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Eine Stimme aus der bitteren armenischen Vergangenheit

Von Robert Fisk, 23.08.2008 - Independent.co.uk

Das Buch ist dünn und hat nur 116 Seiten, aber die Wahrheit, die es enthält, ist monumental. Es ist ein neues Signal, dass 1,5 Millionen tote Armenier nicht verschwinden. Der Titel lautet: ‘My Grandmother: a Memoir’. Die Autorin heißt Fethiye Cetin. Das Buch öffnet Gräber. Als Fethiye in der türkischen Stadt Marden aufwuchs, galt ihre Großmutter Seher als respektable muslimische Hausfrau. In Wirklichkeit war Seher eine christliche Armenierin. Ihr tatsächlicher Name war Heranus. Wir alle wissen, dass der türkische Staat den ‘Armenischen Holocaust’ von 1915 nicht anerkennt. Dieses bescheidene Buch könnte einen Beitrag dazu leisten, dass sich dies ändert, denn laut Schätzungen haben zwei Millionen Türken, die in der heutigen Türkei leben, eine armenische Großmutter oder einen armenischen Großvater.

Als Kinder erlebten sie die Todesmärsche. Es ging Richtung Süden, in die syrische Wüste. Mutige muslimische Dorfbewohner (deren Mut vom türkischen Staat natürlich ebensowenig anerkannt werden kann) beschützten manche der Kinder, andere wurden von Räuberbanden entführt. Manchmal wurden sie auch einfach von der Seite ihrer sterbenden Mütter weggerissen. So überlebten sie und wurden Bürger der modernen Türkei, die von Mustafa Kemal Atatürk errichtet wurde. Maureen Freely sagt in ihrem exzellenten Vorwort zu Cetins Buch: Vier Generationen türkischer Schulkinder erfuhren schlichtweg nicht, dass ein Viertel bis die Hälfte Anatoliens in ottomanischer Zeit christlich war.

Das Gesicht von Großmutter Heranus starrt uns Leser an - unter einem muslimischen Kopftuch hervor. Ein türkischer Gendarm hatte sie gepackt und war mit ihr auf einem Pferd davongeritten, nachdem er ihre Mutter mit der Peitsche vertrieben hatte.

Selbst nachdem Großmutter Heranus an Altersschwäche gestorben war, versuchte Fethiye weiter, die Namen von Heranus’ armenischen Eltern - Isguhi und Hovannes - eintragen zu lassen. Aber die Maßgeblichen der Moschee ignorierten sie. Heranus hatte ein messerscharfes Gedächtnis besessen und ihrer Enkelin Fethiye die Familiengeschichte beigebracht. Das Buch schildert detailliert die Geschichte der Massengräuel, der Vergewaltigungen und Metzeleien, die heute bekannt ist.

In einer Stadt trug sich Folgendes zu: Türkische Polizisten trennten Ehemänner, Söhne und alte Männer von ihren Familien und sperrten Frauen und Kinder in einen Hof ein, der von hohen Mauern umgeben war. Schreie, die das Blut gefrieren ließen, drangen von außen in den Hof. Fethiye schreibt: "Heranus und ihre Brüder hängten sich an den Rockzipfel ihrer Mutter. Heranus hatte furchtbare Angst, doch sie wollte verzweifelt wissen, was draußen vor sich ging. Sie sah, wie ein anderes Mädchen auf die Schultern einer Person kletterte, um über die Mauer zu blicken. Als es wieder herabstieg, sagte es, was es gesehen hatte. Ihr ganzes Leben lang vergaß Heranus nicht, was von den Lippen des Mädchens kam: Sie schneiden den Männern die Kehlen durch und werfen sie in den Fluss"".

Fethiye schreibt, sie habe die Geschichte ihrer Großmutter niedergeschrieben, um "uns mit unserer Geschichte zu versöhnen, aber auch, um uns mit uns selbst zu versöhnen". Dies, so Freely, sei ein Schnitt mitten durch die bittere (türkische) Politik um die Anerkennung beziehungsweise Verleugnung des Genozids. Atatürk hatte entschieden, von Arabisch zu Latein zu wechseln. Dies führt unter anderem dazu, dass die meisten modernen Türken vital wichtige ottomanische Dokumente über den Genozid nicht lesen können. Interessant: Etwa zur selben Zeit (wie Atatürk) beging Stalin in Tadschikistan einen vergleichbaren Kulturmord, indem er die überwiegend persische Sprache der Region ihrer arabischen Schriftzeichen beraubte und ins Kyrillische übersetzen ließ.

So verschwand Geschichte. Ich danke Cosette Avakian, dass sie mir Fethiyes Buch geschickt hat. Auch Cosette ist Enkelin eines armenischen Überlebenden. Sie hat mir von einer anderen armenischen Erinnerung berichtet. Sie befindet sich in Wales. Warum ausgerechnet in Wales, fragen Sie? Es geht um ein schönes armenisches Kreuz, eingebettet in Stein. Es wird Sie überraschen: Dieses Kreuz wurde am ‘Holocaust’-Gedenktag im Januar 2008 von Vandalen geschändet. Ich wundere mich nicht, dass keine einzige landesweit erscheinende Zeitung über diese empörende Tat berichtet hat. Hätte es sich bei dem geschändeten Stein um einen jüdischen ‘Holocaust’-Gedenkstein gehandelt, so hätten unsere nationalen Zeitungen - zurecht - darüber berichtet. Armenier jedoch zählen nicht.

Ein walisischer Armenier sagte an jenem Januartag: "Dies ist unser heiligster Schrein. Unsere Großeltern, die in dem Genozid starben, haben keine markierten Gräber. An diesem Ort gedenken wir ihrer". Es ist unbekannt, wer den Stein geschändet hat. Die Türkische Botschaft in London verlangte eine (offizielle) Verurteilung. Natürlich geschah nichts. Bei der Feier anlässlich des ‘Holocaust Day’ in Liverpool wurden die Armenier nicht einmal erwähnt.

Wird es je enden? Fethiyes wunderbares Buch könnte die Vergangenheit wieder öffnen - in einer Zeit, in der ein Mann wie der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink wegen Beleidigung des "Türkentums" verfolgt wird. Fethiye hatte Dink vor Gericht verteidigt. Genützt hat es ihm wenig. Im Januar 2007 wurde Dink ermordet. Sein mutmaßlicher Mörder posierte später auf einem Foto arrogant neben den beiden Polizisten, die ihn eigentlich bewachen sollten. In Dinks Zeitung - ‘Agos’ - hatte Fethiye die Todesanzeige ihrer Großmutter veröffentlicht. Heranus’ armenische Schwester, die in Amerika lebt, las sie und erfuhr so vom Tod ihrer Schwester. Heranus’ Mutter hatte die Todesmärsche überlebt. Sie hatte ein zweites Mal geheiratet und war nach New York gezogen.

Wales, Amerika - jeder Staat dieser Erde scheint Armenier zu beheimaten, (selbst Äthopien, wo sich Cosette Avakians Familie schließlich niederließ). Aber kann die Türkei je mit ihrer eigenen armenischen Gemeinde versöhnt werden - wie es Dinks Ziel war? Fethiye fand ihre Tante Marge in den USA wieder. Diese war natürlich Heranus’ Schwester, da ihre Mutter ein zweites Mal geheiratet hatte. Fethiye versuchte sich an die Zeilen eines Liedes zu erinnern, das Heranus schon als Kind gesungen hatte. Es fing mit den Worten an: "Ein trauriger Schäfer auf dem Berg spielte ein Liebeslied…". Schließlich fand Marge zwei Mitglieder eines armenischen Kirchenchores, die den Text noch zusammenbrachten.

"Meine Mutter hat die Tänze im Dorf nie vermisst", erinnert sich Marge. "Sie liebte es, zu tanzen, aber nach dem Schrecklichen tanzte sie nie wieder". Der Gedenkstein in Wales, der für ihr Leid und ihren Schmerz steht, wurde zerstört, ohne dass die britische Regierung sich zu einem Kommentar überwinden konnte. Ein Mitglied der walisisch-armenischen Gemeinde sagte damals: "Wir werden das Kreuz immer wieder reparieren, ganz gleich, wie oft es geschändet wird". Wer wird als Nächster den Hammer schwingen, um es zu zerstören?

ZNet Deutschland   vom 23.08.2008. Originalartikel: Robert Fisk’s World: A voice recovered from Armenia’s bitter past .
Übersetzt von: Andrea Noll.

 

Veröffentlicht am

24. August 2008

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