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“Diesmal wollen wir nicht schweigen” - Heinrich Albertz zur “Prominentenblockade” in Mutlangen

Vom 1. bis 3 September 1983 versperrten rund 1.000 Menschen, darunter zahlreiche bekannte Personen wie die Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass oder der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Heinrich Albertz, mit einer dreitägigen Sitzblockade die Zugänge des US-Militärdepots in Mutlangen, das damals als Stationierungsort von Pershing-II-Mittelstreckenraketen vorgesehen war. Anlässlich des 25. Jahrestages dieser "Prominentenblockade" dokumentieren wir hier einen Text "Zum Geleit", den Heinrich Albertz für ein Handbuch zu dieser Blockadeaktion geschrieben hat. Zum anderen veröffentlichen wir eine im Jahr 1990 von Albertz geschriebene "Erinnerung an die Prominentenblockade".

Zum Geleit

Von Heinrich Albertz

Diese Broschüre ist Papier, aber sie wird ein Stück Leben sein. Lebendige Menschen, Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, werden gewaltfrei für das Leben ihrer Kinder und Enkel kämpfen, fröhlich und erhobenen Hauptes. Sie wollen Sinn gegen Wahnsinn, Hoffnung gegen Vernichtung und Zuversicht gegen Resignation setzen. Denn die Resignation ist die Ursünde der Menschheit.

Es werden junge und alte Menschen, öffentlich bekannte und unbekannte sein. Sie alle wollen in letzter Stunde die Herrschenden zum Nachdenken bringen. Warum wohl begeben sich so viele Tausende quer über das Land in Strapazen und Unbequemlichkeiten, ja in die Gefahr persönlicher Konsequenzen in der Hinnahme von staatlicher Gewalt und Strafe? Wann werden diese Herrschenden die Gewissensentscheidungen der Bürger ernst nehmen, statt sie einzuschüchtern, zu diffamieren und zu kriminalisieren?

So möchte ich den Teilnehmern des Friedenscamps Mut zum aufrechten Gang machen und den staatlichen Gewalten Mut zur Wende aus eigener Einsicht.

Ich gehöre zu der Generation der Deutschen, die nicht rechtzeitig gegen die Vernichtung von Leben den Mund aufgemacht hat. Das darf sich nicht wiederholen. Diesmal wollen wir nicht schweigen. Diesmal nicht.

Quelle: Gemeinsam gegen Atomraketen. Friedenscamp Schwäbisch Gmünd vom 6.8. bis 4.9.1983. Handbuch. Schwäbisch Gmünd/Sensbachtal 1983, S. 3.
 

Erinnerung an die Prominentenblockade

Von Heinrich Albertz (verfasst im Jahr 1990)

Ich gebe schon zu, jene erste Blockade in Mutlangen ist für mich ein unvergessliches Erlebnis. Man hat sie unangemessenerweise eine Prominenten-Blockade genannt, und sicher ist richtig, dass sich damals Männer und Frauen in jenem unsäglichen Ort bei Schwäbisch Gmünd versammelten, die wohl einen bekannten Namen haben. Heinrich Böll war dabei, um nur einen zu nennen. In Wirklichkeit taten wir uns sehr schwer. Ich hatte noch nie auf einer Straße gesessen. Es war drückend heiß. Und die Szene war ja auch absurd. Denn es stellte sich heraus, dass für die Dauer der tagelang vorher angekündigten Blockade die Amerikaner ihren Stützpunkt geräumt hatten und durch Bundesgrenzschutz ersetzen ließen. Aber immerhin, wir waren versammelt und von unserer Sache überzeugt.

Ist unsere Aktion und sind die vielen weiteren lokalen und anderen Aktivitäten auch heute noch überzeugend? Ich habe gerade in der angeblich linken taz gelesen, wir hätten damals nur um uns selbst Angst gehabt. Heute, wo es wirklich um Krieg geht, käme ja kaum noch ein Mensch auf die Straße. Das zweite ist zwar leider richtig, aber das erste ist sicher falsch. Es ging damals wirklich darum, ob sich die Bundesrepublik an jener Nachrüstung beteiligen sollte, die unmittelbar auf den Teil Deutschlands und Europas gerichtet war, den man in Washington und Bonn damals das "Reich des Bösen" nannte, und die keineswegs nur die Deutschen in eine Katastrophe gestürzt hätte. Ich bin sogar davon überzeugt, dass die damalige Friedensbewegung mehr für die Veränderung der Verhältnisse getan hat als alle Rüstung auf beiden Seiten. Und auch jene Gruppen in der DDR, die man zu den Helden der stillen Revolution hochgelobt hat und die nun nur noch unbequem sind, waren ja nichts anderes als Gruppen der Friedensbewegung. Ich bin also froh, dass ich damals dabei sein konnte, auch wenn es mich sehr angestrengt hat.

Im Übrigen ist jener Vorgang ja ein Paradebeispiel für die nun anstehende Frage, wie weit eine Mehrheit des Volkes über Schicksalsfragen entscheiden kann. Damals waren weit über 70 Prozent der Bürger der Bundesrepublik gegen die Nachrüstung, und der Bundestag entschied mit seiner Mehrheit gegen die Mehrheit des Volkes. Ich hoffe dringend, dass bei einer Veränderung des Grundgesetzes durch die größere Bundesrepublik solche Entscheidungen der Volksvertretung gegen das Volk durch Volksbegehren und Volksentscheide in wichtigen Fragen unserer Existenz ausgeschlossen werden.

Heinrich Albertz wurde am 22. Januar 1915 in Breslau geboren; in den 1940-er Jahren wurde er als Mitglied der Bekennenden Kirche mehrfach von den Nazis verhaftet und eingesperrt; von 1945 bis 1949 war er evangelischer Flüchtlingspastor in Celle; 1948 wurde Heinrich Albertz Flüchtlingsminister des Landes Niedersachsen, ab Juni 1951 kam das Sozialressort hinzu; von 1949 bis 1965 war er zudem Bundesvorsitzenden der Arbeiterwohlfahrt; 1961 wurde er Berliner Innensenator, 1963 Bürgermeister und Stellvertreter von Willy Brandt; ab 1966 war er Regierender Bürgermeister von Berlin; am 26.9.1967 trat er als Regierender Bürgermeister von Berlin wegen Fehlern der von ihm zu verantwortenden Vorgehensweise der Berliner Polizei gegen die Studentenproteste während des Schah-Besuches am 2./3.Juni 1967 und danach zurück; er geriet bundesweit noch einmal 1975 in die Schlagzeilen, als er in Folge der Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz als Gewährsmann ein Flugzeug bestieg, das ihn mit den damals freigepressten Terroristen in den Südjemen ausflog; in den 1980-er Jahren engagierte sich Heinrich Albertz sehr intensiv in der Friedensbewegung gegen den NATO-Doppelbeschluss; am 18. Mai 1993 starb Heinrich Albertz im Alter von 78 Jahren in Bremen.

 

Anlässlich des 25. Jahrestages dieser "Prominentenblockade" haben wir begonnen, Artikel zum Thema "Mutlangen" in die Lebenshaus-Website einzustellen. Diese lassen sich finden unter dem Schlüsselbegriff

Wer etwas zu der jahrelangen Protest- und Widerstandsgeschichte in Mutlangen (oder anderen Stationierungsorten) beizutragen hat, z.B. Artikel, Erfahrungsberichte, Bilder, Dokumente, ist gerne eingeladen, mit uns Kontakt aufzunehmen (bitte unter info@lebenshaus-alb.de ).

Veröffentlicht am

06. September 2008

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