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Pakistans Rolle beim Massaker von Mumbai

Von Mahir Ali, 01.12.2008 - ZNet

Am Wochenende drehten sich die Medienberichte um das Verhör des offensichtlich einzigen Überlebenden der Terroristen von Mumbai. Sein Name ist Azam Amir Kasab. Offensichtlich bestätigen seine Aussagen, was viele Analysten - und die meisten Inder - von Anfang an vermutet hatten, nämlich, dass Pakistan eindeutig und direkt in die schrecklichen Angriffe, die Indiens größte Metropole am Mittwoch in eine Hölle verwandelten, verwickelt ist. Zunächst hatten Einige vermutet, der Verdacht sei eine übers Knie abgebrochene Reaktion und basiere mehr auf Erfahrung denn auf Beweisen. Das mag so gewesen sein, doch obwohl viele, viele Fragen unbeantwortet sind, konnten etliche Zweifel bereits ausgeräumt werden.

Die Berichte über Kasabs Aussagen beruhen weniger auf den offiziellen Stellungnahmen als auf Durchgesickertes. Aber was Kasab angeblich ausgespuckt hat, klingt sehr plausibel - beispielsweise die Information, dass er und drei andere junge Männer in einem Camp der (dschihadistischen, pakistanischen Terrorgruppe) Lashkar-i-Tayyaba in Muzaffarabad ausgebildet wurden. Danach seien sie mit sechs anderen programmierten Mördern zusammengebracht worden - in Rawalpindi, wo übrigens auch das Hauptquartier der pakistanischen Armee liegt. Danach habe man sie nach Karachi gebracht.

Ein gemietetes Boot, die MV Alpha, sollte die Gruppe angeblich an ihr Ziel bringen. Doch dann seien indische Marine-Patrouillenboote aufgetaucht, und in einer Panikreaktion hätte die Gruppe kurzerhand ein indisches Fischerboot entführt und den Kapitän gezwungen, sie bis auf vier Seemeilen vor die Küste Mumbais zu bringen. Danach hätten sie sich auf motorisierten Gummischlauchbooten (rubber dinghies) fortbewegt. Die Crew des entführten Fischerbootes konnte keinen Alarm geben. Man hatte ihnen die Kehlen durchgeschnitten. Sie (die Terroristen) wurden gesehen, wie sie nahe eines ihrer ersten Ziele an Land gingen: dem Taj Mahal Palace & Tower. Seit 105 Jahren ist dieses Gebäude eine herausragende Zierde Bombays (viele nennen die Stadt Mumbai noch immer lieber Bombay).

Danach hätten sich die jungen Männer - Massenmord im Sinn - in fünf Gruppen mit jeweils zwei Männern aufgeteilt. Sie trugen Rucksäcke voller Munition und machten sich an ihre tödliche Aufgabe. Kasab und sein Kollege waren für den VT eingeteilt, den Bahnhof Victoria Terminus. Die anderen begaben sich zum Taj, ins Oberoi, ins Café Leopold oder in das jüdisch-orthodoxe Zentrum im Nariman House. Mit Ausnahme des Bahnhofes handelte es sich um Ziele, die offensichtlich ausgewählt wurden, weil sie von vielen Touristen und der indischen Elite frequentiert werden. Das unterscheidet die Angriffe von früheren Attacken in Mumbai, bei denen die Vorgehensweise eine willkürliche war. Es heißt, dass es die Terroristen vor allem auf Menschen mit amerikanischen und britischen Pässen abgesehen hatten. Diese Info ist anekdotisch. 90 Prozent der rund 200 Opfer waren Inder. Außerdem wurden viele Menschen zufällig getötet - nicht nur in den Hotels, sondern auch auf den Straßen.

Nicht ganz klar ist, warum die Bewaffneten Geiseln nahmen. Während der Geiselnahmen tauchten immer wieder Gerüchte auf, es werde die Freilassung von islamistischen Militanten gefordert, die in indischer Haft sitzen. Dies sind unbewiesene Vermutungen - wie vieles andere auch. Es braucht auch nicht extra betont zu werden, dass - was immer die geistigen Beweggründe für die Taten gewesen sein mögen (Mitleid war sicher kein Faktor) - die Todesrate glücklicherweise weit niedriger war, als sie hätte sein können. Die Absicht hinter dem Massaker ist unschwer zu erraten: Man wollte Schmerz und Angst verbreiten. Nicht nur Einzelpersonen sollten betroffen sein, sondern ganz Indien. Das Hauptziel war vielleicht, die Feindseligkeiten zwischen Hindus und Muslimen zu schüren - oder, noch schlimmer, die Feindseligkeit zwischen Indien und Pakistan.

Möglicherweise werden Touristen und andere Ausländer es sich eine Zeitlang zweimal überlegen, bevor sie eine Reise nach Indien buchen. Doch die Furcht wird wohl kaum lange andauern - und die (wahrscheinlich unnötige) Absage einer Reihe von Touren wird kaum langfristige Folgen für das Indische Kricket haben. Um die Absichten der Islamisten zu durchkreuzen, wäre es wichtig, der Gefahr möglicher Konflikte auf Gemeindeebene vorzubeugen. Indiens politische Parteien spielen hier eine entscheidende Rolle: Vor allem die (oppositionelle, hinduistisch-nationalistische) Bharatiya-Janata-Partei (BJP) sollte der Versuchung widerstehen, Vorurteile gegen Muslime zu schüren, um bei Wahlen zu profitieren.

Noch wichtiger wäre es, dass (die Regierungen in) Neu Delhi und Islamabad, das, was in den letzten Jahren an gutem Willen aufgebaut wurde, nicht wieder kaputt reden. Es ist offensichtlich, dass Indien das Geschehene nicht auf die leichte Schulter nehmen kann. Was die pakistanische Führung angeht, so verhält sie sich bislang verbal kooperativ - wenngleich das Angebot, den Chef des Büros für die Koordination der pakistanischen Geheimdienste (ISI) für Konsultationen nach Neu Delhi zu entsenden, gleich wieder relativiert wurde - offensichtlich, weil der pakistanische Präsident Asif Sardari und sein Premier Yousaf Raza Gillani die Entscheidung ohne geheime Rücksprache mit dem Armeechef und dem ISI-Direktorium getroffen hatten.

Das pakistanische Büro für Geheimdienstkoordination ISI soll in der Vergangenheit Verbindungen zu Gruppen wie Lashkar-i-Tayyaba und Jaish-i-Muhammad unterhalten haben, um den Konflikt in Kaschmir und Jammu zu schüren. Anfang des Jahres erhoben US-Agenturen die Beschuldigung, die Fingerabdrücke einiger (möglicherweise schurkischer) Mitarbeiter des ISI seien in Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf die Indische Botschaft in Kabul gefunden worden, bei dem 58 Menschen starben. Doch es gibt keinen Beweis, dass der ISI in die Greuel von Mumbai verwickelt ist. Hoffen wir, dass der Schein in diesem Fall nicht trügt. Andererseits waren die indischen Elitekommandos schockiert über das offensichtlich exzellente militärische Training ihrer Gegner. Diese Tatsache beweist zwar nichts, lässt jedoch Raum für misstrauische Spekulation.

Falls Pakistans Präsident Sardari tatsächlich an einer Verbesserung der Beziehungen zu Pakistan gelegen ist - und danach sieht es aus -, müsste seine Regierung zumindest alles daran setzen, sämtliche Trainingslager und rekrutierende Koranschulen (Madrassahs) der Gruppen Lashkar und Jaish zu schließen. An dieser Aufgabe war Pervez Musharraf gescheitert, der diese beiden dschihadistischen Gruppen vor sechs Jahren verboten hatte. Es wäre eine Geste des guten Willens an Indien; aber in erster Linie würde Pakistan sich selbst damit einen Gefallen tun.

Präsident Sardari sprach bereits von "nichtstaatlichen Akteuren" - ohne genauer zu werden. Er scheint das Problem also anzuerkennen. Diese "nichtstaatlichen Akteure" sind ein offensichtliches Hindernis auf dem Weg zu einem visafreien Grenzverkehr zwischen Pakistan und dem Nachbarn Indien. Präsident Sardari wünscht diesen freien Grenzverkehr. Falls ihm die Autorität zum Handeln fehlt, wird ihm das den Wind aus den geblähten Segeln nehmen - aus seinem Schwur, eine Nicht-Erschlags-Politik zu betreiben und aus seinem angeblich entschlossenen (unter anderen Umständen ausgesprochen begrüßenswerten) Eintreten für eine atomwaffenfreie Zone Südasien.

Der pakistanische Außenminister Schah Mehmood Qureshi hielt sich zufällig in Neu Delhi auf, als die beklagenswerte Tragödie begann. Er hat Recht, wenn er behauptet, das Terroristenproblem sei eine generelle Geißel, die gemeinsam bekämpft werden müsse. Stimmt, 60 Jahre gegenseitiges Misstrauen (zwischen Indien und Pakistan) können nicht auf einen Streich beseitigt werden, aber noch nie war vertrauensbildende Kooperation so wichtig wie in diesem Moment. Um effektiv zu sein, darf sich diese Kooperation allerdings nicht auf Aktionen gegen Terroristen beschränken, sondern muss sich auch auf die Beseitigung von Zuständen erstrecken, die den Extremismus fördern. Vor allem heißt dies: Die schwelende Wunde Kaschmir muss in ein Modell der friedlicher Koexistenz umgewandelt werden. Diese Aufgabe wird nicht leicht sein, sollte aber auch nicht als etwas Unmögliches vom Tisch gewischt werden. Würde es gelingen, wäre dies ein gewaltigerer Schlag gegen die Dschihadisten als die härtesten Zwangsmaßnahmen.

mahir-worldview@gmail.com

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 01.12.2008. Originalartikel: Pakistani Role in Mumbai Mayhem .  Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

02. Dezember 2008

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