Verhältnisse zu beobachten sind. Wenn ich dir schreibe, dass in dem letzteren die Decke in einem der Operationssäle leckt oder ein grünes Operationstuch wochenlang als Ersatz einer zerbrochenen Glasscheibe dienen musste, oder dass der Kühler die Außenluft direkt in den Operationsraum hineinbläst, wirst du mir bestimmt nicht glauben können. Wir leben halt im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Während in Teheran private Krankenhäuser existieren, die wie ein luxuriöses Hotel ausgestattet sind, mit VIP-Raum (Abkürzung für "very important person") und Marmor, oder Wohnungen in Nobelhochhäusern zu finden sind, die 800 Quadratmeter groß sind, mit integriertem Swimming-Pool versteht sich, wirst du gleichzeitig mit erbärmlichen Angeboten für das normale Volk im Gesundheitswesen und anderen sozialen Bereichen konfrontiert.

Die Iraner haben gelernt, gegen diese tristen Zustände und zur Ablenkung bestimmte Mittel einzusetzen. Hierzu gehören das gesellige Zusammensein in der Großfamilie oder mit Bekannten, die Flucht an den Wochenenden in die Natur und der Humor, der immer wieder an Galgenhumor grenzt. Hierzu möchte ich dir zum Schluss einen Witz erzählen, damit du mit einem Lächeln meinen Brief beiseite legen kannst: ein Iraner starb und wurde damit konfrontiert, sich zwischen der US-amerikanischen und der iranischen Hölle zu entscheiden. Auf erfreulichere Verhältnisse hoffend verlangte er, dass man ihm zunächst die amerikanische Hölle zeigt. Schon aus der Ferne waren qualvolle Schreie zu hören. So bat er darum, sich auch die iranische Hölle anschauen zu können. Hier herrschte Gelassenheit und sogar Freude. Musik, Gesang und Gelächter waren zu vernehmen. Erstaunt fragte er einen Bewohner der iranischen Hölle nach dem Grund der bestehenden, unerwarteten Verhältnisse, denn er war bislang davon ausgegangen, dass man in der Hölle mittels eines Trichters Teer in den Mund eingeschüttet bekommt, mit einer Fackel angezündet wird und immer wieder auf das Neue brennen muss. Der Hölleninsasse sagte gelassen: "Hier haben wir halt wie auf der Erde iranische Verhältnisse. An dem einen Tag fehlt der Trichter, an dem anderen Tag fehlt der Teer, an anderen Tagen ist keine Fackel zu finden, und wenn diese Sachen alle vorhanden sind, dann fehlt der Engel, der die Bestrafung durchführen muss!

In meinem nächsten Brief werde ich dir über die Situation der Rentner im Iran berichten.

Bleib gesund. Viele Grüße

Dein …


Die Autorin Afsane Bahar über sich selbst:

Ganz kurz möchte ich zu meiner Person etwas erwähnen. Seit Jahren lebe ich in Deutschland und bin ärztlich tätig. Meine Eltern, inzwischen 70 bzw. 80 Jahre alt, leben im Iran, und ich möchte sie weiterhin besuchen dürfen. "Afsane" bedeutet Fabel, Märchen oder Legende. Und "Bahar" ist der Frühling, die frohe Botschaft, dass die Wurzeln trotz des Verlustes der Blätter im Herbst und trotz der klirrenden Kälte im Winter intakt sind und das Leben weitergeht. So ist "Afsane Bahar" zustande gekommen.

Erwarten Sie nicht, dass ich ein neutraler, unparteiischer Beobachter sein werde. Nein, ich habe so viele schmerzenden Narben im Gesicht, auf dem Rücken, auf den Fußsohlen und Händen und eine Vielzahl von noch hässlicheren inneren Wunden, die man nicht sehen kann, so dass Neutralität ein Fremdwort sein wird. Ich werde jedoch versuchen, fair zu bleiben.

"Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran" von Afsane Bahar wird fortgesetzt. Die bisher veröffentlichten Teile finden sich unter:

Veröffentlicht am

30. Oktober 2009

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