Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

“Die Rassisten sind nicht mehr in der Mehrheit”

Michael Moore kommentiert in einem persönlichen Brief den Wahlsieg von Barack Obama

Kneift mich …

eine Botschaft von Michael Moore

 

Mittwoch, 5. November 2008

Freunde,

wem unter uns fehlen nicht die Worte? Tränen fließen. Tränen der Freude. Tränen der Erleichterung. Ein atemberaubender gewaltiger Erdrutsch der Hoffnung in einer Zeit tiefer Verzweiflung.

In einer Nation, die auf Völkermord gegründet und dann auf den Rücken von Sklaven erbaut wurde, war es ein unerwarteter Moment, unerhört in seiner Einfachheit. Barack Obama, ein guter Mann, ein schwarzer Mann, sagte, er würde Washington einen Umbruch bringen, und die Mehrheit im Lande begrüßte diese Idee. Die Rassisten waren während des gesamten Wahlkampfes und in der Wahlkabine präsent. Doch waren sie nicht mehr die Mehrheit; wir werden noch zu unseren Lebzeiten die Flamme ihres Hasses auflodern sehen.

Es gab in der vorigen Nacht noch eine andere bedeutende Premiere. Niemals in unserer Geschichte wurde ein bekennender Anti-Kriegs-Kandidat während einer Kriegszeit zum Präsidenten gewählt. Ich hoffe, der designierte Präsident Obama erinnert sich daran, wenn er in Erwägung zieht, den Krieg in Afghanistan auszuweiten. Das Vertrauen, das wir heute haben, wird verspielt sein, falls er das wichtigste Thema vergisst, mit dem er in den Vorwahlen seine Kollegen der Demokratischen Partei hinter sich ließ und dann im Endspurt einen großen Kriegshelden. Die Menschen in Amerika sind kriegsmüde. Es hängt ihnen zum Halse heraus. Und ihre Stimme war gestern laut und deutlich.

Es waren unverzeihliche 44 Jahre, seit ein Präsidentschafts-Kandidat der Demokratischen Partei 51% erreicht hat. Weil die meisten Amerikaner in Wirklichkeit die Demokraten niemals gemocht haben. Sie meinen, sie hätten kaum den Mumm, den Job zu machen oder für die Arbeitnehmer einzutreten, die sie zu unterstützen versprechen. Nun - jetzt haben sie die Gelegenheit. Sie ist ihnen durch das Wahlvolk übergeben worden, in Gestalt eines Mannes, der kein Parteigaul ist, kein Umgehungsstraßen-Bürokrat in einer Lebensstellung. Wird er jetzt zu einem von denen oder wird er sie zwingen, wie er zu sein? Wir beten für das letztere.

Doch heute feiern wir diesen Triumph des Anstandes gegen persönliche Angriffe, des Friedens über den Krieg, der Intelligenz über den Glauben, dass Adam und Eva vor gerade mal 6.000 Jahren auf Dinosauriern umherritten. Wie wird es sein, einen klugen Präsidenten zu haben? Die Wissenschaft, die acht Jahre verbannt war, wird zurückkehren. Man stelle sich vor, wie die führenden Köpfe des Landes sich anstrengen, Krankheiten zu heilen, neue Formen der Energie entdecken und arbeiten, um unseren Planeten zu retten. Ich weiß schon - kneift mich.

Wir könnten auch - möglicherweise - eine Zeit der erfrischenden Offenheit erleben, der Aufklärung und Kreativität. Künste und Künstler werden nicht als Feinde angesehen. Vielleicht wird die Kunst erforscht werden, um die größeren Wahrheiten zu entdecken. Als FDR [Präsident Franklin Delano Roosevelt - d.Ü.] 1932 mit seinem Erdrutschsieg gewählt wurde, kamen Frank Capra und Preston Sturgis, Woody Guthrie und John Steinbeck, Dorothea Lange und Orson Welles. Während der ganzen Woche wurde ich von Medien bestürmt, die fragten "Mensch, Mike, was wirst du bloß machen, wenn Bush nicht mehr da ist?" Wollen sie mich veräppeln? Wie wird es erst sein, in einer Umgebung zu arbeiten und kreativ zu sein, die Film und Künste fördert, Wissenschaft und Erfindergeist, und die Freiheit, alles das zu sein, was man sein möchte. Seht tausend Blumen blühen! Wir sind in eine neue Ära eingetreten, und wenn ich unseren gemeinsamen ersten Gedanken über diese neue Ära zusammenfassen könnte, ist es dieser: "ALLES IST MÖGLICH."

Ein Afro-Amerikaner wurde zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt! Alles ist möglich! Wir können unsere Wirtschaft den Händen der skrupellosen Reichen entreißen und sie dem Volk zurückgeben. Alles ist möglich! Jedem Bürger kann medizinische Versorgung garantiert werden. Alles ist möglich! Wir können das Abschmelzen des Polareises zum Stillstand bringen. Alles ist möglich! Diejenigen, die Kriegsverbrechen begangen haben, werden vor Gericht gestellt. Alles ist möglich!

Wir haben wirklich nicht viel Zeit. Eine gewaltige Arbeit muss getan werden. Doch dies ist für uns alle die Woche, diesen großen Augenblick zu genießen. Dankbar dafür zu sein. Behandelt die Republikaner nicht für den Rest eures Lebens in der gleichen Weise, wie sie euch in den vergangenen acht Jahren behandelt haben. Zeigt ihnen die Toleranz und Anständigkeit, die Obama während des Wahlkampfes ausgestrahlt hat. Obwohl sie ihn mit jedem nur möglichen Schimpfnamen belegten, weigerte er sich, ebenfalls in die Gosse hinabzusteigen und den Schmutz zurückzuwerfen. Können wir diesem Beispiel folgen? Ich weiß, das wird schwierig.

Ich möchte allen danken, die ihre Zeit und ihre Möglichkeiten einsetzten, um diesen Sieg möglich zu machen. Es war ein weiter Weg, diesem großen Lande war schwerer Schaden zugefügt worden, ganz zu schweigen von den Vielen, die ihren Arbeitsplatz verloren, durch medizinische Rechnungen bankrott gingen, oder dadurch litten, dass ein geliebter Mensch in den Irak geschafft wurde. Wir werden jetzt daran arbeiten, diese Schäden zu reparieren - und es wird nicht einfach sein.

Aber, welche Art, zu beginnen! Barack Hussein Obama, der 44. Präsident der Vereinigten Staaten. Toll - im Ernst, toll!

Euer Michael Moore

Quelle:  AG Friedensforschung   vom 07.11.2008. Original:  Pinch Me …a message from Michael Moore . Unauthorisierte Übersetzung aus dem Amerikanischen: Hannes H., Straele.

Veröffentlicht am

08. November 2008

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von