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Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran (Teil 2): Simin - Die “Silberne”

Von Afsane Bahar, September 2009
 

My friend, do not worry uselessly about this world
Do not worry needlessly about this worn-out world
As all that has been is passed, and all that will be is not
Be merry, do not worry about what has been and what has not yet been

Omar Khayyam

 

Simin, die "Silberne", treffe ich zum ersten Mal auf der Jahrestagung der Iranischen Gesellschaft für Herzchirurgie 2007 in Teheran. Die Tagung wird in Kooperation mit deutschen Kardiologen und Herzchirurgen veranstaltet. Es sind eine Reihe von deutschen Ärzten eingereist, halten Vorträge und leiten zusammen mit ihren iranischen Kollegen die Sitzungen. Unter anderem sind der Herzchirurg Prof. J. Cremer, Chefarzt an der Universitätsklinik Lübeck und Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und Gefäßchirurgie sowie der Kardiologe Prof. S. Achenbach aus Erlangen, führend auf dem Gebiet der kardiologischen CT-Diagnostik anwesend. Die Sprache des Kongresses ist selbstverständlich Englisch.

Simin ist Fachärztin für Radiologie mit spezieller Ausbildung in der kardialen Diagnostik. Sie ist halbtags an dem ältesten iranischen Herzzentrum tätig, das als Forschungs-, Ausbildungs- und Therapiestätte bereits unter Schah Mohammad Reza mit Unterstützung englischer Architekten gebaut wurde, für die damalige Zeit ein visionäres Projekt. Inzwischen werden hier täglich Patienten in allen Lebensaltern in 11 Operationssälen herzchirurgischen Eingriffen unterzogen. Nachmittags arbeitet sie in ihrer Privatpraxis, wo sie zwei Arzthelferinnen und einen Röntgenassistenten eingestellt hat.

Simin hält einen Vortrag über den perioperativen Einsatz der CT-Diagnostik in der Herzchirurgie. So lerne ich sie kennen. Eine offene, warmherzige Ärztin, die sicher nicht zu dem in Deutschland vermittelten Bild der schwarz verhüllten Frauen passt. Nach der Sitzung kommen wir zunächst wegen ihrer Studie ins Gespräch. Bald reden wir aber über ganz andere Themen. Schon nach wenigen Minuten weiß ich, dass ich in ihr eine Freundin gefunden habe. Obwohl wir in zwei verschiedenen Gesellschaften aufgewachsen sind, finden wir leicht dieselbe Wellenlänge. Sie äußert den Wunsch, in Deutschland eine kurze Hospitation an einer kardiologischen Universitätsklinik mit CT-Diagnostik machen zu wollen. Ich biete ihr an, die entsprechenden Verbindungen zu knüpfen und wenige Wochen später ist alles arrangiert. Sie besucht wenige Monate danach vier Wochen lang eine deutsche Universitätsklinik.

Am selben Abend sitze ich zusammen mit ihrer Familie bei ihr zuhause am Esstisch und genieße persische Spezialitäten. Sie wohnt zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in einem noblen Hochhaus in einem nördlichen Bezirk von Teheran, wenige hundert Meter Luftlinie von dem ehemaligen Palast der Pahlawi-Dynastie entfernt. Die älteren zwei Töchter führen uns iranische und europäische Klavierstücke vor. Inzwischen interessieren sich viele Familien aus der mittleren und gehobenen Schicht für die musikalische Erziehung ihrer Kinder; neben Klavier machen hier klassische iranische Streichinstrumente den Renner.

Die ältere Tochter ist siebzehn Jahre alt. Sie ist bereits im Rahmen eines Schulprojektes in Berlin gewesen und erzählt mir von ihren Erfahrungen in dieser Großstadt, die im Vergleich zum Moloch Teheran klein erscheint. Ich bin zutiefst erstaunt über die Weltoffenheit dieser jungen Dame, die ja in der Islamischen Republik aufgewachsen ist. Ohne Übertreibung muss ich feststellen, dass sie im Vergleich zu ihren deutschen Gleichaltrigen wesentlich reifer ist und eine erheblich differenzierte Betrachtungsweise aufweist. Trotz der strengen, regimetreuen Erziehung in der Schule, zeigt sie einen kritischen, fundierten Standpunkt bezüglich der Religion und der Politik. Dank des strengen Religionsunterrichts in der Schule besitzt sie gute Kenntnisse über den Koran und die Religionsgeschichte. Ich muss immer wieder herzlich lachen, wenn sie die althergebrachten Betrachtungen in Kakao zieht. Ihre Lebensfreude und Weltoffenheit hat sie Simin und ihrem Vater zu verdanken.

Ihr Vater ist ein erfolgreicher Universitätsprofessor, der genauso wie Simin nicht in das in Deutschland übliche Schwarz-Weiß-Schema über die Iraner passt. Ich habe im Iran schnell begriffen, dass zwei Welten existieren, die offizielle, öffentliche Welt und die private Welt hinter den verschlossenen Wohnungstüren. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Welten sind beträchtlich. Draußen muss man sich konform verhalten und versuchen, nicht negativ aufzufallen. In den eigenen vier Wänden baut man sich aber die eigene Welt auf. Dank der technischen Fortschritte im Zeitalter von Internet und Satellitenfernseher werden die von dem Regime angelegten Hürden im öffentlichen Leben im Privaten relativ leicht überwunden. Es gibt eine Vielzahl iranischer Fernsehsender vor allem in den Vereinigten Staaten, die für das im Iran lebende Publikum ausstrahlen. So sind meine Gesprächspartner oft besser über neue Mode und Musik in Europa und Amerika informiert als eine wie ich im Ausland lebende Person.

Die jüngere Tochter, sechs Jahre alt, kann bereits lesen und schreiben. Man muss bedenken, dass die iranischen Kinder erst mit sieben Jahren eingeschult werden. Bald sind wir befreundet und am Ende des Abends bekomme ich von ihr ein selbst gemaltes Bild als Geschenk.

Ich frage Simin, wie sie das alles schafft. Sie weist auf die Einstellung ihres Mannes hin, der an der Kindererziehung aktiv beteiligt ist. Außerdem arbeitet tagsüber eine Hilfskraft bei ihr zuhause und erledigt den Haushalt. Hinzu kommt, dass ihre Mutter gelegentlich einspringt, wenn sie und ihr Mann nicht zuhause anwesend sein können.

Auch über ihre Zukunftspläne frage ich Simin. Wie in den meisten iranischen Familien stehen auch hier die Kinder im Mittelpunkt. Es wird viel Wert auf eine gute Hochschulausbildung gelegt. Sollte die ältere Tochter einen Studienplatz für Medizin an einer Universität in Teheran bekommen, so wird die Familie weiterhin im Iran bleiben. Das wäre der Plan A. Sie und ihr Mann haben aber bereits alle Vorkehrungen für eine Übersiedlung der gesamten Familie nach Kanada getroffen, halt als Plan B.


Die Autorin Afsane Bahar über sich selbst:

Ganz kurz möchte ich zu meiner Person etwas erwähnen. Seit Jahren lebe ich in Deutschland und bin ärztlich tätig. Meine Eltern, inzwischen 70 bzw. 80 Jahre alt, leben im Iran, und ich möchte sie weiterhin besuchen dürfen. "Afsane" bedeutet Fabel, Märchen oder Legende. Und "Bahar" ist der Frühling, die frohe Botschaft, dass die Wurzeln trotz des Verlustes der Blätter im Herbst und trotz der klirrenden Kälte im Winter intakt sind und das Leben weitergeht. So ist "Afsane Bahar" zustande gekommen.

Erwarten Sie nicht, dass ich ein neutraler, unparteiischer Beobachter sein werde. Nein, ich habe so viele schmerzenden Narben im Gesicht, auf dem Rücken, auf den Fußsohlen und Händen und eine Vielzahl von noch hässlicheren inneren Wunden, die man nicht sehen kann, so dass Neutralität ein Fremdwort sein wird. Ich werde jedoch versuchen, fair zu bleiben.

"Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran" von Afsane Bahar wird fortgesetzt. Die bisher veröffentlichten Teile finden sich unter:

Veröffentlicht am

24. Oktober 2009

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