Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Weißer Phosphor: Ist Gaza Testgelände für experimentelle Waffen?

Von Jonathan Cook, 14.01.2009 - ZNet

Nazareth. Die Sorge über einen möglichen israelischen Einsatz von nichtkonventionellen und experimentellen Waffen im Gazastreifen wächst: (Offizielle) Sprecher kommentieren ausweichend. Man zögert, unabhängige Journalisten in die kleine Enklave Gaza zu lassen. Das nährt die Spekulationen weiter.

Setzt Israel Granaten mit Weißem Phosphor ein? Die Debatte darüber steht derzeit im Vordergrund. Weißer Phosphor führt zu furchtbaren Verbrennungen, wenn die Substanz mit der Haut in Kontakt kommt. Gemäß internationalem Recht ist der Einsatz von Weißem Phosphor in Form von Rauchschwaden - um (die eigenen) Soldaten zu schützen - nicht verboten. Der Einsatz von Weißem Phosphor als chemische Waffe gegen Zivilisten ist jedoch verboten.

Die Israelische Armee behauptet noch immer, sie setze nur Waffen ein, die durch das internationale Recht erlaubt seien. Indes üben Menschenrechtsorganisationen massive Kritik an Israel, es feuere Phosphor-Granaten in dichtbesiedelten Gebieten Gazas ab.

Auch andere nichtkonventionelle Waffen könnten zum Einsatz gekommen sein - in diesem toten Winkel, den das wachsame Auge der Welt nicht erfasst.

Die US-Armee entwickelt eine Munition namens ‘Dime’, die auf kleiner Fläche zu einer starken, tödlichen Explosion führt. ‘Dime’ steht für "dichter, träger Metallexplosionskörper".

Diese Munition steckt noch in der Entwicklung und ist noch nicht zugelassen. Es wird befürchtet, dass das US-Militär Israel ‘grünes Licht’ gab, Gaza als Testgelände für die neue Waffe zu benutzen.

"Wir haben bereits gesehen, dass Gaza als Testlabor für Waffen, die ich als ‘Höllenwaffen’ bezeichne", benutzt wurde", sagt David Halpin, ein britischer Chirurg im Ruhestand und Traumaspezialist, der schon mehrfach in Gaza war, um ungewöhnliche Verletzungen zu untersuchen.

"Ich befürchte, dass in Israel das Denken vorherrscht, es sei in seinem Interesse, soviele Verstümmelungen wie möglich zu erzeugen, um die zivile Bevölkerung zu terrorisieren - in der Hoffnung, diese werde sich gegen die Hamas wenden", so Halpin.

Der norwegische Notfallspezialist Mads Gilbert, der im Al-Shifa-Hospital in Gaza-Stadt arbeitet, ist einer der wenigen ausländischen Ärzte vor Ort. Er und andere Ärzte in Gaza berichten, dass viele der Verletzungen, die sie sehen, mit dem Einsatz von Dime erklärbar wären.

Es heißt, Dime rufe eine besondere, unterscheidbare Art von Verletzungen hervor. Wer Opfer einer Dime-Explosion werde, dessen Glieder würden abgetrennt oder "geschmolzen". Es komme zu inneren Verletzungen, vor allem in Weichteilbereichen, etwa dem Unterbauch. Häufig bedeutete dies den Tod der Menschen.

Die zerstörten Organe wiesen keine Schrapnel-Spuren auf - lediglich feine "Staubspuren", winzige Metallpartikel, die bei einer Autopsie der verletzten Organe sichtbar würden. Wer eine Dime-Explosion überlebt, trägt zudem ein erhöhtes Krebsrisiko. Das ergaben Untersuchungen in den USA.

Im Gegensatz zu Dime führt traditionelle Munition dieser Art zu großen Schrapnell-Eintrittswunden.

"Die Kraft der Explosion lässt sehr rasch nach, die Reichweite ist kurz, vielleicht zehn Meter, aber die Menschen, die von der Explosion erfasst werden, durch deren Druckwelle, werden in Stücke zerhackt", sagte Dr. Gilbert in einem aktuellen Interview über Dime.

Es ist nicht das erstemal, dass befürchtet wird, Israel setze in Gaza Dime ein. 2006, nach einer längeren Welle israelischer Luftangriffe auf Gaza, berichteten Ärzte in Gaza von merkwürdigen Wunden, die sie nicht behandeln konnten. Die betroffenen Patienten starben oft unerwartet nach einigen Tagen.

Eine italienische Untersuchung, die anschließend durchgeführt wurde, ergab, dass Israel den Prototyp einer Waffe eingesetzt hatte, die mit Dime vergleichbar ist. Gewebeproben von Opfern aus Gaza zeigten damals, dass Konzentrationen von ungewöhnlichen Metallen in den Leichen vorhanden waren.

Yitzhak Ben-Israel, ehemaliger Chef des Israelischen Waffenentwicklungsprogrammes, schien sich mit der Waffe auszukennen. Er sagte gegenüber dem italienischen Fernsehen, der kleine Explosionsradius trage dazu bei, dass Umstehende nicht verletzt würden. Ein "Schlag gegen sehr kleine Ziele" werde dadurch möglich.

Israel bestreitet den Einsatz von Waffen, die gemäß internationalem Recht verboten sind. Dime ist davon jedoch nicht erfasst, da die Lizenz für diese Munition offiziell noch nicht beantragt ist.

Bis zu einem Waffenstillstand in Gaza wird es schwer sein, Behauptungen zu untersuchen, dass nichtkonventionelle Waffen in Gaza eingesetzt werden. Allerdings ergaben frühere Untersuchungen, dass Israel Munition dieser Art einsetzte.

Die israelische Menschenrechtsgruppe B’Tselem hat zudem zahlreiche Vorfälle dokumentiert, bei denen die Israelische Armee Flechettegranaten einsetzte - im Libanon und in Gaza. Diese Granaten setzen Tausende von winzigen Pfeilen frei, die allen Menschen, die sich im Freien aufhalten, furchtbare Verletzungen zufügen.

Der Reuters-Kameramann Fadel Shana filmte im April 2008, wie ein israelischer Panzer in Gaza eine solche Granate abfeuerte. Einige Sekunden später wurde er von den Flechettes dieser Granate getötet.

Laut Miri Weingarten, Sprecherin von ‘Physicians for Human Rights’, entwickelte die Israelische Armee einen neuen Typ von Flechette-Munition: ‘Kalanit’ (Anemone) genannt. Man werde nach Wunden Ausschau halten, so Weingarten, die durch Kalanit verursacht sein könnten. Kalanit ist eine Antipersonen-Munition, bei der Hunderte von kleinen Scheiben freigesetzt werden.

Beim israelischen Angriff auf den Libanon 2006 scheint Israel eine ganze Reihe von kontroversen Waffen eingesetzt zu haben. Nachdem dies ursprünglich bestritten wurde, hatte ein Minister der Israelischen Regierung schließlich zugegeben, dass die Armee Phosphor-Granaten abgefeuert habe. Die israelischen Medien berichteten über Millionen von Clusterbomben, die über dem Südlibanon abgeworfen wurden.

Es wird zudem vermutet, dass Israel damals uranhaltige Gefechtsköpfe einsetzte. Eine Untersuchung durch eine britische Zeitung hatte in zwei Einschlagskratern von Raketen, die durch Israel abgefeuert wurden, eine erhöhte radioaktive Strahlung festgestellt.

Sarit Michaeli, Sprecherin von B’Tselem, sagt, ihre Organisation sei noch nicht in der Lage festzustellen, welche Waffen bei den aktuellen Angriffen auf Gaza verwendet werden. Sie fügt hinzu, wenn Israel leugne, nichtkonventionelle Munition anzuwenden, sei dies nicht glaubwürdig.

"Es stimmt, was die Armee-Sprecher sagen, Waffen wie Phosphor und Flechettes sind nicht ausdrücklich verboten. Unserer Ansicht nach können diese Waffen, die nicht zwischen Kombattanten und Nichtkombattanten unterscheiden, in einem dichtbesiedelten Gebiet wie Gaza aber nicht legal eingesetzt werden".

Laut aktuellen Berichten (vom Januar) haben die USA umfassende Waffenlieferungen nach Israel organisiert. Ein Pentagon-Sprecher bestreitet allerdings, dass diese für den Einsatz in Gaza gedacht seien.

Jonathan Cook ist Autor und Journalist. Er lebt in Nazareth/Israel. Sein jüngstes Buch heißt: ‘Disappearing Palestine: Israel’s Experiments in Human Despair’ (Zed Books). wwwjkcook.net .

Eine Version dieses Artikel ist als Erstabdruck in The National (Abu Dhabi) erschienen www.thenational.ae .

 

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 14.01.2009. Originalartikel: Is Gaza a testing ground for experimental weapons? Übersetzt von: Andrea Noll. 

Veröffentlicht am

14. Januar 2009

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von