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Feministinnen organisieren gegen den Gazakonflikt

Von Eilat Maoz, 08.03.2009 - MR Zine / ZNet

Während des gesamten, Israel-Palästina-Konfliktes, der so unnachvollziehbar erscheint, reagierte die Zivilgesellschaft aktiv auf Krisen und trat für Frieden und Gerechtigkeit ein. Kathambi Kinoti von der Association for Women’s Rights in Development (AWID) interviewt Eilat Maoz, eine der leitenden Koordinatorinnen von Coalition of Women for Peace (CWP). Diese israelische Organisation setzt sich für den Frieden in Israel und Palästina ein.

AWID: Wie bewerten Sie die jüngste israelische Armeeoffensive in Gaza?

Eilat Maoz: Der israelische Angriff auf Gaza kam für uns nicht überraschend. In den Monaten vor dem Angriff, beobachteten wir, wie die israelische Regierung versuchte, die Gewalt in der Region Gaza langsam und kontinuierlich zu eskalieren. Viele neigen dazu, zu vergessen, dass Israel den tahadiah (Waffenstillstand) längst vor dessen offizieller Beendigung, Ende Dezember, gebrochen hatte. In der Nacht des 4. November beispielsweise, als die Augen der Welt auf die Wahlen in den USA gerichtet waren, unternahm Israel einen Luftangriff, bei dem 6 Palästinenser getötet wurden. Zudem zurrte Israel die Belagerung um Gaza fester, so dass selbst Basisgüter der humanitären Versorgung nicht mehr in den Streifen gelangen konnten - ganz zu schweigen von den Menschen, die sich nicht mehr über die Checkpoints in die ein oder andere Richtung bewegen konnten.

Als sich die politische Aufmerksamkeit in Israel allmählich auf die eigenen nationalen Wahlen richtete, standen populistische Erklärungen von Politikern immer mehr auf der Tagesordnung. "Wir werden nicht ruhen, ehe die Hamas zerschmettert ist", lautete die ständig wiederholte Phrase. Niemand hielt inne, um zu fragen, ob dieses Ziel überhaupt machbar ist bzw. was genau mit einem Angriff zu erreichen wäre.

Um zu erklären, warum die Vorstellung, Krieg zu führen, in Israel so populär ist, würde ich weit mehr Platz brauchen, als für dieses Interview zur Verfügung steht. Dennoch schien in diesem Fall mehr im Spiel zu sein - etwas, das über den "normalen" Militarismus der israelischen Gesellschaft, der in allen Lebensbereichen nachweisbar ist, hinausging. Dieses große Interesse, einen Angriff zu starten, könnte als Versuch gewertet werden, den Nationalstolz wiederherzustellen - nachdem der zweite Libanonkrieg in Kreisen des chauvinistischen Israel als schamvolle Schande gesehen wurde.

Es kann zudem als Folge der Dauerstagnation im israelisch-palästinensischen Konflikt gesehen werden sowie als Ausdruck einer sehr maskulinen Vorstellung: "Wir müssen genau festlegen, wer unsere Feinde sind und wie wir mit ihnen umgehen".

Aus all diesen Gründen mussten die Menschen in Gaza einen Angriff erdulden, der genau deshalb gegen sie gerichtet war, weil sie arm und schwach sind und wohl kaum in der Lage, es mit der israelischen Armee aufzunehmen. Es war ein Krieg um die nüchternsten politischen Vorteile in Hinblick auf die (israelischen) Wahlen. Menschliches Leben und menschliches Leid wurden auf das Zynischste benutzt. Und es war eine neue Phase beim Versuch Israels, den Volkswiderstand der Palästinenser zu brechen und die bestehende Okkupation weiterzuführen. Es passierte, obwohl oder vielleicht gerade weil der nationalistische Zionistische Traum eines von Arabern ‘gereinigten’ "Großisrael" langsam zu bröckeln beginnt.

AWID: Wie reagierten die Frauenorganisationen in Israel auf die Offensive und deren Auswirkungen?

Eilat Maoz: In den vergangenen Jahren ist die Coalition of Women for Peace (CWP) zu einem der bekanntesten Segmente der israelischen Friedensbewegung und der radikalen linken Bewegung geworden. Die Koalition ist in der Lage, mit einer großen Bandbreite von politischen Gruppen und Parteien zu kooperieren, - mit Kommunisten, Anarchos, radikalen Parteien und solchen, die eher dem Mainstream zuzurechnen sind, mit NGOs usw.. So kam sie an die Spitze bewegungsübergreifender Bündnisse. In diesen akuten Zeiten sind bewegungsübergreifende Bündnisse der Modus operandi.

Während des Krieges arbeiteten wir innerhalb unseres Bündnisses mit linken Bewegungen zusammen. Darüberhinaus bemühten wir uns um den Aufbau eines weiteren Bündnisses - um eine Koalition mit feministischen Organisationen gegen den Krieg. In der ersten Kriegswoche konnte CWP 20 Frauenorganisationen davon überzeugen, einen Brief an den Premierminister zu unterschreiben, in dem eine klare Haltung gegen den Angriff und gegen die Brutalität zum Ausdruck kommt. Hier ein Auszug aus diesem Brief:

"Wir - Frauenfriedensorganisationen, mit einem breiten Spektrum politischer Ansichten -, fordern ein Ende der Bombardements und anderer Todesinstrumente und die sofortige Aufnahme von Vorbereitungen für Friedensgespräche, anstatt Krieg zu führen. Der Todestanz und der Tanz der Zerstörung müssen aufhören. Wir fordern, dass Krieg keine Option mehr ist, Gewalt keine Strategie mehr und Töten keine Alternative. Wir wollen eine Gesellschaft, in der jedes Individuum - in persönlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht - ein sicheres Leben führen kann. Fest steht, dass Frauen und andere (Gruppen) an der ethnischen, geografischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Peripherie den höchsten Preis zahlen. Wie eh und je stehen sie außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit und des vorherrschenden Diskurses. Heute ist die Zeit der Frauen. Wir fordern, dass eine andere Sprache für Worte und Taten gefunden wird".

Später organisierten wir mehrere Frauenproteste - in Haifa und Tel Aviv. Arabische und jüdische Frauen kamen dort zusammen. Einige der Teilnehmerinnen kamen eher aus der Mitte. Am aufsehenerregendsten waren wohl die Aktivitäten einer Gruppe von CWP-Aktivistinnen in Südisrael. Diese Gruppe organisierte mehrere Proteste in Be’er Sheva und Sderot (beide Städte liegen in der Raketenzone) sowie eine erfolgreiche Konferenz am Sapir-College von Sderot. Diese Menschen kamen aus Städten und Kleinstädten, die in Israel als komplett positiv gegenüber dem Krieg eingestellt dargestellt wurden. Ihre Stimme war insgesamt eine wichtige, starke Facette der Protestbewegung.

AWID: Arbeitete die Women’s Coaltion for Peace oder andere israelische Frauenorganisationen - während oder vor dem jüngsten Angriff - mit palästinensischen Frauenorganisationen zusammen, um sich mit dem andauernden Konflikt zu befassen?

Eilat Maoz: Der Standpunkt von Coalition of Women for Peace ist sehr eindeutig, wenn es um die Bedeutung der Aufrechterhaltung der palästinensisch-jüdischen Partnerschaft geht. Im Moment ist es nicht einfach, mit palästinensischen Organisationen in den Besetzten Gebieten zusammenzuarbeiten, vor allem aufgrund der extremen physischen Trennung und aus Sorge, zu einer Normalisierung der Besatzungssituation beizutragen. Doch CWP ist eine der wenigen Friedensorganisationen in Israel, die ihre Verbindungen zu palästinensischen Bewegungen aufrechterhalten konnten. Wir organisieren viele Frauenproteste zum Thema Checkpoints und Mauer. Wir sind heute Teil der Coalition against the Wall. Vor, während und nach dem Angriff auf Gaza stand CWP in ständiger Verbindung mit unseren Partnern in Gaza - in erster Linie mit dem Gaza Mental Health und Human Rights Center, das von Eyad Saraj geleitet wird und mit dem Free Gaza Movement. Unsere Arbeit basiert auf einer gemeinsamen Agenda und auf einem gemeinsamen Kampf - auf bedingungslosem Widerstand gegen die Okkupation.

Das CWP-Team ist gemischt und besteht aus israelischen und palästinensischen Mitgliedern. Wir haben zwei Generalkoordinatorinnen - eine jüdische und eine palästinensische. Innerhalb der Grenzen Israels von 1948 arbeitet CWP ausschließlich mit palästinensisch-israelischen Bündnissen zusammen und kooperiert regelmäßig mit palästinensischen Frauenorganisationen. Alle Veranstaltungen werden nach dem Grundsatz organisiert, dass palästinensische Frauen und Frauen aus anderen marginalisierten Gemeinden gleichwertig repräsentiert sein müssen.

AWID: Wie ist die Situation im Moment? Es herrscht ja Waffenruhe. Was bedeutet diese Waffenruhe für die Frauen?

Eilat Maoz: Hat das Feuer tatsächlich aufgehört? Und wenn ja, für wie lange? Die israelische Armee hat sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen, aber wer weiß, wann die Truppen wieder hineingeschickt werden? Wie können die Frauen ihr Leben und ihr Familienleben wiederaufbauen, wenn Israel noch immer die Grenzübergänge kontrolliert und Versorgungsgüter nicht hineinlässt? Uns scheint es, als seien all diese Fragen Schlüsselfragen. Das verpflichtet uns weiterzukämpfen - auch nachdem der Pulverdampf sich verzogen hat.

Eines der schrecklichsten Dinge dieses Angriffes ist, dass mehr als 1,5 Millionen Menschen am Morgen nach dem Krieg mit einem lebenslangen Trauma aufgewacht sind. Ständig hören wir Geschichten von Kindern, die ins Bett machen, weil sie immer noch Angst vor nächtlichen Bomben haben, über Erwachsene, die alle Symptome (von Wut bis unerträglichen Ängsten) eines posttraumatischen Stresssymptoms (PTS) aufweisen. Wir hören von Unterernährung und schrecklichen Verletzungen, die nicht adäquat behandelt werden - aus dem einfachen Grund, weil die Krankenhäuser in Gaza dies nicht leisten können. Frauen leiden unter all diesen Problemen, aber sie sind auch diejenigen, die die Arbeit des Helfens auf sich nehmen. Daher leiden sie noch mehr.

Auf israelischer Seite leiden Frauen unter massiven Erschwernissen - ökonomischer und emotionaler Art oder aufgrund der Okkupation. Das liegt daran, dass die Regierungsstrukturen, einschließlich des Sozialstaates, versagen, wenn es darum geht, der israelischen Bevölkerung während der Raketenangriffe Hilfe zu leisten. Durch den Krieg sind viele dieser Frauen verzweifelt. Und auch sie sind in der Situation, anderen helfen zu müssen, die von ihnen abhängen, auch Männern.

AWID: Wie wäre der anhaltende israelisch-palästinensische Konflikt Ihrer Meinung nach zu lösen?

Eilat Maoz: Aktuell liegen nur zwei Vorschläge für eine allgemein bekannte, permanente, politische Lösung auf dem Tisch: die Ein-Staatenlösung und die Zwei-Staatenlösung. Es ist schwer zu sagen, welche von beiden einfacher durchzuführen wäre und in welchem Zeitraum. Gleichzeitig sind diese "Lösungen" nur als ein Schritt in einem langen Prozess der Veränderung tiefverwurzelter Strukturen ungleicher Machtverteilung in unserer Gesellschaft zu sehen. CWP legt daher Wert auf einen umfassenden und feministischen Friedensansatz. Dieser feministische Friedensansatz hat das komplexe Shema der Machtstrukturen im Blickfeld und versucht, diese radikal zu verändern.

Ich denke, am wichtigsten ist es, sich daran zu erinnern, dass das politische Rahmenwerk - ein Staat oder zwei Staaten - nicht soviel zählt wie der Inhalt. Die wichtigste Frage ist, wie folgende Prinzipien - gleiche Bürgerrechte, demokratische Partizipation und soziale Gerechtigkeit - sich in jenem Staat oder jenen zwei Staaten manifestieren werden, die in irgendeiner Form in der Region Israel/Palästina irgendwann entstehen werden. Aus diesem Grund kämpfen wir für diese absoluten Grundwerte - für das Heute, für das Morgen und für die Jahre, die kommen werden.

Eilat Maoz ist leitende Koordinatorin der israelischen Frauenfriedensorganisation Coalition of Women for Peace (CPW).

 

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 08.03.2009. Originalartikel: Feminist Organization against the Gaza Conflict . Übersetzt von: Andrea Noll. 

Veröffentlicht am

08. März 2009

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