Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

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Annäherung an eine Kultur der Gewaltfreiheit durch Religion

Von Hildegard Goss-Mayr Vortrag von Hildegard Goss-Mayr bei der 20. Internationalen Sommerakademie des Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (ÖSFK), Burg Schlaining, 6. bis 12. Juli 2003.

1. Wiedererwachen des Religösen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Zu Beginn unseres Jahrhunderts ist das Religiöse im Bewußsstsein der Menschen, vor allem der europäischen, neu aufgebrochen:

  • einerseits mit seiner dunklen Seite in den Fundamentalismen christlicher, jüdischer, muslimischer, hinduistischer oder buddhistischer Prägung, die als Motivation für Vormachts- und Befreiungskämpfe, Krieg und Terrorismus instrumentalisiert werden;
  • andererseits als Suche nach Sinngebung und innerem Frieden, aber auch nach Werten, die größere Gerechtigkeit, friedliche Konfliktlösung, Solidarität, Menschlichkeit und Versöhnung ermöglichen.

2. Themenstellung

In meinem Beitrag werde ich im ersten Teil den Wurzeln, Konzepten und Kraftquellen des Religösen für Gewaltbewältigung und Friedenswirken in der Geschichte nachgehen und im 2. Teil auf den Beitrag der Religionen zur Annäherung an eine Kultur der Gewaltfreiheit in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sprechen kommen. Wegen des Umfangs dieser Aufgabe können nur die wesentlichsten Aspekte aufgezeigt werden.

3. Orientierungspunkte aus der frühen Menschheit

Bereits in der religiösen Urszene der Altsteinzeit scheinen sich zwei Urtypen vonVerhaltensweisen abzuzeichnen Quelle: Georg Baudler, Töten oder Lieben, Gewalt und Gewaltlosigkeit in Religion und Christentum, München 1994, S.56 ff.:

  • einerseits: das Tötungs- und Imponierverhalten der Jäger. Die Jagd, ursprünglich Ausdruck der Lebenskraft und Person-Erfahrung wird aggressiv zur Tötungsfähigkeit. Das den Menschen Überragende - als religiöse Erfahrung - z. B. Großwild, wird getötet und einverleibt, das Göttliche wird in Besitz genommen oder die als göttlich erfahrenen Naturkräfte werden durch blutige Opfer gnädig gestimmt. Eine Erklärung des Grundmusters von Gewaltabläufen bietet René Girard anhand einer Analyse der Literatur von Hochkulturen durch Mimesis - Rivalität: auf dem Hintergrund von Zwietracht, Eifersucht und Mord durch Rivalität (d.h. den Andern materiell und geistig besitzen wollen), gibt es nur die Lösung, einen Sündenbock auszustoßen, auf den alle Gewalt abgeladen wird. Durch dessen Tötung wird Gewalt abgebaut, Frieden in der Gruppe hergestellt, ohne dass jedoch Gewalt wirklich überwunden wird; sie bricht wieder neu auf.
  • andererseits: das Grundmuster der Sammler, die für ihren Lebensunterhalt nicht töten, und die durch Zuwendung und Liebe gekennzeichnete Mutter-Kindbeziehung als ursprüngliche Gotteserfahrung. Die Wahrnehmung als Person (per-sonare d.h. was durch den Menschen hindurchtönt, das göttliche Etwas in ihm)Ebd., S.83. erfolgt nicht im Töten, sondern in Zuwendung, Liebe, Trauer oder im Akt der Bestattung. Das Kind erlebt die religiöse Urerfahrung in der Geborgenheit in der Mutter (steinzeitliche Frauenbilder!).Hier finden sich die ersten Ansätze in Richtung Gewaltfreiheit.

4. Suche nach Auswegen aus der Gewalt in der Religionsgeschichte

Geistige Aufbrüche in Richtung Gewaltfreiheit und neue Gotteserfahrung ereignen sich in erstaunlicher Weise in allen Teilen der Welt in verschiedenen Hochkulturen in dem kurzen Zeitraum zwischen 800 und 200 v. Chr. in China, Indien, Persien, Palästina und Griechenland. Karl Jaspers spricht von der "Achsenzeit"Ebd., S.107., jene Zeit, in der die großen Weltreligionen entstanden, die bis heute das geistige Geschehen der Welt beeinflussen.

Unter dem Druck der vorherrschenden Gewaltregime bricht in diesen Völkern Sehnsucht und Suche nach Gerechtigkeit und Frieden auf. Der Mythus des befreienden blutigen Opfers, von Rivalität und Gewalt, dem man ausgeliefert ist, soll durch Vernunft, Liebe und ein sittliches Lebenskonzept überwunden werden. Dazu Baudler:

"Ahimsa, das Stichwort des geistigen Aufbruchs in Indien heißt ‘Nicht-Töten’, ‘Nicht-Verletzen’ irgend eines Lebewesens und wird von Buddha positiv ergänzt durch ein mütterliches Wohlwollen gegenüber allem Lebendigen. Yen, das zentrale Prinzip der Lehre des Konfuzius, bedeutet ganz elementar Mitmenschlichkeit und Menschenliebe. Tao, wie Laotse es in seinem Buch Tao-te-king beschreibt, ist ein zutiefst mütterlicher Daseinsgrund; und das Agathon Platos bezeichnet das Gute und das Gutsein als höchste Wirkkraft im Reich der Ideen. Diese Stichworte markieren die Auswege aus einem durch Opfer und Gewalt geprägten Leben und Denken, Auswege, die auf die in der Mutter-Kind-Beziehung grundgelegte religiöse Erfahrung zurückweisen."Ebd., S.106/107.

Diese Grundkonzepte für Leben in Gerechtigkeit und Frieden, die sich den rivalisierenden Gewalt- und Herrschaftsansprüchen entgegenstellen, also gesellschaftskritisch sind, stoßen auf Widerstand. Ihre Gründer werden von den Herrschern missachtet, verfolgt oder getötet.

5. Ausweg aus Opfer und Gewalt im Alten Testament (der Hebräischen Bibel)

Durch das israelitische Hirtenvolk, das keiner Hochkultur entstammt, werden wesentliche Schritte in Richtung Gewaltbewältigung und eine alternative Gesellschaftsordnung und Kultur in die Menschheitsgeschichte eingebracht. Ihre Perzeption ist inuitiv durch Offenbarungsglauben und dialogisch mit dem von ihnen erkannten Einen Gott. Ihr Menschen- und Gottesbild unterzieht sich durch die Jahrhunderte eines fortschreitenden Wandels in Richtung auf die Gewaltfreiheit Jesu.

Zwei wichtige Aspekte in Richtung auf eine Kultur der Gewaltfreiheit lassen sich erkennen:

a) Gewalt wird nicht länger als mythisch-schicksalhaft angesehen, sondern liegt im Bereich menschlicher Verantwortung. Sie wird als negative, lebenszerstörende Kraft verstanden, der man sich stellen muss. Schritte zur Gewalteindämmung werden gesetzt:

  • Durch das Tötungsverbot innerhalb des eigenen Volkes;
  • Durch das Gesetz des "Talion" "Aug um Aug - Zahn um Zahn", das im Verteidigungskampf gegen äußere Feinde die traditionelle (Blut)Rache verbietet.

b) Im Schalom-Konzept (Frieden der Menschen untereinander, mit Gott und der gesamten Schöpfung) wird ein Gesellschaftskonzept entwickelt und konkret gefordert, das auf Gerechtigkeit und Frieden d.h. auf eine Annäherung an den Schalom abzielt.

Es baut auf vier Grundforderungen aufVgl. C. Tresmontant, Sittliche Existenz bei den Propheten Israels.:

  • Ausschließliche Anbetung des Einen Gottes Jahweh: Zurückweisung der Vergötzung von Gold, Reichtum, militärischer Stärke oder göttlicher Verehrung von Menschen (Herrscher)
  • Heiligkeit des Lebens: Tötungsverbot innerhalb der Volksgemeinschaft; Überwindung des in den Hochkulturen praktizierten Menschenopfers
  • Verpflichtung zum Engagement für die Schwachen der Gesellschaft (Witwen, Waisen)
  • Soziale und wirtschaftliche Gerechtigkeit: alle 50 Jahre soll ein Jubeljahr gefeiert werden. Gott danken bedeutet: Versöhnung, allen im Volk Zugang zu Lebens- und Erwerbsmöglichkeiten zu geben, Neuverteilung des Bodens, der Gott gehört.(Leviticus 19-25)

Selbst wenn diese Forderungen nie voll verwirklicht wurden, prägten sie das Bewusstsein der Israeliten.

6. Gewaltbewältigung durch Gewaltfreiheit: die Gottesknechtlieder des Propheten Isaias und Jesus von Nazareth (Bergpredigt)

Die Gottesknechtlieder entstanden 700 v.Chr. (Achsenzeit), in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft der Israeliten: in ihnen wird der Befreiungskampf durch die Kraft der Gewaltlosigkeit aufgezeigt. Folgende Schritte werden deutlich:

  • Gott ruft den Unterdrückten auf, aus der Unterwerfung aufzustehen;
  • dieser stellt sich den Verfolgern und leistet Widerstand aus der Kraft der Wahrheit, die ihm Gott verleiht (Satyagraha Gandhis);
  • der Gottesknecht lässt sich nicht zu Gegengewalt zwingen und durchbricht so die Spirale der Gewalt;
  • er nimmt freiwillig Folter und Leid, die Konsequenzen seines Eintretens für Gerechtigkeit, auf sich (stellvertretend für das ganze Volk) und erringt Befreiung für alle.

Jesus von Nazareth identifiziert sich mit dem Gottesknecht des Isaias. In einer Situation zweifacher Unterdrückung des Volkes - durch die römische Besatzungsmacht und die eigene religiös-politische Führung - zeigt er in seinem Leben und seiner Lehre ( zusammengefasst in der Bergpredigt) den Weg auf, um Gewalt an ihrer Wurzel in Haltungen und Strukturen zu überwinden und das Gottesreich, d.h. geschwisterliche, gerechte, versöhnte Beziehungen und gesellschaftliche Strukturen in der Welt einzupflanzen. Sein Gottesbild hat neben den radikalen Forderungen von Gerechtigkeit tief mütterliche, barmherzige, bergende Züge: fürchtet euch nicht, ich bin bei euch.

Grundlegende Aussagen der Bergpredigt in Bezug auf Gewaltbewältigung:

  • Die Forderung der Feindesliebe bedeutet einerseits, dass das Tötungsverbot auf die ganze Menschheit ausgedehnt wird, auch den Gegner und Feind einschließt: die Einheit der Menschheit ist so hergestellt; das Leben jedes Menschen ist unantastbar (Mt.5. Kapitel deshalb, und das ist der zweite Aspekt, muss der Kampf gegen Unrecht mit Mitteln geführt werden, die nicht verletzen und töten d.h. mit gewaltfreien Mitteln. Das so oft missdeutete Hinhalten der anderen Wange: bedeutet weder Feigheit noch Passivität, sondern ist ein Angriff auf das Gewissen des Täters aus der Kraft der Wahrheit. Der Kampf wird auf die Ebene des Gewissens verlegt. Die Zusammenarbeit mit dem Unrecht wird verweigert. Dazu ein Beispiel aus dem Prozess Jesu: Während des Verhörs vor dem Hohen Priester schlug einer von den Knechten, der dabei stand Jesus ins Gesicht und sagte: Redest du so mit dem Hohen Priester? Jesus entgegnete ihm: wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich? (Joh. 18,22) Werde ein neuer Mensch! Zielsetzung ist nicht Sieg über den Täter, sondern: das Unrecht überwinden, das Opfer aus seinem Leid und den Täter aus seinem Unrecht zu neuem, gerechtem Leben zu befreien. Also: doppelte Befreiung!
  • Die Gewalt des Täters wird abgefangen, die Spirale der Gewalt durchbrochen, indem der Gewaltfreie die Konsequenzen dieses Kampfes freiwillig auf sich nimmt, um das Unrecht zu überwinden. Jesus Prozess, Kreuzigung und Tod: ein Durchgang, der durch die sich für den Andern hingebende Liebe (Gottes) neues, versöhntes Leben ermöglicht.

7. In der frühen Christenheit sind die Christen zunächst eine Sekte im Römischen Reich

Den Taufbewerbern wird der Gewaltverzicht als verpflichtende Regel gelehrt. So heißt es z.B. in der traditio apostolica des Hypolyt (215 n.Chr.): Ist ein Soldat im Dienst der weltlichen Obrigkeit, so darf er keinen Menschen töten. Wenn es befohlen wird, soll er die Sache nicht ausführen…Wer die Schwertgewalt oder die Verwaltung einer Stadt inne hat, wer den Purpur trägt, trete ab oder man weise ihn zurück. Wenn ein Taufbewerber oder Gläubiger Soldat werden will, dann weise man ihn zurück, denn er hat Gott verachtetThomas Gerhards (Hg), Pazifismus und Kriegsdienstverweigerung in der frühen Kirche, Uetersen, 1991,S. 42.. Zahlreiche Christen, die den Wehrdienst oder dem Kaiser göttliche Verehrung verweigerten, wurden hingerichtet. Diese Situation änderte sich grundlegend durch die Konstantinische Wende.

8. Konstantinische Wende und die Lehre von der gerechtfertigten Gewaltanwendung

Von Kaiser Konstantin (288-337) wird das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Der Imperator wird nun, in der chaotischen Situation des Zusammenbruches des Reiches, als Schutzherr der Kirche und Entscheidungsträger über Krieg und Frieden angesehen. In dieser Situation legt der afrikanische Bischof Augustinus (354-430) den Grund für die Theologie des gerechtfertigten Verteidigungskrieges. Organisierter Widerstand war zu dieser Zeit nicht entwickelt. Zielsetzung war, strenge Regeln zur Verhinderung von Kriegen aufzustellen (nachweisbarer Angriff, Ausschöpfung aller friedlichen Lösungswege, Einhaltung der Proportion zwischen Schuld und Strafmitteln, Gewissheit des Sieges, Schutz der Zivilbevölkerung usf.). Diese Forderungen wurden im Mittelalter weiter verschärft. Tatsächlich wurden sie jedoch kaum je angewandt, bzw. wurde diese Theologie durch die Jahrhunderte zur Rechtfertigung von Kriegen (oft beider Seiten) verwendet. Sie bedeutet den Rückfall in die vor-jesuanische Zeit, in das Freund-Feind-Denken. Sie ist bis heute noch nicht völlig durch eine Friedenstheologie überwunden.

9. Christliche Strömungen der Gewaltfreiheit von Augustinus bis zur Moderne

Eine christliche Minderheit blieb jedoch durch die Jahrhunderte der Gewaltfreiheit der Bergpredigt verpflichtet. Sie gewann in christlichen und säkularen pazifistischen Strömungen an Einfluss auf Kultur und Politik. Unter diesen seien u.a. erwähnt:

  • Treuga Dei: eine Volksbewegung zur Eindämmung des verheerenden Fehdewesens entstand im 10.Jahrhundert. Sie verbot militärische Aktionen an Sonn- und Feiertagen. 1495 wurde sie auf dem Reichstag von Worms auf das gesamte Reichsgebiet ausgedehnt. Sie war praktisch der erste Versuch eines europäischen Gerichtshofes.
  • Die franziskanische Bewegung, gegründet durch Franz von Assisi (1181 -12269) verwirklicht zur Zeit von Religionskriegen (Albigenser) und blutigen Kreuzzügen in ganz Europa eine starke Bewegung der Rückkehr zur Radikalität der Bergpredigt. Franziskus führte während eines Kreuzzuges ein Religionsgespräch mit dem Sultan von Ägypten. Die Mitglieder des 3. Ordens, eine starke Laienbewegung, verweigerten den Waffendienst. Die franziskanische Bewegung trug den Widerstand gegen Kreuzzüge und Judenverfolgung.Kaspar Mayr, Der Andere Weg, Glock und Lutz, Nürnberg, S.84.
  • Die Friedenskirchen, Mennoniten (Menno Simons 1536, Böhmen), Quäker (George Fox 1634-91, England) und die Bruderkirche (Alexander Roch, 18.Jh.,USA) entstanden in der Reformationszeit als pazifistische Kleinkirchen. Sie sind bis heute weltweit bekannt für ihre Friedensinitiativen und Versöhnungsarbeit (z.B. Christian Peacemaker Team in Hebron).
  • Unter den christlichen Humanisten seien erwähnt: Erasmus von Rotterdam (1466-1536) und Thomas Morus (1479-1535).
  • Die zahlreichen humanistischen Rechtsfriedensbestrebungen der Neuzeit, in einer Epoche rasanten Aufbruchs von Nationalismen und Militarismus, erhielten viele Impulse aus christlichen Wurzeln. Kirchlicherseits wurden sie besonders durch die Päpste Leo XIII (1810-1903) und Benedikt XV (1914-21) unterstützt.

10. Internationaler Versöhnungsbund: Nein zum Krieg, ja zur aktiven Gewaltfreiheit

Inmitten der Kriegseuphorie des 1. Weltkrieges entstand die älteste, gewaltfreie ökumenische (d.h. alle christlichen Konfessionen umfassende) Bewegung: International Fellowship of Reconciliation. Sie sammelte Christen aller kriegsführenden Staaten, die in der Nachfolge der Bergpredigt den Kriegsdienst verweigerten. Seit 1919 international etabliert, entwickelte sie als Alternative zu Krieg und Rüstung gewaltfreie Initiativen zur Überwindung von Unrecht. IFOR war Gandhis Partner in England, initiierte durch Friedensnobelpreisträger Albert Luthulli den Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika, war führend an der Strategie- und Schulungsarbeit der Bürgerrechtsbewegung Kings in den USA beteiligt, schulte und unterstützte den gewaltfreien Widerstand von Solidarnosc in Polen, People Power in den Philippinen und den gewaltfreien Kampf gegen die Diktatur in Madagaskar, entwickelte Initiativen für den Ost-West-Dialog während des Kalten Krieges, baute die gewaltfreie Bewegung Serpaj mit Adolfo P. Esquivel in Lateinamerika zum gewaltfreie Kampf gegen die Militärdiktaturen auf. Inzwischen ist ihre Ökumene multireligiös geworden: jüdische, muslimische und buddhistische gewaltfreie Gruppen haben sich angeschlossen.

11. Mahatma Gandhi: Begründer der Philosophie und gesellschaftlichen Praxis der Gewaltfreiheit im 20. Jahrhundert

Aus hinduistischen und christlichen Quellen stammt Gandhis Überzeugung von der Unantastbarkeit allen menschlichen Lebens, aller Geschöpfe. Auf zwei Grundpfeilern steht seine Philosophie: a-himsa: Zurückweisen aller verletzenden, tötenden Kräfte und Formen von Gewalt und satyagraha: Kraft der Wahrheit, Kraft der Seele. Diese ist einzusetzen anstelle von himsa im Ringen um die Überwindung von Unrecht in den Gewissen der Menschen und in den Strukturen der Gesellschaft. Es geht um Umkehr jedes Einzelnen und um Experimentieren mit der Kraft der Wahrheit zur Überwindung des Kolonialismus und zum Aufbau einer humanen, gerechteren Gesellschaft. Gewaltfreiheit wird als gemeinschaftliches, kollektives Instrument für gesellschaftliche Befreiung entdeckt und erprobt.

Gandhi ist bemüht, ein umfassendes Projekt der Gestaltung der Gesellschaft aus der Perspektive der Wahrheit in Gang zu bringen: Dieses alternative Programm umfasst u.a. Basic Education (ein alternatives Schulsystem), Shanti Sena (eine gewaltfreie Armee zur Schlichtung von Konflikten), eine Wirtschaft, die auf die lokalen Bedürfnisse und nicht auf Export ausgerichtet ist, demokratische Partizipation der Bevölkerung, Landreform auf der Basis von freiwilligem Teilen (Vinoba Bhave).

Durch diese Verbindung von geistiger Kraft (Seelenkraft) durch Gebet und Fasten mit direkten gewaltfreien Aktionen und Strategien (Märsche, Streiks, Besetzungen, ziviler Ungehorsam), mit der Bereitschaft, die Konsequenzen des befreienden Handelns selbst zu tragen und dem Aufbau alternativer Programme ist Mahatma Gandhi weltweit Lehrmeister für den Aufbruch zum Bauen an einer Kultur der Gewaltfreiheit im 20. Jahrhundert geworden.

2. TEIL

12. Experimente in Gewaltfreiheit aus religiösen Wurzeln in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein Beitrag zum Aufbau einer Kultur der Gewaltfreiheit

Totalitäre Ideologien, Diktaturen, Stellvertreterkriege, Ausbeutung und Unterdrückung, Rassismus und wachsender religiöser Fundamentalismus in dieser Periode haben zweifellos das Streben nach Konfliktbewältigung aus der Kraft der Gewaltfreiheit. Ich möchte im 2. Teil meiner Ausführungen einige Beispiele aus folgenden Bereichen anführen:

  • Gewaltfreier Widerstand gegen Diktaturen
  • Gewaltfreier Beitrag zur Durchsetzung von Bürgerrechten
  • Religion im gewaltfreien Einsatz für die Durchsetzung der Menschenrechte
  • Religion als Wegbereiter zu einer versöhnten Gesellschaft
  • Offizielle kirchliche und inter-religiöse Initiativen für eine Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens

Mehrfach waren IFOR und ich persönlich an diesen Beispielen beteiligt

a. Gewaltfreier Widerstand gegen Diktaturen: Philippinen, Madagaskar, DDR

People Power in den Philippinen (1983-86)

Gewaltfreier Kampf zur Überwindung der Diktatur von Fernando Marcos; dies ist vielleicht das sprechendste Beispiel der Verbindung von Glauben und gewaltfreiem politischem Befreiungskampf.

Voraussetzungen: Einem muslimischen Großreich zugehörig, wurden die Philippinen 1521 von Spanien besetzt und christianisiert. Gewaltfreiheit ist in ihrer Kultur durch zwei Elemente angelegt: durch eine vorwiegend matriarchalische Kultur (Entscheidungsrecht der jeweils ältesten Frau der Großfamilie, daher auf Ausgleich, Harmonie angelegt - vgl. religiösen Urtypen) und zweitens durch eine jesuanische Spiritualität, d.h. die Bereitschaft, sich bis zur Hingabe des eigenen Lebens für Gerechtigkeit einzusetzen. Aus dieser Haltung erkämpfte José Rizal 1898 die Unabhängigkeit, doch die zu Hilfe gerufenen USA beherrschten seither das Land wirtschaftlich und errichteten Militärbasen.

Die meist durch Bestechung gewählten Präsidenten reißen Macht und Reichtum für sich und ihre Clientel an sich. Das gilt auch für Fernando Marcos, der 1965 und 1969 gewählt wurde. Da eine 3. Amtsperiode nicht möglich war, rief er 1972, unterstützt von seiner habgierigen Frau Imelda, unter dem Vorwand der Bekämpfung der kleinen, jedoch vom Ostblock unterstützen, Guerillabewegung den Ausnahmezustand aus. Alle demokratischen Institutionen wurden behindert, aufgelöst, verfolgt. Mord, Entführungen, Folter, krasse Armut bis in die Mittelschicht sind die Folge.

Der einzige fähige Oppositionsführer, Senator Benigno (Ninoy) Aquino wird verhaftet und zum Tod verurteilt. Nach 7 Jahren Einzelhaft, während der er sich durch Lektüre der Bibel von einem nach Macht strebenden Politiker zu einem gewaltfreien für das Wohl der Menschen engagierten Führer wandelt, erkrankt er schwer, emigriert in die USA, kehrt jedoch trotz Warnung durch seine Freunde am 21.8.1983 nach Manila mit dem Ziel zurück, Gerechtigkeit und Demokratie durchzusetzen. Er ist bereit, dafür sein Leben hinzugeben. Beim Verlassen des Flugzeuges wird er ermordet.

Die Hingabe seines Lebens für das Volk reißt die Bevölkerung aus der lähmenden Angst. Vier Millionen begleiten den Trauerzug zur Beerdigung. Gewaltfreie Demonstrationen für Menschenrechte und Demokratie brechen im ganzen Archipel auf. Die Repression verhärtet sich jedoch; es ist zu befürchten, dass die emotional motivierte, führungslose Bewegung zusammenbricht.

In dieser Situation laden Ordensleute meinen Mann und mich ein, um einen strategisch geplanten gewaltfreien Widerstand mit aufzubauen. Am Ende eines mehrwöchigen Aufenthaltes zur Erarbeitung einer Analyse stellt uns Agapito Aquino, Bruder des ermordeten Senators und Leiter einer politischen Oppositionsgruppe, die entscheidende Frage: "Die Guerillabewegung hat uns Waffen angeboten, und ich muss antworten. Kann ich als Christ die Verantwortung für einen Bürgerkrieg zur Befreiung übernehmen? ODER GIBT ES EINEN GEWALTLOSEN BEFREIUNGSWEG?" Wir antworten: Ja, es gibt einen, aber unter der Voraussetzung der Schulung einer aktiven Minderheit und der Planung von Strategien. Doch die Entscheidung muss von euch getroffen werden. Wir sind bereit zu helfen.

Die Gruppe um Agapito Aquino führt darauf unter Leitung eines Jesuiten ein zehntägiges Fasten durch, um durch Gebet und Analyse zur Entscheidung zu gelangen: Der Kampf wird aufgenommen. Wir kehren zurück und führen Schulungs-Seminare in gewaltfreier Grundhaltung und Praxis mit Schlüsselpersonen (Intellektuellen, Studenten, Gewerkschaftsführern, Basisgruppen, Ordensleuten und auch speziell mit engagierten Bischöfen - eine Minderheit in der regimetreuen Bischofskonferenz - durch. Die Trainierten führen die Schulung weiter.

Marcos ruft für Anfang 1986 vorgezogene Wahlen aus. Die Witwe Ninoys, Cory Aquino, wird, trotz ihres Zögerns, als Frau, der das Volk vertraut, als Gegenkanditatin aufgestellt. Durch Wahlschwindel und Bestechung reklamiert Marcos den Wahlsieg für sich, obgleich dieser, laut paralleler Zählung durch eine NGO, Cory zufiel. Sie wird, zeitgleich zu Marcos, als Volkspräsidentin vereidigt.Unter den Kirchenführern findet ein Umschwung statt. Vor allem Kardinal Sin stellt sich auf die Seite des Volkes.In einem Hirtenbrief rufen die Bischöfe zu gewaltfreiem Widerstand auf: einer durch Lügen errichtete Regierung gebührt kein Gehorsam. - Die Guerillabewegung akzeptiert, während der gewaltfreien Kampfphase nicht zu intervenieren.

Elemente des gewaltfreien Widerstandes: Verbindung von spirituellen und strategischen Initiativen

Spirituelle Ebene: Fasten, Gebet durch Ordensleute, Instruktionen über Radio Veritas über die Bergpredigt, Gandhi, King; "Tent City" ein Gebetszelt im Bankzentrum Manilas mit politischen Eucharistiefeiern, Gebet für Engagierte und Gegner (Marcos), für Solidarisierung des Militärs, Schulung in Gewaltfreiheit.

Strategien des gewaltfreien Widerstandes: Massendemos, Streik und Boycott gegen Marcos-treue Banken und Unternehmen, massive Schulung in Gewaltfreiheit; Koordination durch Radio Veritas; Bemühungen, das Militär zur Dissidenz zu bewegen.

22.-25. Februar 1986: People Power: Der dissidente Verteidigungsminister und Generalstabchef setzen sich in eine Kaserne ab. Über Aufruf des Kardinals besetzen zwei Millionen Menschen die Zufahrtstrasse, schützen die Dissidenten und verhindern die militärische Intervention der Regierung in Manila (gefürchtetes Szenario!). Geschulte Laien und Ordensleute stellen sich den Panzern entgegen. Marcos muss fliehen.

People Power war ein politischer Sieg über die Diktatur: Demokratie und Grundrechte wurden wieder hergestellt.Die Schwäche bestand im Fehlen der Alternative: Cory Aquino ist weder imstande, die Sozial- und Landreformen durchzusetzen, noch die Autonomieverhandlungen mit den Muslimen in Mindanao zu führen.Der zweite Teil der Reform muss nun mühsam, doch unter besseren Bedingungen, erkämpft werden.

Das Beispiel der Philippinen ermutigte Menschen in anderen Diktaturen zum gewaltfreien Befreiungskampf, z.B. in Zaire, China, Madagskar, DDR.

Madagaskar 1991/92 ( 2002)

Dort gelingt es nach mehrjähriger Vorarbeit durch die oppositionellen Forces Vives, die Justitia et Pax Kommission und gewaltfreie Gruppen, die wir unterstützten, im Mai 1991, das Volk in einem gewaltfreien Generalstreik gegen die Regierung Ratsiraka zu einen. Durch eine 12-jährige Gewaltherrschaft war das Volk in dramatischer Weise verarmt. Der 6-monatige Generalstreik erfordert große Opfer von der Bevölkerung. Ein friedlicher Marsch (im August) einer halben Million Menschen zum Palast des Präsidenten, um Verhandlungen zu erreichen, wird von dessen Garde blutig niedergeschlagen. In der hierdurch entstandenen Krise organisert der Kirchenrat (FFKM), dem alle christlichen Kirchen angehören, ökumenische Gebete mit mehreren hunderttausend Teilnehmern. Dem Kirchenrat gelingt es schliesslich, die Vermittlerrolle zu übernehmen. Im Herbst wird eine Übergangsregierung aufgestellt und ,Schritt für Schritt, werden demokratische Wahlen durchgeführt. Doch der neuen Regierung unter Präsident Safy mangelt es an Durchsetzungsvermögen. Von der alten Kolonialmacht Frankreich unterstützt, kehrt Ratsiraka zurück. Erst nach den Wahlen von 2001/2, deren Sieg er durch Bestechung für sich beansprucht, muss er, durch neuerlichen erbitterten gewaltfreien Widerstand und internationale Unterstützung erzwungen, abdanken und nach Franreich ins Exil gehen. Madagaskar ist in eine neue Phase der inneren Versöhnung und des Wiederaufbaus eingetreten. Sie wird lange Zeit in Anspruch nehmen.

DDR

In der DDR hat, unter anderen Faktoren, der mutige gewaltfreie Widerstand vor allem evangelischer Christen einen wichtigen Beitrag zur unblutigen Überwindung des kommunistischen Regimes, der "Wende", geleistet. 10 Jahre hindurch haben die, in den grossen Städten veranstalteten "Montagsgebete" Hilfe für Verfolgte und Militärdienstverweigerer geboten, Menschen ermutigt und in Gewaltfreiheit geschult. Der Versöhnungsbund konnte dabei Hilfe leisten.

b. Religiöse Wurzeln im gewaltfreien Kampf um die Durchsetzung von Bürgerrechten

Pastor Martin Luther King

Die Bürgerrechtsbewegung von M.L. King und ihre überragende Bedeutung sind bekannt. Ich möchte lediglich einige Aspekte hervorheben, die einen spezifischen Beitrag für eine Kultur der Gewaltfreiheit durch Religion darstellen:

  • Die Inspiration Kings stammt aus der Bergpredigt. Wesentlich ist, dass diese nicht für das Jenseits bestimmt angesehen wird, sondern als Kraft zur Umgestaltung im Hier und Heute
  • We cannot wait - und zu Strukturveränderung: der Kampf wird bis zur Aufhebung der rassistischen Gesetze geführt.
  • Mit Hilfe erfahrener Strategen der Gewaltfreiheit des US-Versöhnungsbundes (Glen Smily und Bayard Rustin) adaptiert King Gandhis Strategien an die westliche Kultur und bringt sie dort ein.
  • King zeigt den Zusammenhang der verschiedenen Ebenen von Gewalt des US-Regimes auf: Rassismus - Militarismus - Wirtschaft und Vietnam-Krieg: diese Entlarvung führt zu seiner Ermordung.
  • Verweigerung der Unterstützung von Kings gewaltfreier Befreiungsarbeit durch seine eigene Kirche und die Großkirchen der USA. Der Kampf bleibt eine Volks-Friedensbewegung.
  • Kings Bürgerrechtsbewegung ist ein ermutigendes und hoch geachtetes Vorbild für gewaltfreie Bewegungen in Schwarz-Afrika.

c. Religion im Einsatz für die Durchsetzung von Menschenrechten

In die Erklärung der Menschenrechte sind indirekt und direkt christliche Grundprinzipien eingeflossen. Im Ringen um deren Umsetzung, besonders in diktatorischen Staaten, haben religiös motivierte Personen und Institutionen einen beachtlichen Beitrag geleistet und fahren fort dies zu tun. Dies trifft in besonderer Weise auf Lateinamerika in der Zeit der Militärdiktaturen der siebziger- und achziger Jahre zu.Dort spielte Servicio Paz y Justicia (SERPAJ), eine gewaltfreie Befreiungsbewegung, an deren Aufbau und solidarischer Unterstützung wir aktiv beteiligt waren, eine wichtige Rolle. Die christlichen Kirchen des Kontinents waren tief gespalten in Konservative und Progressive. Unter letzteren unterstützten grosse Kirchenführer in Brasilien (Dom Helder Camara, Kard. Arns), Peru, Bolivien, El Salvador (Mgr. Romero) Aufbau und Engagement für gewaltlosen Widerstand.

Nach mühevoller Vorarbeit und unter ständiger Verfolgung wurde Serpaj 1974 als kontinentale Bewegung gegründet. Als der Koordinator, Adolfo Peres Esquivel, 1977 eine kontinentale Menschenrechtskampagne ankündigte, wurde er verhaftet und gefoltert.1981 erhielt er den Friedensnobelpreis, was dem gewaltfreien Kampf Ansehen und politische Stärkung verlieh.
zwei Beispiele aus dieser Situation seien angeführt:

Chile 1973-1983

Nach dem durch die CIA mitgeplanten Militärputsch gegen Präsident Allende, der das Experiment eines lateinamerikanischen "Sozialismus in Freiheit" im September 1973 zerschlug, kam es zu massenhaften Verhaftungen, Folterungen, Entführungen und der Errichtung von Konzentrationslagern. Terror und Angst verhinderten jeglichen Widerstand.

Durch Druck von Frauen und Müttern politischer Gefangener errichtet die Erzdiözese Santiago das Vikariat der Solidarität. Unter Mithilfe von Rechtsanwälten und Freiwilligen
ist es in der dramatischen Situation eine erste Zelle im Kampf gegen die Folter, für den Schutz von Gefangenen und Verfolgten. Es ermutigt, unter Mitwirkung von Serpaj, den Aufbau einer Oppositionsfront, die im Verlauf von 10 Jahren schliesslich Kirchen, die politische und kulturelle Opposition, Gewerkschaften und Wirtschaftskräfte eint. Der mutige Erzbischof von Santiago, Henrique Da Silva, erhält in Wien den Bruno Kreisky Menschenrechtspreis.

Brasilien, Sao Paulo, 1975

Unter allen brasilianischen Regionen war Sao Paulo unter der Militärdiktatur in den 70er Jahren von Verhaftungen, Folter, Entführungen und Morden am stärksten betroffen. Im Herbst 1975 erreichten die Folterungen ihren Höhepunkt. Wer immer sich für Grundrechte einsetzte, wurde verhaftet. Alles erstarrte vor Angst. Trotzdem - oder gerade deshalb - lud SERPAJ-Brasil zu seiner Jahrestagung nach Sao Paulo ein. 80 Teilnehmer kamen aus ganz Brasilien, darunter vier Bischöfe. Adolfo Esquivel und ich waren zum Schutz als internationale Beobachter eingeladen. Völlig überraschend kam zu Beginn auch Kardinal Arns. "Jeden Morgen", so sagte er, "stehen Frauen und Mütter von Verhafteten, Gefolterten, Ermordeten vor meiner Tür und bitten um Hilfe. Ein Mensch allein, selbst ein Kardinal, kann sich dieser Situation nicht stellen. Ich ersuche euch, eine gewaltfreie Strategie zur Überwindung der Folter zu erarbeiten." Wir willigten ein. So wurden während dieser Tagung die Zentren zur Verteidigung der MR geboren, die in der Folge in winzigen Büros an immer zahlreicheren Orten Bedrohten durch Rechtsanwälte, Lehrer oder Ordensleute Rechtsberatung und Solidarität boten. Dieser Dienst erforderte große Opfer, zahlreiche Berater wurden ermordet.

Ein zweiter Vorschlag bestand darin, die Kirche - der einzige noch bestehende Pfeiler einer demokratischen Ordnung - die gleichfalls aus Angst schwieg, zu bewegen, das Tabu der Folter zu durchbrechen. Wir beschlossen, eine Delegation zu der versammelten regionalen Bischofskonferenz mit der Bitte um eine öffentliche Verurteilung der Folter zu senden und begleiteten die Delegierten durch Fasten und Gebet. Es ging um eine Entscheidung auf Leben und Tod für das ganze Land. Die Bischöfe nahmen die Herausforderung an. Am 30. Oktober veröffentlichten sie den mutigen Hirtenbrief: Du sollst deinen Bruder nicht unterdrücken. Er verurteilte Folter und Menschenrechtsverletzungen und solidarisierte die Kirche mit den Verfolgten. Von da an konnte die Folter langsam zurückgedrängt werden. Die brasilianische Kirche blieb ein Pfeiler im gewaltfreien Kampf zur Überwindung der Diktatur.Hildegard Goss-Mayr, Wie Feinde Freunde werden, 2. Aufl., Idstein 1999, S. 114 ff.

d. Religion als Wegbereiter zu einer versöhnten Gesellschaft

Kriege, Rassismus, Diskriminierung erzeugen Wunden, die lange nicht heilen, und Hass, der zu neuer Gewalt führt. Versöhnungsarbeit ist Voraussetzung zur Stärkung einer Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit. Während der letzten Jahrzehnte und auch gegenwärtig wurden/werden von christlichen Initiativen Versöhnungsprojekte durchgeführt. Der Weg zu Versöhnung ist lange und mühevoll. Vier Schritte müssen im Blick bleiben: die Wahrheit der Situation aufdecken und aussprechen, Gerechtigkeit nach Möglichkeit aufzurichten, Vergebung - ein freiwilliges Geschenk an den/die Täter - ,um die Möglichkeit für Versöhnung, d.h. zu neuen Beziehungen, zu neuem Leben zu schaffen.

Das bekannteste Beispiel, das als Modell angesehen wird, ist die von Bischof Tutu errichtete Wahrheitskommission in Südafrika. In einer Gegenüberstellung von Tätern und Opfern des Apartheidregimes soll durch das Eingestehen der Wahrheit über die Verbrechen die Würde der Opfer öffentlich wieder hergestellt werden. Die Täter werden zur Einsicht in ihre Schuld bewogen, die Opfer zu Vergebung herausgefordert. Die erschütternden Erfahrungen
dieser Gegenüberstellungen halfen, den Versöhnungsprozess im Volk voranzubringen. Die meisten Hauptverantwortlichen weigerten sich jedoch, die Herausforderung anzunehmen.

In Burundi tobt seit Jahrzehnten ein grausamer Machtkampf zwischen Hutu und Tutsi.Er kostete bereits mehrere Hunderttausend Leben. In der Diözese Gitega wurde das Modell des "Ecoute Empathique", des Empathischen Zuhörens, d.h. des Zuhörens mit Verstand und Herz entwickelt und umgesetzt. Man bemüht sich, kleine Gruppen (6 Personen) von Hutu und Tutsi dafür zu gewinnen, an einem mehrtägigen Seminar teilzunehmen. In dessen Verlauf erzählt jeder Teilnehmer/in seine/ihre dramatische Lebensgeschichte. Alle hören intensiv zu, ohne Unterbrechung oder Kritik. Beide Seiten erfahren so das Leid der anderen Seite und werden aus ihrer Ich-Bezogenheit herausgeholt: sie finden sich in der gemeinsamen Leiderfahrung und werden dazu motiviert, die Ursachen der herrschenden Gewalt zu hinterfragen ( Analyse) und gemeinsam Schritte zur Überwindung von Diskriminierung und Gewalt zu setzen, um in ihrem Land versöhntes Leben in Gerechtigkeit aufzubauen.

e. Offizielle kirchliche und inter-religiöse Initiativen für eine Kultur der Gewaltfreiheit und des Friedens

Wenngleich in vielen Fälle gewaltfreie Initiativen zur Überwindung von Unrecht von den offiziellen Religionsführern nicht mitgetragen oder verurteilt wurden, so haben gerade in den letzten Dekaden wegen der dramatischen Aufschaukelung der Gewalt im Bereich von Politik und Religion offizielle Stellungnahmen von kirchlichen oder inter-religiösen Institutionen für Frieden und Gerechtigkeit an Bedeutung und Gewicht gewonnen. So z.B.

  • Durch den Weltkirchenrat in den Stellungnahmen seiner Generalversammlungen wie in seinen Programmen ( Überwindung des Rassismus) oder die Dekade zur Überwindung von Gewalt, die gegenwärtig durchgeführt wird.
  • Durch die Päpste Johannes XXIII, seine Enzyklika Pacem in Terris und seine Schritte zur Öffnung des Ost-West-Dialogs und der Lösung der Kuba-Krise, die die Welt mit einem Atomkrieg bedrohte. Johannes Paul II durch die Vergebungsbitten für durch Christen begangene Verbrechen und sein Eintreten gegen den Krieg ( vor allem den Irak-Krieg)
  • Auf inter-religiöser Ebene das von ihm initiierte Treffen von Assisi , 1973, das inmitten der Ost-West-Spannung erstmals führende Vertreter der Weltreligionen zu Gebet für den Frieden zusammenführte und die Glaubenden zu konkretem Einsatz für den Frieden aufrief.

Dies trifft genau die Zentrale Aufgabe der Weltreligionen im 21. Jahrhundert: GEMEINSAM ihre moralische Autorität dafür einzusetzen, Gewalt, Töten, Krieg, Diskriminierung, Rassismus, Terrorismus, Unterdrückung usf. eindeutig zu verurteilen und ihre Gläubigen zu gewaltfreiem Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Versöhnung anzuleiten. Indem sie sich begegnen, kennenlernen und die gemeinsamen Werte erkennen, können die Religionen einen wichtigen Beitrag leisten, um einen Schock der Kulturen zu verhindern, Fundamentalismen und Fanatismus abzubauen und dem Frieden eine größere Chance zu geben. Der Theologe Hans Küng hat durch seine Arbeit an einem Weltethos dafür wertvolle Vorarbeit geleistet.

Eine Vorahnung der friedenschaffenden Kraft, die in derartigen Initiativen durch die Religionen liegt, konnten wir in dem entschiedenen NEIN zum Krieg im Irak wahrnehmen, das Papst und Weltkirchenrat, konservative und progressive Christen und zahlreiche muslimische Verantwortliche in einmaliger Weise einte. Wenngleich der Krieg nicht verhindert werden konnte, so hat diese Solidarität einen tieferen Bruch zwischen der islamischen und der christlichen Welt verhindert und eine Brücke für künftige Zusammenarbeit an der anstehenden, für den Frieden der Welt so entscheidenden Begegnung zwischen Islam und Christentum gebaut.

Die beiden Dekaden der UNO und des Weltkirchenrates zur Überwindung von Gewalt und eine Annäherung an eine Kultur der Gewaltfreiheit können auf einen schmalen Pfad der Gewaltfreiheit in der Menschheitsgeschichte aufbauen und diesen zu einer breiteren Strasse in die Zukunft ausbauen.

Es gilt auch für unsere Zeit, was M.L. King am 3. April 1968, dem Abend vor seiner Ermordung, in der Mason Temple Church in Memphis prophetisch aussprach:
"Es gibt in dieser Welt keine Wahl mehr zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit. Entweder Gewaltlosigkeit oder Nicht-Existenz. Genau an diesem Punkt stehen wir."Martin Luther King, Testament der Hoffnung, Letzte Reden, Aufsätze, Predigten, Gütersloh, 1974,S. 108.

Hildegard Goss-Mayr ist Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes und Präsidentin des Österreichischen Netzwerkes für Frieden und Gewaltfreiheit

Fußnoten

Veröffentlicht am

10. Januar 2004

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