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Gedenkstätte Torgau: Heckenstreit

Der ehemalige Deserteur Ludwig Baumann streitet für ein würdiges Gedenken an die Opfer der Wehrmachtsjustiz

Von Hendrik Lasch

"Die Hecke", sagt Ludwig Baumann, "ist zu kurz". Die Reihe dicht gepflanzter Buchenstämmchen endet einige Meter vor der Straße, die zum Fort Zinna führt. Wenn Baumann vor der gläsernen Informationstafel steht, auf der an die Opfer der NS-Militärjustiz und damit auch an sein eigenes Schicksal erinnert wird, muss er nur den Kopf wenden und hat den Ort im Blick, an dem der Insassen zweier sowjetischer Speziallager gedacht wird, die 1945 in Torgau eingerichtet wurden. Viele Unschuldige litten in den Lagern. Baumann weiß das. Er weiß aber auch, dass dort Menschen saßen, die "persönlich Verantwortung für Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus trugen", wie es auf der Glastafel heißt. Baumann ist sicher, dass darunter auch Kriegsrichter und andere NS-Täter waren, die ihn und seine Gefährten malträtierten. Er will ihnen nicht nahe sein müssen, wenn er seiner Kameraden gedenkt. Das Mindeste, was geschehen muss: Die Hecke muss beide Seiten der Gedenkstätte vollkommen trennen. Sonst wird diese nicht eingeweiht, jedenfalls nicht ohne seinen Protest. "Sonst ist das ein Schandmal", sagt Baumann bestimmt.

Größtes Militärgefängnis des Reiches

Über den Platz, der kein Schandmal werden soll, bläst ein eiskalter Wind von der Elbe herauf. Er lässt das trockene Laub der Buchenhecke rascheln, die auf die hohen Backsteinmauern von Fort Zinna zuführt, eine in napoleonischer Zeit errichtete Festung, die seit zwei Jahrhunderten als Gefängnis dient. Mit der Gedenkstätte, die in Sichtweite des Tores der heutigen Justizvollzugsanstalt eingerichtet wurde, soll an die finstersten Kapitel in der Geschichte des Forts erinnert werden: an die sowjetischen Speziallager Nummer 8 und 10, in denen bis 1948 geschätzte 800 Menschen starben, und an die Zentrale der NS-Militärjustiz. Ab 1938 war Fort Zinna das größte Militärgefängnis des Deutschen Reiches. 1943 verlegte auch das oberste Militärgericht seinen Sitz von Berlin in die Stadt an der Elbe. Über 60.000 Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" wurden hier inhaftiert oder für den Einsatz in Strafbataillonen vorbereitet. 1.000 von ihnen wurden Schätzungen zufolge in Torgau hingerichtet, weitere starben an den Haftbedingungen. Für die Opfer der Wehrmachtsjustiz ist Torgau der zentrale Gedenkort. Bisher aber, sagt Ludwig Baumann, "gibt es nicht einmal einen Platz, wo wir Blumen ablegen können".

Das Karree vor der Gefängnismauer mit der Hecke, den Tafeln und zwei schlichten Gedenksteinen sollte ein solcher Platz sein. Bereits seit Oktober 2007 ist die Anlage fertig gestellt - offiziell eingeweiht ist sie bis heute nicht. Es gibt einen erbitterten Streit, wie er zuvor schon im Schloss Hartenfels ausgetragen wurde, das auf einem Felssporn über der Elbe thront und wo im Mai 2004 eine Ausstellung über die Torgauer Gefängnisse - neben Fort Zinna vor allem die Festung Brückenkopf - eröffnet wurde. Damals kam es zum Eklat, als Ludwig Baumann die Festrede von Joachim Gauck unterbrach. Der frühere Chef der nach ihm benannten Behörde hatte ausführlich über DDR-Unrecht gesprochen, kaum aber über Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. In der Ausstellung waren die Gewichte ähnlich verteilt. Baumann kann das nicht mehr ertragen. Der Bundestag, sagt er, habe 1999 festgelegt, dass in Torgau ein Schwerpunkt der Erinnerung an die Opfer der Wehrmachtsjustiz zu legen sei. Das solle umgesetzt werden, und dafür will er kämpfen.

Ludwig Baumann hat nicht immer gekämpft. Er hat jahrelang getrunken. So viel, dass irgendwann von seinem väterlichen Erbe nichts mehr übrig war. Angefangen hatte es nach dem Krieg, aus dem er heimgekehrt war, obwohl er zehn Monate in der Todeszelle gesessen, etliche Zeit in Lagern und in Fort Zinna verbracht und schließlich in einem Strafbataillon gedient hatte, das kaum einer überlebte. Baumann blieb körperlich intakt. In seinem Inneren sah es anders aus, und es wurde nicht besser. Er hatte nach dem Krieg auf Anerkennung gehofft - und wurde stattdessen beschimpft als "Dreckschwein" und Vaterlandsverräter. "Irgendwann", sagt Baumann, "ist man kaputt." Er fühlte sich schuldig. Und er soff.

Als Vaterlandsverräter beschimpft

Wie ihm ging es vielen Deserteuren. Schon im Begriff schwingt Verachtung mit für Männer, die davongelaufen waren, als Hitlers Wehrmacht die Welt erobern wollte. Nach Gründen wurde nicht gefragt. Soll Baumann heute erklären, warum er 1942 aus der Hafenkompanie Bordeaux türmte und sich mit einem Gefährten in Richtung Marokko auf dem Weg machte, dann sagt er Sätze wie: "Ich habe Befehle nicht mehr ertragen können." Mit 15 fing das an, mit dem Tod der Mutter. Plötzlich widersetzte er sich dem Vater, einem Tabakgroßhändler in Hamburg, der gutmütig, aber auch jähzornig gewesen war und vor dem er deshalb manchmal höllische Angst gehabt hatte. Ludwig hatte immer im Schatten der Schwester gestanden, die Einsen aus der Schule brachte, während er im Diktat versagte - dass er Legastheniker war, wusste damals keiner. Er litt, musste viel einstecken - und begehrte in seiner Verzweiflung auf einmal auf. Er wollte sich nicht mehr demütigen lassen, nicht vom Vater, nicht in der HJ, der er sich verweigerte, und auch nicht von Vorgesetzten in der Wehrmacht, denen der Marinegefreite die Stiefel putzen sollte. Er fand das Militär entwürdigend und machte sich, von französischen Hafenarbeitern unterstützt, auf die Flucht.

Weit kam Baumann nicht. An der Grenze zum unbesetzten Vichy-Frankreich liefen er und sein Begleiter einer deutschen Streife in die Arme. Es hätte nicht das Ende sein müssen, denn die Flüchtenden waren bewaffnet. Doch Baumann konnte nicht auf Menschen schießen. Der Deserteur wurde vor das Marinegericht gestellt, die Verhandlung am 9. Juli 1942 dauerte keine Stunde. Pardon wurde nicht gegeben: Ein Soldat an der Front, so Hitlers Diktum, könne sterben, ein Deserteur muss sterben. Baumann landete in der Todeszelle - für zehn Monate. Wann immer sich Schritte näherten, fürchtete er das Ende. Er wusste nicht, dass sein Urteil am 20. August 1942 in zwölf Jahre Haft umgewandelt worden war. Sein Vater hatte erfolgreich bei Großadmiral Raeder, dem Oberbefehlshaber der Kriegsmarine, interveniert. Als Schande muss er die Flucht des Sohnes dennoch empfunden haben. Der Vater habe ihn nie mehr in den Arm nehmen können. Er starb 1947, "an Kummer", wie Baumann sagt.

Baumann erfuhr im April 1943, dass er begnadigt worden war. Er landete im KZ Emsland und später, bevor er ins Strafbataillon kam, für 17 Monate in Torgau - als einer von unendlich vielen. Insgesamt eine Million Urteile hat die Wehrmachtsjustiz verhängt, davon in 30.000 Fällen die Todesstrafe. 20.000 Männer wurden hingerichtet. Nur 4.000 Deserteure überlebten den Krieg. Fahnenflüchtlinge, Kriegsdienstverweigerer und "Wehrkraftzersetzer" stellten eine der größten Häftlingsgruppen in der NS-Zeit.

Anerkennung wurde ihnen über Jahrzehnte hinweg nicht zuteil; sie galten als vorbestraft. Leidensgefährten traf Baumann erst Ende der achtziger Jahre. Da hatte er sich gefangen: Nachdem seine Frau bei der Geburt des sechsten Kindes verblutet war, krempelte er sein Leben um. Er übernahm Verantwortung für seine Kinder, und er engagierte sich in der Friedensbewegung. Den Anstoß, endlich das eigene Schicksal aufzuarbeiten, gab eine Stele für den "unbekannten Deserteur" im Bürgerhaus von Bremen-Vegesack, unweit seiner Wohnung. Da merkte Baumann, dass er zwar ein Einzelkämpfer, aber nicht allein war. Er gründete die "Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz". Zum ersten Treffen Ende 1990 kamen 37 Männer, viele von ihnen sehr gebrechlich. "Wir kämpfen um unsere späte Würde", erklärt Baumann.

Einen Teil ihrer Würde haben die Männer zurückerhalten - 57 Jahre nach Kriegsende. Bereits 1998 hatte der Bundestag ein erstes Gesetz über die pauschale Aufhebung der NS-Unrechtsurteile beschlossen. Die Deserteure indes wurden kurz vor der Beratung aus der Vorlage gestrichen. Bei Kriegsgerichtsurteilen war eine Einzelfallprüfung erforderlich, eine neuerliche "Entwürdigung", der sich niemand unterzogen habe, wie Baumann meint. Erst die Gesetzesnovelle von 2002 hob Urteile gegen Kriegsdienstverweigerer, Deserteure und "Wehrkraftzersetzer" pauschal auf. Urteile wegen Kriegsverrats müssen weiterhin fallweise geprüft werden - ein Umstand, den Baumann unbegreiflich findet: "Was konnte man Besseres tun, als diesen Krieg zu verraten?"

Der letzte lebende Häftling

Immerhin: Viele Urteile sind aufgehoben. Eine späte Genugtuung, die viele Opfer jedoch nicht mehr erlebten. Er sei "der letzte noch lebende Torgau-Häftling" in der Bundesvereinigung, sagt Baumann - ein Umstand, der seine Hartnäckigkeit in Bezug auf die Gestaltung der Torgauer Gedenkstätte erklärt. Er will nicht hinnehmen, dass dort auf einer Informationstafel steht, die Urteile seien 1998 aufgehoben worden - was nicht stimmt, wie der wissenschaftliche Dienst des Bundestages feststellt: Bis 2002 starben viele Deserteure, ohne rehabilitiert worden zu sein. Und er will sich nicht damit abfinden, dass Opfer und mögliche Täter nur eine kurze Hecke trennen soll. Es sei "ganz eindeutig", dass in den sowjetischen Lagern auch NS-Kriegsrichter eingesperrt gewesen seien, sagt Baumann unter Verweis auf Manfred Messerschmidt, den Nestor der kritischen deutschen Militärgeschichtsforschung. Bei der Stiftung Sächsischer Gedenkstätten heißt es, das sei nicht auszuschließen; die Akten lägen aber unzugänglich in russischen Archiven.

Auch mehr als ein Jahr nach Fertigstellung der Gedenkstätte ist der Streit nicht ausgestanden. Im November hat Baumann wieder einmal an die sächsische Gedenkstättenstiftung geschrieben. Er beharre auf einer "vollkommen festen Trennung der beiden Gedenkstättenbereiche", heißt es. Viel Zeit, eine Lösung zu finden, bleibt nicht. Die sächsische SPD-Wissenschaftsministerin und Chefin des Stiftungsrates, Eva-Maria Stange erklärt, man habe bislang auf eine Einweihung bewusst verzichtet, um die Gedenkstätte nicht im Konflikt mit der Bundesvereinigung eröffnen zu müssen. Bis Frühjahr 2009 soll indes ein Kompromiss gefunden sein. Nicht nur Stange meint, es sei wirklich Zeit.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   50 vom 11.12.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

14. Dezember 2008

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