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Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran (Teil 3): Dorothee - Die deutsche Buchhändlerin in Teheran

Von Afsane Bahar, Oktober 2009
 

So sind die Schicksalswege dieser rauen Welt
heute wirst du sanft in den Sattel gehoben
und morgen wird dir der Sattel auf die Schultern gelegt.

Ferdosi

Es ist die letzte Septemberwoche des Jahres 2008. Vor wenigen Tagen haben die iranischen Schulen mit dem Herbstbeginn ihre Arbeit wieder aufgenommen. Der Sohn meines Vetters, Omid (Hoffnung), geht dieses Jahr in die dritte Klasse. Zu meiner Zeit wurde viel Wert auf die Schönschrift gelegt. In der Abschlussprüfung der Grundschule am Ende des fünften Schuljahres gab es auch eine Note für dieses Fach. Für Omid möchte ich Übungshefte für die persische Schönschrift besorgen und so lerne ich Dorothee kennen. Der Buchladen befindet sich in der …straße im Norden Teherans. Vor 35 Jahren gab es hier noch viel Bauland und eine Vielzahl von Gartenanlagen. Inzwischen beherrschen Beton und Stahl das Stadtbild.

Ich trete in den Buchladen ein und stelle fest, dass dieser von drei Frauen geführt wird, einer jüngeren Dame Anfang zwanzig und zwei Damen schätzungsweise Mitte fünfzig. Ich frage nach den Übungsheften und werde von einer der älteren Damen bedient. Sie trägt einen bunten Schal als Kopfbedeckung, ihr grau-weißes Haar fällt auf. Sie führt mich zu einem Bücherregal und zeigt mir zwei verschiedene Hefte. Ihr Akzent verrät, dass sie eine Ausländerin sein muss. Beim Bezahlen der Übungshefte frage ich sie vorsichtig nach ihrer Herkunft und kann daraufhin das Gespräch auf Deutsch fortsetzen.

Dorothee wurde in Nürnberg geboren, wo sie auch die Grundschule besuchte. Ihr Vater arbeitete als Ingenieur für ein deutsches Unternehmen. So war die Familie mehrere Jahre in Kairo und später in Teheran. Hier besuchte sie die Deutsche Schule Teheran. Anfang der 70er Jahre kehrte die Familie nach Deutschland zurück. Dorothee machte in Nürnberg Abitur und ging anschließend nach Göttingen, wo sie Arabistik und Iranistik studierte. In Göttingen lernte sie ihren späteren Mann, Mehrdad, einen iranischen Studenten der Landwirtschaft, kennen. Ihr Mann war politisch aktiv. Nach dem Sturz des Schahs gingen sie voller Hoffnung nach Teheran. Er bekam als Hochschuldozent eine Stelle und sie konnte als Dolmetscherin für einige Übersetzungsbüros arbeiten.

Im Frühjahr 1980 wurde die so genannte Kulturrevolution initiiert und führte zu einer breiten "Säuberung". Liberale und linke Hochschuldozenten mussten ihre Büros räumen und wurden über Nacht arbeitslos. Ihr Mann war auch von dieser "Säuberung" betroffen. 1982 wurde er wegen seiner politischen Tätigkeit verhaftet. Mehrere Monate hatte sie keine Informationen über ihn und verbrachte immer wieder vergebens die Zeit vor den Türen verschiedener Gefängnisse in Teheran, nach ihrem Mann fragend. Schließlich wurde ihr mitgeteilt, dass ihr Mann sich im berüchtigten Ewin-Gefängnis befindet. Das Zittern ging weiter. Ihr Mann wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. 1986 wartete sie vergeblich auf seine Freilassung. Wie eine Vielzahl weiterer Aktivisten blieb er trotz Ablauf der Strafzeit in Haft, da er nicht die entsprechenden Reueerklärungen unterschrieben hatte. Wie ein Wunder überlebte er die große Hinrichtungswelle politischer Häftlinge, die auf Geheiß Khomeinis in iranischen Gefängnissen vollstreckt wurde. 1989 kam er endlich frei. In der Zwischenzeit hatte Dorothee zum Lebensunterhalt angefangen, neben ihrer Tätigkeit für die Übersetzungsbüros als Sprachlehrerin Privatunterricht zu geben.

Die ersten Monate nach der Freilassung ihres Mannes beschreibt Dorothee als besonders schwierig. Er brauchte viel Zeit zur Umstellung und Verarbeitung des Geschehenen. Als ehemaliger politischer Häftling war ihm der Weg für jegliche staatliche Anstellung gesperrt. Anfangs erteilte er auch Privatunterricht. Später fand er mit viel Glück eine fachfremde Anstellung bei einem Privatunternehmen.

Ich frage Dorothee, wie sie zum Buchhandel gekommen ist. In den schweren Jahren der Gefangenschaft ihres Mannes kamen Bekanntschaften und Freundschaften mit den Familien anderer Häftlinge zustande. So entstand auch die Freundschaft mit Schirin, einer ehemaligen Biologielehrerin.

"Ich fühlte mich mit diesem Land verbunden. Trotz oder gerade wegen der ganzen Last, die ich in den schrecklichen Jahren der Gefangenschaft meines Mannes begleitet von der Last des achtjährigen Iran-Irak-Krieges aushalten musste, bildete sich eine tiefe Verwurzelung. Mein Mann war mit seiner Anstellung nicht zufrieden. Schirin war inzwischen verwitwet. Ein Verwandter von Schirin, der den Buchhandel leitete, wollte ins Ausland übersiedeln und suchte nach einem Käufer. So ergab es der Zufall, dass wir, Schirin, mein Mann und ich, das Wagnis eingingen und den Buchhandel mit finanzieller Unterstützung unserer Familien übernahmen. Die junge Frau, die uns hilft, ist die Tochter von Schirin. Inzwischen sind wir relativ fest verankert und haben unsere Stammkundschaft."

Zu meiner Überraschung finde ich eine Reihe von Übersetzungen der Werke ausländischer Autoren in verschiedenen Buchläden in Teheran, u.a. Werke von Simone de Beauvoir, Erich Fromm, Erich Fried, Romain Rolland, Sigmund Freud, Jean-Paul Sartre, Friedrich Nietzsche, Franz Kafka, auch von Marx und Lenin. Dorothee schmunzelt auf meine Frage bezüglich dieser Werke und schlägt einige Bücher, die sie auch führt auf: "Im Iran leben bald 80 Millionen Menschen. Während billige Gebetsbücher Dank finanzieller Spritzen eine Auflage von mehreren Zehntausend finden und mehrfach neu aufgelegt werden, haben seriöse Bücher wie diese eine Auflage von 1000, 1500 oder 3000. Es macht auf dem ersten Blick einen guten Eindruck, diese Übersetzungen zu finden, was von dem unermüdlichen Einsatz und der großen Zuversicht iranischer Denker bezüglich der Zukunft dieser Nation zeugt. Beim zweiten Blick kommt jedoch die Ernüchterung."

Dorothee ist neben der Tätigkeit im Buchladen zusammen mit Schirin und anderen Gleichgesinnten mit Basisprojekten für Frauen und Kinder in Teheran beschäftigt: "Mächtig ist der Wissende, durch das Wissen ist der alte Weise innerlich jung, sagte einst der große iranische Dichter Ferdosi. Es werden Herrscher verschiedener Färbung kommen und gehen, so lange tiefgreifende kulturelle Änderungen nicht vollzogen sind, können wesentliche Umwälzungen im Sinne der Gerechtigkeit und Freiheit jedoch nicht erwartet werden. Hierzu ist Basisarbeit vonnöten."


Die Autorin Afsane Bahar über sich selbst:

Ganz kurz möchte ich zu meiner Person etwas erwähnen. Seit Jahren lebe ich in Deutschland und bin ärztlich tätig. Meine Eltern, inzwischen 70 bzw. 80 Jahre alt, leben im Iran, und ich möchte sie weiterhin besuchen dürfen. "Afsane" bedeutet Fabel, Märchen oder Legende. Und "Bahar" ist der Frühling, die frohe Botschaft, dass die Wurzeln trotz des Verlustes der Blätter im Herbst und trotz der klirrenden Kälte im Winter intakt sind und das Leben weitergeht. So ist "Afsane Bahar" zustande gekommen.

Erwarten Sie nicht, dass ich ein neutraler, unparteiischer Beobachter sein werde. Nein, ich habe so viele schmerzenden Narben im Gesicht, auf dem Rücken, auf den Fußsohlen und Händen und eine Vielzahl von noch hässlicheren inneren Wunden, die man nicht sehen kann, so dass Neutralität ein Fremdwort sein wird. Ich werde jedoch versuchen, fair zu bleiben.

"Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran" von Afsane Bahar wird fortgesetzt. Die bisher veröffentlichten Teile finden sich unter:

 

Veröffentlicht am

27. Oktober 2009

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