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Gerechtigkeit für Rachel, Gerechtigkeit für Palästina

Aktivist in Gaza schwer verletzt

Von Cindy & Craig Corrie, 17.03.2009 - The Electronic Intifada / ZNet

Wir danken allen, die sich an Rachel erinnern und am sechsten Jahrestag von Rachels mutiger Tat in Gaza ihre eigene Verpflichtung für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte im Nahen Osten erneuern. Die Würdigung und die Aktionen zu Rachels Gedenken sind eine Quelle der Inspiration für uns und andere.

Am Freitag (13. März) hörten wir von der tragischen Verwundung des amerikanischen Aktivisten Tristan Anderson. Tristan wurde im Dorf Nilin in der Westbank von einer Tränengaskartusche am Kopf verletztAuf der Originalseite findet sich hier folgender englischsprachige Link:  Israeli forces critically wound American activist in West Bank ., als israelische Truppen eine Demonstration gegen den Bau der Annexionsmauer, die über das Land des Dorfes führen soll, angriffen. Am gleichen Tag wurde ein Dorfbewohner durch scharfe Munition am Bein verletzt. In den vergangenen acht Monaten sind vier Dorfbewohner von Nilin getötet worden. Die DorfbewohnerInnen und ihre UnterstützerInnen demonstrieren mutig gegen die Apartheidmauer, die vom Internationalen Gerichtshof (in Den Haag) für illegal erklärt wurde, eine Mauer, die ein Viertel jenes Landes absorbieren wird, das dem Dorf noch geblieben ist.

Die Toten sind der 10jährige Ahmed MousaAuf der Originalseite findet sich hier folgender englischsprachige Link:  Israeli military kills 10-year-old in Nilin .. Man schoss das Kind am 29. Juli 2008 mit scharfer Munition in die Stirn. Yousef Amira (17)Auf der Originalseite findet sich hier folgender englischsprachige Link:  Deaths of two Nilin boys "willful killing" .. Er wurde am 30. Juli 2008 erschossen - mit einer Stahlkugel, die mit Gummi ummantelt war. Drittens, Arafat Rateb Khawaje (22) und viertens Mohammed Khawaje (20). Beide wurden am 8. Dezember 2008 mit scharfer Munition erschossen. Heute ist Rachels Jahrestag. Sie hätte gewollt, dass wir mit unseren Gedanken und unseren Gebeten bei Tristan Anderson und seiner Familie und bei den (oben genannten) Palästinensern und ihren Familien sind. Wir bitten Sie alle darum.

Wir schreiben diese Botschaft in Kairo, zurückgekehrt von einem Besuch in Gaza, wo wir uns mit einer Delegation von ‘Code Pink’ (USA) aufgehalten hatten. 58 Frauen und Männer war es am 7. März gelungen, über den Grenzübergang Rafah zu kommen. Auf diese Weise forderten wir die Grenzabriegelung und die Belagerung heraus und feierten den Internationalen Frauentag mit den starken und mutigen Frauen von Gaza.

Rachel wäre sehr glücklich über die Reise unserer inspirierten Delegation. Auf unserer Reise vom Norden bis in den Süden des Gazastreifens sahen wir überall Zerstörung - kommunale Gebäude, Viertel, Polizeistationen, Moscheen und Schulen - sie alle fielen den israelischen Militärangriffen im Dezember und Januar zum Opfer. Wenn wir die Menschen, die wir trafen, nach den persönlichen Folgen fragten, erzählten sie uns immer wieder, dass sie Mutter oder Vater, Kinder, Vettern und Freunde verloren hätten. Laut des Palestinian Center for Human Rights kamen 1.434 Palästinenser ums Leben, mehr als 5.000 wurden verletzt. Unter den Opfern waren 288 Kinder und 121 Frauen.

Wir gingen durch das Bauerndorf Khoza im Süden des Streifens, wo während des Landeinmarsches mehr als 50 Wohnhäuser zerstört worden waren. Ein kleiner Junge krabbelte durch ein Trümmerloch, um uns das Zimmer im Untergeschoss zu zeigen, wo er und seine Familie sich zusammengekauert hatten, während ein Bulldozer das Haus über ihnen abgerissen hatte. Wir hörten die Geschichte von Rafiya, die die verängstigten Frauen und Kinder des Viertels von den bedrohlichen israelischen Militärbulldozern wegführte. Sie wurde von einem israelischen Heckenschützen erschossen, als sie mit ihrer weißen Fahne in der Hand auf die Straße ging.

Palästinenser und die Internationalisten vor Ort, die diese unterstützen, sagten uns immer wieder, es bestehe kein Waffenstillstand. Als wir nach Gaza kamen und als wir Gaza verließen, kam es in der Grenzregion immer wieder zu Bombenexplosionen, die unsere Gespräche unterbrachen. In der letzten Nacht saßen wir auf den Resten des Bauernhofes eines unserer Freunde am Feuer. Der Mond schien. Wir hörten, was er erzählte. 2004 habe das israelische Militär sein Haus zerstört. Am 6. Februar war sein zweites Haus zerstört worden. Beim zweiten Mal trafen israelische Raketen, die von Apache-Helikoptern aus abgeschossen wurden, sein Haus. Ein Stück Weizen war verschont geblieben und wiegte sich beruhigend im Wind, während wir uns unterhielten. Als mehrere F-16s hoch am Nachthimmel vorbeischossen, wurden wir jedoch plötzlich abgelenkt. Unser Freund erklärte: Wenn die Jets sich einen Tick auf die Seite legten, bedeute dies, sie greifen an.

Überall wurde der psychologische Preis - der jüngsten und der aktuellen Angriffe - auf traurige Weise sichtbar, den die Menschen in Gaza und vor allem die Kinder, zahlen. Nicht nur jene, die den größten Verlust erlitten, tragen die Narben all der Geschehnisse, auch jene, die von ihrer Schule aus Zeugen wurden, wie die Körper durch die Luft wirbelten (als die Polizeikadetten auf der Straße bombardiert wurden) und jene, die die schrecklichen Raketeneinschläge nahe ihrer Wohnhäuser fühlten und hörten. Es sind die Kinder, die Tag für Tag an der unerklärlichen und inhumanen Zerstörung vorbeigehen müssen.

Zu Rachels Fall. Die israelische Regierung hatte eine gründliche, glaubwürdige und transparente Untersuchung versprochen. Nach sechs Jahren ist dies allerdings noch immer nicht eingetreten. Das ist auch - nach wie vor - die Position der US-Regierung. Im März 2008 schrieb Michele Bernier-Toff, geschäftsführende Direktorin des ‘Office of Overseas Citizen Services’ im US-Außenministerium: "Wir haben unaufhörlich darauf bestanden, dass die Regierung Israels eine volle und transparente Untersuchung zu Rachels Tod durchführt. Unsere Bitten blieben unbeantwortet und wurden ignoriert." Heute schreien die Angriffe auf all die Menschen in Gaza sowie der aktuelle Angriff auf Tristan Anderson in Nilin nach einer Untersuchung und nach Rechenschaft. Wir fordern Präsident Barack Obama, Außenministerin Hillary Clinton und die Mitglieder des US-Kongresses auf, mutig und kraftvoll zu handeln, um sicherzustellen, dass die Israelische Regierung sowie das zuständige internationale und amerikanische Recht sich mit diesen Gräueln befassen. Wir fordern sie zu sofortigem, hartnäckigem Handeln auf und dazu, endgültig Schluss zu machen mit der Straffreiheit, die das israelische Militär genießt - anstatt diese zu fördern.

Trotz des Schmerzes, den wir spürten, fühlten wir uns wieder einmal privilegiert, als wir für einen kurzen Moment das Leben der Freunde Rachels in Gaza teilen durften. Ihre Entschlossenheit bewegt uns, ihr Singen, Tanzen und Lachen unter Tränen stärkt uns. 2003 schrieb Rachel: "Dennoch bin ich erstaunt über ihre Stärke, dass sie fähig sind, sich ein so hohes Maß an Menschlichkeit zu bewahren - Lachen, Großzügigkeit, Zeit für die Familie - gegen den unglaublichen Horror in ihrem Leben…. Ich entdecke auch eine gewisse Stärke und die grundsätzliche Fähigkeit von Menschen, unter schwierigsten Umständen, menschlich zu bleiben… Ich denke, das Wort heißt Würde". Am sechsten Jahrestag von Rachels Ermordung stimmen wir in ihr Gefühl ein.

Cindy und Craig Corrie sind die Eltern von Rachel Corrie, die am 16. März 2003 von der Israelischen Armee ermordet wurde, als sie das Haus eines palästinensischen Arztes verteidigte, um es vor der Zerstörung zu bewahren. 

 

Die folgende Pressemitteilung wurde am 13. März 2009 vom International Solidarity Movement (ISM) herausgegeben:

Ein amerikanischer Bürger wurde im Dorf Nilin schwer verletzt, als israelische Streitkräfte ihm eine Tränengaskartusche in den Kopf schossen.

Tristan Anderson aus Kalifornien ist 37 Jahre alt. Er wurde in das israelische Krankenhaus Tel Hashomer, nahe Tel Aviv, eingeliefert. Anderson ist nicht bei Bewusstsein und blutete stark aus Nase und Mund. Er erlitt eine große Stirnwunde an der Stelle, wo die Kartusche traf. Im Moment wird er an seiner Wunde operiert.

Die Israelische Armee setzt seit Dezember 2008 sehr schnelle Tränengaskartuschen ein. Die schwarzen Kartuschen tragen eine hebräische Aufschrift ("40mm Kugel spezial/lange Reichweite"). Sie können über eine Entfernung von 400 Metern verschossen werden. Die Gaskartusche wird geräuschlos abgefeuert. Sie hat zudem keinen Rauchschweif. Die Kombination aus hoher Geschwindigkeit und Geräuschlosigkeit macht sie extrem gefährlich. Ihr Einsatz hat bereits zu zahlreichen Verletzungen geführt. Einem palästinensischen Mann wurde im Januar 2009 auf diese Weise ein Bein gebrochen.

Tristan Anderson wurde angeschossen, während israelische Streitkräfte eine Demonstration attackierten, die sich gegen den Bau der Annexionsmauer, die durch das Land des Dorfes Nilin führen soll, richtete. Ein weiterer Bewohner Nilins wurde durch scharfe Munition am Bein getroffen.

Insgesamt wurden vier Bewohner von Nilin bei Demonstrationen getötet, die sich gegen die Konfiszierung ihres Landes richteten.

Ahmed Mousa (10) wurde mit scharfer Munition in die Stirn getroffen. Dies geschah am 29. Juli 2008. Am nächsten Tag wurde Yousef Amira (17) zweimal von Stahlkugeln, die mit Gummi ummantelt waren, getroffen. Er war hirntot und starb am 4. August 2008. Arafat Rateb Khawaje (22) war der dritte Bewohner von Nilin, der von israelischen Streitkräften getötet wurde. Er wurde mit scharfer Munition in den Rücken getroffen. Das war am 28. Dezember 2008. Am selben Tag wurde auch Mohammed Khawaje (20) mit scharfer Munition in den Kopf getroffen. Er war hirntot und starb drei Tage später im Hospital von Ramallah.

Die Bewohner des Dorfes Nilin demonstrieren gegen den Bau der Apartheidmauer, die vom Internationalen Gerichtshof 2004 für illegal erklärt wurde. Bei Fertigstellung des Baus wird Nilin circa 2.500 Dunum an landwirtschaftlicher Fläche verloren haben. 1948 besaß Nilin noch 57.000 Dunum, 1967 waren es schon 33.000 Dunum weniger. Aktuell besitzt das Dorf noch 10.000 Dunum, nach dem Bau der Mauer werden es 7.500 sein.

Anmerkung d. Übersetzerin
* Auf der Originalseite finden sich hier englischsprachige Links

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 17.03.2009. Originalartikel: Justice for Rachel, justice for the Palestinians . Übersetzt von: Andrea Noll.

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Fußnoten

Veröffentlicht am

18. März 2009

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