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Rechtsextremismus ist eine “gefühlte” Wahrheit

Im Gespräch: Matthias Adrian, Aussteiger aus der Neonazi-Szene, über Kulturfeindlichkeit, Glaubensformen und das Ende eines sinnstiftenden Projekts

Als Jugendlicher war Matthias Adrian ein glühender Rechtsextremist. In den neunziger Jahren wurde er Funktionär der bundesweit agierenden NPD-Jugend. Im Jahr 2000 stieg er aus und arbeitet seither für "Exit Deutschland". Dieser Einrichtung - sie betreut Aussteiger aus der Szene und hilft, Einstiege von Jugendlichen zu verhindern - wurde im Oktober die staatliche Förderung verweigert. Ihre Zukunft ist unklar.

FREITAG: Wie sind Sie zum Neonazi geworden?

MATTHIAS ADRIAN: Das war für mich eine Entwicklung. Und die hängt damit zusammen, dass ich aus einem eher konservativen Elternhaus komme. Das Umfeld, in dem ich groß geworden bin, war bürgerlich-konservativ, national. In den Kreisen wurde über das Dritte Reich erzählt, über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Da wurde durch die folkloristische Brille geschaut: "Ohne die Nazis wäre das Dritte Reich ja schon ´ne tolle Angelegenheit gewesen, aber die Nazis, die waren ja in Berlin und hatten Gott sei Dank mit unserer heilen Welt hier auf dem Dorf nichts zu tun. Und der Zweite Weltkrieg, der war halt schlecht, aber wir hätten ihn nicht verlieren dürfen. Jaja, es war schon ganz gut so, wie es gekommen ist. Die Amerikaner sind ja auch nett, die sorgen vor allem dafür, dass die Russen nicht kommen." Das war die Grundstimmung.

Wie sahen das die Lehrer?

In der Schule wurde ich mit einer anderen Sicht auf das Dritte Reich und den Nationalsozialismus konfrontiert. Das fing in der 3. Klasse im Sachkundeunterricht an. Da wurde das Dritte Reich sehr stark aus der Opferperspektive beleuchtet, aus der Sicht von Verfolgten des Nazireichs. Und ich konnte mir lange nicht erklären, warum die Schule etwas komplett anderes über diese Zeit berichtete als meine Verwandten und mein sonstiges Umfeld.

Und welche Erklärung fanden Sie dafür?

Die Erklärung habe ich, da war ich so etwa 12 oder 13, in der Deutschen Nationalzeitung gefunden: Dort behauptete man, in Deutschland sei seit 1945 keine wirklich freie Regierung mehr dran gewesen, das System hier sei nach dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzern installiert worden. Es würde jetzt eine Art kollektive Umerziehung stattfinden. Den Deutschen sei so ein ewiger Schuldkomplex eingeredet worden. Und das sei dann auch der Grund, warum in der Schule nur negativ berichtet werde. Außerdem: Die Presse würde lügen, die Medien würden lügen, die Öffentlichkeit würde lügen. Deshalb erzählten die mir in der Schule etwas anderes, die wollten hier alle umerziehen. Und das war der Grund, warum ich mich seit dem 13. Lebensjahr rechtsextrem orientiert habe.

Später gingen Sie in die Politik. In Hessen.

Das hätte genauso in Schleswig-Holstein sein können. Das war unabhängig vom Umfeld. Eher ein Zufall. Mit 20 wollte ich mich politisch engagieren. Zuvor war ich schon so weit abgedriftet, dass die NPD die einzige Partei war, die dafür noch eine Projektionsfläche geboten hat.

Was hat Sie dazu ermuntert, zu den Jungen Nationaldemokraten zu gehen?

Ich hatte damals eine Kennzeichen D-Reportage im ZDF gesehen über die NPD, die war ziemlich schlecht gemacht. Die NPD sei gefährlich, hieß es da, die seien ernst zu nehmen. Und da war für mich klar, die will ich kennenlernen, logisch. Und dann habe ich die angeschrieben, also den Frank Rennecke, das ist ein Liedermacher. Der hat mir Info-Material zukommen lassen, und so bekam ich Kontakt.

Kultur und Neonazitum, wie geht das zusammen?

Ich habe Skinheadtum und Rechtsrock und das alles grundsätzlich abgelehnt, weil es natürlich mit der "völkischen Ideologie" des Nationalsozialismus überhaupt nicht zu vereinbaren ist. Für mich war diese Subkultur, die Musik, der "Rechtsrock" ein notwendiges Übel. Propagandawaffe. Das war nichts, was ich in meinem privaten Umfeld geduldet oder gehört hätte. Und gemocht habe ich das schon gar nicht. Wenn man sich das mal durch den Kopf gehen lässt: Das ist mit einem rechtsextremem Kulturverständnis überhaupt nicht vereinbar. Der NPD-Vorsitzende Udo Voigt sagt, solche Sprüche werden immer mal am Rande gemacht, es müsse jedem klar sein, dass die Skinheadsubkultur nicht das Ende der nationalen Entwicklung in Deutschland darstellen darf.

Rockbands wie Landser wurden ursprünglich also nur gebraucht, um Jugendliche zu gewinnen. Merken die Bands das nicht?

Das ist es, was ich bei meinen Vorträgen den Jugendlichen immer zu erklären versuche. Was die NPD will, ist kein Landser-Konzert im Bundestag oder vor dem Brandenburger Tor, sondern einen Nazi-Musikantenstadl. Wenn man sich das NPD-Kulturkampfkonzept einmal richtig anschaut, dann ist das erste, was die machen würden, VIVA und MTV abschalten. Ganz klar.

Wie kann man dieses "nationale Kulturverständnis" kennzeichnen?

In der Vorstellung der Rechtsextremen steht der "nordisch geprägte Mensch" obenan. Und zu diesem nordisch-germanischen Bereich zählt auch die Kultur der Römer. Neben den Römern werden die Griechen vereinnahmt. Die repräsentieren die Kunst des Westens oder die Kunst im europäischen Kulturkreis, der man die Kunst des Ostens und der anderen Völker entgegenstellt.

Also nicht die Holzschnitzerei aus dem Erzgebirge oder der Musikantenstadl? Die heben sich sehr hoch, blicken weit zurück.

Der Rechtsextremismus nimmt durchaus auch den David von Michelangelo für sich in Beschlag. Das ist wesensgemäß, das ist Kunst des europäischen Geisteswesens und mit moderner Kunst nur schwer vereinbar.

Etwas anderes ist Gothic oder Dark Wave. Da geht es um Schmerzromantik, Todessehnsucht, Aufklärungsfeindschaft. Ob die Protagonisten der Szene nun rechts sind oder nicht, was sie hervorbringen, ist reaktionär.

Man darf nicht alle über einen Kamm scheren. Interessant ist daran eine Entwicklung. In den achtziger und neunziger Jahren hat die extreme Rechte probiert, ganze Subkulturen für sich zu vereinnahmen; die Skinheads sind das bekannteste Beispiel. Mittlerweile geht es eher darum, in jeder Subkultur eine rechtsextreme Ecke zu etablieren. Das ist auch in der Gothic-Szene passiert. Aber ich warne davor, da nicht mehr zu differenzieren.

Kulturelle Praxis des Rechtsextremismus ist auch der Satanismus.

Wobei man wiederum nicht jeden Satanisten gleich in diese Schublade stecken kann. Es gibt da zum Beispiel Leute, die sich auf das sogenannte Chaosprinzip berufen und eher Anarchie einfordern, als sich irgendwelchen Herrenmenschen, Gottmenschen, Königsmenschen zu unterwerfen. Satanismus, das ist ein weites Feld, es gibt auch Spielarten, die von ihrer Ausrichtung her ins linke Spektrum hineinreichen, bis hin zu absolut fanatischen Nazis.

Sie haben einmal eine Schwarze Messe mitgemacht.

Da ich sehr gute Kontakte in die "Artgemeinschaft" hinein hatte und das auch in der Szene bekannt war, bekam ich die Gelegenheit, an einer Schwarzen Messe teilzunehmen. Ich fand das damals schon ziemlich obskur. Das Ganze nannte sich "Fraternitas sutur". Satanus wurde mit einem Feuer-Riesen, dem "Sutur" identifiziert. Damit sollte der Bogen geschlagen werden zwischen Satanismus und direkt germanischem Heidentum.

Grotesk.

Natürlich war das grotesk, auch die Exerzitien, die sie veranstaltet haben. Jemand wurde gepeitscht, wenn er Anglizismen verwendete. Für das Aussprechen "undeutscher" Sprache erhielt er eine Strafe. Das Ritual ging bis hin zum Bluttrinken. Nun hört sich das allerdings martialischer an, als es war. Die haben sich in den Finger gestochen, und es fiel ein Tropfen Blut in den Becher. Ich hab das abgelehnt. Es wirkte recht bizarr.

Rechtsextreme sind per se nicht minder intelligent als andere. Die wissen, worüber sie sprechen, sind überzeugt von dem, was sie machen. Aber was nützt der Glaube, wenn jeder Glaubenssatz die Rechtfertigung von Verbrechertum impliziert.

Genau das bekommen Rechtsextremisten doch gar nicht mit. Die Verbrechen sind in ihren Augen durch die Ideologie gerechtfertigt, ja notwendig. Nüchtern betrachtet haben die Thesen und Revisionismen des Rechtsextremismus nichts mit Wissenschaft zu tun. Es ist eine Glaubensform, so etwas wie eine gefühlte "Wahrheit". Man muss sich immer vor Augen halten: Mit Rechtsextremisten kann man nur diskutieren und etwas bewirken, wenn man deren eigene Maßstäbe ansetzt. Wenn man aus ihrer Sicht heraus, also für sie nachvollziehbar, die Fehler in ihrer Weltanschauung aufzeigt. Mit unseren Moralmaßstäben kann man das nicht fassen. Rechtsextreme sind ja nicht rechtsextrem, weil sie die Bösen sein wollen. In ihrem Selbstverständnis haben die das Gefühl, die letzten Kämpfer für das Wahre, Schöne, Gute zu sein. Das muss man sich immer vor Augen halten. Der Nationalsozialismus ist ja nicht entstanden, weil sich sieben Männer in der Kneipe getroffen und gesagt haben: Wir machen jetzt das größte Verbrechen der Weltgeschichte. Die haben gedacht, sie tun was Gutes, sie tun das Richtige. Und das muss man auch bei Rechtsextremen sehen.

Und das wird dann begriffen?

Ja. Sie können mit ihren eigenen Maßstäben messen und das dann auch begreifen. Überhaupt: Man kann das System von innen aushöhlen. Wenn ich mit einem Rechtsextremen diskutiere, ist es, als würde ich mit ihm Schach spielen. Ich weiß jeden Zug im Voraus. Einfach, weil diese Ideologie ziemlich limitiert ist. Die neuen, tollen Ideen, die sie jetzt haben, mit ihrem "Kulturalismus" und "Ethnopluralismus", die sind im Grunde genommen wieder glatter Rassismus.

Jugendliche sind von rechtsextremen Kulturangeboten teils fasziniert, teils abgestoßen.

Die Jugend ist doch auf der Suche. Was bietet die moderne Leistungsgesellschaft denn noch an Antworten? Ich denke, dass der Mensch ein Bedürfnis nach Spiritualität hat. Und im schlimmsten Fall driften bestimmte Angebote in Richtung Satanismus, Sekten, neues Heidentum ab. Auf der anderen Seite gibt es Leute, die Antworten in der Politik suchen. Ob das in Richtung Marxismus oder Nationalsozialismus geht, das hängt von den Umständen und von den Charakteren ab.

Im Frühjahr 2000 kehrten Sie der rechtsextremen Szene den Rücken. Fluchtartig?

Nein. Ich kam da raus, weil mir weite Teile der Szene komplett ungeeignet zu sein schienen für die Form eines "nationalen Sozialismus", den ich damals wollte. Das hing auch mit Konflikten innerhalb von NPD und Jungen Nationaldemokraten zusammen. Da haben sich Leute teilweise nicht die Butter auf dem Brot gegönnt, ein einziges Hauen und Stechen im Hintergrund. Es gab Funktionäre, die kriegten die Hand nicht mehr aus der Kasse raus. Und dann noch die Skinheads, sich über Gewalt definierende Alkoholikerkohorten. Damit wollte ich nichts zu tun haben. Mir schwebte wirklich eine Art geistige europäische Elite vor. Ich habe mich damals tatsächlich so begriffen: "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut." Zu seinesgleichen. Das habe ich in der Szene nicht gefunden. Da waren überwiegend Leute, die passten überhaupt nicht in mein Weltbild.

Sie haben sich dann mit der einschlägigen Ideologie auseinandergesetzt, der rechtsextremen Weltanschauung.

Ich wollte diese Weltanschauung neu formulieren, in eine moderne Sprache bringen und massenkompatibel machen. Ich hab nach Gründen gefragt: Warum kommen wir in der Gesellschaft nicht voran, warum verstehen die Leute nicht, was ich meine? Und ich kam zu dem Schluss: weil die Weltanschauung zu altmodisch formuliert ist. Die wurde ja auch von vielen in der eigenen Szene nicht verstanden. Gerade bei den Skinheads hatten viele eine Gewaltpsychose und waren Alkoholiker. Die konnte man, meiner Meinung nach, für den politischen Kampf überhaupt nicht einsetzen. Das war der Grund, warum ich mir Literatur aus der Zeit des Dritten Reichs beschafft habe.

Auch Bücher aus dem Bereich "Wewelsburg", "Ahnenerbe" der SS?

Natürlich. Deren Autoren beriefen sich stark auf Alfred Rosenberg, auf dessen Mythus des 20. Jahrhunderts. Das grundlegende Buch im Nationalsozialismus. Rosenberg fasst darin die NS-Weltanschauung zusammen. Als ich angefangen habe, darin zu lesen, war ich überzeugter Nationalsozialist. Und als ich damit aufgehört habe, habe ich gedacht, um Gottes Willen, ihr könnt doch mit solchem Schwachsinn nicht eine Weltanschauung aufgebaut haben!

Bei "Exit Deutschland" haben Sie aussteigewillige Rechtsextreme betreut und damit Erfolg gehabt.

Manche kamen zu uns, weil die neue Freundin nicht mit Faschos rumhängen wollte. Das waren Leute, die hatten noch einen langen Weg vor sich. Wir haben auch Organisationsleiter von rechtsextremen Kameradschaften gehabt, die gesagt haben: Ich hab´s die letzten Jahre nur noch gemacht, weil ich keinen Ausweg gesehen habe. Die haben sich dann bei uns gemeldet.

Im Jahr 2000 verübten Neonazis einen Brandanschlag auf die Synagoge in Düsseldorf. In Deutschland fanden Großdemos statt, der "Aufstand der Anständigen" wurde ausgerufen, es flossen plötzlich Gelder für die Arbeit gegen Rechtsextremismus und Neonazismus. Nun wird der Geldhahn wieder zugedreht. Auch "Exit Deutschland" ist betroffen.

Unser Projekt steht vor dem Aus, mein Arbeitsplatz ist gefährdet. "Exit" hat nicht nur Ausstiege ermöglicht, sondern auch Einstiege verhindert. Ich habe jedes Jahr zwischen 80 und 100 Veranstaltungen mit Jugendlichen, Schülern gemacht, in Gemeindezentren, in der Öffentlichkeit. Ich habe über meine Erfahrungen mit dem Rechtsextremismus erzählt. Und ich war nicht allein. "Exit" hatte zuletzt sechs ehemalige Rechtsextremisten, die Aufklärungsarbeit leisteten. Die sich an Jugendliche gerichtet und gesagt haben: Jungs, macht die Fehler nicht, die wir gemacht haben. Wir haben auch die direkte Auseinandersetzung mit aktiven Rechtsextremisten in Jugendklubs oder auf Podiumsdiskussionen geführt.

Wenn von Politik und Zivilgesellschaft nun erkannt wurde, wie sinnstiftend diese Arbeit ist und sie diese Tätigkeit nicht mehr wollen, dann weiß ich nicht, ob man sich auf den Staat und die Zivilgesellschaft noch verlassen kann.

Das Gespräch führte Stefan Amzoll

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   51 vom 18.12.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

22. Dezember 2008

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