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Alle Invasoren vernichten

Afghanistan-Krieg in Pakistan: Generalstabschef Kayani will die Souveränität seines Landes um jeden Preis verteidigen

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Von Ursula Dunckern

Warum hat niemand das Inferno im Marriot-Hotel vorausgesehen? War das amerikanische Luxushotel, das so symbolträchtig mitten im hochgesicherten Regierungsbezirk von Islamabad steht, nicht geradezu prädestiniert, ein brennendes Fanal zu sein? Nicht viel mehr als ein Steinwurf entfernt vom Parlament, wo der neue Präsident Asif Ali Zardari soeben mit seiner Antrittsrede ein neues Kapitel im pakistanischen Geschichtsbuch aufschlagen wollte. Nicht weit auch vom Haus des Premierministers Gilani, der am Abend des 20. September höchste politische und militärische Führer zum Ramadan an die feierliche Iftar-Tafel geladen hatte. Empfand diese Runde die schweren Detonationen einen Straßenzug weiter wie ein höllisches Hohngelächter über die jüngsten Eskapaden im amerikanischen "Krieg gegen Terror", der Pakistan nicht mehr verschont?

Welle des Antiamerikanismus

Die Islamisten werden immer mächtiger in diesem Land. Große Gebiete befinden sich unter ihrer Kontrolle. Sie haben die Oberhand, gesteht Präsident Zardari. Wenn die Gotteskrieger aufgebracht sind, ist niemand sicher. Sie können inzwischen sprengstoffbeladene Lastwagen durch die Hochsicherheitszone der Hauptstadt fahren - so weit sind sie ins System eingedrungen. Die langen Ohren der pakistanischen Presse haben von Liquidationslisten mit den Namen Zardari, Gilani und General Kayani, dem Armeechef, gehört. Nach dem US-Angriff auf das Dorf Angoor Adda in Waziristan am 4. September, der keinen Terroristen, aber 20 Zivilisten das Leben kostete, sind nicht nur die Militanten wütend. Eine Welle des Antiamerikanismus rollt über Pakistan hinweg.

Kein Wunder, denn zwischenzeitlich wurde die von Präsident Bush im Juli als "Geheime Nationale Sicherheitsdirektive" erlassene Anordnung zu US-Operationen auf pakistanischem Boden (ohne Wissen und Einverständnis der pakistanischen Regierung) offiziell zur neuen Politik der USA erklärt. Daran wird sich so schnell nichts ändern. Auch die Präsidenten-Bewerber Obama und McCain haben nichts dagegen. Dem Demokraten Obama sind Bushs "Kinderschrittchen" gar zu kurz geraten.

Die Parteigänger der USA in Islamabad hat all das in eine unhaltbare Situation gedrängt. Der "Krieg gegen Terror" lässt sich kaum mehr vertreten. Die Zivilregierung erscheint politisch geschwächt, der ohnehin tiefe Graben zwischen Präsident Zardari und dem militärischen Establishment wird immer tiefer. Noch verfügt Zardari über die außerordentlichen Vollmachten eines Militärdiktators und könnte - rein theoretisch - das Oberkommando der Streitkräfte absetzen, doch ohne deren Loyalität hängt der unpopuläre "Kleptokrat" am seidenen Faden seiner Meister in Washington. Und das besagt nicht viel.

Umfragen ergaben, dass drei Viertel der Bevölkerung in den Städten eigenmächtige US-Militäraktionen in Pakistan ablehnen, die Bewohner der weiten ländlichen Areale unter Taliban-Kontrolle blieben bei diesem Meinungsbild unberücksichtigt. Bisher hat eine Mehrheit der Stammesbevölkerung in den Grenzgebieten zu Afghanistan nicht zur Waffe gegriffen. Sollten jedoch die Amerikaner unvermindert angreifen, kann sich das ändern. Der Clan der Ahmadzai Wazir in Südwaziristan droht bereits damit, die Friedensverträge mit der Regierung zu kündigen. Was, wenn die Stammesgebiete geschlossen zu den Taliban überlaufen? Da ein großer Teil der in den Grenzregionen eingesetzten Armee-Einheiten aus Pashtunen besteht, die nicht bereit sein werden, gegen Pashtunen zu kämpfen, könnte Pakistan im Chaos versinken.

Parallele zum Vietnam-Krieg

Auf der anderen Seite will General Ashfaq Kayani die Souveränität Pakistans - "koste es, was es wolle" - auch gegenüber den USA verteidigen und lässt es notfalls auf eine Konfrontation ankommen. Der von einer nach Rawalpindi einberufenen Kommandeurs-Konferenz an 120.000 Soldaten ergangene Befehl, alle Invasoren zu töten, hat die Beziehungen zwischen Islamabad und Washington drastisch abgekühlt. Seither haben pakistanische Einheiten bereits das Feuer auf US-Helikopter eröffnet, sobald die pakistanisches Hoheitsgebiet überfliegen wollten, und zum Rückzug nach Afghanistan gezwungen. "Wir wünschen keinen Krieg mit Amerika", verkündet Premier Gilani. Aber das Schlachtfeld Afghanistan hat sich längst nach Pakistan ausgebreitet. Die Konsequenzen könnten erheblich sein. Wie weit wird Pakistan gehen? Wie weit gehen die USA?

Kommentatoren in Islamabad vermuten, der provokative neue Kurs der Amerikaner ziele bewusst darauf, eine solche Krise auszulösen, dass es aller Welt gerechtfertigt erscheint, dem pakistanischen Militär die Atomwaffen aus der Hand zu nehmen. Andere sind der Ansicht, es handle sich um einen verzweifelten Versuch, die Lage in Afghanistan durch einen Export des Krieges in den Griff zu bekommen. Man erinnert sich - nicht zum ersten Mal - an die historische Parallele im Vietnamkrieg: 1969 gab der damalige Präsident Richard Nixon den Befehl, mit Luftangriffen gegen Laos und Kambodscha den nordvietnamesischen Feind in seinen dortigen Rückzugsräumen zu treffen, was fehlschlug und die amerikanische Niederlage nicht aufhielt.

So dringend der Bedarf an zur Strecke gebrachten "Köpfen" des Terrors in George W. Bushs letzten Amtsmonaten sein mag - die Erfolgsaussichten scheinen ohne pakistanische Assistenz bescheiden. Damit steht es wahrlich nicht zum Besten, noch im Februar hatten hohe CIA-Vertreter gegenüber der Presse in Washington zur Lage in Islamabad eingeräumt: "Wir haben keine Ahnung, was da vor geht."

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   39 vom 26.09.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

30. September 2008

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