Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Rede von Helmut Gollwitzer zum 40. Jahrestag des Kriegsendes

Am 29. Dezember 2008 wäre der große evangelische Theologe Helmut Gollwitzer 100 Jahre alt geworden. Der im Oktober 1993 im Alter von fast 85 Jahren verstorbene Gollwitzer trat nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 entschieden für die "Bekennende Kirche" ein und war später unter anderem Wegbegleiter der Studentenbewegung wie der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Wir erinnern in der Lebenshaus-Website an ihn durch die Veröffentlichung verschiedener Predigten, Reden und Artikel. Nachfolgend der Entwurf für eine Rede zum 40. Jahrestag des Kriegsendes, die Helmut Gollwitzer am 9. Mai 1985 in der Paulskirche in Frankfurt (Main) gehalten hat.

 
8. Mai 1945 - 8. Mai 1985

Entwurf der Rede auf der zentralen Veranstaltung der Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste (ASF) am 9. Mai 1985 in der Paulskirche in Frankfurt (Main) zum 40. Jahrestag des Kriegsendes

Von Helmut Gollwitzer

I

Ein Freund erzählte mir vor kurzem, wie er, achtjährig, in einem Dorf im südlichen Schwarzwald das Ende des Krieges erlebt hat: "Der Lehrer kam in die Schule, wurde mit ‘Heil Hitler’, wie üblich, begrüßt und sagte ‘Jetzt dürft ihr nicht mehr ‘Heil Hitler!’ sagen, jetzt heißt es: ‘Vive la France!’ Das übten wir dann, und am Nachmittag, als der französische Oberkommandant, der General Koenig, durch unser Dorf kam, standen wir Spalier wie früher, wenn Parteigrößen kamen, und winkten und riefen im Chor: ‘Vive la France!’ So einfach war für uns Kinder der Übergang."

Daran kann man sehen: Wie erfährt eigentlich ein Volk seine Geschichte? Ein Volk als Ganzes! Antwort: Als eine Geschichte von Befehl und Gehorsam, als einen Gehorsamszusammenhang und eine Leidensgeschichte. Je mehr ein Volk als Täter in der Geschichte auftritt, desto weniger ist es das ganze Volk, desto weniger ist es kollektivgeeint, desto weniger ist es wirklich Subjekt seiner Geschichte. Wer waren denn zwischen 1933 und 1945 die Subjekte, die Täter in Deutschland? Vor allem die Machteliten, die sich miteinander arrangierten, die alten aus Wirtschaft, Militär und Verwaltung und die neuen aus der Partei, einander verachtend und einander Vorteile zuschanzend. Neben und unter ihnen die Mehrheit der Bevölkerung, die vielen Funktionäre und die unzähligen Gläubigen, einschließlich der meisten Soldaten. Die Oppositionellen, eine Minderheit, waren nicht Subjekte des Geschehens, wussten es aber besser, wussten es im voraus und waren ohnmächtig.

Als eingetroffen war, was diese Minderheit vorhergesehen hatte, da endlich war das Volk geeint, alle miteinander, Mehrheit und Minderheit, kollektiv schuldig gesprochen, sicher zu Unrecht, aber kollektiv verantwortlich haftbar gemacht alle miteinander, und dies nicht zu Unrecht. Miteinander hungernd, die Nazis und die Antinazis, miteinander angespuckt. Als wir 1958 zum ersten Mal in Israel waren, lehnten es deutsche Juden in Haifa ab, mit uns bei einer uns befreundeten jüdischen Familie zusammenzukommen, mit der Begründung: "Wir können mit keinem Deutschen mehr sprechen. Für uns gibt es kein anderes, besseres Deutschland." Wir konnten uns nicht dagegen wehren. Wir wussten doch, dass auch wir Oppositionellen bis auf wenige zu wenig getan hatten: wir haben alle unser Leben lieber gehabt, wir haben alle davon profitiert, dass wir keine Juden, Zigeuner usw. waren, sondern Deutsche und Arier. Nun wurden wir alle miteinander von den anderen dabei behaftet, dass wir Deutsche sind. Es geht uns wie einer Familie, deren Glieder alle darunter leiden müssen, dass einer durch Schandtaten den Familiennamen in Verruf gebracht hat. Frau Freisler nennt sich um, Frau Himmler nennt sich um, wir Deutsche können uns nicht umnennen. Deshalb werdet ihr Jungen draußen mit euren Vätern und Großvätern identifiziert, auch wenn ihr damals erst 15 Jahre alt ward wie Helmut Kohl oder noch lange nicht geboren ward wie ein heutiger ASF-Freiwilliger. Ihr werdet identifiziert, ob ihr’s wollt oder nicht. Das ist so üblich unter den Völkern. Sie haben ein längeres Gedächtnis als die Individuen. "In hundert Jahren noch wird euch nicht vergessen werden, was ihr hier getan habt", sagte mir ein junger jüdischer Sowjetarzt in meinem ersten Gefangenenlager. Die Sünden der Väter werden heimgesucht bis ins dritte und vierte Glied, das ist nicht eine Bosheit des Alten Testaments, das ist Lebenswahrheit, mögt ihr euch darüber empören oder nicht, und das ist auch gut so. Darum war es schlecht und uneinsichtig und drückebergerisch, dass Helmut Kohl in Israel die banale Wahrheit seiner 15 Jahre hervorhob. Es ist gut so; denn wir danken unseren Eltern viel, wir erben von unseren Eltern viel (mancher sogar das arisierte Geschäft des Vaters!). Zu den Gründen unserer Wohlhabenheit heute gegenüber den Völkern der Dritten Welt gehört auch der Reichtum, der in der Kolonialzeit nach Europa geflossen ist. Es ist uns gut, nicht nur für unsere eigenen Taten haftbar zu sein, sondern auch für die Taten unserer Eltern. Dadurch erfahren wir uns alle als nicht-isolierte Individuen, als Glieder der Geschlechterkette, die für die Bibel die Menschheitsgeschichte bedeutet, als zusammenhängende Wesen, Eltern und Kinder, Verursacher von Folgen und Erben von Folgen. Daran soll ein Datum wie der B. Mai 1945 uns erinnern.

II

Was nun ist die Erblast dieses Volkes, die meine Generation euch Jüngeren aufgeladen hat? Das schlimmste Mordregime der europäischen Geschichte, schlimmer als die Untaten früherer Jahrhunderte und anderer Völker, schlimmer, weil unheilbarer, unverbesserbarer als die Entartung des Kommunismus zum Stalinismus. Wer waren die Mörder? Jeder zeigte 1945 auf Hitler und Himmler. Aber diese erbärmlichen Schurken, die dann in den Selbstmord ausrissen, haben doch keinen Menschen umgebracht. Die hätten auch - schwächliche Schreibtischtäter, die sie waren - keinen umgebracht. Dazu war nötig, dass Tausende sich dafür zur Verfügung stellten und das Ventil für ihre sadistischen Instinkte bereitwillig hochziehen ließen; dass Hunderttausende denunzierten, dass Hunderttausende funktionierten für die Mordtransporte ebenso wie für den Zivilverkehr, für die Bespitzelung der Nachbarn ebenso wie für die Verdunkelungsüberwachung; dass Millionen billigten, was sie durch deutliche Missbilligung hätten verhindern können, dass Millionen nicht sehen, nicht hören, nicht denken, sondern glauben wollten, und dass sie, als sie endlich sehen mussten und nicht mehr glauben konnten, immer noch gehorchten, sich an ihren Eid hielten und aus Angst mitmachten bis fünf Minuten nach zwölf. Nicht nur gegen die Dummheit und Feigheit der Massen aber darf sich die Anklage richten, schärfer noch geht sie gegen die Machteliten. Da waren die Alten, die Reichswehrführung, die Wirtschaftsführer, die Kirchenleitungen, hervorragende Vertreter des Geisteslebens - sie lieferten einer neuen Machtelite ein ganzes Volk zur Verdummung und Terrorisierung aus und darüber hinaus zur Ausrottung eine Minderheit, die Juden, die Zigeuner, samt den Linken, besonders den Kommunisten, und dies, um ihren Besitzstand zu erhalten, um - sie sagten es ja offen - die "marxistische" Revolution zu verhindern. Dafür war ihnen kein Preis zu hoch, vor allem kein Preis, von dem sie hoffen konnten, dass andere ihn bezahlen müssen. Das Bild vom "Tag von Potsdam", dem 5. März 1933, soll uns allen vor Augen stehen: der greise Generalfeldmarschall und der junge Kanzler, so sagten es, Rührungstränen aus Millionen Augen stimulierend, die Schlagzeilen. Da stand sichtbar vor Augen: die alte Machtelite, die Besitzelite, liefert der neuen, der Mordelite, das eigene Volk aus und im besonderen alle, die zur Ausrottung vorgesehen sind auf der schwarzen Liste der braunen Mordgesellen, und dies unter der Bedingung, dass dadurch der bisherige Besitzstand gesichert werde, eine Bedingung, mit der das Wort "Sozialismus" in der Selbstbezeichnung der Nazis Lügen gestraft wurde.

Das war noch nichts spezifisch Deutsches, vielmehr etwas Allgemein-Faschistisches. Das muss heute betont werden, weil es sich auch heute irgendwo wiederholen kann. Auch Typen wie den KZ-Kommandanten Höss oder den ehrgeizzerfressenen Heydrich findet man überall. Eine solche Allianz von Strolchen, Sadisten, Duckmäusern und idealistischen Narren konnte und kann sich überall zu einer kriminellen Vereinigung zusammenfinden, wie diesmal in der NSDAP. Auf das spezifisch Deutsche, nach dem wir als Deutsche fragen müssen, stoßen wir beim "Tag von Potsdam". Er zeigt die Übereinstimmung nicht nur von Interessen, sondern auch zwischen althergebrachten Traditionen und neuem Banditentum. Diese Traditionen waren geeignet, von diesem Banditentum usurpiert und zur Tarnung verwendet zu werden. Darum konnte Preußentum münden und enden im Nazismus. Symbolisiert der Tag von Potsdam die Übereinstimmung, so symbolisiert der 20. Juli 1944 die Diskrepanz zwischen der Tradition und ihren Usurpatoren. So scheiden sich humaner und inhumaner Gehalt der gleichen Tradition in ihrem Ende.

Bei der nötigen Frage nach dem spezifisch Deutschen im Nazismus stoßen wir also nicht rassistisch auf eine spezifische Bosheit des deutschen Wesens, sondern historisch auf spezifische Unglücksbedingungen der deutschen Geschichte. Deren Ende haben wir mit der deutschen Katastrophe von 1933 bis 1945 hinter uns. Nicht geringer dürfen wir diese Katastrophe einschätzen, sonst verharmlosen wir ihre Schrecklichkeit. Hinfort gibt es keine Deutsche Geschichte mehr, sondern nur noch eine Geschichte der Deutschen, dieses großen Volkes in der Mitte Europas, das nun zerteilt leben wird in verschiedenen Staaten, in der Bundesrepublik Deutschland, in der Deutschen Demokratischen Republik, in Österreich, in der deutschen Schweiz, im Elsaß und in Luxemburg. Zum Zentralstaat geeint, erst kleindeutsch, dann großdeutsch, wurde dieses Volk furchtbar für sich und für seine Nachbarn; vielfach zerteilt, kann es fruchtbar werden für Europa. So ist die "deutsche Frage" heute beantwortet, nicht mehr "offen", - offen nur noch für diejenigen, die 1945 als Ende der deutschen Einheitsgeschichte nicht wahrhaben, die den Krieg verspätet noch gewinnen wollen. Ihnen zu widerstehen und aus 1945 schonungslos die Konsequenz für die kulturelle Identität gegen die national-staatliche Identität der Deutschen zu ziehen, dem gesamteuropäischen (und nicht nur westeuropäischen!) Frieden zugute, ist eine Aufgabe, die wir uns an diesem Gedenktag klarmachen sollen.

III

Im Sommer 1945 befand ich mich in einem kleinen Waldlager in Mittelrussland mit etwa 200 Kameraden. Die nannten es Vernichtungslager; denn bei zu wenig Nahrung war keine Aussicht auf Erfüllung der hohen Arbeitsnormen im Wald. Ich sagte ihnen: "Ich war Gott sei Dank nie im KZ, aber ich weiß wahrscheinlich mehr über die KZ’s als die meisten von euch; sie unterscheiden sich von unserem Lager wie die Hölle von der Erde. Hier sind wir immer noch auf der Erde!"

Eines Tages fand eine Lagerversammlung statt, bei der über den Weg des deutschen Volkes gesprochen werden sollte. Die Landser forderten mich auf, meine Meinung zu sagen, mein Fazit aus dem, was wir erlebt hatten. Es ging also im Grunde um das gleiche, worauf wir uns heute, 40 Jahre danach, zu besinnen haben. Ich sehe mich noch inmitten der 200 abgerissenen und abgemagerten Männer und wiederhole heute nur die drei Merksätze, die ich damals formulierte:

1. Nie wieder Krieg! Da nickten sie alle. So haben die älteren unter euch auch genickt nach 1918, sagte ich, und dann habt ihr euch doch wieder in die Uniform stecken und euch ein Gewehr in die Hand drücken lassen. Warum? Weil euer "Nie wieder Krieg!" nur ein halber Satz war, nicht ein ganzer. Der ganze hätte in eurem damaligen Bewusstsein gelautet: "Nie wieder Krieg, solange es nicht wieder befohlen wird, weil es nötig sei!" Das war sein Fehler. Denn als einer kam und euch sagte: "Jetzt ist es wieder nötig!", da habt ihr gehorcht und habt euch zu Schlächtern und Schlachtschafen machen lassen. Immer habt ihr euch von anderen, von oben vorsagen lassen: "Jetzt ist es nötig." Der letzte Kriegsdienstverweigerer, der letzte kommunistische Arbeiter, der ins Gefängnis ging und sich an die Wand stellen ließ, weil er sich nicht aufreden ließ, dass es nötig sei, sah die Lage richtiger als die Geheimräte und Generale 1914, die 1918 immer noch weiter kämpfen wollten, und die Generale und Minister 1939, die euch 1945 immer noch die Hoffnung auf die Wunderwaffe des Führers aufschwätzten. Seid ihr, zweimal so betrogen, nun endlich gescheiter geworden? "Nie wieder Krieg - auf gar keinen Fall!"

Es ist schön und lobenswert, wenn Helmut Kohl und Erich Honecker am Grabe von Tschernenko gemeinsam erklärten: "Nie wieder Krieg vom deutschen Boden aus!". Ein guter Vorsatz, aber auch hier fehlt noch der Punkt auf dem i: Nicht nur: "Nie wieder Krieg vom deutschen Boden aus!", sondern: "Nie wieder Krieg auf deutschem Boden!" Auf deutschem Boden darf nicht mehr gekämpft werden, um keinen Preis und zu keinem Zweck, weil jeder Kampf auf deutschem Boden die Vernichtung des deutschen Volkes sein wird—wahrscheinlich übrigens auch buchstäblich die Vernichtung des deutschen Bodens, nämlich seine Verstrahlung und Vergiftung auf Jahrhunderte hinaus. Was in den Manövern für den Ernstfall geprobt wird, das darf im Ernstfall nicht geschehen. Im Ernstfall den Kampf auf deutschem Boden zu verhindern, ist, da wir fremde Truppen im Lande haben, die einzige Aufgabe der deutschen Truppen, der Bundeswehr und der Volksarmee. Nur so können sie den Eid, den sie schwören, erfüllen. Das ist der letzte uns erlaubte und gebotene Nationalismus. Denn mit der Verhinderung des Kampfes auf deutschem Boden, mit dem fremde Truppen für fremde Interessen unser Land und seine Menschen vernichten würden, dienen wir dem Überleben von ganz Europa und damit auch dem Leben der Menschheit.

2. Als zweites sagte ich den Kameraden: Lasst euch nicht gegen die Russen aufhetzen. Wir werden vermutlich allerlei Schlimmes von ihnen erfahren und viel Negatives hier beobachten. Wer als Kriegsgefangener in einem anderen Volke lebt, hat die ungünstigste Perspektive, um dieses andere Volk kennenzulernen. Und jeder Mensch neigt dazu, die eigenen Untaten mit dem Verkleinerungsglas zu sehen und die Untaten der anderen mit dem Vergrößerungsglas. Aber seid euch klar: Die Russen haben durch uns ungleich mehr erlitten als wir - und dauerte unsere Gefangenschaft auch noch so lange - jemals von ihnen erleiden werden. Wir sind nicht in einem Vernichtungslager; sie wollen uns nicht vernichten, sondern Arbeit von uns haben für den Wiederaufbau ihres durch unseren Krieg zerstörten Landes. Und seid euch weiter klar: Nur wenn unsere beiden großen Völker zu friedlicher, freundschaftlicher Nachbarschaft miteinander finden, wird das "Nie wieder Krieg!" Wirklichkeit werden. Wer als Russenhetzer zurückkommt, trägt damit bei zum nächsten Krieg.

Das ist heute so aktuell wie vor 40 Jahren. Was man "Antikommunismus" nennt - mit negativem oder positivem Vorzeichen - das ist alte Russenverachtung und - da der, der einen anderen verachtet, ihn immer auch fürchtet - alte Russenangst, schon 1914 virulent. Hitler konnte darauf aufbauen und die antirussische Einstellung weiter hochzüchten, nun noch gesteigert durch Antisozialismus. Das Experiment des russischen Sozialismus durfte ja keinen Erfolg haben, das hätte sonst unsere Besitzordnung gefährdet. Dieses Amalgam von Russenangst und Antisozialismus wurde nach 1945 bruchlos weitergezüchtet. Damit wird bis heute die Hochrüstung legitimiert. Jeder kann wissen, dass die in der Sowjetunion herrschende Machtelite geeint ist mit ihrem Volke aus schrecklicher Kriegserfahrung im Abscheu gegen einen neuen Krieg, und dass kein Grund denkbar ist, der sie jetzt oder künftig auf einen Überfall auf Westeuropa sinnen ließe. Trotzdem wird uns das Feindbild einer angriffslüsternen Sowjetunion indoktriniert, um uns willig zu machen, immer höhere Rüstungslasten, deren gesellschaftliche Folgen an allen Ecken und Enden zu spüren sind, als "Preis der Freiheit" zu zahlen. Das unverzeihliche Wahlplakat der Adenauer-CDU in den fünfziger Jahren, das einen Sowjetsoldaten als drohende Untermenschenbestie zeigte, war Ausdruck der Russenverachtung und der Russenangst, die man Verteidigungsbereitschaft nennt. Dafür haben wir vom Westen die Generalabsolution für die deutschen Untaten erhalten - unter der Bedingung der Bereitschaft, diese Untaten gegen die Ostvölker und besonders gegen die Russen zu wiederholen und ja keine Buße für die vergangenen Untaten zu leisten. Wer aber die Russen kennt, weiß: Sie sind nicht nur ein großes, sondern ein großartiges Volk mit alter Kultur und tiefer Menschlichkeit; es lohnt, sie zu Freunden zu gewinnen. Um unserer Zukunft willen muss mit der Russenverachtung gebrochen werden, müssen die Leiden, die wir dem russischen Volk zugefügt haben, endlich in unser Bewusstsein kommen, muss friedliche Koexistenz gewonnen und zur friedlichen Proexistenz entwickelt werden.

Getretene Menschen haben das Bedürfnis, selber zu treten - nach unten! Dieses Verachtungsbedürfnis war noch immer ein Mittel für herrschende Cliquen, ein Volk kriegswillig zu machen. Am Antikommunismus haben die christlichen Kirchen kräftig mitgewirkt. Als Leute eines Gottes, der keines seiner Geschöpfe verachtet, gehören heute die Christen in Deutschland auf die Seite derer, die der Verachtungstradition entgegenwirken. Daraus erwuchs die Osteuropa-Arbeit von ASF, die nun auch zu unserer Freude in Belorussland stattfinden kann. Die Judenverachtung ist heute zurückgedrängt, aber potentiell immer noch vorhanden; Zigeunerverachtung wird von den Roma und Sinti häufig erfahren; Homosexuellenverachtung wurde im Falle Kiesling manifest; Ausländerverachtung macht Politiker populär. Die Bibel aber sagt: "Siehe, Gott ist so groß und verachtet doch niemanden."

3. Mein dritter Satz damals war: Traut keinem mehr über den Weg! Keinem, der euch mit schönen Worten zu seiner Gefolgschaft machen will. Ihr wart viel zu lange gläubig und habt das Denken anderen überlassen. Von jetzt an müsst ihr selber denken. Weil ihr das nicht getan habt, darum seid ihr jetzt hier.

Ich wusste damals noch nicht, dass Thomas Jefferson, ein Urvater der westlichen Demokratie, Misstrauen eine Haupttugend demokratischer Bürger genannt hat. Die herrschenden Machteliten bei uns haben jedesmal vom Volk Vertrauen gefordert, wenn sie das Volk ins Verderben geführt haben. Zweimal haben sie behauptet, nur für
den Frieden, nur zur Kriegsverhinderung zu rüsten, und wenn es dann trotzdem losging, haben sie versprochen, der Krieg werde kurz und der Sieg leicht sein. Zweimal kam an den Tag, wie sehr sie damit das Volk belogen haben. Heute wird angeblich wieder nur für den Frieden gerüstet, wieder nur zur Kriegsverhinderung der Krieg in Manövern geprobt, und wieder wird von uns Vertrauen verlangt, dass die da oben das alles nur für den Frieden tun, und dass nichts passieren kann, weil sie alles so gut im Griff haben. Jawohl, wir trauen ihnen zu, dass sie, weil sie keine Selbstmörder sind, Konflikte mit äußerster Vorsicht behandeln, wie jetzt den Fall des Majors Nickolson. Aber wir trauen ihnen nicht zu, dass ihnen das in jedem Fall gelingt, dass jeder von ihnen immer die Nerven behält, dass ihnen ein Konflikt nie über den Kopf wächst, dass da nie etwas ausrutscht. Und wir müssen uns klar sein: dann werden sie - ganz begrenzt zuerst natürlich - chemische und nukleare Waffen einsetzen, und dann werden sie weiter eskalieren, bis alles in Scherben fällt.

Ich habe damals nach 1933 noch einige Zeit gebraucht, bis mir endlich klar wurde, dass wir es bei der neuen Führung des Reichs nicht mit Leuten mit Ideen zu tun hatten, die ich wohl für falsch und bekämpfenswert hielt, aber mit denen diese Leute doch unserem Volke dienen wollten, sondern dass es sich bei ihnen schlicht um Nihilisten handelte, das heißt um Menschen, für die nichts galt als ihr Besitz an Macht und Geld. Hermann Rauschning hat das später aus seiner inneren Kenntnis der braunen Führungsclique bestätigt, und erst recht bestätigt hat das der Selbstmord, mit dem diese Bande vor der Verantwortung desertierte. Es war schwer, sich daran zu gewöhnen, dass man dort mit nihilistischer Verantwortungslosigkeit rechnen musste, wo höchste Verantwortung am Platze war.

1945 war das Jahr, in dem die Aufdeckung der Hölle mit dem Namen Auschwitz und in dem die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki allen Menschen den Abgrund enthüllten, vor dem die Menschheitsgeschichte angelangt war: in den gleichen paar Monaten wurde die Barbarei offenbar, die, unter einem dünnen Firniss von Zivilisation verborgen, sich jetzt hervorgedrängt und Hunderttausende in gnadenlose Menschenschinder verwandelt hatte, und wurde zugleich die Macht sichtbar, die noch nie dagewesene Macht, die ausgerechnet dieser der ungeheuerlichsten Übeltaten und der größten Dummheiten fähigen Menschengattung zugefallen war. Die erste Literatur zur Atombombe ist beherrscht vom Stichwort Verantwortung. Nur höchstes Verantwortungsbewusstsein der Regierenden konnte verhindern, dass dieses Zusammentreffen von äußerster Barbarei und höchster Macht das Ende der Menschheitsgeschichte bedeuten würde.

1985 zeigt sich: Nicht Verantwortung für alle, für die in ihrer größten Bedrohung geeinte Menschheit, sondern allein die Angst vor dem Selbstmord hat bisher das Schlimmste verhütet: den Krieg mit ABC-Waffen. Nichts sonst wurde verhindert; nicht das, was Verantwortung geboten hätte, ist geschehen. Würde der Schild eines Weltraumabwehrsystems möglich werden, dann fiele auch das Motiv weg, das bisher das Schlimmste verhindert hat: die Angst vor dem Selbstmord.

Martin Niemöller hat die Atombombe "praktizierten Atheismus" genannt. Um unsere atheistischen Freunde nicht zu kränken, ersetze ich jetzt das Wort Atheismus durch den Begriff, der eigentlich gemeint ist, durch Nihilismus. Die Atombombe ist praktizierter Nihilismus. Von Nihilismus ist dann zu reden, wenn Macht zu nichts anderem dient als zur Befriedigung des Machtbedürfnisses und zur Sicherung des Geldbesitzes, nicht aber zur Besserung des Gemeinwohls. Kann der Weg von 1945 bis 1985 uns das Zutrauen erwecken, die Machteliten auf unserer Seite hätten diese Pflichtverpflichtung zur Verantwortung angesichts des Abgrundes erkannt, verinnerlicht, sich zur ständigen Leitschnur gemacht? Nur von den westlichen rede ich. Denn sie sind die unsrigen, und sie sind die mächtigsten; die östlichen können ohnehin nur reagieren.

Käme heute ein intelligentes Lebewesen von einem anderen Sonnensystem zu uns, sähe die globale Lage und hörte der gespenstischen Debatte über das Weltraumabwehrsystem zu, könnte es etwas anderes daraus schließen als: diese Menschheit ist in die Gewalt von Nihilisten geraten? So viel Macht und so wenig Verantwortung für das Ganze! So viel Verschwendung bei so viel Mangel! Solches Maximum an Verstand bei solchem Minimum von Vernunft! Oder, was das gleiche heißt: so viel Vorrang des kurzfristigen und kurzsichtigen Egoismus vor den langfristigen gemeinsamen Interessen, und dies angesichts des Abgrunds und nach Auschwitz und Hiroshima!

Die Macht der Vernichtung ist zusammengeballt in den Händen weniger, und Demokratie wird dadurch im Atombombenzeitalter zur bloßen Fassade. Und doch ist die Demokratie zugleich unsere wirkliche und wichtigste Waffe: Die Menschenmassen, mit fürchterlichem Verderben von ihren eigenen Führungen bedroht, sie allein können dieses Verderben verhindern. Daran arbeiten wir. Uns ist nicht erlaubt zu verzweifeln. Heute sehen wir vereint die augenscheinliche Ohnmacht der Vernunft und die scheinbare Ohnmacht des Glaubens. Diese doppelte Ohnmacht ist unsere schwere Anfechtung. Gegen diese Anfechtung rüstet uns die Botschaft des Glaubens. Das Vertrauen auf den Gott, der für seine Menschen eintritt, macht uns vernünftig, und er stärkt die Vernunft zur Hoffnung. Heute sind die Menschenmassen das Volk, für das David streitet. Wir fühlen uns klein wie David, und wir sollen glaubend und tätig werden wie David. Goliath - das ist heute die Minderheit von Herrschenden, die die nötige Macht zur Überlebensrettung besitzen, ihre Macht aber für die Vermehrung der Gefahr des Untergangs verwenden. Goliath ist nicht drüben, Goliath sind nicht die Russen, Goliath ist die in unserem Namen betriebene Rüstung und Erdzerstörung. Die Rüstung ist die Panzerspitze der Erdzerstörung. Entweder wir schaffen die Rüstung ab, oder sie schafft uns ab. So sprechen wir unverzagt wie David zu Goliath: "Du kommst mit Schwert, Spieß und Schild. Ich aber komme zu dir im Namen des Herrn der Heerscharen, des Gottes Israels, den du in Auschwitz und Hiroshima verhöhnt hast" (nach 1. Sam. 17,45). Noch ist es nicht zu spät. Von der Davidsverheißung gestärkt, ziehen wir 1985 entschlossen die Konsequenzen aus 1945. 

Quelle: Junge Kirche. Eine Zeitschrift europäischer Christen, Mai 1985, 46. Jahrgang, S. 267ff.

Veröffentlicht am

28. Dezember 2008

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