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Paradigmenwechsel: Ein neues, großes Ja

Wenn die Linke so antiamerikanisch wäre, wie immer behauptet wird, hätte sie sich dann so für Obama begeistern können?

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Von Marina Achenbach

Auch wer skeptisch ist oder sich so gibt, ist ergriffen über die Wucht und Macht, mit der in den USA ein Wandel gewollt und angekündigt wird. Change: Dieses große Wagnis, den Kurs zu ändern. Und offen einzugestehen, wie vieles im eigenen Land kaputt gemacht wurde seit der Jahrtausendwende.

Die Erregung darüber dringt nur vorsichtig über den Ozean nach Europa. Wie zu lesen ist, ist es den meisten Amerikanern ganz unwichtig, was die Welt denkt. Sie machen es für sich. Ihre Lage drängt sie dazu. Sie haben nicht wieder nach einem neuen starken Mann gerufen. Sie haben stattdessen den ganz anderen, bisher dort nie gesehenen Typus von Politiker an die Spitze gebracht. Der die Hautfarbe der einstigen Sklaven hat. Der nicht aus den mächtigen amerikanischen Oligarchien, sondern "von unten" kommt, und der offenbar ein gesammeltes Wissen aus dem "anderen Amerika" mitbringt. Das Versprechen liegt in seiner Biografie und seinen Erfahrungen, die sich radikal unterscheiden von denen der bisherigen Eliten und in der überbordenden Bewegung, die ihn trägt. Diesen Paradigmenwechsel beobachtet die Welt nun mit Staunen, Begeisterung und mit erschreckend großen Hoffnungen. Mit einer angestauten Sehnsucht nach der Verwandlung der Großmacht USA.

Niemand scheint es vorausgesehen zu haben. Vor elf Jahren führte der Freitag eine Debatte über die USA, die damals sieben Jahre als alleinige Supermacht agierten. Man kann an ihr ablesen, was von Amerika erwartet wurde. Ein Zeitfenster war offen, ein Fokus, der auf diesen Moment zielte. Noch war kein 11. September, noch gab es keinen Bush jun. und seine Kriege, keine zusammengebrochenen Finanzmärkte. Die USA boomten. Der Begriff Neoliberalismus setzte sich gerade durch, beunruhigte schon, aber nicht übermäßig. Das Wort Globalisierung kommt in den Texten von 1997 nicht vor. Auf diesen Zeitungsseiten drängt sich etwas Vergessenes: Mit dem Blick aus der heutigen, gebeutelten Welt, mit dem kritischen Geist und der drängenden Sprache, wirkt jene Befindlichkeit, die nur elf Jahre zurückliegt, wie ein Zustand der Betäubung.

Die Kriege, die von den USA seit 1990 nach dem Untergang der Sowjetunion geführt wurden, sah niemand als Vorboten der militärischen Hybris. Sie müssen wie die allerletzten Kriege gewirkt haben, denen keine mehr folgen würden. Den "Feuersturm" im Irak 1991 erwähnte in der ganzen Debatte nur ein Beitrag. Die weiterhin über dem Irak kreisenden amerikanischen Flugzeuge kamen nicht vor. Kriegsgefahr schien fern. Bosnien hatte seinen Vertrag. Alle hielten es für möglich, dass Kriege überflüssig werden unter dem Dach der letztlich vernünftigen Weltmacht.

Einen spektakulären Auslöser für die Serie gab es gar nicht. Eher war da eine schleichende Geschichte, ein Vorwurf, der Wirkung zeigte: Die deutschen Linken seien von Antiamerikanismus durchtränkt. Ihr Ressentiment versteckten sie in der Kritik an der US-Politik. In Wirklichkeit aber mische sich auf einer unbewussten Ebene ein linker antiwestlicher Reflex mit dem alten deutschen, nazihaften Hass auf Amerika; auf einem tieferen Grund lagere eine tiefe Abneigung gegen deren freiheitlichen, individualistischen, emanzipatorischen, offenen Gesellschaftstyp.

Das Motiv war auch auf die Friedensbewegung gemünzt. Denn nach den vehementen Protesten gegen den Golfkrieg 1991 galten die Deutschen plötzlich als Pazifisten. "German angst" hieß es in amerikanischen Medien verächtlich. Kein Blut für Öl? Die Frage wurde umgedreht: Wer gibt sein Blut für die Befreiung anderer? Davon fühlten sich in Deutschland Verteidiger Amerikas herausgefordert und fügten dem Antiamerikanismus noch den Vorwurf des Antisemitismus hinzu.

Die Ressentiments der Linken wurden rasch zum Stereotyp. Und das Bild wirkte zurück, machte die Betroffenen defensiv und kleinlaut. Es war die Zeit, in der die Linke in allen ihren Facetten recht stumm wurde. Der Freitag behandelte das Klischee nur indirekt, er bot einfach den Rahmen, ein Amerika-Bild zu entwerfen. Der Aufmacher-Text 1997 stammte aus Washington. Die Diskussion über Antiamerikanismus wurde da kühl als "Teil einer innenpolitischen Debatte in Deutschland" gehandelt. Die kritischen Bemerkungen zu Amerika seien jenseits des Atlantik ohne Belang. Der Text provozierte zu nichts, höchstens konnte sein unerschütterliches Selbstbewusstsein verärgern. Und tatsächlich kam als Antwort, die USA würden Kritik stets abwimmeln, indem sie die falsche Wahrnehmung verantwortlich machten. Heute sei im Gegenteil ein "linker Atlantizismus" fällig, als Solidarität mit dem Teil der amerikanischen Bevölkerung, der unter dem neoliberalen System kontinuierlich an Lebensqualität verliere und entmutigt sei. Mit dem "anderen Amerika". Doch der Blick auf diese Verarmung, auf das daneben wachsende Kapital, das um die Welt vagabundierte, die Rüstungsinvestitionen und vieles andere befähigte nicht zu einem Urteil.

Die Faszination des scheinbar immer stärker werdenden Amerika überstieg die Kritikfähigkeit. Noch war der Dollar unbestrittene Weltwährung. Ein Euro war nicht auf den Plan getreten, ein chinesischer Rivale war nicht in Sicht. Der amerikanische Staat war kaum verschuldet. Militärisch reichte keine andere Macht an die USA heran. Es war der Beginn der zweiten Amtszeit von Bill Clinton, seine Position war noch nicht vom Amtsenthebungsverfahren angenagt. Günter Verheugen erklärte in der Debatte, dass die deutsch-amerikanischen Beziehungen, die "fast eine Staatsraison gewesen sind", nun - ohne sowjetische Bedrohung - "einer neuen Rechtfertigung bedürfen". Sie müssten sich allein auf die "gemeinsamen Werte" gründen. Nachträglich wird klar, dass die Auseinandersetzung um das Amerika-Bild so scharf geführt wurde, weil die enge Beziehung erst wieder unanfechtbar in allen Köpfen etabliert werden sollte. Werte sind vage. Der Verdacht, das vereinigte Deutschland könnte auf Distanz zu den USA gehen, weckte echte Ängste, von der FAZ bis in die (ehemals) linken Kreise.

Beim heutigen Lesen merkt man den Texten ein Bedürfnis an, in gleicher Augenhöhe mit den USA über die USA zu sprechen. Als wollte man den riesigen, fernen Staat der einstigen Auswanderer näher an sich heranrücken. Sich die Neue Welt, die die Einwanderer erschaffen und in die sie ihre Freiheitsträume mitgebracht hatten, geistig aneignen. Durch Bejahung. Jetzt gibt es ein neues, großes Ja. Den deutschen Kleinkrieg um Antiamerikanismus fegt dieses Ja weg. Wieder ist es auch von der Lust an Illusionen eingefärbt. Doch das ist ein anderes Ja als das damalige, keines der Unterwerfung, sondern es gilt dem amerikanischen Aufstand, der Obama-Bewegung.

Die einzige Stimme echter Empörung kam 1997 vom ehemaligen Chefredakteur des Stern und GEO, Rolf Winter: dass die ermordeten Indianer, die Sklaven aus Afrika und Asien so glatt übergangen wurden wie auch die das Land begleitende Gewalt nach innen und außen. Die USA lebten günstig vom Wunschbild, das von überallher Menschen auf sie projizieren.

"Der Geist des Kapitalismus in seiner Einheit von Selbstorganisation und Wolfsgesetz ist nicht nur Kultur, er ist Natur geworden." So charakterisierte Hans Thie das US-System. Es sei nicht übertragbar auf andere Länder. Niemand solle das nachahmen, vor allem nicht Europa, das mehr und andere Optionen habe als die USA. Auch in diesem Text gibt es keine Andeutung eines Krisen-szenarios. Aber der Beitrag endet doch mit einer kleinen Wende - als wäre sie dem Autor beim Schreiben unterlaufen, für ihn selbst unerwartet: "Vielleicht kommt´s ja auch umgekehrt, beginnend mit einem Freitag, einem schwarzen." Und es stimmt, es ist so anders gekommen als 1997 gedacht, dass es einem fast die Sprache verschlägt.

Es gibt etwas in den USA, das sehen Beobachter seit ihren Anfängen bis heute mit Interesse, mit Bewunderung, auch Neid: die amerikanische "Assoziationskraft der Individualisten". Diese Fähigkeit, sich als Einzelne zu verbinden, seine Gemeinschaft selbst zu organisieren ohne autoritäre Staatsgewalt, habe auf Karl Marx Eindruck gemacht, der die künftige Gesellschaft als freie Assoziation freier Bürger beschrieb. Darauf wies Michael Jäger hin. Dem sowjetischen Staatssozialismus war diese Idee fremd, man könnte heute Vergesellschaftung vielleicht "eher amerikanisch statt sowjetrussisch denken". Diesen Faden nahm niemand auf. Der Antrieb zu einer Suche nach gesellschaftlichen Alternativen oder Perspektiven war zu schwach. In diesen Jahren lagen die Worte "Scheitern des Sozialismus" schwer in der Luft.

Nun kann man es fast atemlos bestaunen: wie mit Barack Obama die alte Assoziationsmaschine "Amerika" wieder in Gang gesetzt wurde. Die Bewegung jenseits des Atlantik, die Obama unterstützt und die er aufruft, ist hier im Grunde erst nach Monaten ihrer unermüdlichen Arbeit wirklich gesehen worden: Millionen Menschen, voller Bereitschaft zu persönlichem Einsatz, in politischen Gemeinschaften, die sozial neu gemischt sind, mit heutigen Formen der Kommunikation, der Orientierung, die erstmals so erprobt wurden. Inzwischen ahnen alle, die dahin schauen, dass das weitere Geschehen in den USA davon abhängt, ob sich diese Menschen wieder zurückziehen oder ob sie dabei bleiben und weiter drängen. Und dabei könnte es auch wichtig werden, von wem sie aus Europa und der Welt Ermutigung bekommen. Auch die Linken werden darunter sein.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   46 vom 13.11.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

18. November 2008

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