Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Zum 80. Geburtstag von Dorothee Sölle: Leben in seiner Fülle

Die Theologin und Schriftstellerin Dorothee Sölle wäre am 30. September 2009 80 Jahre alt geworden. Mit ihrem Tod am 27. April 2003 hat sie eine tiefe Lücke hinterlassen. Dorothee Sölle trat kompromisslos für eine gerechte Weltordnung ein und wandte sich entschieden gegen militärische Gewalt. Sie war eine wichtige Vordenkerin einer politischen, feministischen und befreienden Theologie. An Unrecht und jeder Form von Diskriminierung hat sie zutiefst gelitten. Sich nicht "den Luxus der Hoffnungslosigkeit leisten" war ihre wichtige Mahnung an unsere westliche Welt.

Wir erinnern an Dorothee Sölle mit der Veröffentlichung eines Vortrags, den sie bei der VI. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Vancouver im Jahre 1983 hielt. Dieser Beitrag hat nichts von seiner aufrüttelnden Kraft für die ökumenische Bewegung verloren.

"Leben in seiner Fülle"

Von Dorothee Sölle

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Erde kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte, die einige von uns Deutschen noch nicht vergessen konnten; einem Land, das heute, 1983, die größte Dichte von Atomwaffen in der Welt bereithält. Ich möchte Ihnen etwas sagen über die Ängste, die in meinem wohlhabenden und militaristischen Land herrschen; ich spreche zu Ihnen aus Zorn, in Kritik und mit Trauer. Dieser Schmerz über mein Land, diese Reibung an meiner Gesellschaft, kommt nicht aus Willkür oder weil ich sonst nichts Besseres zu tun hätte, er wächst vielmehr aus dem Glauben an das Leben der Welt, das mir in dem armen Mann aus Nazareth begegnet ist, der weder Reichtum noch Waffen besaß. Dieser arme Mann stellt das Leben der Welt vor unsere Augen und weist uns auf den Grund des Lebens hin, auf Gott. Christus ist die Exegese Gottes, die Auslegung, die uns verstehen macht, wer Gott ist (Joh 1,18).

Ich meine das nicht im Sinne eines religiösen Imperialismus, als gäbe es keine anderen Auslegungen Gottes in anderen Religionen, wohl aber im Sinne einer unbedingten Verpflichtung, uns auf diesen Jesus Christus einzulassen, wenn wir das Leben der Welt und nicht den Tod suchen.

Christus kam in die Welt, damit alle Menschen Leben haben und es in Fülle haben, oder in einer anderen Übersetzung, damit "sie leben können und im Überfluss finden, was sie brauchen" (Joh 10,10). Was ist dieses "Leben in seiner Fülle"? Wo findet es statt? Wer lebt es denn? Ich sehe zwei Formen seiner Zerstörung in unserer Welt, äußere Armut und innere Leere.

Für rund zwei Drittel der menschlichen Familie gibt es kein "Leben in seiner Fülle", weil sie in Armut, nackter ökonomisch bedingter Verarmung an der Grenze zum Tod leben. Sie haben Hunger, sie sind ohne Obdach, sie haben keine Schulen und keine Medizin für ihre Kinder, kein reines Wasser zu trinken, keine Arbeit - und sie wissen nicht, wie sie ihre Unterdrücker loswerden können. Die Handelsverträge und internationalen Beziehungen werden von der Ersten reichen Welt über die Armen verhängt, sie stürzen sie in täglich schlimmer werdendes Elend. Der Kampf ums Überleben zerstört das erfüllte Leben, den Schalom Gottes, von dem die Bibel spricht: in dem Menschen keine Sorge um die tägliche Nahrung haben, in dem sie gesund sind, nicht von Feinden bedroht werden und ein langes Leben in der Familie und der Gemeinschaft genießen. "Langes Leben ist zu ihrer rechten Hand, zu ihrer Linken ist Reichtum und Ehre", wie es in den Sprüchen Salomos heißt (Spr 3,16). Armut zerstört dieses allen versprochene Leben.

Ich möchte hier den Brief einer brasilianischen Frau vorlesen, den sie einer Nonne diktiert hat, weil sie selber nicht schreiben kann:

"Ich, Severina, stamme aus dem Nordosten. Dort in meinem Land sind mir zwei Babys gestorben, weil ich keine Milch hatte. Eines Tages habe ich in meinem Dorf 42 kleine Särge zum Friedhof tragen gesehen. Meine Schwägerin, die sehr arm war, hat 17 Kinder gehabt: drei davon sind ihr am Leben geblieben, alle anderen sind zwischen einem und vier Jahren gestorben. Von den drei Lebenden sind zwei nicht normal. Bei den Entbindungen war ich bei ihr, und manchmal gab es nicht einmal ein Stück frische Leinwand, um das Baby einzuwickeln.

Bei vielen, ja Tausenden Familien sieht es so aus: Zehn oder 15 Kinder, und von den zehn sterben fünf oder sechs. Tatsächlich gibt es Priester, die uns sagten: ‘Wenn ihr sieben Kinder habt, die ganz klein gestorben sind, seid ihr glücklich: Ein Kranz von Engeln erwartet euch im Himmel.’ Aber wer weiß wirklich, was es für eine Frau heißt, zehnmal oder vielleicht noch öfter neun Monate lang ein Kind zu erwarten, davon die ersten drei Monate weinend, weil man es doch nicht würde großziehen können? Denn soll man es dafür lieben, um es nach vier Monaten verhungern zu sehen?"

Christus ertrug das Elend der Menschen nicht

Sollte das tatsächlich gemeint sein, wenn man von "der menschlichen Würde" spricht? Ich sehe, dass Christus im Evangelium, das mir Claudia und Vera oft vorlesen, sicher die Armut liebte; aber das Elend der Menschen, das ertrug er nicht. Es besteht ein Unterschied darin, ob man arm ist oder ob man seinem Baby nichts anderes als gezuckertes Wasser geben kann, und man gibt ihm Wasser und weiß, dass es sterben wird.

Christus ist gekommen, damit alle "Leben in Fülle haben", aber die absolute Verarmung, die innerhalb einer technologisch entwickelten Welt ein Verbrechen ist, zerstört Menschen physisch, geistig, psychisch und auch religiös, weil sie die Hoffnung vergiftet und den Glauben zu einer Fratze, zu einer ohnmächtigen Apathie macht. Zwischen Christus, der die Fülle des Lebens für alle bedeutet, und den Verarmten schiebt sich die Ausbeutung als die Sünde der Reichen, die versuchen, das Versprechen Christi zu zerstören. Christus sagt im Johannesevangelium im Zusammenhang mit der "Fülle des Lebens": "Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden, und er wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu töten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Fülle haben." (Joh 10,9-10)

Christus und "der Dieb" stehen einander gegenüber. Der Dieb kommt, um die Armen auszuplündern, dass sie sterben. Christus ist um der Fülle des Lebens willen gekommen. Aber es wäre eine Art kindisches Christentum, wenn wir einfach abwarten, ob der Dieb oder Christus zu uns kommt. Wir sind beteiligt an diesen beiden Projekten der Ausplünderung oder der Fülle von Leben. Wir partizipieren entweder an der Sendung Christi oder an dem, was der Dieb mit der Welt vorhat. Solange wir nur Opfer oder nur Zuschauer in diesem Kampf um Gerechtigkeit sind, unterstützen wir den Dieb und seine Verbrechen. Im Kampf für eine gerechtere Welt dagegen nehmen wir teil am Schöpfungsplan Gottes, der uns die Erde anvertraut hat, so dass sie Leben in Fülle für alle gebe.

Leben in seiner Fülle ist in der absoluten erzwungenen Armut unmöglich. Aber auch innerhalb der Ersten reichen Welt gibt es wenig erfülltes Leben und statt dessen eine sich immer weiter ausbreitende innere Leere. Nicht materielle Verelendung, sondern psychische Leere schiebt sich hier zwischen Christus und die Mittelklasse der ersten Welt. Das sinnlose Leben, von vielen sensiblen Einzelnen seit dem Beginn der Industrialisierung wahrgenommen, ist heute eine Massenerfahrung der Menschen in der Ersten Welt: Nichts freut, nichts schmerzt sie tief, die Beziehungen zu anderen sind oberflächlich und austauschbar, die Hoffnungen und Wünsche reichen gerade noch bis zur nächsten Urlaubsreise. Die Arbeit der meisten ist unbefriedigend, sinnlos und langweilig. Wir sind von Gott als arbeits- und liebesfähige Männer und Frauen geschaffen worden. In unserer Arbeit und in unserer Sexualität, im weitesten Sinn des Wortes, nehmen wir an der Schöpfung teil; Fülle des Lebens bedeutet auch, ein arbeitender und ein liebender Mensch zu werden. Das Leben der meisten in der Ersten Welt gleicht aber eher einem gestreckten Tod, der viele Jahre andauern kann. Es ist schmerzfrei, es gibt ja genug Pillen; es ist gefühlsfrei: "Sei nicht so emotional", ist in unserer Sprache ein Schimpfwort, es ist gnadenlos, weil das Leben als selbsterarbeitet angesehen wird und nicht als Geschenk des Schöpfers; es ist ein Leben ohne Seele in einer Welt, die alles in Tauschwerten ausrechnet; nichts ist in sich selber schön und glückversprechend, es zählt nur, was man dafür bekommt. Wir sind leer und gleichzeitig angefüllt mit überflüssigen Waren und Gütern. Es besteht eine seltsame Beziehung zwischen den vielen Dingen, die wir besitzen und konsumieren, und der Leere unseres wirklichen Daseins. Wenn Christus gekommen ist, damit wir die Fülle des Lebens gewinnen, so ist der Kapitalismus gekommen, um alles zu Geld zu machen: das ist der gestreckte Tod, den wir in den leeren Gesichtern sehen. Denken sie an eine Autoschlange, jeder und jede sitzt allein in ihrer Blechschachtel und schiebt sich langsam und aggressiv vorwärts. Frustration und Hass auf die vor mir und die hinter mir sind ganz normal. Das ist ein Bild für die Leere des Lebens innerhalb der reichen Welt.

Die Leere eines Mittelklasse-Lebens

Im Evangelium steht die Geschichte von dem reichen Jüngling, der scheinbar die Fülle des Lebens in Gestalt vieler Güter besitzt und der doch von der inneren Leere seines Lebens eingeholt wird. Es geht ihm gut. Er hat, was er braucht und noch viel mehr. Aber er fragt über dieses Haben und Zufriedensein hinaus. Was soll ich tun mit meinem Leben? Was muss ich tun, das ewige Leben zu erwerben? Was kann ich tun, damit mein Leben eindeutiger, radikaler, unzersplittert, ohne Kompromisse ist? Wie komme ich aus der Halbheit meiner Existenz heraus?

Ich habe einen Brief gesehen, der von einem Bruder des reichen Jünglings stammen könnte, einem normalen Menschen aus der weißen europäischen Mittelklasse. Dieser Mann schreibt: "Ich bin 35 Jahre alt, Beamter in guter Position, verheiratet. Wir haben zwei Kinder. Unsere Ehe ist soweit harmonisch. Mit den Kindern geht es gut. Ich habe alles, was ich brauche, einen sicheren und gut bezahlten Beruf, daheim ist alles in Ordnung. Aber in der letzten Zeit fühle ich mich trotzdem nicht wohl. Ich fühle mehr und mehr mein Leben leer. Mir fehlt etwas, aber ich weiß nicht was. Manchmal denke ich, dass ich alles hinschmeißen und abhauen soll. Aber dazu habe ich keine Kraft. Man kann ja nicht alles aufgeben, was man sich aufgebaut hat." Der Brief endet mit der Frage: "Was soll ich tun?"

Ich sehe diese beiden Gesichter vor mir, den Beamten aus Westdeutschland und den reichen Jüngling aus dem Neuen Testament. Sie haben alles, was sie brauchen, und doch fehlt ihnen alles. Sie gehören nicht zu den harten männlichen Erfolgstypen, sie sind nicht brutal, eher schwächlich. Sie haben ihre Stellung und ihren Reichtum nicht erworben, indem sie getötet und gestohlen haben; indem sie andere Menschen verleumdet oder mit Tricks ausgebootet haben. Sie sorgen wahrscheinlich für ihre Eltern und misshandeln ihre Frauen nicht. Sie sind höflich und allen Radikalismen abgeneigt. Beide wollen etwas mit ihrem Leben, sie wollen das Ewige Leben erwerben. Sie wollen ganz sein, unzerstückelt leben und etwas von dem Glanz der Fülle widerspiegeln. Aber ihr Leben hat keinen Glanz. Es leuchtet nicht. Da ist die Leere und dahinter sitzt der gestreckte Tod.

Der Evangelist Markus sagt, dass Jesus den reichen Jüngling ansah und ihn lieb hatte (Mk 10,21). Jesus will ihn und uns alle zu mehr Leben verlocken als zu dem, was wir bisher haben. Auch dieser reiche junge Mann könnte zur Fülle des Lebens kommen. Er weiß sogar, dass ihm etwas fehlt, dass er mehr vom Leben zu erwarten hat. Und doch ist etwas grundfalsch an seiner Idee vom Ewigen Leben. Er meint: Ich habe alles, und ich habe mich an alle Vorschriften gehalten, nur noch eins fehlt: der Sinn des Lebens, die Erfüllung, wenn das noch dazu kommt, ist alles gut.

Jesus kehrt diese Erwartung um: "Du hast! nicht zu wenig, sondern zu viel. Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen. Dann komm und folge mir nach. So wirst du einen Schatz im Himmel haben." (Mk 10,21)

Viele Menschen in der Mittelklasse sind heute auf der Suche nach einer neuen Spiritualität. Sie wollen zu dem, was sie schon haben, Ausbildung und Beruf, Erziehung und gesichertes Einkommen, Familie und Freunde, noch etwas mehr haben. Die religiöse Erfüllung, der Sinn des Lebens, die Speise der Seele, der Trost - das alles soll zusätzlich zur materiellen Sicherheit noch dazukommen. Eine Art religiöser Mehrwert für die, die eh schon überprivilegiert sind. Sie suchen die geistliche Fülle des Lebens zusätzlich zur materiellen, den Segen von oben zusätzlich zum Reichtum.

Aber Jesus weist diese fromme Mittelklassenhoffnung zurück. Die Fülle des Lebens kommt nicht, wenn du schon alles hast. Wir müssen erst leer werden für Gottes Fülle. Gib das weg, was du hast, gib es den Armen, dann hast du gefunden, was du suchst. Die Geschichte vom reichen Jüngling endet in Trauer. Trauer bei dem jungen Mann, denn er ist sehr reich und geht davon. Vielleicht wird er depressiv, vielleicht wird er demnächst anfangen zu trinken, vielleicht wird er einen Autounfall produzieren. Er hat sich von Jesus nicht zu mehr Leben, zur Fülle des Lebens, zum Verteilen des Lebens verlocken lassen.

Überflüssige Dinge machen das Leben überflüssig

An den Häuserwänden vieler Städte in Westdeutschland steht in englischer Sprache "no future"; es sind junge, sehr vitale Menschen, die dieses Gefühl tragen. Sie können sich nicht vorstellen, ein Kind in diese Welt zu setzen, sie pflanzen auch keinen Baum mehr. Leben in seiner Fülle, das Versprechen Christi, kann ihnen nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Ihre Trauer ist manchmal aggressiv nach außen und oft depressiv nach innen gewandt. Das Leben ist leer.

Auch Jesus in unserer Geschichte geht traurig weiter. "Wie schwer werden die Reichen in das Reich Gottes kommen!" (Mk 10,23) Die Fülle des Lebens, das Reich Gottes, das Ewige Leben - sie gehen kaputt am Reichtum des Besitzes, an Ausbeutung und Ungerechtigkeit. Aber der reiche Jüngling weiß das gar nicht, er lebt eine hoffnungslose Trauer und eine traurige Hoffnungslosigkeit. Warum sind so viele Menschen der reichen Welt so leer? Überflüssige Dinge machen das Leben überflüssig. Es gibt, gerade in der jüngeren Generation, einen starken Wunsch, vom Besitz allzuvieler Dinge unabhängig zu werden. Henry David Thoreau sagte: "Die Möglichkeiten des Lebens verringern sich in dem Maße, in dem die sogenannten ,Mittel’ anwachsen. Das Beste, was ein Reicher zur Pflege seiner Menschlichkeit tun kann, ist, die Wünsche zu verwirklichen, die er als armer Mensch gehegt hat."

Die Ökonomie allein kann das nicht erklären: Sie haben doch alles, sagt man, was wollen sie denn noch! Ich zweifle auch, dass die individuelle Psychologie, dieses Opium der Mittelklasse, hier etwas erklären könnte; ich glaube nicht, dass wir die Eltern des reichen Jünglings kennen sollten und ihre Beziehungen zu ihrem Sohn analysieren müssen, ehe wir seine Geschichte mit Gott verstehen. Ich denke, wir brauchen tatsächlich ein Wissen von Gott, Theologie, um das leere und sinnlose Leben der Reichen zu verstehen.

Gott ist der Grund des Lebens: Er hat den Atem des Lebens in die Menschheit gehaucht (Gen 2,7). Wenn wir uns vor Gott hinter unseren vielen Gütern verstecken, so dass Gott uns nicht berühren kann, dann sterben wir … den gestreckten Tod der Mittelklasse, der auch die Eliten in der Dritten Welt trifft. Der Reichtum hat die Funktion einer Mauer, die viel unüberwindbarer ist als die berühmte Berliner Mauer: Wir halten uns apart, wir machen uns unberührbar, unsere Mauer ist schalldicht, so dass wir die Schreie der Unterdrückten und der Armen nicht hören können. Apartheid ist nicht nur ein politisches System in einem afrikanischen Land; Apartheid ist eine bestimmte Art zu denken, zu fühlen und zu leben ohne Bewusstsein von dem, was neben uns vor sich geht. Es gibt eine Art, Theologie zu betreiben, ohne dass die Armen und wirtschaftlich Ausgebeuteten jemals sichtbar werden oder zu Wort kommen - das ist Apartheidstheologie. Ich spreche hier von meiner sozialen Klasse, aber ich möchte alle aus anderen wirtschaftlichen Situationen einschließen, die denselben Idealen folgen, auch wenn sie sie noch nicht erreicht haben. Liebe Schwestern und Brüder aus der Dritten und aus der Zweiten Welt, ich bitte Euch: Folgt uns nicht. Beansprucht, was wir Euch gestohlen haben, aber folgt uns nicht. Ihr werdet sonst traurig mit dem reichen Jüngling von Christus Abschied nehmen müssen. Lasst Euch nicht auf unsere in der westlichen Welt entwickelte Vorstellung von "Fülle des Lebens" ein. Sie ist eine Lüge. Sie trennt uns von Gott, sie macht uns reich und tot.

Die psychische Leere der Reichen ist Folge der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit, von der sie profitieren. Wir haben ein System gewählt, das auf Geld und Gewalt aufbaut. Der reiche Jüngling wird in Depressionen verfallen. Er kann nichts an seinem Leben ändern, er kann sein Leben nur sichern. Er wird es immer sicherer machen müssen, damit man ihm nichts wegnehmen kann. Darum rüstet er auf, und die milde Depressivität so vieler europäischer und nordamerikanischer Kirchen ist die praktische Zustimmung zum Militarismus. Sie haben keine Hoffnung, weil sie dem Todesfrieden der Aufrüster trauen. Geld und Gewalt gehören zusammen: Wer Geld zu seinem Gott gemacht hat, der muss "Sicherheit" zur Staatsideologie machen und Aufrüstung zur politischen Priorität.

Manche Christen in unseren Ländern sagen: Was ist so schlimm daran, dass wir uns durch Rüstung sichern? Wir wollen die Bombe ja nicht anwenden, sondern nur mit ihr drohen! In Wirklichkeit aber zerstört die Bombe die Fülle des Lebens, die Christus uns versprochen hat. Sie zerstört das Leben der Armen im materiellen Sinn, und sie zerstört das Leben der Reichen im spirituellen Sinn. Sie sitzt in uns, sie hat uns besetzt. Wir können die Fülle des Lebens nicht erfahren, solange wir unter der Bombe leben, die das wichtigste Symbol unserer Welt ist und das, was unsere Politiker über alles fürchten und lieben, erforschen und bezahlen, mit anderen Worten: ihr Gott.

Der Reichtum der Reichen sind ja nicht nur ihre Güter, sondern vielmehr ihr Zerstörungspotenzial. Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten. Die Bomben, die unter der Erde gelagert sind und unter der Wasseroberfläche in U-Booten auf Anwendung warten, die Sprengstoffmengen, die für jeden Menschen auf der Erde vorgesehen sind, sind, wie ich glaube, auf Gott gerichtet. Aufrüstung bedeutet: Gott soll endlich von der Erde verschwinden. Auch die Bomben, die bisher nicht angewandt worden sind, zielen auf Gott. Der Militarismus ist der größte Menschheitsversuch, Gott endgültig loszuwerden, die Schöpfung ungeschehen zu machen und die Erlösung zur Fülle des Lebens zu verhindern.

Umkehr zur Fülle des Lebens

Wenn es wahr ist, dass überflüssige Dinge das Leben überflüssig machen, so ist der Weg der Veränderung der, ärmer zu werden. "Verkaufe, was du hast", sagt Jesus dem Reichen aus der Mittelklasse, "und gib es den Armen". Wir können die innere Leere nicht einfach mit Gott füllen, wie manche es sich in einer Art kostenloser Spiritualität erträumen, wir müssen erst äußerlich leer werden von all dem, was uns überfüllt. Leerwerden für Gott ist ein Sich-leer-machen und alle Besitztümer unserer Welt aufgeben beziehungsweise einschränken: Geld und Gewalt. Ärmer werden und mit immer weniger Gewalt auskommen, das ist die Umkehr zur Fülle des Lebens. Jesus hat versucht, dem reichen jungen Mann den Bruch mit der eigenen Welt, mit ihren Anschauungen und Werten und mit der eigenen sozialen Klasse der Privilegierten nahezulegen. Christus stellt uns vor die gleiche Frage: Wie lange werden wir noch in der Ausbeutungs- und Unterdrückungsordnung dieser Welt mitmachen, Nutznießer und Komplizen des Systems sein, das beherrscht ist von dem "Dieb, der kommt, um zu stehlen, zu töten und zu verderben?" Für mein eigenes Land ist diese Frage heute ein wenig leichter zu beantworten als noch vor drei Jahren.

Ich muss ehrlich sagen, ich hätte nicht gedacht, dass aus traditionellen Kirchen, die ich oft als ein Grab Christi empfunden habe, so viel Befreiung und Leben hervorgehen kann. Aber Gott schafft sich aus Steinen Söhne und Töchter, die zum Frieden anstiften, und warum nicht auch aus den Gemeinden.

Vor einigen Jahren haben sich viele der nachdenklichsten Menschen, die ich kenne, in die Dritte Welt gesehnt, weil die Kämpfe dort klarer, die Fronten eindeutiger, die Hoffnungen unmittelbarer sind. "Ich wünschte, ich wäre in Nicaragua", schrieb mir ein Student, "da wäre das Leben als Christ möglich". Vielen von uns erschien es so, als könne man Christus nur an der Seite der Armen finden und nicht im Kontext der Ersten Welt. Ich vermute, in dieser Sache hat sich etwas geändert. Wir leben nicht in El Salvador, aber unter der Herrschaft der NATO. In ihren Planungsbüros wird über unser Leben und das anderer Völker entschieden. Dort werden die falschen Götzen angeboten, und dorthin gehört unser Kampf. Unsere historische Aufgabe ist der Kampf für den Frieden und gegen den Militarismus. Das ist unsere Teilnahme an den Befreiungskämpfen der Dritten Welt. Niemand, der sich mit den Armen verbunden fühlt, hat heute noch Grund zu verzweifeln und sich in sinnlose Akte der Zerstörung und der Selbstzerstörung zu stürzen. Seit der neuen Hochrüstung, die die Gewaltherrschaft des Terrors verewigen soll, wissen wir, wo unser EI Salvador ist. Unser Vietnam. Unser Soweto. Unser Befreiungskampf und unsere Konversion von Geld und Gewalt zu Gerechtigkeit und Frieden. Paulus nennt die "Fülle des Lebens" auch "die Klarheit Gottes, die sich in uns allen spiegelt mit aufgedecktem Angesicht" (2 Kor 3,18), und diese Klarheit finden wir in den Gesichtern derer, die sich zur Gerechtigkeit und zum Frieden bekehrt haben.

Der Reichtum liegt in den Beziehungen zu anderen

Viele Christen meinen, Gewaltfreiheit sei nur im Reich Gottes möglich, auf Erden seien Krieg und Armut gegeben. Aber wer so denkt, trennt Gott von seinem Reich und wünscht sich, wie der reiche Jüngling, ein ewiges Leben ohne die Gerechtigkeit und eine Fülle des Lebens ohne die Liebe. Das ist ein Unding. Der Reichtum des Menschen liegt in seinen Beziehungen zu anderen, in seinem Dasein-für-andere. Die Fülle des Lebens wird nicht weniger, wenn wir sie miteinander teilen, sondern sie vermehrt sich so wunderbar wie fünf Brote und zwei Fische sich vermehrten. Christus befreit uns von der das Leben fressenden Armut und von der das Leben aufsaugenden inneren Leere in eine neue Gemeinschaft hinein, in der wir einander nicht mehr Gewalt antun müssen, sondern einander glücklich machen können. Wir sind eins geworden mit der lebendigen Liebe und brauchen das ewige Leben nicht mehr auf eine andere Zeit als die unsere zu verschieben.

Es gibt einen Text bei dem Propheten Jesaja, der von der Fülle des Lebens spricht, von seiner Schönheit und seiner Wahrheit:

"Löse die Fesseln der Ungerechtigkeit,
Sprenge die Bande der Gewalt,
Gib frei die Misshandelten.
Jedes Joch sollt ihr zertrümmern.
Brich dem Hungrigen dein Brot,
Die Obdachlosen führe in dein Haus,
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn,
Entzieh dich nicht deinen Brüdern.
Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte,
Deine Heilung wird schnell wachsen.
Deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen
Und die Herrlichkeit des Herrn dir folgen.
Dann wirst du einen Namen bekommen, der heißt
,Der die Risse vermauert` und
,Der Trümmer zum Wohnen wiederherstellt’." (Jes 58,6-12)

Der Text spricht vom Reichtum des Lebens. Spar dich nicht auf, sagt er. Deine Fülle wächst mit deiner Verschwendung. Es ist der Reichtum, ein Mensch zu sein, von dem dieser Text spricht, nicht der, etwas zu haben. Reichtum, der im Haben besteht, sichert sich durch Besitz, Stand und Privilegien. Es ist ein Reichtum, der dadurch zustande gekommen ist, dass andere arm gemacht worden sind. Der reiche Mensch, von dem Jesaja spricht, der mit dem Hungrigen das Brot teilt und mit dem in der Depression das Gespräch, ist reich nicht im Sinne des Habens, aber im Sinne der menschlichen Beziehung. Diese Frau hat viele Freunde. Es ist nicht ein innerer Reichtum gemeint, bei dem man über die äußere Unfreiheit und Armut einfach hinwegsehen könnte. Der reiche Mensch, wie Jesaja ihn sieht, nimmt Unrecht, Unterjochung, Zerstörung von Leben in der Gesellschaft wahr. Aber sie findet sich nicht damit ab. Ihr Leben hat eine Richtung, eine klare Tendenz, und sie geht darauf, dass alle einen Namen bekommen. Reich in diesem Sinn ist ein kleines Land wie Nicaragua, in dem aus Mangel Fülle gewachsen ist. Reich wird, wer Brüder und Schwestern gewinnt.

Die Schönheit eines wirklichen, eines erfüllten Lebens

Jesaja spricht nicht zu Befehlsempfängern, die Aufträge bekommen. Er rechnet mit dem starken, dem reichen Menschen, der in der christlichen Tradition so oft verleumdet und kleingemacht worden ist. Aber der Prophet zählt auf solche Menschen, und er verlockt zur Schönheit eines wirklichen, eines erfüllten Lebens.

Das Evangelium - und unser Text ist reines Evangelium - ist schön. Es verspricht ein Leben ohne Verachtung des anderen und ohne Verachtung meiner selbst. Ein Leben ohne Zynismus, ein Leben ohne Angst, ein reiches Leben, in dem jede Stunde zählt. "Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte." Wo du verwundet bist, da wird die Haut schnell zuwachsen. Selbst in der Banalität des Alltags, in der wasserlosen Dürre der versteinerten Verhältnisse wird "deine Seele sich sättigen". Und nichts wird sinnlos sein. "Dein Dunkel wird sein der helle Mittag."

Wenn ich diesen Text höre, werde ich nicht unter neue Forderungen gestellt - die Forderungen sind alt und bekannt -, sondern ich werde zum Leben in seiner Fülle verlockt. So kann man leben, so will ich sein. So soll über mich gedacht werden, einen solchen Namen will ich gewinnen. Wenn ich den Text höre, weiß ich wieder: Wir sind stark, wir vermögen etwas, wir sind nicht entbehrlich. Wir müssen nicht das ganze Jahr über singen, dass mit unserer Macht nichts getan ist und dass wir verloren sind. Wir haben ein neues Lied: "Dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie ein Wasserquell, dessen Wasser nie versiegt." So soll es sein, so wird es sein. Ich werde einen Namen haben, ich werde Antwort bekommen, ich werde nicht mehr ein hilfloses, ängstliches Wesen sein, vielmehr wird die Wahrheit der Welt, der Sinn des Lebens offen zutage liegen. "Siehe, hier bin ich", sagt Gott in diesem Text, nicht weit fort, nicht später einmal oder früher bei glücklicheren Völkern, sondern hier ist der Sinn des Ganzen: Entzieh dich nicht deinen Brüdern, dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.

Das Christentum sagt nichts, was nicht auch an anderen Stellen der Welt zu hören wäre. "Wenn du aus deiner Mitte entfernst die Unterdrückung…" Nur formuliert es zugleich ein endliches Versprechen: Nichts ist sinnlos.

Teresa von Avila sagte: "Der ganze Weg zum Himmel ist Himmel." An keiner Station dieses Weges, er mag in noch so große Dunkelheit führen, bist du allein. Wenn du dich auf die Bewegung der Liebe einlässt, wird deine Kraft gestärkt. Dein Reichtum wächst, je mehr du teilst. Wo immer du dich auf die Bewegung der Liebe einlässt, da ist die Liebe bei dir, die Fülle des Lebens.

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Mai/Juni 2003, 64. Jahrgang, S. 11ff.

Mehr zu Dorothee Sölle siehe auf der Lebenshaus-Website (Linksammlung unten am Seitenende) sowie unter folgendem Link:

Veröffentlicht am

30. September 2009

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