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Wird die Welt 2009 weniger von Atomwaffen bedroht sein als zuvor? Viele, auch Kirchen, sagen “Ja”

Von Jonathan Frerichs

2009 dürfen Sie sich auf eine gute Nachricht freuen. Trotz des schrecklichen Anfangs, den das Jahr im Gazastreifen und anderen langjährigen Konfliktgebieten genommen hat, haben Regierungen, denen die kollektive internationale Sicherheit ein Anliegen ist, daran gearbeitet, 2009 einen historischen Meilenstein zu setzen: die Zahl der Länder, die durch die Einrichtung atomwaffenfreier Zonen geschützt sind, wird von gegenwärtig 56 auf 110 steigen.

Der Wandel wird von einer afrikanischen Hauptstadt, wie Windhoek oder Bujumbura, ausgehen, sobald zwei weitere Regierungen den Vertrag ratifizieren, der Afrika zur atomwaffenfreien Zone erklärt. Die Kirchen befürworten den Schritt und stellen eine Verbindung zwischen dieser afrikanischen Maßnahme und der Notwendigkeit ähnlicher Fortschritte im Nahen Osten her.

"Das werden für Afrika und die ganze Welt gute Nachrichten von der nuklearen Front sein", stellt Botschafter Bethuel Kiplagat, ein erfahrener afrikanischer Staatsmann, fest. Kiplagat steht an der Spitze einer Initiative des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die einen Beitrag zum Inkrafttreten des Vertrags über eine atomwaffenfreie Zone in Afrika leisten will und auf kirchliches Engagement auf nationaler Ebene zur Unterstützung eines internationalen Ziels setzt.

Eine ökumenische Delegation, die vor kurzem nach Namibia reiste, erhielt eine positive Antwort auf höchster politischer Ebene. Die Ratifizierung des Vertrags wird bedeuten, dass die gesamte südliche Halbkugel und angrenzende Regionen geschützt sind. Lateinamerika und die Karibik, Südostasien, der Südpazifik und Zentralasien haben ebenfalls Zonen eingerichtet, in denen Atomwaffen und damit in Verbindung stehende Aktivitäten verboten sind.

In den letzten Monaten ist die kollektive Sicherheit aller Völker - unter vielfältiger ökumenischer Beteiligung - zunehmend in den Mittelpunkt gerückt. "Das Engagement der Weltreligionen für gemeinsame Sicherheit bedeutet, dass sie die Regierungen dazu bringen wollen, ihrem Versprechen, die Welt von Kernwaffen zu befreien, nachzukommen", erklärte der ÖRK-Präsident für Asien, Soritua Nababan, auf einem Gipfel leitender Religionsvertreter/innen in Japan, der unmittelbar vor der G-8-Tagung im letzten Jahr stattfand.

Der Antritt der neuen Regierung in den Vereinigten Staaten hat bereits dazu beigetragen, dass Atomverträge auf der Weltagenda weiter nach oben gerückt sind. Produktionsbegrenzungen für Kernbrennstoffe und ein allgemeines Nukleartestverbot sind zentrale Anliegen auf wichtigen UNO-Konferenzen, an denen der ÖRK 2009 in Genf und New York teilnehmen wird. Für die Kirchen bedeutet diese Entwicklung, dass die 60-jährigen Abrüstungsbemühungen, die alle ÖRK-Vollversammlungen bekräftigt haben, nach Jahren der Enttäuschung wieder eine Zukunft haben.

"Es wird grundlegende Veränderungen in der Atompolitik der USA geben", erklärte Joseph Cirincione, Wahlkampfberater Präsident Obamas, vor Vertretern/innen von Nichtregierungsorganisationen, einschließlich des Ökumenischen Rates der Kirchen, die letzten Monat an einer Konferenz des Europäischen Parlaments teilnahmen. "Dazu gehört, dass unsere Regierung sich mit Russland in Verbindung setzen und tiefe Einschnitte in den Nukleararsenalen aushandeln wird", betonte Cirincione, der zugleich Präsident der Ploughshares Foundation ist, einer Stiftung, die zivilgesellschaftlichen Kapazitätsaufbau auf diesem Gebiet betreibt.

In einer viel beachteten Ansprache Ende letzten Jahres bezeichnete UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon die Abschaffung von Nuklearwaffen als "globales öffentliches Gut höchsten Ranges". Fortschritte, so Ban Ki-Moon, würden durch die Anwendung rechtsstaatlicher Prinzipien, einschließlich Verträgen über die Einrichtung atomwaffenfreier Zonen in Afrika und unweigerlich auch im Nahen Osten, erreicht. Der UNO-Generalsekretär verwies auf die zentrale Rolle des wichtigsten Atomwaffensperrvertrags (offiziell: Vertrag über die Nichtverbreitung von Kernwaffen, NPT) und der UN-Abrüstungskonferenz in Genf. Ökumenische und interreligiöse Delegationen nehmen regelmäßig an beiden Foren teil.

Zur Förderung der atomwaffenfreien Zonen in Afrika und dem Nahen Osten hat der ÖRK in 50 Ländern Kontakte mit Regierungs-, Zivilgesellschafts- und Religionsvertretern/innen hergestellt.

Das Nahostprojekt baut auf der Zusammenarbeit der drei abrahamitischen Religionen auf und bezieht einige der Unterzeichner/innen des historischen Briefs von Muslimen an christliche Führungspersönlichkeiten aus dem Jahr 2007 ein, in dem Massenzerstörungswaffen verurteilt wurden. Sowohl die Afrika- als auch Nahostinitiative setzen Entschließungen der Vollversammlung und anderer Leitungsgremien des ÖRK um.

Gefährlicher Rohstoff Uran

"Afrika verfügt zum einen über enorme nukleare Ressourcen und ist zum anderen dazu berufen und bereit, für Abrüstung einzutreten und sich von Kernwaffen fernzuhalten", betont Botschafter Kiplagat. Namibia zum Beispiel sei dabei, sich zum weltweit größten Uranexporteur zu entwickeln. Führende Persönlichkeiten in Namibia setzten alles daran, die Uranvorkommen vor ausländischer Kontrolle zu schützen.

Die atomwaffenfreie Zone in Afrika würde Ländern wie Namibia Garantien für Sicherheit, Umwelt und Handel geben. Ohne solche Regelungen könnte ein Land, das über dieses seltene und gefährliche Mineral verfüge, in eine Situation geraten, in der Uran wie Blutdiamanten gehandelt würde, stellte der Präsident der Vereinigten Kongregationalistischen Kirche des südlichen Afrika, Andre September, während der ÖRK-Treffen in Namibia fest.

Professor Tinyiko Maluleke, der Vorsitzende des Südafrikanischen Kirchenrates, erklärte der ÖRK-Delegation, Kernenergie und Kernwaffen müssten in Afrika "unter verschiedenen Aspekten [gesehen werden] - z.B. unter dem Aspekt des ‘Volkshaushalts’ wie auch der Notwendigkeit, menschliche Sicherheit und Umweltschutz zu gewährleisten." Südafrika ist das einzige afrikanische Land, das je über Kernwaffen verfügt hat.

"Es ist eine Übung des Glaubens, der gemeinsamen Bedrohung zu begegnen, die von den Kernwaffen für das menschliche Leben, für alle Lebensformen und für die Haushalterschaft der Schöpfung Gottes ausgeht", betonte ÖRK-Präsident Nababan auf dem Gipfel religiöser Führungspersönlichkeiten letztes Jahr in Japan.

Nababan wies darauf hin, dass die aktuelle Verringerung der atomaren Bedrohung positive Auswirkungen auf verschiedenen Gebieten haben werde. Die Kirchen betrachteten die Nuklearkrise als politische, wirtschaftliche, ökologische und geistliche Krise, erklärte der ÖRK-Präsident.

Die Krise sei politisch, so Nababan, weil die Welt aufgeteilt sei in einige wenige nukleare "Habende" und viele nukleare "Habenichtse"; wirtschaftlich, weil Kernwaffenprogramme die kostspieligsten Posten in den größten Militärbudgets der Welt seien; ökologisch, weil Kernwaffen, genau wie der Klimawandel, einen Energiemissbrauch darstellten, der ausreichte, um das Leben auf dem ganzen Planeten zu bedrohen; geistlich und seelisch, weil Kernwaffen von ihren Besitzern das Gegenteil dessen verlangten, was Gott für die menschliche Gemeinschaft wolle.

Zu den Initiativen, die in letzter Zeit gegen Kernwaffen ergriffen wurden, gehören eine weltweite zivilgesellschaftliche Kampagne zur Abschaffung der Nukleararsenale ("Global Zero"-Kampagne); das antinukleare Bündnis "Mayors for Peace" (Bürgermeister für den Frieden), dem sich 2008 zusätzliche 500 Städte angeschlossen haben und das jetzt insgesamt 2600 Mitgliedsstädte miteinander verbindet; ein neuer Vorschlag der Europäischen Union zu einem globalen Verbot von Kernversuchen und der Herstellung von spaltbarem Material; die Lobbyarbeit britischer Kirchen gegen die Erneuerung des Nukleararsenals durch die britische Regierung; eine ökumenische Konferenz in Seoul, die unlängst die Kirchen aufforderte, weltweit gegen die nuklearen Drohungen Stellung zu beziehen, die gegen bestimmte Länder gerichtet werden.

Kirchen und kirchliche Gruppen, die nukleare und andere Massenzerstörungswaffen bekämpfen, leisten einen Beitrag zur ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt , zu deren letztem regionalen Fokus, der Afrika gewidmet ist, und zur Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation , die 2011 in der Karibik stattfinden wird - einer Region, die zur ersten atomwaffenfreien Zone der Welt gehört.

Jonathan Frerichs, ÖRK-Programmreferent für nukleare Abrüstung und den Nahen Osten, ist Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika.

 

Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen   - Pressemitteilung vom 27.01.2009.


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Veröffentlicht am

31. Januar 2009

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