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Mord an der Erinnerung - Ehemalige palästinensische Dörfer wurden zu israelischen Spielwiesen

Von Jonathan Cook, 11.03.2009 - ZNet

Canada Park. Der Frühling hat früh Einzug gehalten. Die Israelis strömen in die populärsten Freizeitanlagen des Landes. Canada Park liegt einige Kilometer nordwestlich von Jerusalem. Die Besucher der Freizeitanlage genießen das spektakuläre Panorama, die Waldpfade, die Mountainbike-Strecken, die Höhlen und idyllischen Picknick-Areale.

Eine Serie von Schildern gibt Auskunft über die historische Bedeutung der Landschaft und einer handvoll alter Gebäude - in biblischer, römischer, hellenistischer oder ottomanischer Hinsicht. Wenn überhaupt achten nur wenige Besucher auf die Steinblöcke, die überall im Park verstreut liegen.

Eitan Bronstein ist Direktor der Organisation Zochrot (Erinnerung). Er sieht seine Aufgabe darin, die Israelis und ausländischen Besucher über die verborgene - palästinensische - Vergangenheit des Parks zu instruieren.

"Tatsächlich liegt der Park überhaupt nicht in Israel - auch wenn einem das nie klar wird", sagt er einer Gruppe von 40 Italienern, die Bronstein an diesem Wochenende auf eine Tour führt. "Dies hier ist Teil des Westjordanlandes und wurde im Krieg 1967 erobert. Doch die Präsenz der Palästinenser - und ihre Vertreibung - wird hier auf den Schildern völlig ignoriert".

Zochrot versucht, die Israelis zudem an die Nakba zu gemahnen, an die Vertreibung hunderttausender Palästinenser während der Gründung Israels, 1948.

Die meisten Israelis mögen Bronsteins Touren nicht. Dies zeige, so Bronstein, wie weit sie noch davon entfernt seien, die Notwendigkeit territorialer Kompromisse zu begreifen - Kompromisse, die nötig seien, um ein Friedensabkommen mit den Palästinenser, wie es derzeit von der neuen US-Regierung unterstützt wird, zu erzielen.

Nicht weit von der Parkgrenze entfernt liegen die Reste eines stattlichen Gebäudes. Es handle sich um ein römisches Badehaus, sagt das Schild. Doch es ist das, was von dem palästinensischen Dorf Imwas noch erkennbar ist, das einst auf den Ruinen des biblischen Dorfes Emmaus errichtet worden war.

Man sieht die Spuren eines Friedhofes und verstreute Trümmer von Dorfgebäuden, von einem Café, einer Kirche, von zwei Moscheen und einer Schule.

Die 2000 Palästinenser, die hier einst lebten, wurden zusammen mit den 3500 Bewohnern der beiden Dörfer Yalu und Beit Nuba vertrieben, als die israelische Armee diese Region in der Westbank von Jordanien eroberte. Heute leben die Dorfbewohner und ihre Nachfahren als Flüchtlinge - die meisten in Ost-Jerusalem oder nahe Ramallah.

An dem Ort, an dem die drei Dörfer einst standen, wurde ein Park angelegt. Eine internationale Zionistische Organisation (der Jüdische Nationalfonds) finanzierte den Park mit $15 Millionen. Das Geld stammte aus Spenden kanadischer Juden.

Der Parkeingang ist nur eine Fahrminute von der hektischsten Autobahn Israels entfernt, die Jerusalem mit Tel Aviv verbindet.

Überall in Israel findet man ähnliche Parks, die auf den Ruinen palästinensischer Dörfer errichtet wurden. Allerdings wurden diese Dörfer schon als Folge des Krieges von 1948 zerstört, mit dem Israel gegründet wurde. Der israelische Historiker Ilan Pappe bezeichnet die Auslöschung palästinensischer Geschichte in großem Stil als staatlich organisierten "Mord an der Erinnerung" (Memorizid).

Doch Canada Park ist noch weit heikler für Israel, da der Park außerhalb der international anerkannten Grenzen des Staates Israel liegt. Die Vertreibung der palästinensischen Bewohner, so Herr Bronstein, war ein Akt der vorsätzlichen ‘ethnischen Vertreibung’ von Bewohnern, die keinerlei Widerstand leisteten.

"Wir haben Fotos, (die zeigen) wie die israelische Armee die Vertreibung durchführte", sagt er seiner Touristengruppe und hält eine Reihe beschichteter Fotokarten hoch.

Der Berufsfotograf Yosef Hochman hatte die Szenen damals festgehalten. Man sieht Kolonnen flüchtender Palästinenser, die ihren Besitz auf dem Kopf tragen. Man sieht Armeeoffiziere im Streit mit einer älteren Frau, die sich weigert, ihr Haus zu verlassen, und man sieht, wie Bulldozer sich nähern, um die Dörfer zu zerstören.

Herr Bronstein sagt, die Zerstörungswelle sei damit zu erklären, dass es der israelischen Armee im Krieg 1948 nicht gelungen war, die Region zu erobern. Das Gebiet geht in das ehemalige vorgerückte Latrun http://de.wikipedia.org/wiki/Latrun .über. Heute ist Latrun ein Teil Israels.

"1948 hielten israelische Kommandeure die Eroberung dieser vorgerückten Region für vital, um den sicheren Korridor zwischen Tel Aviv und Jerusalem zu erweitern. 1967 bekamen sie eine zweite Chance und waren verzweifelt bemüht, es diesmal zu schaffen".

Uzi Narkiss war einer der führenden Generäle des 1967-Krieges. Er schwor, das vorgerückte Latrun werde nie zurückgegeben. Die Einrichtung des Canada Park war Israels Art und Weise, das Gebiet zu annektieren, so die Organisation Zochrot.

Seit 2003 fordert Herr Bronstein, dass der Jüdische Nationalfonds zusätzliche Hinweisschilder anbringt, auf denen die palästinensische Geschichte des Parks zum Ausdruck kommt.

Das römische Badehaus, so Bronstein, sei nur deshalb zum Vorschein gekommen, weil dessen Grundmauern nachträglich ausgegraben wurden. Jahrhundertelang war die Struktur darüber ein bedeutender heiliger Ort der Palästinenser gewesen: der Schrein von Obeida Ibn al Jarah, eines arabischen Kriegsherrn, der im 7. Jahrhundert zur Eroberung Palästinas beigetragen hatte.

Der Jüdische Nationalfonds, die zivile Administration und die Militärregierung der Westbank waren schließlich bereit gewesen, zwei neue Schilder aufzustellen, die die Dorfmitte von Imwas und Yalu markierten. Dies geschah jedoch erst, nachdem Zochrot vor Gericht gezogen war. Das Experiment ‘Offenheit’ dauerte nicht lange. Nach wenigen Tagen war das Schild in Imwas teilweise mit schwarzer Farbe übermalt. Kurz darauf verschwanden beide Schilder.

"Man sagte uns, dass wahrscheinlich Schrotthändler für den Diebstahl der Schilder verantwortlich seien", so Herr Bronstein. "Das ist ein wenig schwer zu glauben, zumal die offiziellen Schilder daneben bis heute existieren".

Zochrot erwägt, die Kampagne auszuweiten und die die kanadischen Spender auf die gemäß internationalem Recht unrechtmäßige Verwendung ihrer Gelder aufmerksam zu machen: Im Grunde wurde dieser Teil der Westbank von Israel annektiert. Herr Bronstein glaubt, dass vielen nicht klar ist, wie ihre Spenden verwendet wurden.

Er bereitet sich auf ein weiteres Verfahren gegen den Jüdischen Nationalfonds vor - mit der Forderung, die fehlenden Schilder wieder aufzustellen und Schilder dieser Art auch in Parks innerhalb Israels aufzustellen, um der palästinensischen Dörfer zu gedenken, die von der israelischen Armee nach dem Krieg von 1948 zerstört wurden.

Laut Zochrot liegen 86 palästinensische Dörfer unter Parks des Jüdischen Nationalfonds begraben. Die Ländereien von 400 weiteren zerstörten palästinensischen Dörfern wurden rein jüdischen Gemeinden zugeschlagen. Die Organisation Zochrot besteht aus mehreren hundert Aktivisten. Regelmäßig wählen sie ein zerstörtes Dorf aus und fahren mit palästinensischen Flüchtlingen an diesen Ort, um ein handgemachtes Schild, auf dem der Name des Dorfes auf Arabisch und Hebräisch steht, anzubringen. Nach ein paar Tagen sind die Schilder jedesmal verschwunden.

Herr Bronstein glaubt, dass Schilder, die von offiziellen Behörden aufgestellt werden, mehr Eindruck machen, um das Denken der Israelis zu öffnen.

"In einem kürzlichen Zeitungsinterview gab ein hoher Offizieller des Jüdischen Nationalfonds zu, dass es schwer sein wird, unsere Kampagne zu stoppen", sagt er. "Wir glauben, dass es langsam gelingen wird, den Israelis klarzumachen, dass ihr Staat auf Kosten eines anderen Volkes existiert. Nur dann werden die Israelis wahrscheinlich bereit sein, darüber nachzudenken, Frieden zu schließen".

Eine weitere Version dieses Artikels erschien im Original auf The National ( www.thenational.ae ) in Abu Dhabi.

Jonathan Cook ist der einzige westliche Journalist, der in Nazareth lebt, der Hauptstadt der palästinensischen Minderheit in Israel. Er war zuvor Mitarbeiter bei den Zeitungen The Guardian und Observer und hat über den israelisch-palästinensischen Konflikt auch für die Times, Le Monde diplomatique, die International Herald Tribune, Al-Ahram Weekly, Counterpunch und Aljazeera.net geschrieben. Seine Website ist www.jkcook.net

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 12.03.2009. Originalartikel:  Palestinian villages become Israel’s playground . Übersetzt von: Andrea Noll.

Fußnoten

Veröffentlicht am

13. März 2009

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