Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Helmut Gollwitzer: Mit der Angst manipulieren?

Am 29. Dezember 2008 wäre der große evangelische Theologe Helmut Gollwitzer 100 Jahre alt geworden. Der im Oktober 1993 im Alter von fast 85 Jahren verstorbene Gollwitzer trat nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 entschieden für die "Bekennende Kirche" ein und war später unter anderem Wegbegleiter der Studentenbewegung wie der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Wir erinnern in der Lebenshaus-Website an ihn durch die Veröffentlichung verschiedener Predigten, Reden und Artikel.

Helmut Gollwitzer war in den 1980er Jahren entschiedener Gegner der NATO-"Nachrüstung" mit neuen Atomwaffen. Nachfolgend veröffentlichen wir einen Artikel, in dem er sich vor dem Hintergrund der drohenden weiteren atomaren Aufrüstung mit dem für den Hamburger Kirchentag von 1981 gewählten Motto "Fürchte dich nicht!" auseinandersetzt.

Mit der Angst manipulieren?

Von Helmut Gollwitzer

Während des Streites um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik in den Jahren um 1950 sagte Karl Barth in einem Gespräch, kein Zuruf sei den Deutschen jetzt nötiger als der Evangeliumsruf: "Fürchtet euch nicht!" Denn bei den weittragenden Beschlüssen, die jetzt gefasst werden müssten, sei Angst ein schlechter Ratgeber; vielmehr komme es jetzt auf ruhiges Erwägen aller Umstände und Gesichtspunkte an.

Als 1957/58 auch die Evangelische Kirche in Deutschland wiederum über eine politische Frage zerstritten war, nämlich über die Frage einer Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen, wandte sich die Leitung der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) an die Gemeinden mit einer Erklärung, in der sie davor warnte, den Atomkrieg mehr als Gott zu fürchten: "Wir handeln gegen Gottes Gebot, wenn wir an die Stelle der Furcht vor Gott die Angst vor der entfesselten Atomkraft setzen."

Im Jahre 1979 sagte mir ein befreundeter Philosoph, Günther Anders, über sein neues Buch, den zweiten Band seines großen Werkes "Die Antiquiertheit des Menschen" (München 1980), er versuche, mit ihm die Aufgabe zu erfüllen, die ihm heute die dringlichste zu sein scheine: "Ängstige deinen Nächsten wie dich selbst!"

Im Jahre 1980 entschied sich das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags bei der Wahl zwischen zwei als Losung für den Kirchentag 1981 in Hamburg vorgeschlagenen Bibelworten nicht für die Seligpreisung Jesu: "Selig sind die Friedensstifter!", sondern für den biblischen Zuruf: "Fürchte dich nicht!"

In drei verschiedenen Situationen der deutschen Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg haben also Menschen der Kirche durch Ausrufen eines biblischen Zurufs ihre Zeit- und Volksgenossen von großer Furcht befreien und zu Zuversicht ermutigen wollen, wogegen der nicht-christliche Philosoph gerade das Ängstigen für dringend nötig hält. Oberflächlich betrachtet, könnte das aussehen wie der Gegensatz von christlicher Glaubensgetrostheit und atheistischer Hoffnungslosigkeit - und oberflächlich betrachtet, haben die Vertreter der Kirche in allen drei Fällen, da sie das gleiche sagten, auch das gleiche gemeint. In Wirklichkeit aber steht es damit, soviel ich sehe, ganz anders.

In den Jahren um 1950 drückte uns die Russenangst die Waffen in die Hand. Dass damit die deutsche Teilung zementiert wurde, dass damit die beiden getrennten Teile unseres Volks im Dienst der beiden Supermächte gegeneinander aufgerüstet und Deutschland zum Schlachtfeld eines europäischen Zukunftskriegs bestimmt wurde, und dass damit die beiden riesigen Militärblöcke auf deutschem Boden unmittelbar aneinander rückten zur tödlichen Gefahr für unser Volk, hätte man sehen können. Aber die Angst verdrängte diese Erkenntnis. Befreiung von dieser Angst hätte überstürzte Beschlüsse verhindern und Erwägung anderer Lösungen ermöglichen können.

1957 war die Angst vor einer Verschärfung der bis heute unvermindert weiterbestehenden Gefahr eines Atomkriegs durch atomare Ausrüstung der Bundeswehr durchaus am Platz. Die lutherischen Bischöfe versuchten mit ihrem Wort, unserem Volk diese Angst auszureden mit dem an sich richtigen Hinweis darauf, dass wir Gottes Gericht mehrfürchten sollen als die atomaren Gefahren - ein Hinweis aber, der in dieser Lage nur den Leichtsinn fördern konnte, es werde so schlimm schon nicht kommen. Statt zu mutigen Schritten einer Abrüstungs- und Friedenspolitik zu raten, suchten sie mit einem frommen Wort die Angsthemmung vor den Atom-Gefahren herunterzuschrauben, und nahmen faktisch Partei für die Aufrüstungspolitik.

Trost und Aufgabe

Heute, 1981, ist nichts so nötig, als die Christen an Jesu Verheißung für die Friedensstifter zu erinnern und damit an die christliche Aufgabe, in einer so bedrohlichen Weltlage an der Befreiung von der durch die gegenseitige Angst erzeugten Hochrüstung mitzuwirken, weil sie den Krieg auf deutschem Boden immer wahrscheinlicher macht, und weil sie unsere Lebensmöglichkeiten zerstört, schon bevor es zur kriegerischen Explosion kommt. Die Kirchentagsleitung hielt statt dessen ein Trostwort für nötiger.

Und wer möchte bestreiten, dass der Trost des Evangeliums, das Evangelium als Trost uns allen nötig ist in den vielfachen Lebens- und Todesängsten, in denen wir stecken - die Christen und die Nicht-Christen? Ist es nicht noch dringlicher - so kann man für die Losungswahl des Kirchentagspräsidiums argumentieren -, dass die Menschen, die zum Kirchentag kommen, und diejenigen, die auf seine Botschaft hören, zunächst einmal getröstet, gestärkt, aufgerichtet werden? Erst müssen sie erkennen, dass es dank der sinngebenden Gegenwart des lebendigen Gottes sinnvoll ist, in dieser schrecklich verkehrten Welt etwas zu tun, bevor ihnen gesagt wird, was sie hier tun sollen. Erst müssen die müden Knie gestärkt werden, bevor sie in Marsch gesetzt werden. Darum erst der Trost, dann die Aufgabe!

Vielleicht vermeiden wir einen unfruchtbaren Streit um die Reihenfolge, wenn wir uns dahin einigen, dass jedenfalls beides untrennbar zusammengehört. Gestärkt werden wir für die Aufgabe, und wer sich ernstlich an die Aufgabe macht, wird rasch merken, wie unentbehrlich ihm die Stärkung ist. Man wird aber nicht leugnen können, dass es in der Christenheit immer eine Tendenz gegeben hat, den Trost einzuheimsen und sich um die Aufgabe zu drücken.

Da lebt man dann in den gleichen Nöten und in den gleichen Sünden wie die übrige Welt, man macht mit bei der Ausplünderung der armen Länder für unser Wohlergehen, sichert Arbeitsplätze und Aktiengewinne durch Rüstungsindustrie, steigert durch immer neue Erfindungen in den Forschungslaboratorien die Todeskapazität der gegenseitigen Bedrohung, man macht alles mit - und man ist als Christ gegenüber den Ungläubigen noch fein heraus dadurch, dass man den Trost der Vergebung und die Verheißung des ewigen Lebens besitzt.

Das aber muss verhütet werden: ein Kirchentag als Trostladen, von dem man gestärkt nach Hause fährt, um weiter mitzumachen, was alle machen, um also noch furchtloser als bisher den Todestanz der Kriegsrüstung mitzumachen in der Meinung, bei ihm zu gewinnen (mehr Sicherheit, die Abwehr des Kommunismus, vielleicht sogar die Überlegenheit über die Sowjets) und, falls es doch schief geht, wenigstens das ewige Leben in der Tasche zu haben.

Das ist ein Zerrbild des christlichen Glaubens, das leider weit verbreitet ist. Im wirklichen Gottesglauben aber gehören Trost und Aufgabe, Gottvertrauen und Sendung untrennbar zusammen. Gestärkt wird nicht fürs Mitmachen beim Todestanz des alten Lebens, sondern fürs Nicht-Mitmachen, für die Kehrtwendung heraus aus dem Unsinn und Wahnsinn, heraus aus der Vorbereitung des vielfachen Holocaust, mit dem die Regierungen spielen, indem sie sich damit bedrohen, und den wir alle riskieren, solange wir mit allerlei schein-vernünftigen Gründen den Rüstungswahnsinn bejahen.

Heraus aus dem Totentanz

"Fürchte dich nicht!" wird Israel zugerufen, damit es ein Volk werde, das "meinen Ruhm erzählen soll" (Jes. 43, 1.21). "Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten" (Matth. 10, 28), wird den Jüngern gesagt, nicht damit sie sich furchtlos am Töten beteiligen, sondern damit sie aus dem Todeskarussell austreten und zu Friedensstiftern werden. Da werden sie dann freilich mit mächtigen Interessen in Konflikt kommen, mit der Todesindustrie und mit denen, die nach militärischer Überlegenheit streben, mit dem ganzen "militärisch-industriellen Komplex" (Eisenhower), der heute eine ungeheure Macht auf die Regierungen ausübt, und auch mit den Ängsten der durch ständige Propaganda aufgehetzten Bevölkerungen, die immer noch meinen, dass mehr Rüstung mehr Sicherheit schafft, obwohl längst am Tage ist, dass sie immer mehr Unsicherheit schafft. Dagegen werden sie gestärkt für den Kampf um den Frieden, für die Bereitschaft: "Frieden schaffen ohne Waffen", für die Bereitschaft: "Ohne Rüstung leben" durch den Zuruf: "Fürchtet euch nicht!" - nicht fürs Mitmachen beim Totentanz -, und dafür wird ihnen mit allem Nachdruck gesagt: "Wer ist, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nachkommt?" (1. Petr. 3, 13).

Mit der Angst manipulieren

An den anfangs berichteten Beispielen ist zu sehen: Man kann mit dem Gottvertrauen ebenso manipulieren wie mit der Angst. Eine geschickte Propaganda pflegt beides zu benützen. Sie steigert die Angst vor der anderen Seite - die ist kriegslüstern, expansionslüstern, will die Welt in ein großes KZ verwandeln, gegen die hilft nur immer größere Rüstung, und am besten wäre es, man könnte sie mit einem großen Atomschlag auslöschen.

Und zugleich benützt diese Propaganda die christliche Glaubensverkündigung: Habt Vertrauen zu Gott und zu euren Regierungen, die ja nur das Beste, nur den Frieden wollen; fürchtet euch nicht, es wird schon gut gehen, und helft mit, die Seite des Guten, der Freiheit, der Zivilisation, der Demokratie so lange zu stärken, bis es den "bösen Nachbarn" nicht mehr gibt! Da dient die Predigt des Gottvertrauens zum Beschwichtigen, zum Einlullen, zum Abbau des christlichen Gehorsams und des christlichen Widerstands gegen das Weitertreiben der Rüstungsschraube und zum falschen Vertrauen auf Menschen, auf die Regierungen, als hätten sie die heutige Todesrüstung so sicher im Griff, dass sie nicht ausrutschen, nicht explodieren kann.

Weil die Völker durch die Propaganda der politischen, militärischen und ökonomischen Rüstungsinteressen so eingeschläfert werden, bekommt die Parole von Günther Anders: "Ängstige deinen Nächsten wie dich selbst!" einen Sinn, der dem Zuruf: "Fürchte dich nicht!" nicht widerspricht, sondern einen Teil der Aufgabe der Friedensstifter darstellt. Die alte Regel: "Si vis pacem, para bellum" (Wenn du den Frieden willst, rüste zum Krieg!) kann heute nicht mehr die Leitlinie in der Politik sein. Sie hat schon früher viele Kriege nicht verhindert, und heute vermehrt sie das Kriegsrisiko aufs höchste. Zumal für die Deutschen, deren geteiltes Land militärisch nicht mehr verteidigt, sondern nur noch total zerstört werden kann, muss eine neue Politik gefunden werden.

Die tödlichen Gefahren erkennen

Die Entspannungs- und Vertragspolitik der letzten zehn Jahre ist ein erster Schritt auf dem richtigen Weg. Eine Regierung, die sich in dieser Richtung weiter bemüht, bedarf der Unterstützung durch eine breite Bevölkerungsmeinung; eine Regierung, die noch nicht eingesehen hat, dass weitere Rüstung uns nicht Leben, sondern Tod verschafft, muss durch eine aufgeklärte, klar sehende Bevölkerung in die richtige Richtung gezwungen werden. Dazu ist nötig, dass in der Bevölkerung die Verharmlosungen der Interessen-Propaganda durchschaut werden, dass die Menschen sich durch kein falsches Gottvertrauen und durch kein Vertrauen zu Menschen mehr einschläfern lassen, sondern erschreckt auffahren und die tödlichen Gefahren erkennen, in die sie sich haben hineinführen lassen, und von den Politikern eine andere, eine neue Politik verlangen, für die allerdings soviel Mut und wahres Gottvertrauen nötig ist, wie es der einmaligen Größe der Gefahr entspricht.

Was heute in der Rüstungspolitik, in der Atomenergiepolitik und ebenso in unserer Wohlstandspolitik auf dem Rücken der mehr und mehr verelendenden Dritten Welt betrieben wird (unter unser aller Mitverantwortung!), das ist ein grandioser, ein verbrecherischer Leichtsinn, das kann nicht gut ausgehen, dafür gilt das harte Wort: "Die Sünde ist der Leute Verderben" (Spr. 14, 34) und: "Was der Mensch sät, das wird er ernten" (Gal. 6, 7). Dagegen müssen die eingelullten Menschen geängstigt, durch eine notwendige Angst aufgeschreckt werden.

Zugleich muss gegen den alten Aberglauben, Rüstung sichere unser Leben, und auf Kosten anderer ließe es sich gut leben, Mut gemacht werden zu einer neuen Politik des friedlichen Zusammenlebens und zur Arbeit für eine gerechtere Weltgesellschaft, in der die Güter besser verteilt werden als heute, und in der wir - Angehörige der reichen Völker - vielleicht weniger Güter zum Leben haben, aber ein menschlicheres, freundlicheres Leben führen können als jetzt, wo der materiellen Verelendung der anderen die psychische Verelendung und Verkümmerung in unserer Mammongesellschaft entspricht.

Für ein menschlicheres Leben

Die Christen haben aus ihrem Glauben, aus ihrer vom Evangelium ihnen eröffneten Erkenntnis eines besseren, sinnvolleren Lebens die Aufgabe, eine Gruppe in der Bevölkerung zu sein, von der Aufklärung über die Größe der heutigen Gefahren ebenso ausgeht wie Ermutigung zu einer alternativen Politik. Dafür - und nur dafür wird ihnen vom Evangelium zugerufen: "Fürchtet euch nicht!"

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Mai 1981, 42. Jahrgang, S. 226ff.

Veröffentlicht am

29. Dezember 2008

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