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Kettenreaktion statt Koma

Teststopp für alle: Der künftige US-Präsident Barack Obama sagt nicht a priori nein

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Von Wolfgang Kötter

Im Bundesstaat New Mexico zündeten die USA am 16. Juli 1945 ihren ersten nuklearen Sprengsatz "Trinity". Damit begann das Atomwaffenzeitalter und es folgten noch 2.176 weitere Erprobungen immer neuer Atomwaffen mit noch größerer Zerstörungskraft.

Verheerende Folgen

Für die Bewohner der betroffenen Testgebiete bedeuteten die Atomversuche oftmals den Strahlentod oder bis heute andauernde Schmerzen und Gesundheitsschäden. Viele Menschen erkrankten an Schilddrüsenkrebs und Leukämie. Sie leiden an genetischen Schäden, Erbkrankheiten und Schwächungen der Immunsysteme. Die Testgebiete sind für Jahrzehnte radioaktiv verseucht. So kann beispielsweise die Pazifikinsel Bikini, Stätte zahlreicher US-amerikanischer Nukleartests, nach wissenschaftlichen Prognosen möglicherweise erst 2040 wieder bewohnt werden. Das US-Energieministerium erklärte zynisch, die Einwohner des Bikini-Atolls seien "die beste verfügbare Datenquelle zum Transfer von Plutonium, das von einem biologischen System durch die Darmwände aufgenommen wurde." Auch auf anderen Testgebieten kam es zu verheerenden Folgen. Beispielsweise ist die Krebsrate unter der Bevölkerung im Gebiet um das kasachische Semipalatinsk, dem Hauptversuchsgelände der Sowjetunion, 300 bis 400 Mal größer als anderswo. Als besonders gefährlich für Leben und Gesundheit erwiesen sich überirdische Atomwaffenversuche.

Der lange Weg zum Testverbot

Meldungen über nukleare Zwischenfälle und die gefährlichen Folgen atmosphärischer Atomwaffenversuche alarmierten bereits in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht nur die Bevölkerung in den betroffenen Ländern. Warnend äußerten Wissenschaftler ihre Besorgnis über die genetischen Langzeitfolgen und klimatischen Auswirkungen erhöhter Radioaktivität. Der weltweiten Anti-Atomwaffenbewegung konnten sich auch die Regierungen nicht auf Dauer entziehen. Am 2. April 1954 appellierte der indische Ministerpräsident Jawaharlal Nehru an die Atomwaffenstaaten, alle Nuklearversuche einzustellen. Seither steht das Thema jährlich auf der Tagesordnung der UN-Vollversammlung und wurde zeitweise ebenfalls in der Genfer Abrüstungskonferenz behandelt. Doch zunächst blockierten Ost-West-Kontroversen substantielle Verhandlungen. Im Jahre 1958 begannen die Atommächte erstmals, sich zu bewegen. Am 31. März erklärte KPdSU-Parteichef Nikita Chruschtschow ein einseitiges Test-Moratorium und forderte die übrigen Atommächte auf, seinem Beispiel zu folgen. US-Präsident Dwight D. Eisenhower lehnte zunächst ab, schlug dann aber immerhin eine Expertenkonferenz zur Verifizierbarkeit eines Testverbots vor. Die Konferenz, an der vier westliche und vier östliche Vertreter teilnahmen, tagte vom 1. Juli bis 21. August in Genf. Die Spezialisten fanden heraus, dass ein weltweites Netz von 160 bis 180 Kontrollposten, die die von Atomexplosionen verursachten seismischen, akustischen und Radiosignale entdecken und radioaktive Spuren sammeln sollten, ausreichen würde, um selbst kleinere Explosionen von 1-5 kT Stärke Die Explosionsenergie von Atomwaffen wird in kT (Kilotonnen des herkömmlichen Sprengstoffs Trinitrotoluol) angegeben. zu registrieren. Kritischer wäre allerdings die Kontrolle bei tiefen, sorgfältig verborgenen unterirdischen Tests. Politisch waren die Gegner im Kalten Krieg zu einer Vereinbarung jedoch noch nicht bereit.

Erst der Schock der Kuba-Krise von 1962 brachte die Kontrahenten zur Einsicht: Schrankenloses, unkontrolliertes Wettrüsten birgt die Gefahr der Selbstvernichtung. Dann ging es auf einmal alles ganz schnell. Ein Jahr später handelten die USA, Großbritannien und die UdSSR in wenigen Wochen eine Vereinbarung aus, und die Außenminister Dean Rusk, Lord Home und Andrej Gromyko unterzeichneten am 5. August 1963 in Moskau den Teilteststoppvertrag, der seither oberirdische Kernwaffenversuche wie Nukleartests im Weltraum und unter Wasser verbietet. Ein Fortschritt, kein Durchbruch.

Internationale Kontrollorganisation einsatzbereit

Mehr als drei weitere Jahrzehnte sollte es noch dauern, bis 1996 ein umfassender Teststoppvertrag auf dem Tisch lag. Bis heute haben ihn 180 Staaten unterschrieben, 148 sogar ratifiziert. Dennoch ist das Abkommen bisher nicht rechtswirksam, weil noch neun der 44 Staaten fehlen, die prinzipiell über das Know-how zum Bau von Kernwaffen verfügen und deren Plazet Voraussetzung für das Inkrafttreten ist. Trotzdem arbeitet in Wien die künftige Kontrollorganisation Comprehensive Test Ban Organization (CTBTO) mit einem Jahresbudget von rund 114 Millionen Dollar bereits auf Hochtouren. Unter Leitung von Tibor Tóth aus Ungarn errichten rund 250 Mitarbeiter ein Netzwerk von insgesamt 337 Beobachtungsposten, das den gesamten Erdball lückenlos abdeckt. Im Zentrum steht ein globales System von 170 seismischen Stationen. Es kann eventuelle unterirdische Nuklearexplosionen registrieren und von den jährlich etwa 50.000 natürlichen Erdbeben unterscheiden. 80 Radionuklid-Detektoren und 60 Infraschallgeräte - darunter auch die Station Haidmühle in Niederbayern - beobachten außerdem die Atmosphäre, während elf hydroakustische Systeme die Weltmeere kontrollieren.

Da der Teststoppvertrag noch nicht rechtswirksam ist, nennt sich die Kontrollorganisation immer noch "provisorisch", aber das Geld, das die Staaten jährlich für sie ausgeben, ist gut angelegt. Rund zwei Drittel der Beobachtungsstationen arbeiten bereits. Satelliten übermitteln die Informationen zum Internationalen Datenzentrum, wo sie gespeichert, analysiert und an die Vertragsparteien weitergegeben werden. Das weltraumgestützte Globale Kommunikationssystem ist über den direkten Abrüstungskontrollauftrag hinaus nützlich. Rund eine Million Daten wurden in den vergangenen Jahren an mehr als 400 Nutzer in 57 Staaten übermittelt, darunter zu Erdbeben, Vulkanausbrüchen, Bergwerksunglücken, Flugzeugzusammenstößen sowie über auffällige Umwelt- und Wettererscheinungen. Die Experten beteiligen sich ebenfalls am Testverfahren für Tsunami-Warnsysteme, unternehmen geophysische Untersuchungen bis hin zur Klimaforschung, und könnten nach eigenen Angaben durch die akustische Aufnahme von Walgesängen sogar die Migrationsbewegungen der Wale nachzeichnen. So registrierten die Beobachtungsstationen den Ausbruch des verheerenden Tsunami, der vor vier Jahren Südostasien heimsuchte, innerhalb weniger Minuten. Auch der nordkoreanische Kernwaffenversuch im Oktober 2006 wurde festgestellt und dessen Sprengkraft mit 0,6 kT korrekt angegeben. Zur Klärung von verbleibenden Zweifelsfällen dienen zusätzlich vertrauensbildende Transparenzmaßnahmen, Konsultationen und Vor-Ort-Inspektionen.

Chancen für das umfassende Verbot

Warum ist der Teststoppvertrag so wichtig, um das nukleare Wettrüsten einzudämmen? Die Antwort fällt leicht: Wer heimlich Atomsprengköpfe und thermonukleare Waffen baut, muss sie irgendwann erproben, um sicher zu sein, dass sie auch funktionieren. Eine erfolgreiche Kernexplosion gilt immer noch als entscheidender Schritt über die Schwelle zur Atommacht. Andererseits würde es ein Testverbot erschweren, neuartige Nuklearwaffen zu entwickeln und so den Rüstungswettlauf zwischen den bestehenden Kernwaffenbesitzern anzuheizen. Ein umfassendes Testverbot könnte insofern enorm hilfreich sein, soll aus der augenblicklichen Abrüstungskrise kein Dauerzustand werden. "Der Teststoppvertrag ist der Schlüssel zu einem Sicherheitssystem, das wir zu bauen beabsichtigen. Ein System, das nicht auf Kernwaffen beruht", würdigt der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Mohamed El-Baradai, das Abkommen. Je länger der Teststoppvertrag "im Koma" liege, umso mehr wachse die Gefahr, dass vom vorliegenden Abkommen nichts als Makulatur übrig bleibe - mit fatalen Konsequenzen. "Wir sind es uns selber schuldig, wir schulden es unseren Kindern und wir schulden es unseren Völkern, dafür zu sorgen, dass der Teststoppvertrag so schnell wie möglich in Kraft tritt", mahnt der Friedensnobelpreisträger.

Es könnte sein, dass nach dem Regierungswechsel in den USA derartige Warnungen nicht in den Wind gesprochen sind. Barack Obama wie auch sein Vize John Biden trat bereits als Senator für eine Ratifizierung ein und hatte im Wahlkampf versprochen: "Wir werden mit dem Senat kooperieren, um den umfassenden Teststoppvertrag zu ratifizieren, und danach streben, dass er möglichst schnell in Kraft tritt." Auch die gewachsene demokratische Mehrheit im Senat sollte dies erleichtern. Da aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit erforderlich ist, wird nicht nur das Weiße Haus intensiv daran arbeiten müssen, die Senatoren zu überzeugen. Auch internationale Initiativen und gehöriger Druck aus der Bevölkerung werden vonnöten sein. Doch Anstrengungen würden sich lohnen. "Wenn sich die USA dem umfassenden Teststoppvertrag anschließen, wäre das außerordentlich wichtig", versichert der Ko-Vorsitzende der neugegründeten Internationalen Kommission zur Nuklearen Nichtverbreitung und Abrüstung, Australiens Ex-Außenminister Gareth Evans, "es würde eine Kettenreaktion in der gesamten internationalen Gemeinschaft auslösen." Die kommenden Monate werden zeigen, ob der Optimismus berechtigt ist.

Bisherige Kernwaffenversuche

Land Anzahl
Testgebiete
USA 1.146    New Mexico und Südpazifik, später Wüste von Nevada
UdSSR/Russland 715    Nowaja Semlja, Semipalatinsk
Frankreich 215    Sahara, später Polynesieninseln Moruroa und Fangataufa
China 45    Wüste Lop Nor
Großbritannien 44    Südpazifik, später Wüste von Nevada
Pakistan 6    Chagai-Berge in Baluchistan
Indien 5    Thar-Wüste von Rajasthan
KDVR 1    nahe Kilju in der nordöstlichen Provinz Hamkyong
gesamt 2.177  

Quellen: Arms Control Association, Bulletin of the Atomic Scientists

Verweigererstaaten

Zu den Ländern mit Nuklearkapazität, deren Beitritt zum Inkrafttreten des Teststoppvertrages noch erforderlich ist, gehören die Kernwaffenstaaten China, USA, Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea; außerdem Ägypten, Indonesien und Iran.

Eine gekürzte Fassung dieses Artikels zu den Perspektiven des nuklearen Teststoppvertrages nach den US-Wahlen erschien in der Wochenzeitung Freitag Nr. 48/2008:  Kettenreaktion statt Koma .

Fußnoten

Veröffentlicht am

29. November 2008

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