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64 Jahre Hiroshima und Nagasaki - Atomwaffen abschaffen!

Von Michael Schmid - Rede am 06. August 2004 bei einer Mahnwache anlässlich des Hiroshima-Gedenktages in Gammertingen

Wir versammeln uns heute hier um der Opfer der Atombombenabwürfe der US-Luftwaffe auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki zu gedenken und uns über die Lehren zu besinnen, die daraus gezogen werden müssen. Eingeladen zu dieser Veranstaltung haben Lebenshaus Schwäbische Alb, DFG-VK Gammertingen und Friedensnetzwerk Balingen. Unsere Veranstaltung ist eine von mehr als 60 Veranstaltungen in der Bundesrepublik, in welcher Friedensgruppen an die beiden Atombombenabwürfe vor 64 Jahren erinnern und die Ächtung und Abschaffung aller Atomwaffen fordern.Siehe hierzu bei Netzwerk Friedenskooperative die Terminübersicht und die informative Seite zum Hiroshima- und Nagasaki-Tag 2009 .

Es war am 6. August 1945, als das Unfassbare geschah. Viele Uhren in Hiroshima blieben exakt um 8.15 Uhr stehen, dem Zeitpunkt, als die erste Atombombe über einer Stadt explodierte. Drei Tage später warfen die Amerikaner die zweite Bombe über Nagasaki ab.

Damals vor 64 Jahren wurden die Menschen in Hiroshima und Nagasaki durch zwei amerikanische Atombombenangriffe von einem Moment auf den anderen in eine atomare Hölle gestürzt. Das vernichtende Höllenfeuer und die Druckwellen der Atombomben richteten verheerende Zerstörungen an. Zigtausende Menschen fanden dadurch den sofortigen Tod. Wer sich in der Nähe des Epizentrums aufgehalten, aber die atomare Apokalypse zunächst überlebt hatte, blieb meist schwer verletzt und hilflos zurück, als Opfer von Verbrennungen und Verstrahlungen. Vor allem die radioaktive Strahlung der Atombomben verursachte ein nie gekanntes Leiden unter jenen Menschen, die nicht sofort tot waren.

Die völlig ungewöhnliche Situation, in der sich die überlebenden Opfer der Atombombenabwürfe befanden und heute noch befinden, hat eine besondere Bezeichnung für sie entstehen lassen: "Hibakusha".

Hibakusha, die angefangen haben, über die erlittenen Schrecken zu reden, versuchen in ihren Berichten das Unvorstellbare in Worte zu fassen. So entsteht ein wenn auch nur unvollkommenes Bild des Grauens. Auf unserer Lebenshaus-Website haben wir eine ganze Reihe ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha veröffentlicht.Siehe die Artikelsammlung unter dem Stichwort "Hibakusha" . Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist. Und was bei einem zukünftigen Atomwaffeneinsatz drohen würde.

Aus den furchtbaren Verbrechen von Hiroshima und Nagasaki vor 64 Jahren wurde bekanntlich nicht die Konsequenz gezogen, die atomare Massenvernichtungswaffe weltweit zu ächten. Im Gegenteil, es wurde ein irrsinniges Wettrüsten begonnen und die Welt stand während des Kalten Kriegs öfters am Rande eines vernichtenden Atomkriegs.

Ich möchte hier einen kompetenten Zeugen zu Wort kommen lassen: General Lee Butler, der Anfang der 90er Jahre Oberkommandierender der US-Nuklearstreitkräfte war, drei Jahre lang erster Atomwaffenberater des US-Präsidenten und schließlich verantwortlich für die nukleare Kriegsplanung der Vereinigten Staaten. Er arbeitete sich durch alle Einsatzpläne durch und begriff erst im vierten Jahrzehnt seiner Karriere als Militär, was die Bereitschaft zur Zündung von 20.000 Atomwaffen wirklich bedeutet.

Rückblickend zog General Butler das Fazit: "Wir sind im Kalten Krieg dem atomaren Holocaust nur durch eine Mischung von Sachverstand, Glück und göttlicher Fügung entgangen, und ich befürchte, das letztere hatte den größten Anteil daran."Siehe den Vortrag von General Lee Butler, US Air Force (a.D.) bei einem Runde Tisch-Gespräch für das Canadian Network to Abolish Nuclear Weapons am 11. März 1999: "Sind Kernwaffen notwendig?" .

Doch schon wenige Jahre später musste Butler erkennen, dass dieser "böse Traum" nach Ende des Kalten Krieges noch immer nicht der Vergangenheit angehört, sondern nach wie vor das gesamte Leben auf dieser Erde gefährdet. Heute bedrohen uns immer noch über 20.000 Atomwaffen im Besitz von neun Atomwaffenstaaten (USA, Russland, China, Frankreich, Großbritannien, Israel, Indien, Pakistan, Nordkorea). Mit diesem vorhandenen Potential kann die Welt gleich mehrfach zerstört werden. Rund 2.000 dieser Waffen werden in ständiger Alarmbereitschaft gehalten, sind also per Knopfdruck startbar.

Das Gedenken an die Atombombenopfer von Hiroshima und Nagasaki verpflichtet, uns weiter für die weltweite Abschaffung der Atomwaffen und der Atomenergie einzusetzen. Im Moment ist das politische Klima günstig. US-Präsident Obama hat sich mit seiner richtungweisenden Rede am 5. April in Prag klar hinter das Ziel einer atomwaffenfreien Welt gestellt. Allerdings hat seine Initiative einen Pferdefuß. Denn er redet einer erweiterten Nutzung der Atomkraft das Wort. Wenn aber immer mehr Staaten Atomkraftwerke betreiben, wächst das Risiko, dass auch immer mehr Staaten Atomwaffen bauen können. Die Situation wird also zunehmend dadurch eher noch bedrohlicher, dass in den kommenden Jahren eine Reihe weiterer Länder in den Besitz von Atomwaffen gelangen könnten. Obamas Vision einer Null-Lösung für atomare Waffen würde wohl nur dann nachhaltig, wenn sie mit der Vision für eine Null-Lösung bei der Atomkraft verknüpft würde.

Heute Morgen von 7 bis 9 Uhr haben wir am Haupttor der Patch Barracks in Stuttgart-Vaihingen eine Mahnwache zum Gedenken an die Opfer der Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki sowie alle Kriegsopfer durchgeführt. In diesen Patch Barracks befindet sich die US-(Atomwaffen-)Kommandozentrale EUCOM. Das Einsatzgebiet der EUCOM umfasst immerhin über 90 Nationen und erstreckt sich von Grönland bis zur russischen Pazifikküste. Bei dieser Mahnwache wurde ein Transparent gezeigt auf dem stand: "Yes we can - abolish nuclear weapons" und es wurden Flugblätter an die Insassen der ein- und ausfahrenden Fahrzeuge verteilt. Den Text dieses Flugblatts, in dem die "Soldaten der Vereinigten Staaten von Amerika" direkt angesprochen werden, möchte ich hier vorlesen:

YES WIE CAN

ABOLISH NUCLEAR WEAPONS

Vielleicht ist es zu spät für Präsident Barack Obamas Appell, die Atomwaffen abzuschaffen, weil

- zu viele Gelegenheiten ungenutzt verstrichen,

- zu viele Nationen die Bombe haben wollen, um sich gegen eine nukleare Bedrohung zu schützen, und/oder

- als Nuklearmacht respektiert werden wollen, (Was kann das für ein Respekt sein, wenn man eine Waffe besitzt, die die Menschheit mit Vernichtung bedroht?)

- die Regierungen dem Druck des Militärisch-Industriellen Komplexes (MIK) ausgesetzt sind, vor dem der ehemalige US Präsident Dwight Eisenhower warnte.

Das mag jedoch zu pessimistisch sein. Niemand kann den Lauf der Geschichte voraussehen. Zum Beispiel: Wer war imstande, vorauszusagen, dass der Kalte Krieg 1990 ohne Blutvergießen zu Ende gehen würde? Wer war imstande, den Zusammenbruch des Sowjetimperiums und die Wiedervereinigung Deutschlands vorauszusagen? Es gibt also stets Hoffnung für das Überleben der Menschheit. Wenn wir aber wollen, dass diese Hoffnung wahr wird, dann muss eine Voraussetzung erfüllt sein: Es bedarf der Anstrengung eines jeden - ob Mann oder Frau, Amerikaner oder Deutscher, Soldat oder Zivilist - unseren Regierungen zu helfen, diese mörderischen, unmoralischen und völkerrechtlich geächteten Waffen loszuwerden.

Der Internationale Gerichtshof (IGH) veröffentlichte 1996 ein Gutachten, das feststellt: "… dass die Androhung und der Einsatz von Atomwaffen generell gegen diejenigen Regeln des Völkerrechts verstoßen würden, die für bewaffnete Konflikte gelten, insbesondere gegen die Prinzipien und Regeln des humanitären Kriegs- Völkerrechts." Des weiteren stellte er fest: "Es besteht eine völkerrechtliche Verpflichtung, in redlicher Absicht Verhandlungen zu führen und zum Abschluss zu bringen, die zu nuklearer Abrüstung in allen ihren Aspekten unter strikter und wirksamer internationaler Kontrolle führen."

Das sind wir unserer Generation und mehr noch den ungeborenen Generationen schuldig sowie der ganzen außermenschlichen Natur und nicht zuletzt den Opfern der Kriege, insbesondere den Opfern von Hiroshima und Nagasaki.Hier kann die deutsche Fassung des Flugblatts, das am 6.8.2009 an die Insassen der ein- und ausfahrenden Fahrzeuge sowie an Passanten verteilt wurde, als PDF-Datei heruntergeladen werden:  Flugblatt .

Weltweit verfolgen Friedensgruppen das Ziel einer baldigen vollständigen Ächtung der Atomwaffen. So heißt es in einem Appell zahlreicher Nobelpreisträger: "Wir rufen die Staatsoberhäupter dazu auf, schnellstmöglich Verhandlungen in - wie im Nichtverbreitungsvertrag und dem Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofs von 1996 festgelegt - gutem Glauben aufzunehmen, um eine Nuklearwaffenkonvention für die schrittweise, überprüfbare, unumkehrbare und transparente Beseitigung sämtlicher atomarer Waffen bis 2020 herbeizuführen". Auch die weltweite Vereinigung der "Bürgermeister für den Frieden" fordert die verbindliche Vereinbarung eines Zeitplans für die Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2020.

In Deutschland befinden sich immer noch Atombomben. Es sind wahrscheinlich noch 20 US-Atombomben im Fliegerhorst Büchel in der Eifel. Jede dieser B-61-Bomben kann im Vergleich zur Hiroshima-Bombe eine bis zu 13-fache Sprengkraft entfalten. Und Deutschland hält an der "Nuklearen Teilhabe" fest.

Wir haben hier das Transparent "unsere zukunft - atomwaffenfrei" angebracht. Dies ist das Transparent einer Kampagne aus Deutschland, die von 50 Organisationen getragen wird - darunter auch Lebenshaus Schwäbische Alb. Diese Kampagne "unsere zukunft - atomwaffenfrei""Siehe die Website der Kampagne www.atomwaffenfrei.de ; die Trägerorganisationen finden sich unter "wer wir sind" .fordert:

  • Abzug aller Atomwaffen aus Deutschland
  • keine deutschen Kampfbomber und Soldaten für den Einsatz von Atomwaffen
  • keine deutsche Mitarbeit an der Planung und dem Einsatz von Atomwaffen.

Wir erwarten also, dass Deutschland bis 2010 atomwaffenfrei wird - das soll ein deutscher Beitrag zu einer atomwaffenfreien Welt bis 2020 sein. Uns allen ist glaube ich klar: Damit sich in dieser Richtung etwas bewegt, müssen wir uns einmischen, z.B. ist es eine Möglichkeit, das Thema Atomwaffen in den Bundestagswahlkampf einzubringen.

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

Fußnoten

Veröffentlicht am

07. August 2009

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