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Seid anständig, vermehrt das Kapital!

Ethische Perspektive: Kritische Anmerkungen zu einer Denkschrift der Evangelischen Kirche über Marktwirtschaft und unternehmerisches Handeln

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Von Franz Segbers

Sogar das Manager-Magazin muss zugeben: "Das Bild der Managerkaste ist verheerend." So viel Misstrauen wie selten schlage den Unternehmenslenkern entgegen. Während der Wirtschaftsaufschwung an den Beschäftigten vorbei geht, bescheren steigende Konzerngewinne den Aktionären kräftige Zuwächse von mehr als zwanzig Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die 30 DAX-Unternehmen werden in diesem Jahr über 28 Milliarden Euro Dividenden ausschütten. An wen eigentlich und welche Leistung wird hier so üppig vergolten? Oder wird pure Macht bedient?

Genau auf diese Frage gibt die jüngste Denkschrift der EKD (Evangelische Kirche Deutschland) über Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive keine Antwort. Die Evangelische Kirche beschwört darin gegen den in Misskredit geratenen Finanzmanager die Verantwortung des Familienunternehmers, der neue Verfahren einführt und innovative Produkte vermarktet. Doch im entfesselten Finanzkapitalismus sind nicht nur große, sondern auch mittlere Firmen oft zu einer Kapitalanlage raffgieriger Anteilseigner geworden, deren zumeist kurzfristigen Interessen die Manager zu bedienen haben. Da klingt es schon fast nostalgisch, den "ehrbaren Kaufmann" anzurufen, der seine unternehmerischen Entscheidungen von christlichen Werten leiten lässt und deshalb seine "moralische Achtsamkeit" schärfen soll.

In den 138 Abschnitten der Denkschrift wird genau 104 Mal die Verantwortung beschworen - und dabei weit überzogen. Die erste Stellgröße für eine Soziale Marktwirtschaft ist die Verantwortung der Politik für die Regeln und Strukturen der Wirtschaft und erst dann und nachrangig hat individuelles verantwortliches Handeln seine Bedeutung. Genau das meinte Alfred Müller-Armack, als er seinerzeit die Soziale Marktwirtschaft als eine "bewusst sozial gesteuerte" definiert hat. Die Politik ist für die bewusste Steuerung gefordert. Die Denkschrift der EKD macht sich zu Recht für eine Soziale Marktwirtschaft aus protestantischen Wurzeln stark. Wenn der Staat aber darauf reduziert wird, nur den Ordnungsrahmen für den Wettbewerb zu setzen, und dann an die Verantwortung des einzelnen Unternehmers appelliert wird, gerät man flugs in die neoliberale Falle. Die Verantwortung des Unternehmers kann nicht an die Stelle der frei gewordenen politischen Verantwortung treten.

Dass die "Ehrbarkeit des Kaufmanns" ein hohes Gut ist, sieht man an den vielen Korruptionsaffären. Doch ihr muss durch marktkontrollierende Gegenkräfte nachgeholfen werden, sie muss sich innerhalb der Regel bewegen, die der Staat setzt - und braucht vor allem eine entsprechende Gesellschaftspolitik. Doch von all dem ist in der Denkschrift nicht die Rede. Die EKD pocht auf den Dreiklang "ethisches Bewusstsein, klare Orientierung und Gebote und spirituelle Beheimatung". Genau dadurch aber komplettiert sie den Rückzug des Staates aus der "bewusst sozialen Steuerung der Marktwirtschaft".

Statt darauf zu drängen, dass der wirtschaftliche Erfolg sich für ein Gemeinwesen in verlässlicher Weise nützlich machen kann und gerechte Steuern gefordert werden, appelliert die Denkschrift zu freiwilligen Spenden - die Manager nur deshalb nicht anweisen, weil eine Neiddebatte die Wohlgesonnenen blockiere: "Unternehmer wagen sich aus Angst vor einer Neiddebatte auch mit ihrer Wohltätigkeit nicht aus der Anonymität; dabei könnten gerade sie ein Vorbild für andere Spender und Sponsoren sein."

Theologisch korrekt wird zwar von der "Option für die Armen" gesprochen und nach biblischen Leitbildern gesucht. Doch wie weit die real existierende Marktwirtschaft von den schönen Leitbildern abweicht, belegt der amtliche Armutsbericht und ist in jeder Lebensmittelausgabestelle von Diakonie oder Caritas zu besichtigen. Wie im Lehrbuch schreibt die Denkschrift gegen diese Realität an: "In einem Ordnungsrahmen, der sowohl scharfen Wettbewerb wie auch sozialen Ausgleich sichert, kann dieses Streben nach persönlichem Wohlergehen zugleich zum Wohlstand aller führen." Noch Probleme?

Der Widerspruch zwischen dem hehren Leitbild und der Realität des "Raubtierkapitalismus" (Helmut Schmidt) kann nicht überraschen. Die Soziale Marktwirtschaft dient als Mantra, die tatsächlichen Machtverhältnisse der Minderheit der Kapitaleigner und der Mehrheit der abhängig Beschäftigten zu überdecken. Es reicht nicht zu ermahnen, dass den Unternehmern angesichts ungleichgewichtiger Beziehungen gegenüber den Arbeitnehmern "eine besondere Verantwortung erwächst". Gefordert ist ein Recht, das Macht begrenzt. Das ist gemeint mit der sozialethischen Formel "Vorrang der Arbeit vor dem Kapital". Das hatte vor wenigen Jahren jedenfalls der jetzige Ratsvorsitzende der EKD Wolfgang Huber noch eingefordert. Davon ist jetzt keine Rede mehr.

Fast gleichzeitig ist gerade jetzt aus den Reihen der Evangelischen Kirche ein Text mit dem sperrigen Titel erschienen: "Gerechte Ansprüche. Schaffung und Sicherung gerechter Teilhabe durch Gewerkschaften. Ein Beitrag aus evangelischer Sicht." Darin wird beklagt, dass in vielen gesellschaftlichen Bereichen ein Vordringen marktradikaler Kräfte zu beobachten ist. Was hier beklagt wird, wird in der Denkschrift praktiziert. Kein Wunder, dass die Wirtschaftswoche jubelt: "Wende der EKD - Frieden mit dem Kapital" und die Frankfurter Allgemeine schon fast süffisant einstimmt: "Die Heuschrecke als Gottesanbeterin".

Wenn die Denkschrift die ethische Leitperspektive angibt - "eine Wirtschaft mit allen und für alle" - dann steht etwas anderes an: die demokratische Aneignung des Kapitalismus und die Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Mitbestimmung. Doch dann bliebe das Hohelied der Wirtschaft aus!

Franz Segbers ist Professor für Sozialethik am Fachbereich Evangelische Theologie der Universität Marburg.

 

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   33 vom 15.08.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

19. August 2008

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