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Ökumenische Erklärung zum gerechten Frieden: Für eine Leitkultur des Friedens in unserem Jahrhundert

Friede ist Pfarrer Dr. Geiko Müller-Fahrenholz zufolge ein Lebensstil, ein zentraler Begriff für die neue Leitkultur unseres Jahrhunderts. Die Aufgabe der Kirchen sei es, neue Generationen von Christen und Christinnen hervorzubringen, die Gottes Frieden in allen Bereichen ihres Lebens leben.

Müller-Fahrenholz koordinierte die Gruppe, die den "Ersten Entwurf einer Ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden" ausgearbeitet hat. Diese Erklärung soll den Höhepunkt der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation in Kingston, Jamaika, im Mai 2011 bilden. Im nachfolgenden Interview erklärt der deutsche Theologe, worum es dabei geht.


Frage: Die für 2011 geplante Internationale ökumenische Friedenskonvokation wird manchmal als "Erntedankfest" der Dekade zur Überwindung von Gewalt beschrieben, die der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) 2001 ausgerufen hat. Was bedeutet das und was ist bisher erreicht worden?

Müller-Fahrenholz: Die Friedenskonvokation soll nicht nur ein "Erntedankfest" sein, sondern auch eine "Zeit der Aussaat". Wir verbinden damit die Hoffnung auf neue Initiativen, denn die Arbeit gegen Gewalt muss weitergehen. Die Dekade zur Überwindung von Gewalt muss der Anfang einer neuen Phase im Friedensverständnis der Kirchen in der heutigen Zeit sein.

Im Rahmen der Dekade hat es ein so breites Spektrum an Aktivitäten gegeben, dass eine kurze Zusammenfassung der Dekade zwangsläufig nicht gerecht werden kann. Ein besonderer Schwerpunkt ist die Friedenserziehung, die bereits im Kindergarten anfängt und bis zur Ausbildung von Konfliktmediatoren reicht. In vielen theologischen Schulen und Hochschulen haben Studierende angefangen, eigene Friedenserklärungen auszuarbeiten. Dies sind Versuche, die Aufgaben der Friedenstheologie und Friedensethik in der heutigen Zeit zu definieren und auch Möglichkeiten des konkreten Engagements zu identifizieren.

Frage: Welche Erwartungen haben Sie an die Friedenserklärung?

Müller-Fahrenholz: Eine "Friedenserklärung" soll den Kirchen im Wesentlichen helfen, in neuer Weise zu verstehen, was "Gottes Friede" für ihr Zeugnis in der heutigen Welt bedeutet. In diesem Sinne könnte man sie auch als "Leitantrag" oder "mission statement" bezeichnen. Aufgabe der Kirchen wird sein, daraus konkrete Konsequenzen zu ziehen, die freilich von dem jeweiligen Kontext abhängen, in dem sie berufen sind, ihren Glauben zu leben.

Frage: Den ersten Entwurf der Friedenserklärung haben die ÖRK-Mitgliedskirchen mit der Weihnachtspost bekommen. Wie lautet die Hauptbotschaft dieser Erklärung?

Müller-Fahrenholz: Der Erste Entwurf einer ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden betont, dass unser Ausgangspunkt Gottes Friede ist, wie er in Leben und Tod Jesu Christi zur Welt gekommen. Es ist nicht "unser Friede". Wir müssen ihn nicht neu erfinden. Gottes Friede umfasst alle Aspekte unseres Lebens und unserer Arbeit. Friede oder gerechter Friede ist daher nicht nur ein Thema der politischen Ethik unter anderen. Unsere Friedensethik gibt vielmehr den Rahmen vor, der für unsere Haltung zu allen anderen ethischen Fragen entscheidend ist.

Deshalb wendet sich die Erklärung an die Kirchen als tragende Kräfte beim Aufbau des Friedens und zeigt verschiedene Möglichkeiten auf, wie sie Frieden stiften können. Da die Kirchen auf allen Ebenen des Lebens - von der persönlichen bis hin zur globalen Ebene - gegenwärtig sind, schließt der Aufbau von Frieden verschiedene Aspekte und Aufgaben ein. Von grundlegender Bedeutung sind dabei zum einen Gerechtigkeit, zum anderen Versöhnung.

Und schließlich bindet die Erklärung die Friedensthematik in eine neue Perspektive ein, indem sie den "Frieden mit der Schöpfung" in den Mittelpunkt stellt. Damit geht sie über die anthropozentrischen Friedenskonzepte hinaus, welche die Agenda der Kirchen bisher bestimmt haben. Wenn die Menschheit keinen Frieden mit der Erde schließen kann, dann werden alle anderen Gestalten des Friedens notwendigerweise scheitern. Dies ist die größte Herausforderung, der nicht nur die Kirchen gerecht werden müssen.

Frage: Der Entwurf listet konkrete Schritte auf, die die Kirchen unternehmen können, um einen Beitrag zur Vermeidung bzw. Überwindung bewaffneter Konflikte zu leisten. Welche Art von Maßnahmen sollten die Kirchen Ihrer Meinung nach ergreifen?

Müller-Fahrenholz: Der Entwurf äußert sich in aller Deutlichkeit zu den unglückseligen Folgen, die die Jahrhunderte lange Legitimierung bewaffneter Konflikte durch christliche Kirchen hatte. Hier müssen die Kirchen Buße tun. Aus diesem Grund müssen sie - und ich könnte hinzufügen, auch andere Religionen - lernen, ganz klar "Nein" zu der Versuchung zu sagen, sich mit den Mächtigen dieser Welt zu verbünden.

Auf der anderen Seite müssen wir in unserer Welt, in der es global gewordene Formen von Gewalt, Elend und Missbrauch gibt, aber auch die Faszination der Gewalt in den Medien und der Videospiel-Industrie, Frieden als einen Lebensstil sehen, der alles, was wir denken und tun, lenkt und einschließt.

Friede ist nicht ein Geschenk, das wir haben oder nicht haben. Er ist etwas, das wir in einem lebenslangen Prozess zu lieben lernen müssen. Er ist eine geistliche Disziplin, ein Wachstumsprozess, in dem wir Angst und Gier, die Faszination des Bösen und der Gewalt überwinden. Und ganz am Anfang dieses Prozesses steht die Art und Weise, wie wir unsere Kinder erziehen.

Frage: Im Entwurf der Friedenserklärung heißt es, dass der Aufbau von gerechtem Frieden "effektiv das ganze irdische Leben" umfasst: gerechte Beziehungen zwischen Völkern, Familienmitgliedern, Arbeitgebern und Verbrauchern, Mensch und Natur. Ist es möglich, sich mit einem so breiten Spektrum an Fragen und Anliegen gleichzeitig zu befassen?

Müller-Fahrenholz: Ja, natürlich ist das möglich! Wir Menschen spielen viele Rollen gleichzeitig - als Eltern, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer, Bürger, Verbraucher und so weiter. Wenn wir anfangen zu erkennen, dass gerechter Friede eine Lebensweise ist, dann wirkt sich das auf all unsere Aktivitäten aus.

Frage: Welches sind die nächsten Schritte in der Ausarbeitung einer ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden?

Müller-Fahrenholz: Der Erste Entwurf soll so etwas wie ein Impulsgeber sein. Er ist an die ÖRK-Mitgliedskirchen gesandt worden mit der Erwartung, dass sie darauf antworten, gute Beispiele beisteuern, neue Ansätze vorschlagen. Mittlerweile gehen die ersten Reaktionen bei uns ein. Allein in Deutschland sind zwei Friedens-Musicals für Kinder im Entstehen!

Anfang 2010 wird ein zweites Redaktionsteam all diese Beiträge sichten und die zweite Fassung einer "Ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden" ausarbeiten. Worauf es uns also ankommt, ist ein Prozess weltweiter Beteiligung. Und der ist fast wichtiger als ein fertiges Produkt.

Ich habe die Hoffnung, dass die Ökumenische Friedenskonvokation in Kingston einen Text hervorbringt, der den Kirchen und allen anderen, die mitmachen wollen, hilft, sich für eine Kultur des Friedens einzusetzen, wie sie uns von Gott verheißen ist.

Auf dem Weg zu einer ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden

Als wichtigstes Ergebnis der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation im Mai 2011 wird eine Erklärung erwartet, die das Engagement der Kirchen für Frieden und Gewaltfreiheit bekräftigt und konkrete Vorschläge für den Aufbau des Friedens macht. Die Konvokation in Kingston, Jamaika, ist als Höhepunkt zum Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt   des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) geplant. Sie wird erfolgreiche Initiativen zusammentragen und Zeugnis vom Frieden Gottes ablegen, der den Christen in der ganzen Welt geschenkt ist und verantwortungsbewusst verwirklicht werden soll.Die Entscheidung, die Dekade zur Überwindung von Gewalt mit einer ökumenischen Erklärung zum gerechten Frieden abzuschließen, traf 2006 die 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. Seither haben der ÖRK, seine Mitgliedskirchen und Partnerorganisationen weltweit Expertentagungen zu acht Themenbereichen - beispielsweise Traditionen der christlichen Friedenstheologie und die gewalttätige Geschichte der Christenheit, Gewalt in der Familie und in den Beziehungen zwischen Männern und Frauen, ökologische und ökonomische Aspekte des gerechten Friedens - organisiert.

Einen ersten Entwurf der Friedenserklärung bekamen die ÖRK-Mitgliedskirchen vor kurzem zugeschickt. Sie haben jetzt ein Jahr lang Zeit, um ihre eigenen Stellungnahmen und Vorschläge zu einem zweiten Arbeitsdokument beizusteuern, das dann der Friedenskonvokation vorgelegt werden soll.

Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen   - Pressemitteilung vom 23.12.2008.

Weblinks:

 

Veröffentlicht am

25. Dezember 2008

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