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Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran (Teil 1): Eine Brise aus dem Land der Versöhnung

Von Afsane Bahar

Es ist Anfang Oktober. Die Temperaturen sind für die deutschen Verhältnisse recht sommerlich. Wir fahren nach Igol. In dem Auto, in dem ich sitze, sind meine Kusine, ihr vierzehnjähriger Sohn, ihr Mann und mein Vetter. Es sind weitere drei Autos unterwegs. Wir haben auch kleine Kinder - zwei, sechs und zehn Jahre alt - bei uns. Eigentlich ist Igol der Name einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Teheran im Elburs-Gebirge, oder so wie die Iraner es aussprechen: "Albors". Wir werden aber mit der hügeligen Umgebung dieser Ortschaft was zu tun haben. Geplant ist eine Wanderung zu einem wunderschönen Wasserfall. Die Vegetation ist im Vergleich zu Deutschland relativ karg, der Herbst hat aber eine prachtvolle Tracht vorbereitet und ich fange an, die Seele baumeln zu lassen. Doch eine Sache stört mich auch an diesem ruhigen, Ruhe spendenden Tag trotz der wohltuenden Verborgenheit in der Großfamilie. Das ist die tief sitzende Angst vor einem neuen Krieg.

Das Zauberwort heißt "Dämonisieren" bzw. "Entmenschlichen". So fängt jeder Krieg an, längst bevor die Waffen sprechen. In diesem Sinne ist der Krieg gegen den Iran voll im Gange. Die iranischen Demagogen an den Machthebeln sitzend tun auch ihr Bestes dazu, Futter für diese Propagandaschlacht zu liefern. Wenn Menschenleben nicht auf dem Plan stünde, könnte man sagen, es ist ein trauriges Spiel, was da getrieben wird. Da jedoch die Bevölkerung den Preis mit allen erdenklichen Mitteln zahlen wird, ist das Adjektiv makaber besser angebracht.

Ich denke darüber nach, ob ich dem deutschen Leser es vermitteln kann, dass im Iran Menschen leben mit ähnlichen Sorgen, Wünschen und Beschäftigungen. Die Informationen in deutschen Medien erzeugen oft nur ein verzerrtes Bild von den wahren Gegebenheiten im Iran. Hat man jedoch einmal begriffen, dass bei der Berichtserstattung über Kriege hinter den Fernsehbildern Menschenleben stecken, so wird man hoffentlich einmal mehr über den Sinn und Unsinn von Waffeneinsätzen nachdenken. Das ganze bespreche ich mit meinen Angehörigen und Bekannten. Im weiteren Verlauf wird ein Projekt entworfen. Meine Erinnerungen und die Beiträge meiner Bekannten sollen Bilder gegen den Krieg liefern, Momentaufnahmen aus dem Iran zur Friedensstiftung.

Ganz kurz möchte ich zu meiner Person etwas erwähnen. Seit Jahren lebe ich in Deutschland und bin ärztlich tätig. Meine Eltern, inzwischen 70 bzw. 80 Jahre alt, leben im Iran, und ich möchte sie weiterhin besuchen dürfen. "Afsane" bedeutet Fabel, Märchen oder Legende. Und "Bahar" ist der Frühling, die frohe Botschaft, dass die Wurzeln trotz des Verlustes der Blätter im Herbst und trotz der klirrenden Kälte im Winter intakt sind und das Leben weitergeht. So ist "Afsane Bahar" zustande gekommen. Erwarten Sie nicht, dass ich ein neutraler, unparteiischer Beobachter sein werde. Nein, ich habe so viele schmerzende Narben im Gesicht, auf dem Rücken, auf den Fußsohlen und Händen und eine Vielzahl von noch hässlicheren inneren Wunden, die man nicht sehen kann, so dass Neutralität ein Fremdwort sein wird. Ich werde jedoch versuchen, fair zu bleiben.

Beginnen möchte ich mit der sinngemäßen Übersetzung eines Gedichtes von Fere’ydun Moschiri, der als Dichter der Liebe und Gewaltfreiheit im Iran verehrt wird. Er hat eine klare, einfache, verständliche und doch markante Sprache.

Moschiri wurde im Sommer 1926 in Teheran geboren. Die Schule besuchte er in Teheran und von 1934 bis 1941 in Maschhad. Er absolvierte die Technische Ausbildungsstätte des Ministeriums für Post, Telegraf und Telefon und arbeitete anschließend bis Frühjahr 1978 in diesem Ministerium.

Bereits im Jahre 1944 wurde ein Gedicht von Moschiri veröffentlicht. In den folgenden Jahren kooperierte er mit verschiedenen Zeitschriften sowie mit dem iranischen Rundfunk und veröffentlichte eine Reihe von Büchern. 1965 holte er die Hochschulreife nach und besuchte dann die Universität Teheran. Ab 1971 war er zu Lesungen und aus anderen literarischen Anlässen auch im Ausland unterwegs.

1954 heiratete Moschiri eine Studentin der Kunst an der Universität Teheran, Frau Achawan. Aus der Ehe ging ein Sohn hervor namens Babak. Moschiri verstarb im Herbst 2000 im Iran. Seine gesammelten Gedichte sind in zwei Bänden unter dem Titel "Widerspiegelung des morgendlichen Atems" erschienen.

Eine Brise aus dem Land der Versöhnung

Also, sollte mir eines Tages jemand die Frage stellen
"Was hast du in deiner Zeit auf der Erde gemacht?"
schlage ich ihm meine Akte auf
weinend und lachend, erhebe ich mein Haupt
dann sage ich, er hat neues Samenkorn ausgesät
bis es erblüht, bis es Früchte trägt, wird noch viel Zeit vergehen.

Unter diesem unendlichen blauen Himmel
soweit ich die Kraft hatte, in jedem Gesang
wiederholte ich den erhabenen Namen der Liebe
mit dieser müden Stimme habe ich, vielleicht, einen Schlafenden
in den vier Himmelsrichtungen dieser Welt aufgeweckt.

Ich verehrte die Liebe
bekämpfte die Bosheit.

Ich litt beim "Verwelken eines Blumenzweiges"Hier bezieht sich Moschiri auf seine Gedichte aus dem Band "Glaube dem Frühling".
trauerte den "Tod des Kanarienvogels im Käfig"Siehe Fußnote 1.
starb jede Nacht hundert Mal wegen des Leides der Menschen.

Ich schäme mich nicht, wenn ich wie Messias
wenn man aus dem Herzen schreien muss
mit Geduld den Kummer ertrug.

Aber im Gefecht mit den Törichten
wenn ich das Schwert ergreifen musste
nimm es mir nicht Übel, ging ich den Weg der Liebe
in meinen Augen bedeutet das Schwert in der Hand
dass man jemanden umbringen kann.

Auf dem schmalen Pfad, den ich bestritt
wütete die Finsternis des Unwissens
der Glaube an den Menschen war meine Leuchte
das Schwert war in Ahrimans"Ahura Masdah" und "Ahriman" sind zwei Gestalten in der alten iranischen Religion stellvertretend für das Gute und das Böse. Hand
meine einzige Waffe auf diesem Schlachtfeld war das Wort.

Wenn mein Gedicht bei keinem das Feuer entfachte
so verbrannte mein Herz von beiden Seiten, wie das nasse Holz
lies eine Seite aus dieser Akte, vielleicht wirst du dann sagen
"Kann man noch mehr als das verglühen?"

Endlose Nächte schlief ich nicht
die Botschaft des Menschen teilte ich dem Menschen mit
mein Gesagtes enthielt eine Brise aus dem Land der Versöhnung
im Dornengestrüpp der Feindseligkeiten
musste vielleicht ein starker Taifun auftreten
um diese Bosheiten zu entwurzeln.

Unsere Weisen vor unserer Zeit sagten ermahnend:
"Es ist zu spät… es ist zu spät…
der Finsternis der Erdenseele gegenüber
ist die Kraft Hunderter wie wir nur ein Schrei in der Wüste
ein neuer Noah ist von Nöten und eine neue Sintflut"Hier bezieht sich Moschiri auf Gedichte der iranischen Dichter Nimtaj Salmasi und Hafis.
"Eine neue Welt muss erschaffen werden
und eine neue Menschheit auf jener Welt"Siehe Fußnote 4.

Aber dieser einsame, geduldige Mann streitet immer noch voran
mit seinem Rucksack voller Leidenschaft den Weg
um aus der Tiefe dieser Finsternis ein Licht hervorzuheben
setzt in jede Ecke eine Kerze seines Gedichtes
hofft immer noch auf das Wunder des Menschen.

"Bilder gegen den Krieg. Momentaufnahmen aus dem Iran" von Afsane Bahar wird fortgesetzt. Die bisher veröffentlichten Teile finden sich unter:

Fußnoten

Veröffentlicht am

21. Oktober 2009

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