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Das Haus schaukelte hin und her

Die Reise des Apotheker nach Gaza: Zuerst durfte Yafer Alsharafi nicht hinein, dann nicht mehr heraus

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Von Marina Achenbach

An einem Stehtisch in einem Berliner Bistro erzählt Yafer Alsharafi von einem Weg, der "normaler Weise" 20 Minuten dauert und für den er und seine Frau sechs Stunden gebraucht haben. Es ist der Weg vom Haus seiner Familie in Gaza zum Roten Kreuz in Gaza. Er erzählt davon spät abends in der hell ausgeleuchteten Ladenpassage des Europacenters. Alles schon geschlossen. Kaum Menschen. Aber Alsharafi ist wieder da. Ist dem Krieg in Gaza heil entkommen. Seit einer Woche.

Straßenhunde und Leichen

"Es war noch dunkel. Niemand von meiner Familie wollte einen großen Abschied", sagt er und stockt. Erst viel später wird klar, warum. "Ich habe meiner Mutter die Hand geküsst, die Füße geküsst, sie hat mir einen grünen Weg gewünscht." Er dreht sich leicht weg. "Das heißt bei uns, einen glücklichen, sicheren Weg. Mein Bruder hatte den Fahrer eines Krankenwagens überredet, unsere vier Koffer ein Stück weit mitzunehmen. Er fährt, nach 200 Meter werden wir mit Raketen beschossen, vom Meer vermutlich. Der Fahrer stellt die Koffer auf die Straße, ruft: ›Kehrt um, es ist zu gefährlich!‹ Aber ich will nicht mehr, ich kann es nicht mehr sehen, was da jeden Tag in Gaza passiert. Und ich kann nicht helfen, noch dazu als Apotheker. Das macht krank. Wir gehen zu den Koffern, nehmen sie, haben aber große Angst, dass sie uns von irgendwoher beobachten und denken, wir tragen Waffen. Da steht im Dunkeln ein Esel, nicht angebunden, ich sage: nehmen wir ihn. Doch sein Besitzer sieht uns, kommt aus dem Haus, ist empört. Ich erkläre es hastig, biete ihm zehn Dollar. Er antwortet: ›Nein, das nehme ich nicht, die Hauptsache, ihr bleibt gesund. Lasst ihn beim Roten Kreuz stehen.‹

Wir haben die Koffer dem Esel aufgeladen, sind langsam durch kleine Gassen gegangen. Nach 500 Metern hat der Esel geschrien. Wenn ein Esel schreit, kann man Angst bekommen. Er lockt die Gefahr an. Wir haben ihn stehen lassen. Er findet bestimmt seinen Weg zurück, Esel sind klug. Aber er ist mir später immer wieder eingefallen: hoffentlich passiert nichts mit ihm, sonst wird man mich zu Hause bis ans Ende meiner Tage nach diesem Esel fragen.

Wir gehen nicht auf den Hauptstraßen, sondern laufen zwischen den Häusern, durch Gänge und Tore. Manchmal ist eine Straße mit Trümmern zugeschüttet, wir müssen zurück. Auf diesem Weg sehen wir viele Leichen, 20 oder 25. Und das Furchtbare ist: Straßenhunde haben schon an diesen Leichen gefressen. Manchmal möchte man stehen bleiben, sie zudecken, aber man geht weiter. Sie haben ihr Schicksal - wir müssen weitergehen und leben. Es ist ein Weg zwischen Leben und Tod, und irgendwie lebt man noch. Langsam, langsam gehen wir. Wir sehen Flugzeuge, eine Rakete, müssen warten. Man sieht der Rakete zu, die ihr Ziel sucht! Sie kommt von oben, fliegt durch eine Straße, sie biegt wie ein Auto nach rechts und wieder links. Diese Waffen sind absolut präzise, sie treffen die ausgewählte Wohnung. Ich habe mir das nie so vorgestellt. Leute haben es mir erzählt, und ich habe gelacht. Dann habe ich es gesehen. Wir machen eine Pause, trinken etwas. Wir sehen auf dem Weg fast keinen Menschen. Die Koffer sind schwer."

Yafer Alsharafis dunkle Augen wandern hin und her beim Erzählen, jede Episode bekräftigt er beschwörend mit dem Wort "Wirklich!" Er zweifelt daran, dass man ihm glaubt. Er glaubt selbst kaum, dass er diese Dinge erlebt hat. Die Frau am Ausschank reicht uns die Kaffeetassen freundlich und behutsam herüber, vielleicht hat sie von seiner Erzählung etwas mitbekommen und nimmt Anteil.

Wir rühren um und schweigen. Es war Anfang Oktober, als Alsharafi kurz entschlossen von Berlin nach Kairo flog, um Amani zu heiraten. Es hieß, die Grenze zwischen Gaza und Ägypten wäre passierbar. Doch dann steht er in Rafah an der berüchtigten, chaotischen Grenzanlage, an der in Etappen Ägypter und Israelis kontrollieren und an der so viele Verzweiflungsausbrüche abgeprallt sind. Er darf nicht einreisen. Er wartet vier Wochen, schläft in einem Massenquartier, telefoniert mit seinen Leuten in Gaza, erwägt, durch einen Tunnel zu ihnen zu kriechen, aber sie sind kategorisch dagegen, zu gefährlich. Nach einem Monat öffnet sich für ihn endlich der Schlagbaum. Es ist der 7. November 2008.

Der Abschied aus Gaza

Alsharafi und Amani wollen Hochzeit feiern und zusammen nach Berlin fliegen. Er hatte Amani ein Jahr zuvor in der Universität von Gaza gesehen. So drückt er es aus. Es war nur ein Sehen. Er bat seine Mutter und Schwester, den Kontakt zu Amanis Familie aufzunehmen. Sie entdeckten zur allgemeinen Freude, dass man ihn dort schon lange kannte. Während der Schulzeit war er mit Amanis Bruder befreundet, war oft im Haus, die Schwestern aber bekam er nie zu Gesicht. Sie sprachen endlich miteinander, ein Jahr lang telefonierten sie täglich, bis er abfährt, sie zu holen. Aber der Blockadering um Gaza wurde immer undurchlässiger. Dass alles in einen militärischen Überfall münden würde, ahnte Alsharafi nicht.

Nun stolpern sie mit vier Koffern über die Trümmer zum Internationalen Roten Kreuz in Gaza-Stadt. Nach sechs Stunden erreichen sie ihr Ziel, es empfängt sie eine Helferin aus Irland, die auch deutsch und arabisch spricht. Zehn Busse stehen vor dem Gebäude, darin warten Menschen, die Pässe anderer Länder haben, auf die Genehmigung des israelischen Militärs zur Abfahrt. "Wir fahren ein Stück und bleiben einen Kilometer vor der Grenzstation Erez stehen. Wieder zwei bis drei Stunden. Auf einmal - direkt vor uns - werden Transportarbeiter der UNO von Scharfschützen beschossen. Die Männer sitzen auf dem Gabelstapler, wir sehen plötzlich, dass zwei von ihnen umkippen. Der dritte stirbt vor unserem Bus. Ein Krankenwagen holt die zwei Verletzten, der Tote bleibt liegen. Wir streiten eine Stunde lang mit dem Mann vom Roten Kreuz: Ihr müsst die Leiche mitnehmen, ihr könnt sie nicht liegen lassen, die Kinder sehen das. Er telefoniert. ›Ich kriege keine Genehmigung von den Israelis.‹ Wir holen eine Decke aus dem Bus und decken den Toten zu. Das ist der Abschied aus Gaza."

Die Busse dürfen nicht weiter fahren. Hunderte Menschen, meist Frauen, schleppen ihre Koffer und kleinen Kinder zu Fuß bis an die Grenze. Sie treten in den Gang, die erste Schranke, mit Kamera, sie gehen immer weiter, vielleicht einen halben Kilometer, mehrere Schranken, Lautsprecheransagen, am Ende ein Durchleuchtungsgerät. Männer und Frauen nun getrennt, die Arme hochgehoben.

"Als wir da herauskommen", erzählt Alsharafi, "sehen wir sie, die israelischen Soldaten, ihre Gesichter. Erst jetzt. Sie studieren unsere Pässe, um sie zu stempeln. Einige von uns müssen an die Seite gehen, auch meine Frau und ich. Sie nennen keinen Grund, sie sagen nur: Nein. Ihr müsst wieder zurück. Ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft wartet auf uns. Er steht hinter der Barriere und beruhigt uns: ›Keine Angst, ihr seid jetzt in Sicherheit, wir fahren nicht ohne euch weg. Sie prüfen nur. Wir warten auf euch.‹ Irgendwann kommt ein Offizier, wir kriegen den Stempel. Wir sind draußen, steigen ein ins Auto der Botschaft, fahren los. Freiheit. Wir sind glücklich. Aber ich muss weinen, ich weine sehr. Eine Spaltung: du bist voll Freude und gleichzeitig so traurig. Denn plötzlich sehe ich die Tochter meines Bruders vor mir - sie ist drei Jahre, sie hat nicht geschlafen. Als ich in der Nacht wegging, ist sie hinter mir her gerannt: Onkel, Onkel, bitte nimm mich mit, ich habe Angst, bitte. Sie hat geweint. Und ich sage zu ihr, vielleicht komme ich morgen und nehme dich mit, ich schicke ein Flugzeug über Gaza, das schmeißt eine Leiter runter und du kannst raufklettern. Jetzt denke ich jede Nacht an diese Situation, man wird verrückt. Und im Auto denke ich, vielleicht sehe ich meine Mutter nicht mehr. Meine Brüder. Aber ich lebe jetzt weiter. Mit Freude und Trauer."

Rote Flamme mit weißer Spitze

Die Botschaftsleute tun alles für die beiden, laden sie ein, reden ihnen gut zu, denn sie sind wie betäubt. Alsharafi empfindet, dass auch die deutschen Beamten gegen den Krieg sind, ohne es zu betonen. "Das kann gar nicht anders sein. Denn nicht nur die Palästinenser verlieren, auch die Israeli, alle auf der Welt." Man bringt sie nach Jordanien, von Amman geht es mit der Lufthansa nach Frankfurt und weiter nach Berlin.

In Berlin gehen sie zuerst zu seinem Bruder, dann in die Apotheke. Amani kennt den Weg aus seinen Beschreibungen. Zuletzt die Wohnung. Er gibt ihr den Schlüssel, sie fährt in den dritten Stock und schließt auf. "Als wäre sie schon da gewesen."

Aber heiraten konnten sie immer noch nicht. Als Alsharafi am 7. November endlich die Grenze überschritten hatte und in Gaza ankam, hatten sie 40 Tage zu warten, weil ein Verwandter gestorben war. Sie versuchten, gleich nach Berlin zu fahren, ohne Hochzeit, denn die Arbeit in der Apotheke wartete. Sie bekamen keine Ausreise. Zu Essen gab es kaum etwas, Wasser, Gas und Strom kamen nur selten. Als die 40 Tage herum waren, mieteten sie einen Raum für die Hochzeit, trotz alledem. Einen Tag vor dem Fest, am 27. Dezember, begann das Bombardement. "Aber wir sind verheiratet", sagt er, "denn sie ist bei mir."

Wir stehen immer noch an unserem Tisch im Europacenter, manchmal ziehen kleine Gruppen auf der Suche nach Unterhaltung über den Marmorboden der Passage, ihre Rufe, ihre Schritte hallen.

Das Haus seiner Familie steht im Jabaliya-Camp, nördlich von Gaza-Stadt. 1948 ist die Familie dorthin geflüchtet. Das Haus hat sieben Stockwerke für die sieben Brüder, vier Schwestern und die Mutter. Aber die meisten von ihnen leben in alle Welt verstreut. Der Vater, einst Kellner eines Restaurants im Hafen von Gaza, hat darauf gedrängt, dass sie Schulen besuchten. "Wir haben von ihm kein Geld geerbt, aber ein paar Prinzipien: dass man einen Beruf braucht und selbstständig sein muss." Yafer ist der jüngste.

Über das erste Bombardement am 27. Dezember sagt er nur: "Gaza ist klein, eine F 16 reicht, damit Gaza bebt. Sie kamen mit 65. Unser Haus wackelte, es schaukelte hin und her, wir dachten, es stürzt ein." Nebenan wohnt der Onkel, dort haben sie im Garten den Cousin begraben. "Aber wenn ich sage, wir begraben die Leichen in den Gärten, um sie später auf den Friedhof zu bringen, dann ist das nicht der ganze Mensch. Wir sammeln die Teile, manchmal gibt es nur noch wenige. Und die Kinder sehen das."

Das israelische Militär hat weißen Phosphor eingesetzt. Diese Chemikalie erkennen die Apotheker. Es gibt eine hohe, rote Flamme mit weißer Spitze. "Phosphor kommt in verschiedenen Modifikationen vor", versucht Alsharafi zu erklären, "roter, schwarzer, weißer Phosphor. Alle sind giftig, der weiße am stärksten. Er ist brennbar bei Raumtemperatur und reagiert, so lange es Luft gibt. Es entstehen neue Verbindungen, die dringen in den Körper ein, reagieren wieder mit dem Blut, treffen die Lunge, die Nieren, die Leber. Die Pflanzen werden den weißen Phosphor aufnehmen, die Leute werden es im Gemüse essen und sich vergiften. Es gibt kein Ende. In Gaza wird eine Umweltkatastrophe folgen."

Alsharafi redet sich in Zorn: "Vielleicht denken die israelischen Soldaten, sie produzieren so viel Angst, dass die Palästinenser mit erhobenen Händen kommen und sie anflehen, endlich aufzuhören? Nein, sie haben Hass produziert, in jedem Haus. Die Kinder meiner Brüder, meines Onkels, sie sehen alles, nicht im Fernsehen, nein, in Wirklichkeit. Sie sehen das, und sie hassen. Es gibt überhaupt keine Gerechtigkeit. Die israelischen Soldaten finden seit 60 Jahren Gründe, uns anzugreifen. Früher war es Arafat, jetzt ist es Hamas. Ministerpräsidentin Golda Meir hat bei der Gründung des Staates Israel gesagt: Das ist ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land. Wo sind wir? Wo sind die Palästinenser?"

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung 04 vom 23.01.2009. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

26. Januar 2009

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