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Der hausgemachte Bioterrorist

Die tödlichen Milzbrandbriefe in den USA kamen aus einem militärischen Forschungslabor

Von Wolfgang Kötter

Richter Royce C. Lamberth vom Washingtoner DISTRICT COURT FOR THE DISTRICT OF COLUMBIA hat am 25. November diesen Jahres die Freigabe von Dokumenten angeordnet, die ein Schlaglicht auf Verbrechen werfen, die vor mehr als sieben Jahren, kurz nach den Terroranschlägen vom 11. September, nicht nur die Amerikaner in Angst und Schrecken versetzten.

Die Menschen in den USA sind noch traumatisiert und befürchten weitere terroristische Angriffe, möglicherweise sogar mit verheerenden Massenvernichtungswaffen. Am 18. September scheint die Horrorvision dann wahr zu werden: Im Postamt der Stadt Trenton im Bundesstaat New Jersey werden die ersten ominösen Briefe eingeworfen. Sie sind an zwei Zeitungen und drei Fernsehsender adressiert. In Florida stirbt wenig später der 63-jährige Fotoredakteur des Verlagshauses American Media Robert Stevens. Eine zweite Welle von Briefen folgt und ist an die Senatoren der Demokratischen Partei im US-Kongress Tom Daschle und Patrick Leahy gerichtet. Opfer der Krankheitserreger werden aber Unbeteiligte, nämlich Postmitarbeiter, die die Briefe sortieren und Empfänger anderer Sendungen, auf die die Anthraxbakterien anscheinend von der kontaminierten Post übertragen wurden.

Im ganzen Land macht sich Panik breit. Die Zeitungen und das Fernsehen berichten ständig von mit geheimnisvollem Pulver gefüllten Briefen. Kongressbüros werden geräumt, Mitarbeiter vorsorglich geimpft und beurlaubt. Postämter in Washington, New York, Florida und New Jersey bleiben zeitweise geschlossen. Millionen von Postempfängern trauen sich nicht mehr, ihre Post mit bloßen Händen anzufassen. Eingehende Briefe werden von Mitarbeitern in Schutzanzügen kontrolliert, bevor sie die Empfänger erhalten. Verängstigte Menschen unternehmen Hamsterkäufe. Das Antibiotikum "Cipro" vom Pharmakonzern Bayer wird zum Verkaufsschlager und ist innerhalb weniger Tage ausverkauft. In New York City ist in kürzester Zeit keine einzige Gasmaske mehr zu haben. Am Ende sterben fünf Menschen, nachdem sie die Anthraxsporen beim Öffnen der Briefe eingeatmet haben und siebzehn erkranken an Lungenmilzbrand. Weitere tausende Menschen werden medizinisch behandelt. Nach Angaben von Senator Patrick Leahy hätten mit den Bakterien in dem ihm zugesandten Brief 100.000 Menschen getötet werden können.

Die Bush-Regierung rief daraufhin den "Krieg gegen den Terror" aus und zog eilfertig Verbindungen zum Terrornetzwerk El-Kaida und Iraks Machthaber Saddam Hussein. Die Briefe trugen zwar keinen Absender, da man aber bereits an plausiblen Kriegsbegründungen bastelte, passte der beiliegende Text sehr gut in den Kram. Die Botschaft: "Tod für Amerika. Tod für Israel. Allah ist groß", ließ sich leicht dafür instrumentalisieren. Mit dem in aller Eile gezimmerten "Patriot Act", der die bürgerlichen Grundrechte empfindlich einschränkt, wollte man angeblich das Aufspüren möglicher islamistischer Attentäter erleichtern.

Doch die Untersuchungen der Bundespolizei FBI führten bald in eine völlig andere Richtung - in das Armee-Forschungslabor Fort Detrick vor den Toren der Hauptstadt Washington. Zunächst verdächtigten die Ermittler den Wissenschaftler Steve Hatfill. Der leugnete jedoch jede Beteiligung an den Attentaten und verklagte die Behörden. "Ich habe mit diesen Anthrax-Briefen nichts zu tun, und es ist falsch, wenn das jemand behauptet oder unterstellt", sagte der 49-Jährige und erklärte, er habe niemals mit Milzbrand-Bakterien gearbeitet. Sein Forschungsgebiet sei die Virologie. Unterstützung bekam das FBI aber von einem anderen Mitarbeiter des Armeelabors, dem Biochemiker Dr. Bruce E. Ivins. Er half bei der Identifizierung der Anthrax-Erreger. Erst der Nachweis, dass die Bakterien aus dem Labor der US-Armee stammen, schränkte den Täterkreis wesentlich ein. Die verschickten Anthraxsporen konnten nämlich nach den Worten von FBI-Chefermittler Van Harp kaum in einer Garage oder Badewanne hergestellt worden sein. Der Täter müsse "technische Kenntnisse" und zu irgendeiner Zeit "berechtigten Zugang zu ausgewählten biologischen Wirkstoffen" gehabt haben. Wegen ihrer labortechnisch anspruchsvollen Struktur komme nur eine Hightech-Anlage der US-Army in Frage.

Der Wissenschaftler Ivins galt als einer der bedeutendsten Experten für Biowaffen und ihre Bekämpfung. Nach außen hin führte er ein vorbildliches Familienleben, war immer mit derselben Frau verheiratet und sie hatten gemeinsam zwei Kinder. Er besaß ein Eigenheim in Frederick im schönen Bundesstaat Maryland, natürlich ein Auto, war ein pünktlicher Steuerzahler und unauffälliger Mitbürger. Nachbarn und Kollegen mochten ihn, weil er umgänglich und unterhaltsam war. In seiner Evangelistenkirche spielte er die Orgel und wirkte als Freiwilliger beim Roten Kreuz mit.

Sieben Jahre nach Beginn der unter dem Codenamen "Amerithrax" geführten Ermittlungen musste das FBI dann zugeben, lange Zeit den falschen Mann gejagt zu haben. Am 6. August 2008 präsentierte es das Ergebnis seiner aus eigener Sicht umfangreichsten Recherchen aller Zeiten. In deren Verlauf wurden, wie auf einer Pressekonferenz stolz verkündet, 9.100 Befragungen durchgeführt, 26.000 E-mails ausgewertet und 75 Hausdurchsuchungen vorgenommen. Die Terroristenjäger reisten zu Nachforschungen auf sechs Kontinente.

Doch man hätte in der Nähe bleiben können. Als der gesuchte Serienmörder wurde nun Bruce Ivins bezeichnet. Dabei galt der damals 62-jährige lange als Prototyp eines ganz normalen Wissenschaftlers. Nach seiner Selbstdiagnose allerdings litt er an einer "paranoiden Persönlichkeitsstörung". Schon seit längerem musste der Forscher Antidepressiva und die Hilfe von Psychotherapeuten in Anspruch nehmen. Seinen Zustand beschrieb er einmal in einer E-mail: "Ich hätte gern die Kontrolle über meine Gedanken, aber mir fällt es schon schwer, mein Verhalten im Griff zu behalten. Wenn es wieder wütet in mir, versuche ich mir weder zu Hause noch in der Arbeit etwas anmerken zu lassen, damit ich die Pest nicht weiter verbreite." Ivins war offensichtlich von brennendem Hass auf die moderne Welt besessen, war ein militanter Feind der Abtreibungsbefürworter und fürchtete, dass sich sein Einsatz für eine Schutzimpfung gegen den Milzbranderreger als sinnlos und damit nicht mehr finanzierbar erweisen könnte. Er sah sein Lebenswerk in Gefahr. Als ihn das FBI bereits eingekreist hatte und er mit einer Anklage auf fünffachen Mord und der Todesstrafe rechnen musste, soll er sogar Kollegen und seine Psychotherapeutin bedroht haben. Als man ihm schließlich dicht auf den Fersen war, schluckte er am 29. Juli 2008 eine Überdosis Schlafmittel. Neben seinen Aufzeichnungen fand sich auch ein Exemplar von Albert Camus’ Roman "Die Pest".

Obwohl kein Geständnis vorlag, werteten die Ermittler den Selbstmord als Eingeständnis. Der treusorgende Familienvater und gute amerikanische Staatsbürger Bruce Ivins war nach Ansicht des amerikanischen Justizministeriums allein verantwortlich für die Serie von Milzbrandanschlägen. Der irrtümlich beschuldigte Hatfill hingegen erhielt 5,8 Millionen Dollar Entschädigung zugesprochen.

Zwar gilt der Fall seither als aufgeklärt. Doch gleich mehrere beängstigende Fragen bleiben offen: Wie war es möglich, dass in einem der gefährlichsten militärischen Forschungslaboren der Welt jahrelang ein Psychopath tätig sein konnte, der anscheinend versuchte, sein Leiden damit zu therapieren, dass er anderen Menschen Leben und Gesundheit raubte?

Die Analyse der Milzbrandbriefe brachte aber auch noch etwas anderes ans Licht: Die US- Regierung hatte offenbar heimlich eine neue Form von trockenem Milzbrandpulver herstellen lassen, das sich als biologische Angriffswaffe eignet. Hoch konzentriert, leicht zu verteilen und schon in kleinen Mengen tödlich. Angeblich diente die Forschung ausschließlich zur Verteidigung. Doch Experten halten das für unglaubwürdig. Die Biowaffenexpertin Barbara Hatch Rosenberg schätzt ein: "Warum man trockenes, waffentaugliches Milzbrandpulver herstellt, ist ganz klar. Man will prüfen und testen, wie man es im Krieg einsetzen könnte. Man will wissen, wie es sich über große Gebiete verteilt und wie tödlich es dann noch ist. Ich glaube nicht, dass diese Tests mit waffentauglichem Milzbrand, irgendeinen Sinn für die Verteidigung haben." Und der Biowaffenexperte Jan van Aken meint: "Wenn ein Terrorist sehr viele Menschen treffen will, braucht er sehr, sehr umfangreiches Wissen. Das kann er nur aus staatlichen Programmen haben. Wenn wir mit Hilfe der Biowaffenkonvention staatliche Programme verhindern, verhindern wir auch große bioterroristische Angriffe." Presseberichten zufolge hat die US-Armee jedoch unter Verletzung des Biowaffenverbots auf dem Dugway-Testgelände in der Wüste von Utah waffenfähiges Anthrax in einer Menge hergestellt, die ausreicht, ganze Landstriche zu entvölkern.

Der Milzbrandbazillus (Anthrax) wird neben den Pocken und der Lungenpest als eine mögliche Waffe des Bio-Terrorismus angesehen. Die Bazillen sind hochgefährlich, leicht zu beschaffen und wirken - vor allem wenn sie eingeatmet werden - meistens tödlich.

Da Anthraxsporen extrem unempfindlich und langlebig sind, lassen sie sich gut als Pulver aufbewahren und transportieren. Die Sporen keimen erst auf, wenn sie in eine Umgebung gelangen, in der die lebensnotwendigen Nährstoffe vorhanden sind. Im Blut etwa oder im Gewebe eines Tieres oder Menschen. Die Anthraxbakterien vermehren sich dann sehr schnell im Körper und produzieren mehrere extrem giftige Substanzen. Diese Toxine lösen innerhalb kürzester Zeit Blutungen und Ödeme aus und führen zur Zerstörung des Gewebes.

Generell werden drei mögliche Infektionswege unterschieden: Der Hautmilzbrand, der Lungenmilzbrand und der Darmmilzbrand. Beim Lungenmilzbrand besteht vor allem die Schwierigkeit einer frühzeitigen Diagnose. Zunächst treten nur untypische Krankheitssymptome auf, die leicht mit einer beginnenden Grippe verwechselt werden: Fieber, Husten und Kopfschmerzen. In der zweiten Phase kommt es dann zu plötzlichen Fieberschüben, Schüttelfrost und Schockzuständen. Helfen können nur frühzeitige Antibiotika. Geschieht dies nicht, sterben die Patienten in kürzester Zeit.

Das "Übereinkommen über das Verbot bakteriologischer (biologischer) und Toxinwaffen", dem gegenwärtig 162 Staaten angehören, ächtet den Besitz von Biowaffen. Es verbietet deren Anwendung sowie die Entwicklung, Produktion und Lagerung. Darüber hinaus verlangt es die Vernichtung vorhandener Bestände. Sein größtes Defizit besteht im Fehlen eines wirksamen Kontrollregimes. Ein bereits ausgearbeitetes Verifikationsprotokoll wurde von den USA abgelehnt.

Die "Washington Post" konfrontierte ihre Leser im Sept. 2001 mit einer Landkarte, auf der die hypothetische Route eines kleinen Privatflugzeuges sowie die hier meist vorherrschende Windrichtung eingezeichnet waren. Die Maschine wäre gemäß dem Szenario über Fairfax County (Virginia) und Montgomery County (Maryland) geflogen und hätte sich außerhalb der westlichen Washingtoner Stadtgrenzen gehalten. Aus geringer oder mittlerer Höhe, so wurde gemutmaßt, ließe sich aus einem Flugzeug eine Ladung von Anthrax-Sporen ausschütten, die von dem aus westlicher Richtung kommenden Wind gleichmäßig über Washington D.C. verteilt werden könnten.

Tausende von Menschen würden umkommen, die Regierung würden binnen kurzem lahmgelegt. Für die Attentäter, so resümierte das Blatt mit bitterem Sarkasmus, wäre eine derartige Aktion weitaus bequemer als die Anschläge vom 11. September: Anstatt sich bei einem Selbstmordkommando zu opfern, könnten die Terroristen zum Dinner wieder daheim sein.

Ein solcher terroristischer Angriff wäre laut Expertenmeinung noch verheerender als die Nine-Eleven-Anschläge. Das Potenzial des Bio-Terrorismus sei, wenn es um die Zahl möglicher Opfer gehe, um ein Mehrfaches höher als das von "konventionellen" Angriffen.

Veröffentlicht am

13. Dezember 2008

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