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Obama in Kairo - das Volk und die Armen wurden verbannt

Von Robert Fisk, 06.06.2009 - Independent.co.uk

Ich erhaschte nur einen kurzen Blick auf POTUS - auf eine sehnige, athletische Gestalt neben einer pummeligen, kleinen, alten Lady.

Gehen Sie in ein durchschnittliches Zeitungsbüro, und Sie werden feststellen, dass die Reporter auf Sky News, BBC oder Al-Dschasierah International starren.

Gehen Sie in die Studios von Sky News, BBC oder Al-Dschasierah International, und Sie werden feststellen, dass die Journalisten Zeitung lesen. Es handelt sich um eine seltsame Form der Osmose. Ich bin ein altmodischer Reporter und daher nicht sehr glücklich darüber. Ich - und eine ermutigende Anzahl junger arabischer und israelischer Reporter - glauben nach wie vor, dass wir auf die Straße gehen müssen. Das tat ich schon, als ich mit dem Journalismus anfing: beim Newcastle Evening Chronicle, Redaktion Blyth. Folglich war ich diese Woche auf den Straßen Kairos unterwegs - auf der Jagd nach Obama und Lady Hillary.

Ein Kollege versorgte mich mit dem detailierten Terminplan Obamas. Der Schlüsselsatz lautete: "11.50: POTUS und Außenm. Clinton besuchen Moschee". Armer, alter Obama, dachte ich. Sicher hat er es nicht verdient, einen Codenamen wie POTUS zu bekommen. Dann begriff ich Dussel, dass der Begriff POTUS für ‘President Of The United States’ stand. Wie amerikanisch. Die Sultan-Hassan-Moschee befindet sich direkt unterhalb der Zitadelle. Mit meinem vertrauenswürdigen Fahrer Amr (das ägyptische Gegenstück zu meinem noch vertrauenswürdigeren Beiruter Fahrer Abed) bewegte ich mich durch Kairos Straßen, die voller Polizisten waren. Wir wollten POTUS und seine Lady finden. Wir fuhren mit 90 km die Stunde (60mph) über die schmalen Boulevards von Downtown-Kairo, so leer waren sie. Ich sollte hinzufügen, dass Amr aus Kairos Zitadellen-Viertel stammt. Er kannte jeden Schleichweg, um Tausende von Polizisten, die sich auf den normalerweise dreckigen Hauptstraßen der quirligen, heißen Stadt befanden, zu umgehen. Wir kamen tatsächlich an. Die Moscheen und die große Mameluken-Zitadelle kochten in der Mittagssonne. Tausende Beamte von Mubaraks Sicherheitspolizei - uniformiert oder in Zivil - saßen rund um das Gebiet bzw. standen parat oder schnüffelten herum. Sie standen auf den Straßen, sie standen mit dem Gewehr auf den Moscheen aus dem 13. Jahrhundert oder saßen lauernd in Tee-Shops. Sie hatten die normalen Leute vom Platz vertrieben - die eigentlichen Ägypter. Jetzt waren sie Kairo "geworden". Die Zivilbeamten - natürlich nur Männer - trugen alle schreckliche Anzüge aus den 70ger Jahren. Unter ihren Jacken lugten Gewehrkolben hervor. Jeder trug eine schreiend bunte Krawatte von nicht identifizierbarer Qualität.

"Sie können hier nicht bleiben", flüsterte mir einer zu. Ich hatte geplant, mich in einem der lokalen Teehäuser zu verstecken, bis ich feststellen musste, dass sämtliche Teetrinker Cops waren. "Außerdem kommen sie durch das andere Tor". Danke, Kumpel. Um die Ecke standen natürlich weitere hundert Offiziere: Polizeigeneräle, -obristen, -kapitäne, dazu jede Menge uniformierte Sicherheitsleute in Schwarz (alle in Bereitschaft, mit dem Rücken zur Straße). Einer der Polizeigeneräle hatte soviel Glitzerzeug an seiner Mütze, dass ich Angst hatte, sie werde ihm - aufgrund des Goldgewichtes - herunterfallen.

Sie waren sehr heiter. Dieser närrische, offensichtlich verrückte Engländer, der in der Mittagshitze herumrannte, war für die gelangweilten Männer eine Quelle der Erheiterung. Ich komme, um POTUS zu sehen, erklärte ich. Einer untersuchte meinen Presseausweis. "Fisk!", rief er. "Ich habe gelesen, was Sie über uns schreiben". Wundern sollte es mich nicht, schließlich hatte ich in jüngster Zeit nicht sehr viel Gutes über seinen Präsidenten geschrieben. Aber ich glaube, er hat gelogen. Immerhin gestand er mir, dass all die hässlichen Polizeikrawatten von den Behörden eingekauft worden waren. Ich hatte es mir gedacht.

Hier traf ich nur einen weiteren Journalisten - einen freundlichen ägyptischen Fotografen von Reuters, der mir mit seinem verbalen Verhandlungsgeschick half, durch die Checkpoints zu kommen, bis wir auf einmal, peng, vor dem Eingang der Moschee standen. "Sie sind unterwegs!" rief einer der Kerle. Ein Konvoi aus schwarzen Limousinen kam plötzlich auf uns zugerast. Aus Dreien hingen große amerikanische und ägyptische Flaggen. Insgesamt waren es 32 Sicherheitsfahrzeuge. Aus einigen Autofenstern hingen - mit halbem Körper im Freien - ägyptische Gewehrschützen.

Ich erhaschte nur einen kurzen Blick auf POTUS - auf eine sehnige, athletische, große Gestalt, neben einer pummeligen, kleinen, alten Lady. So geht es einer "Außenministerin", die neben ihrem Boss stehen will. Und weg waren sie - gefolgt von einem Tross quirliger, rennender, hüpfender Jungs und Mädels vom Pressekorps des Weißen Hauses, die versuchten, Schritt zu halten. Über allem, im Stein der Mauer der Moschee, waren große, alte Einschusslöcher zu erkennen, das Resultat eines Granatbeschusses, der vor langer Zeit stattfand. Ob die Ägypter POTUS wohl gesagt haben, wer dieses Sakrileg einst beging? Auch der Täter war ein junger, mächtiger Führer des Westens, fasziniert vom Mittleren Osten: Napoleon Bonaparte.

Erst als wir gingen, sahen wir die Ägypter. Sie standen hinter den Polizeilinien: alte Damen mit Vögeln in Holzkäfigen, ein elender Behinderter mit einem Holzstecken, barfüßige Gestalten, wie aus einem Buch von Charles Dickens und Mädchen mit Kopfschal, die Eis leckten. Ich begann, einen gewissen Verdacht zu hegen. Diese Menschen waren keine Bedrohung für POTUS und die kleine amerikanische Lady. Für mich stand fest, sie wären dankbar gewesen für jenen starken Händedruck, den Obama sicheren Briten und sicheren blauäugigen Deutschen so bereitwillig zukommen lässt.

Ich vermute, auch POTUS hätte diese armen Leute gerne getroffen. Die Polizei war es, die es ungern gesehen hätte - ganz abgesehen vom ägyptischen Präsidenten Mubarak. POTUS wurde "isoliert wie ein Bazillus". Mit dieser feinen Beschreibung hatte einst Churchill geschildert, wie die Deutschen Lenin durch ihr Land schleusten, um Russland mit dem Bolschewismus zu infizieren.

POTUS wurde vor keiner Gefahr beschützt, dessen bin ich mir sicher. Er wurde vor den Worten beschützt, die diese Ägypter hätten äußern können, um ihre Sicht der arabischen Welt, ihre Sicht Ägyptens, oder vielleicht ihr Demokratieverständnis zu schildern - unter all den Polizisten und Sicherheitsleuten. Vielleicht hätten sie von Korruption, Nepotismus und Gewalt gesprochen. Aber POTUS hat sie nie zu sehen bekommen. Sein Terminplan war ohnehin sehr eng: Überall in der Stadt hatte er Äußerungen von sich zu geben: über Menschenrechte und Gerechtigkeit in der "zeitlosen Stadt Kairo" (Obama). Zeitlos, stimmt, mit stummen Bewohnern.

Robert Fisk
Robert Fisk ist ein international anerkannter Journalist des "Independent" in London. Seine Berichte über den Nahen Osten liefern den dringend notwendigen Kontrast zur offiziellen Doktrin und inspirieren Aktivisten auf der ganzen Welt. Er ist regelmäßiger Autor des ZNet, außerdem schreibt er noch für "The Nation" und weitere Publikationen.

Quelle:  ZNet Deutschland vom 07.06.2009. Originalartikel: Robert Fisk´s Word: A glimpse of Obama in a Cairo emtpied of its people and its poor . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

08. Juni 2009

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