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Revanche für Mumbai: Delhi fordert 20 Köpfe

Der regierenden Kongresspartei käme ein Schlag gegen Pakistan nicht ungelegen

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Von Ursula Dunckern

"Wie alle patriotischen Pakistaner werden wir hinter der Armee stehen, falls die Inder irgendeinen Angriff auf die Souveränität Pakistans verüben", sagt Hafiz Mohammed Saeed, Chef der pakistanischen Terrorgruppe Lashkar-e-Toiba (LeT), in einem Interview mit dem indischen Nachrichtenmagazin Outlook.

Saeed wird von indischen und US-Geheimdiensten beschuldigt, einer der Drahtzieher hinter dem Blutbad von Mumbai zu sein, bei dem LeT-Rekruten - von pakistanischen Militärs als Elitekommandos des Terrors trainiert - einen Krieg mit Indien provozieren sollten. Die LeT, angeblich aufgelöst und prompt wiederauferstanden als "politische Wohlfahrtsorganisation" Jamaat-ud-Dawa, steht der Armee als Schöpfung des Geheimdienstes ISI besonders nahe. Doch ist sie bei weitem nicht die einzige militante Gruppe, die in den vergangenen Tagen angeboten haben soll, auf der Seite der pakistanischen Armee gegen Indien zu kämpfen und keinen Trouble in der Nordwest-Frontier-Provinz mehr zu machen. Das Feindbild Indien könnte jetzt viel für die nationale Einigung des zerrissenen Landes leisten - ein neuerliches Kräftemessen erscheint Teilen des militärischen Establishments als einziger Ausweg, um aus der unhaltbaren Situation heraus zu kommen, in die Pakistan durch den amerikanischen Krieg gegen den Terror gepresst wurde.

In dieser Schlacht gegen die Taliban und andere Aufständische aus den Stammesgebieten sind die Verluste hoch, Kräfte und Moral am Ende. Allein 2007 desertierten über 1.000 Soldaten, fast ebenso viel kehrten in Leichensäcken zurück. Die Wut in der Bevölkerung wächst. Und damit die Macht der Taliban. Da kann ein aufgeheiztes Verhältnis zum Erzfeind Indien helfen, etwas für die Armee und ihre Glaubwürdigkeit in der Bevölkerung zu tun.

Hampelmann auf dem Thron

Das Massaker von Mumbai und die Provokation eines indischen Gegenschlages könnten am Ende darauf zielen, das Terrain für einen neuerlichen Coup der Generalität zu bereiten. Droht nach kurzem zivilen Zwischenspiel eine weitere Militärdiktatur?

Präsident Zardari erweist sich immer mehr als Hampelmann auf dem Thron. Dem drohenden Staatsbankrott hat er ebenso wenig entgegenzusetzen wie der sich ständig verschlechternden inneren Sicherheit. Seine kühnen Statements muss er ein ums andere Mal verschlucken, wenn die Generäle den Finger heben. Generalstabschef Ashfaq Kayani liebt es, Zardari vorzuführen: Der Geheimdienst ISI wurde nach Forderungen der US-Regierung dem Innenministerium untergeordnet? Ein Irrtum! Sein politischer Flügel wurde aufgelöst? Selbstverständlich nicht!

Zardaris Gebaren ist ein Albtraum für seine Berater, und wenn es donnert, ist er kopflos. So hätte er am 28. November beinahe aus Angst einen Krieg ausgelöst: Als ein unbekannter Anrufer sich als Indiens Außenminister Mukherjee ausgab und mit Angriff drohte, da ließ er ohne alle Routinechecks und diplomatische Notventile Truppen an die indische Grenze bewegen und versetzte die Luftwaffe in Alarmbereitschaft. Die Lage konnte erst durch einem Anruf von Condoleezza Rice in Delhi geklärt werden.

Es gibt noch einen anderen Grund, der das Establishment jetzt zu raschem Handeln treiben könnte: die nahende Amtsübernahme des neuen US-Präsidenten. Schon jetzt weiten die Amerikaner ihre Drohnenangriffe auf das pakistanisch-afghanische Grenzgebiet dramatisch aus. Sie werfen ihre Missiles längst nicht mehr nur über halbautonomen Stammesgebieten ab, sondern direkt über den von Islamabad kontrollierten Regionen. Sie folgen den Taliban, die allmählich aus der Bombenzone in die Städte ausweichen. Unter einem Präsidenten Obama - glaubt man dessen Ankündigungen - könnte der Krieg auf pakistanischem Boden in eine neue und extrem blutige Phase treten. Mit mehr zivilen Opfern als in Afghanistan, wo 2008 bisher über 2.000 Zivilisten bei Bombardements, Raketenbeschuss oder Razzien ums Leben kamen.

Keine feurige Anwältin

Indiens Militärs juckt es in den Fingern, die Trainingscamps der LeT zu bombardieren. Auf eine solche Gelegenheit, die Brutstätten des Terrors zu zerstören, die indische Städte seit Jahren in Angst und Schrecken versetzten, hat man lange gewartet. Nun - mit perfekten Beweisen in der Hand und internationaler Solidarität im Rücken - könnte der richtige Zeitpunkt gekommen sein. Nach dem Terror von Mumbai glaubte man, US-Politikern die Ermutigung zu einem Militärschlag beinahe von den Lippen ablesen zu können. Doch dann enttäuschte Außenministerin Rice alle hochtrabenden Ambitionen und erwies sich keineswegs als feurige Anwältin der indischen Sache, sondern balancierte mit guten Worten und Verständnis für beide Seiten zwischen Delhi und Islamabad. Indiens Medien nannten es "Doublespeak". Premier Singh erhielt von Rice nichts weiter als die Zusage, für das Verbot der LeT-Tarnorganisation Jamaat-ud-Dawa zu sorgen. Um so mehr ließ die Regierung in Delhi danach verlauten, sie behalte sich die militärische Option weiterhin vor.

Derweil wurde dem pakistanischen Botschafter eine Note mit der Forderung nach 20 Köpfen übergeben. Sollte Pakistan die Terroristen nicht umgehend ausliefern, würden andere Schritte erwogen. Auf der Liste stehen neben LeT-Chef Mohammed Saeed auch der mächtige Mafia-Don Dawood Ibrahim, der Mumbai von Karatschi aus regiert und für die Mumbaier Bombenserie von 1993 verantwortlich sein soll, dazu Maulana Mazood Azar, der den Anschlag auf das Rote Fort verübte und durch die Entführung eines indischen Flugzeuges nach Kandahar freigepresst wurde.

Man darf davon ausgehen, dass keine pakistanische Regierung die Auslieferung dieser drei Männer an Indien überlebt. Bestenfalls wäre das bei einer Überstellung an die USA denkbar. Doch sollte es der Regierung Singh gelingen, auch nur einen der drei via Amerika vor ein indisches Gericht zu holen, wäre ihr ein fetter Sieg bei der nächsten Parlamentswahl sicher. Die Kongresspartei, die gerade völlig unerwartete Triumphe bei Vorwahlen in zwei Bundesstaaten feiern kann, badet in einer euphorischen Stimmung. Damit wächst die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Aktion in Pakistan, sagen Beobachter.

Krieg gegen sich selbst

Tatsächlich zeigt sich Washington entschlossen, die Schlinge um den Geheimdienst ISI zuzuziehen, der das Verbindungsglied zwischen Armee und militanten Islamisten darstellt. Nach der US-Außenministerin reiste US-Admiral Michael Mullen nach Islamabad, um Beweise für die Beteiligung des ISI am Terrorplot vorzulegen und die unverzügliche Festnahme von LeT-Chef Saeed und LeT-Militärführer Zaki-ur-Rahman sowie von ehemaligen hohen ISI-Offizieren zu fordern. Alle sollen US-Vernehmern vorgeführt werden.

Die Konferenz der Truppenkommandeure reagierte kühl und weigerte sich, dem Diktat Folge zu leisten, dann aber handelte sie doch: Anfang der Woche nahmen Sicherheitskräfte Mitglieder der LeT fest, durchsuchten die Büros ihrer Tarnorganisation Jamaat-ud- Dawa und verhafteten den erwähnten Zaki-ur-Rehman. Grand Chef Saeed blieb bis auf weiteres verschont.

Es hat den Anschein, als wollte - oder müsste - Pakistans Armee nun Krieg gegen sich selbst führen. Unter Armeechef Kayani, selbst einst Generaldirektor des ISI, hielt man bisher viel von engen Verbindungen zu eben diesem Geheimdienst.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   50 vom 11.12.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

12. Dezember 2008

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