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Obamas 100 Tage: Die verrückten Werbeleute haben gute Arbeit geleistet

Der australische Journalist John Pilger zieht nach 100 Tagen Obama-Präsidentschaft eine ernüchternde Bilanz

Von John Pilger, Information Clearing House, 29.04.09

Die von der BBC übernommene amerikanische TV-Soap "Mad Men" (Verrückte Männer) bietet einen tiefen Einblick in die Macht der Werbekonzerne. Die vor einem halben Jahrhundert von "smarten" Werbeleuten in der Madison Avenue eingeführte Reklame für das Rauchen verursachte unzählige Todesfälle, obwohl man die Wahrheit über die schädliche Wirkung (der Zigaretten) kannte. Die Werbung und ihr Zwilling Öffentlichkeitsarbeit wurde von Leuten, die Freud gelesen hatten und etwas von Massenpsychologie verstanden, zum perfekten Täuschungsinstrument gemacht, gleichgültig, ob es um Zigaretten oder Politik geht. Wie man mit dem Marlboro-Mann Männlichkeit verkaufen konnte, ist (den Wählern) auch ein Politiker zu verkaufen, wenn er mit einem passenden Image ausgestattet und in ansprechender Verpackung präsentiert wird.

Es sind schon mehr als 100 Tage vergangen, seit Barack Obama zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wurde. Der Werbefeldzug für Obama wurde als "Werbekampagne des Jahres 2008" ausgezeichnet und hat (die Werbung für) Apple-Computer spielend leicht aus dem Feld geschlagen. David Fenton von MoveOn.org (einer US-Website, die Demokratie in Aktion propagiert) hat den Wahlkampf Obamas als "institutionalisierte Massenmobilisierung einer Gemeinschaft durch automatisierte technologische Mittel" bezeichnet, "die vorher noch nie zustande gebracht wurde, sich aber als sehr starke Macht erwiesen hat". Durch Einbeziehung des Internets, mit Hilfe des Slogans "Si, se puede!", den man von César Chávez, dem Gründer der Latino-Landarbeitergewerkschaft übernommen und in "Yes, we can!" (Ja, wir können!) umgewandelt hat, und durch Unterstützung der durch automatisierte technologische Mittel geschaffenen Massenbasis wurde dem neuen Markenartikel (Obama) zum Durchbruch verholfen - in einem Land, das sich verzweifelt wünschte, von George W. Bush befreit zu werden.Informationen zu César Chávez s. http://en.wikipedia.org/wiki/Cesar_Chavez .

Keiner wusste zunächst, wofür der neue "Markenartikel" eigentlich stand. Aber die Werbung war so raffiniert angelegt - allein für TV-Spots wurde die Rekordsumme von 75 Millionen Dollar ausgegeben - dass viele Amerikaner wirklich glaubten, Obama teile ihre Opposition gegen Bushs Kriege. In Wirklichkeit hatte er Bushs Kriege und ihre Finanzierung durch den Kongress wiederholt unterstützt. Viele Amerikaner glaubten auch, er sei der Erbe Martin Luther Kings und führe dessen Antikolonialpolitik fort. Aber wenn Obama überhaupt für etwas eintrat - außer für die nichtssagende Formel von dem "glaubhaften Wandel" - dann war es die Erneuerung der USA zu einem dominierenden, habgierigen Tyrannen. "Wir werden die stärkste Macht sein", erklärte er häufig.

Die vielleicht wirksamste und zudem noch kostenlose Werbung für den Markenartikel Obama wurde von jenen Journalisten geliefert, die als Hofschranzen eines habgierigen Systems dessen schillernde Führungsfiguren zu bejubeln pflegen. Sie entpolitisierten seine Äußerungen und lobten - wie Charlotte Higgins in (der britischen Zeitung) The Guardian - seine banalen Reden als "geschickte literarische Kreationen, die wie dorische Säulen reich an Anspielungen sind".Das Bild ist auch noch falsch gewählt, weil dorische Säulen völlig schmucklose Kapitelle haben - Anmerk. d. Übersetzers Mark Morford, der Kolumnist des San Francisco Chronicle, schrieb: "Viele spirituell geprägte Menschen, die ich kenne, sehen in Obama einen ‘Lightworker’ (einen spirituellen Heiler), der zu den seltenen Auserwählten gehört, die unserem Planeten eine neue Lebensart bringen könnten."

In seinen ersten 100 Tagen hat Obama die Folter gerechtfertigt, sich dem Habeas Corpus Act widersetztDer eine Inhaftierung nur auf richterliche Anordnung zulässt - Anmerk. d. Übers.und gefordert, dass es der Regierung auch erlaubt sein müsse, Handlungen geheim zu halten. Er hat Bushs GulagEin System von Straf- und Arbeitslagern nach stalinistischem Vorbild - Anmerk. d. Übers. intakt gelassen und mindestens 17.000 Gefangene dem Zugriff der Justiz entzogen. Am 24. April gewannen seine Anwälte ein Verfahren, in dem entschieden wurde, dass Guantánamo-Häftlinge keine "Personen" sind, und deshalb auch gefoltert werden durften. Admiral Dennis Blair, der Nationale Direktor seiner Geheimdienste, vertritt die Auffassung, dass Folter verwertbare Ergebnisse bringt.

Einer seiner führenden, für Lateinamerika zuständigen Geheimdienstleute wird beschuldigt, 1989 das Foltern einer amerikanischen Nonne in Guatemala gedeckt zu haben; ein anderer ist ein Anhänger (des chilenischen Diktators) Pinochet. Daniel Ellsberg hat darauf hingewiesen, dass unter Bush die Möglichkeit eines Militärputsches in den USA untersucht wurde, aber Obama hat dessen Verteidigungsminister Robert Gates mitsamt seinem kriegstreiberischen Mitarbeiterstab übernommen. Überall auf der Welt wurden die gewaltsamen Übergriffe auf unschuldige Menschen durch die USA selbst oder durch ihre Verbündeten verstärkt. Während des jüngsten Massakers in Gaza - das hat Seymour Hersh berichtet - "ließ das Obama-Team durchblicken, dass es gegen die bereits laufende ergänzende Belieferung Israels mit "intelligenten Bomben" und anderer Hightech-Munition nichts einzuwenden habe", obwohl damit hauptsächlich Frauen und Kinder abgeschlachtet wurden. In Pakistan hat sich die Anzahl der mit US-Drohnen umgebrachten Zivilisten seit Obamas Amtsantritt mehr als verdoppelt.

In Afghanistan hat Obama die US-"Strategie", Angehörige der Paschtunen-Stämme zu töten, die als "Taliban" verteufelt werden, noch ausgeweitet; damit soll dem Pentagon der Spielraum verschafft werden, den es braucht, um das verwüstete Land mit einer Reihe von bleibenden Basen zu überziehen, damit sich das US-Militär - wie Minister Gates fordert - auf unbestimmte Zeit dort einnisten kann. Auch Obama verfolgt eine Politik, die sich seit dem Kalten Krieg, nicht verändert hat: Russland und China, das jetzt auch zu einem Rivalen des (US-)Imperiums geworden ist, sollen eingeschüchtert werden. Er setzt die Provokationen Bushs fort, indem er an der Stationierung von Raketen an Russlands Westgrenze festhält; auch er versucht das als Gegenmaßnahme gegen den Iran zu rechtfertigen - mit der absurden Behauptung, der Iran sei "eine echte Bedrohung" für Europa und die Vereinigten Staaten. Am 5. April hat er in Prag eine Rede gehalten, in der er nach Berichten die "Abschaffung aller Atomwaffen" gefordert haben soll. Das tat er mitnichten. Mit dem Pentagon-Programm zur Verbesserung der Zuverlässigkeit von Atomsprengköpfen entwickeln die USA neue "taktische" Atomwaffen, mit denen die Grenze zwischen einem atomaren und einem konventionellen Krieg verwischt werden sollen.

Die wahrscheinlich dickste Lüge - die der Behauptung "Rauchen ist gut für Sie!" entspricht - ist die Ankündigung Obamas, die US-Truppen aus dem Irak abziehen zu wollen - aus dem Land, in dem sie Ströme von Blut vergossen haben. Nach unmissverständlichen Aussagen von Planern der US-Armee sollen mindestens 70.000 Soldaten weitere "15 bis 20 Jahre" dort bleiben. Am 25. April hat Obamas Außenministerin Hillary Clinton das bestätigt.

Daher ist es nicht überraschend, wenn Umfragen zeigen, dass sich eine wachsende Anzahl von Amerikanern betrogen fühlt - besonders weil die Wirtschaft der Nation den gleichen Betrügern anvertraut worden ist, die sie zerstört haben. Lawrence Summers, der führende Wirtschaftsberater Obamas, empfiehlt den gleichen Banken 3 Billionen Dollar in den Rachen zu werfen, die ihm ein Jahr vorher mehr als 8 Millionen Dollar bezahlt haben - einschließlich der 135.000 Dollar für eine einzige Rede. Das ist der "Change" (der Wandel oder das Kleingeld), an den geglaubt werden sollte.

Viele Vertreter des US-Establishments kritisierten Bush und Cheney, weil sie den weiteren Vormarsch einer Idee in Misskredit brachten und gefährdeten, die Henry Kissinger Amerikas "Grand Design" (großartigen Entwurf) nennt; der Kriegsverbrecher Kissinger ist jetzt Obamas Ratgeber.Informationen über den umstrittenen früheren US-Außenminister Henry Kissinger sind aufzurufen unter http://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Kissinger . In der Sprache der Werbung war Bush "als Markenzeichen eine Katastrophe", wohingegen Obama mit seinem werbewirksamen Zahnpasta-Lächeln und seinen Vertrauen erweckenden Phrasen ein Glückstreffer ist. Mit einem Schlag hat er die schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten über den Krieg in der US-Öffentlichkeit besänftigt, und Menschen von Washington bis nach Whitehall (ins britische Regierungsviertel) Tränen in die Augen getrieben. Er ist der richtige Mann für die BBC, für (den US-TV-Sender) CNN, für Rupert Murdoch (den aus Australien stammenden Medienmogul), für die Wall Street (das abgewirtschaftete US-Finanzzentrum) und für die CIA. Die verrückten Werbeleute haben gute Arbeit geleistet.Informationen zu Rupert Murdoch sind zu finden unter http://de.wikipedia. org/wiki/Rupert_Murdoch .

 

John Pilger ist ein berühmter und mit zahllosen Journalismus-Preisen ausgezeichneter australischer Journalist und Dokumentarfilmer. Von 1963-86 war Pilger Leiter der Auslandsredaktion des Daily Mirror. Seitdem arbeitet er als freier Journalist. Er drehte mehr als 50 Filme und hat in seiner Karriere für viele bekannte englischsprachige Zeitungen geschrieben (z. B. The Independent, The Guardian und The New York Times. Eigene WebSite: www.johnpilger.com )

 

Quelle: LUFTPOST vom 02.05.2009. Originalartikel: Obama’s 100 Days. The Mad Men Did Well . Übersetzung und (Klammer-)Anmerkungen: Wolfgang Jung.

Fußnoten

Veröffentlicht am

06. Mai 2009

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