Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de

 

Plädoyer für eine Welt ohne Atomwaffen

Von Lawrence S. Wittner, 23.06.2009 - History News Network / ZNet

Präsident Obama und andere Führer der Welt reden heute über den Aufbau einer Welt ohne Atomwaffen. Es ist Zeit, sich Gedanken zu machen, ob diese Idee gut ist.

Es gibt sechs besonders stichhaltige Gründe, die für die Abschaffung der Atomwaffen sprechen.

Erstens, Atomwaffen sind ein moralischer Horror, denn sie sind ein Instrument, um großflächig und unterschiedslos niederzumetzeln. Nuklearwaffen zerstören ganze Großstädte und Regionen. Sie massakrieren Soldaten und Zivilisten, Freund und Feind, Unschuldige und Schuldige, viele, viele Kinder. Die allermeisten Opfer eines Atomschlages hätten nur ein "Verbrechen" verübt: auf der falschen Seite einer nationalen Grenze zu leben.

Zweitens, ein Atomkrieg wäre Selbstmord. Bei einem nuklearen Angriff bzw. Gegenangriff zwischen Nationen würden Millionen Menschen - auf beiden Seiten des Konflikts - getötet. Die Überlebenden fänden sich in einer nuklearen Wüste wieder, wo die Lebenden vielleicht wirklich die Toten beneiden, wie es einmal gesagt wurde. Selbst wenn in einem Konflikt nur eine Seite Atomwaffen einsetzt, würde sich der nukleare Fallout rund um den Erdball ausbreiten. Es käme zu einem langen "nuklearen Winter" mit sinkenden Temperaturen; die Landwirtschaft und die Lebensmittelversorgung würden vernichtet. Der kleine Rest Zivilisation, der bis dahin überlebt hätte, würde zerstört.

In einem Atomkrieg gibt es keine Sieger. Viele Beobachter haben dies bereits gesagt.

Dritter Grund. Atomwaffen garantieren nicht die Sicherheit einer Nation. In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Großmächte in blutige, konventionelle Kriege verwickelt, obwohl sie im Besitz von Atomwaffen waren. Millionen Menschen starben in Korea, in Algerien, Vietnam, Afghanistan, im Irak und vielen anderen Ländern. Unter den Toten waren viele Menschen aus Atommächten. Die Führer der Atomnationen mussten lernen, dass ihnen ihre Nukleararsenale in all den Konflikten nicht von Nutzen waren: Die anderen Völker ließen sich einfach nicht abschrecken durch die atomare Macht des anderen; Atomwaffen waren schlicht nutzlos.

Sein gewaltiges Atomarsenal hat Amerika auch nicht vor den Terrorangriffen am 11. September 2001 bewahrt, als 19 Männer, nur mit Teppichmessern bewaffnet, den größten Angriff auf die Vereinigten Staaten in deren Geschichte starteten. Bei diesem Angriff starben rund 3.000 Menschen. Waren die amerikanischen Atomwaffen von irgendeinem Nutzen, um diesen Angriff abzuschrecken? Oder welchen Nutzen haben sie im gegenwärtigen "Krieg gegen den Terror"? Angesichts der Tatsache, dass Terroristen kein größeres Territorium besetzen, ist es schwer, sich vorzustellen, dass Atomwaffen gegen Terroristen eingesetzt werden könnten - weder zur Abschreckung noch im Rahmen eines militärischen Konfliktes.

Vierter Grund: Atomwaffen untergraben die nationale Sicherheit. Diese Aussage widerspricht natürlich dem gängigen Klischee, die Bombe wirke abschreckend. Aber nehmen wir den Fall USA. Amerika war das erste Land, das Atombomben entwickelte. Mehrere Jahre hielt es dieses Monopol. Als Reaktion auf das Atomwaffen-Monopol der USA ließ die Regierung der Sowjetunion Atombomben bauen. Die US-Regierung ließ hieraufhin Wasserstoffbomben bauen, und die Sowjetregierung folgte gleichfalls mit Wasserstoffbomben. Danach kam es zu einem Wettrüsten der beiden Mächte um den Bau lenkbarer Raketen und Raketen mit multiplen Gefechtsköpfen usw.. In der Zwischenzeit bauten andere Nationen eigene Atomwaffen und stellten sie auf. Doch all diese Nationen hatten das Gefühl, ihre Sicherheit schwinde von Jahr zu Jahr. Und ihre Sicherheit schwand tatsächlich, denn, je mehr sie andere bedrohten, desto mehr wurden sie selbst bedroht!

Hinzu kommt die Möglichkeit eines zufälligen Atomkrieges. Dieses Risiko wird akut bleiben, solange es Atomwaffen gibt. Während des gesamten Kalten Krieges und in den Jahren danach gab es immer wieder zahllose Fehlalarme, bei denen von einem feindlichen Angriff ausgegangen wurde. Diese Fehlalarme führten zu atomaren Beinahe-Reaktionsschlägen - mit möglicherweise verheerenden Folgen. Hinzu kommt, dass Atomwaffen auch im eigenen Land hochgehen können. Im Sommer 2008 wurde die oberste Führung der U.S. Air Force ihrer Posten enthoben, da diese hohen Offiziellen in gedankenloser Weise US-Flüge mit aktiven Nuklearwaffen an Bord über dem Gebiet der USA erlaubt hatten.

Fünftens, solange es Atomwaffen gibt, bleibt die Versuchung, sie in einem Krieg einzusetzen. Seit tausenden Jahren werden Kriege geführt. Kriege sind zu einer hartnäckigen Gewohnheit geworden, und es ist unwahrscheinlich, dass sich daran so schnell etwas ändert. Solange es Kriege gibt, werden Regierungen versucht sein, ihre Atomwaffenarsenale einzusetzen, um zu gewinnen.

Ich gebe zu, dass die Atommächte seit 1945 keine Atomwaffen eingesetzt haben. Doch dieser Umstand zeigt nur den massiven Widerstand der Völker gegen nukleare Konflikte. Das Volk stigmatisiert den Einsatz von Atomwaffen und drängte zögerliche Regierungsoffizielle zu Abrüstungsverträgen und Waffenkontrolle. Aber wir können nicht davon ausgehen, dass es ewig bei dieser nuklearen Zurückhaltung bleiben wird - im Kontext erbitterter Kriege oder wenn das nationale Überleben auf dem Spiel steht. Es ist wahrscheinlich, dass die Wahrscheinlichkeit eines kriegerischen Einsatzes von Atomwaffen steigt, je länger diese Waffen existieren.

Sechstens, solange es Atomwaffen in nationalen Arsenalen gibt, ist die Gefahr von Terrorangriffen massiv erhöht. Terroristen können Nuklearwaffen nicht selbst produzieren. Die Herstellung solcher Waffen setzt ein gewisses Territorium, große Ressourcen und viel wissenschaftliches Wissen voraus. Der einzige Weg für Terroristen, sich nukleare Kapazitäten bzw. das Material für den Bau solcher Waffen zu verschaffen, führt über die Arsenale von Atommächten - durch Diebstahl? Kauf? Geschenke? Solange es Regierungen gibt, die im Besitz von Nuklearwaffen sind, werden Terroristen potentiell die Möglichkeit haben, sich Zugang zu diesen Waffen zu verschaffen.

Was hält uns also davon ab, die Atomwaffen abzuschaffen? Sicherlich nicht die Öffentlichkeit. Alle Umfragen zeigen, dass die Öffentlichkeit für den Aufbau einer atomwaffenfreien Welt ist. Selbst viele Regierungschefs sind der Meinung, es sei wünschenswert, die Atomwaffen loszuwerden. Das wirkliche Hemmnis ist die alte Gewohnheit, in Konflikten zwischen verfeindeten Nationen nach der stärksten Waffe zu greifen, die man hat. Es ist eine zutiefst kontraproduktive und irrationale Angewohnheit - schlimmer als Drogen nehmen, rauchen und alles andere Vorstellbare. Es ist eine Gewohnheit, die die Zivilisation an den Rand der Zerstörung bringt. Es wird Zeit, die Kurve zu kriegen und eine atomwaffenfreie Welt zu schaffen.

Lawrence S. Wittner ist Professor für Geschichte an der State University of New York/Albany. Sein aktuelles Buch ‘Contronting the Bomb: A Short History of the World Nuclear Disarmament Movement’ ist bei Stanford University Press erschienen.

 

Quelle:  ZNet Deutschland vom 24.06.2009. Originalartikel: Kicking the Nuclear Habit: Why We Need a World Free of Nuclear Weapons . Übersetzt von: Andrea Noll. 

Veröffentlicht am

25. Juni 2009

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von