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Öko-Revolution: Leider ist die Welt keine Bank

Die Staaten bringen gigantische zwei Billionen Euro auf, um Banken zu retten, doch es fehlt das eine Prozent des Weltsozialprodukts, um das Klimasystem zu stabilisieren.

 

Von Udo Ernst Simonis

Wenn es auf den Finanzmärkten brennt, dann muss gelöscht werden, auch wenn Brandstifter am Werke waren!" Nach diesem Motto vom Spätherbst wurde zuletzt viel gelöscht bei uns und anderswo, mit publizistischen Spritzen, mit viel frischem Geld, mit riesigen Kreditgarantien. Die Brandstifter laufen aber weiter frei herum, "gierige Geld-Säcke" (Bild) kassieren ab und für den Neubau des Geld- und Finanzgebäudes fehlt noch immer ein überzeugendes architektonisches Konzept. An neue Strukturen wagte man sich nicht heran.

Nun aber sprach der Bundespräsident und gab auf die Frage, wie es zu der Krise kommen konnte, diese Antwort: "Zu viele Leute mit viel zu wenig eigenem Geld konnten riesige Finanzhebel in Bewegung setzen…" Es brauche einen starken Staat, der dem Markt Regeln verordne und sie durchsetze. Worin derartige Regeln bestehen könnten, sagte er freilich nicht, fand aber einen anschaulichen Vergleich: "Es wäre ein geringeres Risiko gewesen, eine Eisenbahnlinie quer durch Afrika zu bauen, als in eine New Yorker Investmentbank zu investieren". Ja, da klang die Strukturfrage an und auch den Klimawandel vergaß er nicht, der zeige, dass wir eine neue Balance brauchen zwischen unseren Wünschen und dem, was der Planet Erde erträgt; deshalb müsse es eine "ökologische industrielle Revolution" geben. Der Präsident gab also ein Öko-Signal inmitten der Wirtschaftskrise - doch genau hier brach er ab. Weil er den ökonomischen Systembruch nicht wahrhaben wollte, konnte er den Systemwechsel nicht fordern.

Immerhin war noch die Rede davon, dass "die Erde ungeduldig" werde. Deshalb müssten die armen und die reichen Nationen aufeinander zugehen. "Die reichen, indem sie Energie und Ressourcen einsparen und die Technik dafür liefern. Die armen, indem sie von vornherein ihr Wirtschaften auf das Prinzip der Nachhaltigkeit ausrichten". Es gehe um ein neues Wohlstandmodell, das er so einforderte: "Wir wollen gemeinsam beschließen, nicht mehr auf Kosten anderer zu leben".

Da war er, der ökologische Systembruch, der nur dadurch vermieden werden kann, indem wir unsere Umweltschulden begleichen, das Klimasystem stabilisieren und die anderen Schwelbrände in der Natur löschen. Was aber die Frage nach den geeigneten Instrumenten aufwirft, die mehr Ressourceneffizienz garantieren und den "ökologischen Fußabdruck" auf das systemgemäße Maß beschränken. Womit kann verhindert werden, dass im Oktober schon aufgebraucht ist, was die Erde für uns im ganzen Jahr an Biokapazität bereithält, womit lassen sich der Ausbau erneuerbarer Energien und der Umstieg auf saubere Technologien vorantreiben? Und auf welche Weise kann das globale ökologische Überlebensinteresse gegenüber den alles dominierenden ökonomischen Machtinteressen institutionell gesichert werden? Ja, und dann wäre da auch noch die Frage, ob die "umweltpolitischen Vorreiter" - Deutschland und Europa - wieder zum Reiten gebracht werden können, wenn zwar ein großer Finanzgipfel in London veranstaltet wird, der bevorstehende, alles entscheidende Klimagipfel in Kopenhagen aber völlig aus dem Blickfeld der Politik gerät.

Unser Präsident hätte also gut daran getan, sich mit den Befürwortern eines "Grünen Weltvertrages" (Global Green New Deal) zu identifizieren. Die Staaten haben gigantische zwei Billionen Euro aufgewandt, um die Banken zu retten, bringen aber das eine Prozent des Weltsozialprodukts nicht auf, das laut Stern-Report (2006) nötig wäre, um das Klimasystem zu stabilisieren. Statt Überholtes zu konservieren, muss man neue, nachhaltige Strukturen aufbauen, und das gilt nicht nur für das Bankensystem. Das Geld für eine "Öko-Revolution" - den tiefgreifenden ökologischen Strukturwandel von Wirtschaft und Gesellschaft - ist, wie sich gezeigt hat, zweifellos vorhanden.

Professor Udo Ernst Simonis ist Umweltforscher, UN-Berater und Mitherausgeber des "Jahrbuchs Ökologie". 

 

Quelle: der FREITAG vom 31.03.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

02. April 2009

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