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Afghanistan: Des Präsidenten neue Macht

Der afghanische Präsident Hamid Karsai ist mit neuem Selbstbewusstsein, neuer Statur und wohl kaum den alten Bittsteller-Gesten nach Berlin gekommen

 

Von Ursula Dunckern

Man hatte sich Washington vergeblich bemüht, den afghanischen Präsidenten noch mehr schrumpfen zu lassen, als das ohnehin schon passiert war. Aber die Absicht erwies sich als grandioser Flop. Hamid Karsai hat zu einiger Größe zurück gefunden. Und das hat vor allem innenpolitische Gründe. Der in Ungnade gefallene Lakai war oft gedemütigt worden, seit Obama ihn im Januar protokollwidrig von der Gästeliste seiner Amtsantrittsfeier strich. Als der Gemaßregelte kürzlich in Kabul noch eine gute Tracht öffentlicher Prügel von Vizepräsident Joe Biden bezog - NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Schaffer beeilte sich, in der Washington Post gleich noch ein paar fiese Tritte unter die diplomatische Gürtelline beizusteuern - da geschah ein Wunder: Eh man sich’s versah, verwandelte sich der garstige Frosch in einen strahlenden Prinzen. Seine Landsleute neigten ihre Köpfe und begannen, ihm Vertrauen zu schenken, denn wer so getreten wird, kann keine amerikanische Marionette sein.

Karsai wischte sich die Augen und tat rasch, was er am besten kann: er öffnete die Kanäle afghanischer Hintertürdiplomatie für Freund und Feind und verhandelte sich in eine unantastbare Position. Damit hat er nach Ansicht vieler Beobachter die Präsidentenwahl vom 20.August schon jetzt so gut wie gewonnen. Er hofierte mit Muhammad Fahim Qasim und Muhammad Karim Khalili zwei durch 30 Jahre Bürgerkrieg gestählte Mitstreiter aus der Führungsspitze der Nordallianz, die dem stolzen Paschtunen nicht nur Stimmen bringen, sondern auch offene Türen in Moskau und Teheran. Unmittelbar bevor er sich in Washington Mitte der Woche mit Präsident Obama traf, empfing er mit Gul Agha Shersai, Gouverneur von Nangahar, den neuen Lieblingskandidaten Washingtons, im Präsidentenpalast. Der Gast umarmte Karsais zweijähriges Söhnchen und ließ die Presse mit strahlendem Lächeln wissen, er habe sich entschieden, nicht gegen dessen Vater zu kandidieren.

In Islamabad war Washington da erfolgreicher. Nachdem Präsident Obama und Außenministerin Clinton mit dramatischen Warnungen vor dem Zusammenbruch des Atomstaates Pakistan für eine recht apokalyptische Szenerie gesorgt hatten, bläuten sie jedem einzelnen Mitglied der politischen Führungsspitze die neue Parole ein: Ihr sitzt alle in einem Boot. Und wenn ihr jetzt nicht aus Leibeskräften nach unserem Kommando rudert, dann sauft ihr alle zusammen ab. Das wirkte. Die Regierung in Islamabad beteuerte eilig und ganz gegen alle früheren Verlautbarungen ihre volle Unterstützung für mehr US-Militäroperationen im Lande; Präsident Zardari schickte vor seiner Abreise zum Washington-Gipfel noch schnell Truppen nach Buner in Malakkad (ein wichtiger Ort im südwazirischen Korridor, der Paschtunengebiete diesseits und jenseits der Grenze verbindet), und die Armee stürzte sich mit solchem Eifer ins Gefecht, dass in nur sechs Tagen 200 Militante fielen.

Washingtons Ultimatum

Vor genau einer Woche, am 2. Mai, hatte US-General David Petraeus, noch mit einer Prophezeiung nachgelegt: Innerhalb der kommenden 14 Tage könne die Regierung Pakistans stürzen, wenn nicht…

Noch mehr Apokalypse? Sicher ist, dass Pakistan so schnell nicht Talibanistan wird. Schon die Zahlen sprechen dagegen 85 Millionen Pakistaner haben als Schiiten und Sufis die falsche religiöse Ausrichtung. Mehr als 50 Millionen stehen als Sinthies geschlossen im Lager der säkularen Volkspartei (PPP) der ermordeten Benazir Bhutto, die fast im gesamten urbanen Pakistan die Oberhand hält (selbst nachdem Bhuttos Witwer Asif Ali Zardari unbeliebter geworden ist als sein Vorgänger Musharraf je war). Damit sind etwa vier Fünftel der 170-Millionen-Bevölkerung mehr oder weniger immun gegen Talibanisierung. Schätzungen gehen davon aus, dass die pakistanischen Taliban zusammen über weniger als 10.000 Kämpfer verfügen, die fast ausschließlich in den Stammesgebieten der FATA und in der Nordwestprovinz konzentriert sind. Dass sie dort große Macht haben, steht außer Frage. Aber eben nur dort. Auf der anderen Seite verfügt Pakistan über eine hochbewaffnete 650.000-Mann starke Armee, die sechststärkste der Welt. Die Taliban haben Sympathisanten unter niederen Paschtunen-Offizieren und tatkräftige Unterstützer im Geheimdienst ISI, zwei Faktoren, die die Schlagkraft der Armee herabsetzen. Ein Teil der militanten Gruppen versucht, Chaos im Lande zu schaffen, um Islamabads Unterstützung des US-Krieges in Afghanistan zu neutralisieren - aber eine Machtübernahme in Pakistan streben sie nicht an.

Die gezielt von Washington verbreitete Hysterie hat einen Zweck. Sie rechtfertigt die drastische Ausweitung der eigenen Militäroperationen in Pakistan, die jetzt ansteht. Sie erlaubt es Präsident Obama sogar, sie als humanitäre Aktion zu verkaufen. Schon behauptet er rührend, er wolle doch nur "Pakistan helfen, den Pakistanern zu helfen". Wenn sich nun Pakistan partout nicht helfen lassen will, könnte die heraufbeschworene Apokalypse das hilfreiche Washington schließlich zwingen, dem Rat John Boltens zu folgen. Der ehemalige UN-Vertreter der USA aus der Ära Bush hat gerade im Wall Street Journal empfohlen, Pakistan wieder unter eine solide Militärherrschaft zu stellen. Bereits im März, als Tausende in den Straßen gegen die Anmaßungen der Regierung Zardari protestierten, hing die Möglichkeit einer von Washington gedeckten militärischen Machtübernahme wie ein Damokles-Schwert über der gebrechlichen pakistanischen Demokratie. Nun könnte es fallen. Demokratie, sagen viele, ist für Washington gefährlicher als die Taliban.

Doch noch ist Generalstabschef Kayani nicht der neue Musharraf.

Quelle: der FREITAG vom 08.05.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

11. Mai 2009

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