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Theologe der Befreiung

Ein Pater im Podium: Der einstige sandinistische Außenminister d´Escoto Brockmann leitete die diesjährige UN-Vollversammlung

Von Wolfgang Kötter

Für die Delegationen im 192-Staaten-Forum war es ein spektakulärer Vorgang: Sie wurden auf der 63. UN-Generalversammlung von einem Mann zu ihren Statements gebeten, der ein bewegtes Leben hinter sich hat. Auf dem Podium saß mit Pater Miguel d´Escoto Brockmann der frühere sandinistische Außenminister Nicaraguas und heutige Berater des Präsidenten Daniela Ortega. D´Escoto zog wie der spätere Kulturminister, Pater Ernesto Cardenal, zusammen mit der Frente Sandinista (FSLN) in Managua ein, als am 19. Juli 1979 das brutale Regime des Diktators Somoza besiegt war.

Die Welt des 21. Jahrhunderts sei in einem "beklagenswerten, unentschuldbaren und schändlichen Zustand", urteilte der 75-jährige Geistliche, als er erstmals vor der Generalversammlung sprach. Während "Billionen Dollar für Aggressionskriege ausgegeben" würden, lebe "mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Hunger und Armut". Zwar verzichtete d´Escoto darauf, die Namen der dafür Verantwortlichen zu nennen, aber jeder im Saal wusste, wer gemeint war, wenn er die "traurige, aber nicht zu leugnende Tatsache" kritisierte, dass Mitglieder des UN-Sicherheitsrates ihre "Sucht nach Krieg" nicht zügeln können. Diese Worte mögen George W. Bush bei seinem letzten Auftritt vor dem Weltforum kaum gefallen haben, zählt der in Los Angeles geborene Nicaraguaner doch seit geraumer Zeit zu den Lieblingsfeinden Washingtons. Nicht nur, dass d´Escoto das seit 46 Jahren bestehende Handelsembargo gegen Kuba stets missbilligt hat - es war dieser Priester und Diplomat, der den Vereinigten Staaten in den achtziger Jahren eine peinliche Niederlagen bereitete.

Als die CIA seinerzeit in verdeckter Aktion die antisandinistische Contra bewaffnete und die Regierung der FSLN zu stürzen suchte, sollte damit laut Reagan-Administration ein "Export der Revolution" in die Nachbarländer verhindert werden. So verlegten US-Kampftaucher Treibminen vor den nicaraguanischen Häfen Bluefields, Corinto und Puerto Sandino. Ein Bruch des Völkerrechts und ein Verstoß gegen die territoriale Unversehrtheit eines souveränen Staates dazu. Außenminister d´Escoto reichte in Den Haag Klage vor dem Internationalen Gerichtshof ein und bekam Recht. Am 27. Juni 1986 wurden die USA wegen Sabotage verurteilt und zum Schadensersatz verpflichtet. Prompt zog Washington seine Erklärung zurück, die Haager Rechtsprechung anzuerkennen, und verwahrte sich gegen jeden Regressanspruch Nicaraguas.

Die Präsidentschaft bei der 63. Generalversammlung wurde zum krönenden Abschluss für den Lebensweg eines Geistlichen und Politikers, der sich stets über die Grenzen seines Landes hinaus für Gerechtigkeit und die Interessen der Armen engagieren wollte. 1963 bereits hatte d´Escoto das Nationale Institut für Forschung und Bevölkerungsmaßnahmen INAP in Chile gegründet, um den Benachteiligten der "callampas" - der Slums an der Peripherie von Santiago - bei der Verteidigung ihrer Arbeitsrechte zu helfen. Während seiner mehr als zehnjährigen Zeit als Außenamtschef spielte er eine Schlüsselrolle im Contadora-Friedensprozess, dessen Ziel es war, einen grenzüberschreitenden Bürgerkrieg in Mittelamerika - von El Salvador über Honduras bis Nicaragua - zu verhindern. D´Escoto gehört bis heute zur Politischen Kommission der Sandinisten, dem höchsten politischen Gremium der FSLN.

Als er am 4. Juni 2008 auf Vorschlag der lateinamerikanischen und karibischen Staaten zum Präsidenten der 63. UN-Vollversammlung gewählt wurde, nahm er dieses Votum als Zeichen für das neue Selbstvertrauen Lateinamerikas. Er dankte mit den Worten, "ich glaube mit allem Nachdruck an die wiederbelebende Kraft der Liebe. Ich glaube, dass die andere, bessere Welt, die jeder von uns ersehnt, auch möglich ist. Darum habe ich zugestimmt, die große Verantwortung zu übernehmen, die mir die Generalversammlung soeben auferlegt hat."

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   41 vom 10.10.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Wolfgang Kötter und des Verlags.

Veröffentlicht am

08. Oktober 2008

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