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Kabul vor 30 Jahren, Kabul heute: Haben wir nichts dazu gelernt?

Von Robert Fisk, 22.11.2008 - Independent.co.uk

Ich sitze auf dem Dach des alten Central Hotel. Der Aufzug des Hotels ist mit pharaonischer Pracht dekoriert, der Apfelsaft ist unglaublich, der Grüne Tee erstklassig. Am vorderen Hoteleingang stehen tadschikische Wachen. Ich sitze hier auf dem Dach und sehe in das verrauchte Rot eines Kabuler Abends. In der Dämmerung schimmert das Fort Bala Hissar - seine massigen Portale, die enormen Ausmaße. An diesen Ort hätte die Britische Armee 1841 ihre Männer bringen sollen. Stattdessen entschied man sich, den König im Fort residieren zu lassen und baute bescheiden ein Militärcamp auf der ungeschützten Ebene. Das führte zu einer "Signalkatastrophe".

Wie Maschinenvögel schweben die Drachen über den Dächern. Ja, die berühmten Kabuler Drachenschwinger - minus Hollywood. Nachts dringt das Dröhnen der amerikanischen Sikorsky-Helikopter in mein Zimmer und das Flüstern der F-18, die in großer Höhe fliegen. Die USA versuchen, George Bushs Bilanz mit jenen "Terroristen" auszugleichen, die versuchen, Hamid Karsais korrupte Regierung zu stürzen.

Erinnern wir uns an die Zeit vor fast 29 Jahren. Damals saß ich auf dem Balkon des Intercontinental Hotel. Es liegt auf der anderen Seite dieser großartigen, kalten, dumpfen Stadt. Erstklassige Mitarbeiter, an der Bar gab es eisiges polnisches Bier, Geheimpolizei in der Frontlobby, russische Soldaten parkten im Vorhof des Hotels. Das Fort Bala Hissar (in Peschawar) schimmerte durch den Rauch. Die Drachen - grün scheint die bevorzugte Farbe -, bewegten sich zwischen den Bäumen. Nachts drang das Dröhnen der Hind-Hubschrauber und das Flüstern der MIGs, die sehr hoch flogen, in mein Zimmer. Die Sowjetunion versuchte, Leonid Breschnews Bilanz mit jenen "Terroristen" auszugleichen, die versuchten, die korrupte Regierung Barbrak Karmals zu stürzen.

30 Meilen weiter nördlich erzählte uns ein sowjetischer General, der Sieg über die "Terroristen" in den Bergen, das heißt, über die imperialistischen "Überreste", stünde unmittelbar bevor - wie gesagt, es war damals, vor vielen Jahren. ‘Imperialistische Überreste’ war die Phrase, die das kommunistische Radio in Kabul stets gebrauchte. Dieses Radio wurde auch von Amerika, Saudi-Arabien und Pakistan unterstützt.

Im Schnelldurchlauf in das Jahr 2001. (Es ist erst sieben Jahre her.) Ein US-General erzählte uns vom unmittelbar bevorstehenden Sieg über die "Terroristen" in den Bergen. Doch die Taliban, die einst von Saudi-Arabien und Pakistan unterstützt wurden, sind alles andere als besiegt. Die Russen predigten von der großen sowjetischen Basis in Bagram aus. Heute predigt ein amerikanischer General in der großen US-Luftwaffenbasis Bagram.

Es ist kein Déjà-vu. Es ist ein doppeltes Déjà-vu. Und die Sache wird immer furchtbarer.

Vor nahezu 29 Jahren starteten die afghanischen "Mudschaheddin" von entlegenen Dorfpässen aus eine Kampagne gegen den gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen. Die entsprechende Gesetzgebung war von mehreren aufeinander folgenden kommunistischen Regierungen (in Kabul) durchgedrückt worden. Dann wurden Schulen niedergebrannt. Vor Dschalabad fand ich die verbrannten Leichen eines Schulleiters und seiner Frau, die ebenfalls Schulleiterin war. Heute führen die Taliban eine Kampagne gegen den gemischten Unterricht von Jungen und Mädchen. Die Kampagne wird in den großen Wüsten von Kandahar und Helmand geführt. Im Grunde will man erreichen, dass junge Frauen überhaupt keine Bildung erhalten. Schulen werden niedergebrannt, Lehrer ermordet.

Als die Sowjets immer mehr Opfer zu beklagen hatten, prahlten ihre Offiziere, die Afghanische Nationalarmee (ANA) werde immer stärker. Doch die ANA wurde von den "Mudschaheddin" unterwandert. Moskau stattete die ANA mit neueren Panzern aus und half ihnen, neue Bataillone zu trainieren, die die Partisanen außerhalb der Hauptstadt bekämpfen sollten.

Rasch wieder zurück in die Gegenwart. Die Amerikaner und Briten erleiden immer größere Verluste. Ihre Offiziere prahlen mit der zunehmenden Stärke der ANA. Doch die ANA ist von den Taliban unterwandert. Amerika und andere Nato-Staaten versorgen die ANA mit neuerem Gerät und trainieren neue Bataillone, damit sie gegen die Partisanen außerhalb der Hauptstadt kämpfen. Zurück in das Jahr 1980. Es ist Januar. Damals war es mir möglich, mit dem Bus von Kabul nach Kandahar zu fahren. Sieben Jahre später trieben sich "Mudschaheddin"-Kämpfer und Banditen auf der zerstörten Autobahn herum. Die einzig sichere Art, nach Kandahar zu reisen, ist der Luftweg.

Während der gesamten 80er Jahre konnten die Sowjets und die ANA die Städte halten. Dennoch verloren sie weite Teile des Landes. Heute halten die Amerikaner, ihre Verbündeten und die ANA die meisten Städte Afghanistans, doch sie haben die südliche Hälfte des Landes verloren. Die Sowjets schickten damals heimlich zusätzliche 9.000 Soldaten ins Land - zu der 115.000 Mann starken Besatzungsarmee gegen die "Mudschaheddin" hinzu. Heute schickt Amerika offiziell weitere 7.000 Soldaten, um die 55.0000 Mann starke Besatzungsarmee im Kampf gegen die Taliban zu unterstützen.

1980 war es mir möglich, in die Chicken Street zu schleichen, um in den staubigen Läden alte Bücher zu kaufen. Es handelte sich um billige, illegale Neuausgaben von Offiziers-Memoiren des Britischen Imperiums. Mein Fahrer hielt nervös Ausschau; er hatte Angst, man könnte mich für einen Russen halten. Letzte Woche schlich ich mich hinunter in den Shar Book Shop. Der Buchladen war voll mit denselben Nachdrucken. Mein Fahrer hielt nervös Ausschau. Er hatte Angst, man könnte mich für einen Amerikaner halten (oder einen Briten). Ich fand Stephen Tanners Buch ‘Afghanistan: A Military History From Alexander The Great To The Fall Of The Taliban’. Wir fahren zurück zu meinem Hotel. Kabul ist erfüllt vom Rauch der Holzfeuer. Ich will mich in meinem schlecht beleuchteten Zimmer der Lektüre widmen.

1840, so schreibt Tanner, war die britische Versorgungslinie, die von der pakistanischen Stadt Karachi über den Khyber-Pass und Dschalalabad nach Kabul führte, von afghanischen Kämpfern bedroht. "Britische Offiziere (wurden) auf der essentiellen Versorgungsroute durch Peschawar… beleidigt und angegriffen". Ich fische in meiner Tasche nach einem Ausschnitt aus einer neueren Ausgabe der Le Monde. Darin ist die Hauptversorgungsroute der Nato - von der pakistanischen Stadt Karachi, über den Khyber-Pass und Dschalabad nach Kabul - abgebildet. Jeder Ort ist eingetragen, an dem die Taliban schon einmal einen Treibstoff- bzw. Lebensmittelkonvoi für Amerikas Verbündete in Afghanistan angegriffen haben.

Ich blättere durch eines der in Pakistan nachgedruckten Bücher, die ich gefunden habe. Ich finde eine Stelle, in der General Roberts von Kandahar den Briten 1880 sagte: "Wir haben aus Afghanistan nichts zu befürchten. Das Beste, was wir tun können, ist, es so weit wie möglich, sich selbst zu überlassen…. Ich fühle mich sicher mit der Behauptung, je weniger die Afghanen von uns sehen, desto weniger werden sie uns hassen".

Memo an die Amerikaner, Briten, Kanadier und die restlichen Männer des Schwachkopfes: Lest Roberts. Lest in der Geschichte.

Quelle:  ZNet Deutschland   vom 26.11.2008. Originalartikel: Kabul 30 years ago, and Kabul today. Have we learned nothing?  Übersetzt von: Andrea Noll. 

Veröffentlicht am

26. November 2008

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