Lebenshaus Schwäbische Alb - Gemeinschaft für soziale Gerechtigkeit, Frieden und Ökologie e.V.

Ihre Spende ermöglicht unser Engagement

Spendenkonto:
Bank: GLS Bank eG
IBAN:
DE36 4306 0967 8023 3348 00
BIC: GENODEM1GLS



Suche in www.lebenshaus-alb.de
 

Wer hat Angst vorm gelben Mann?

China: Monster, Moloch, Mythos - unser China-Bild


Von Michael Krätke

Heerscharen von China-Experten belehren uns seit Wochen mit anschwellenden Gesängen über die Gefahren, die uns aus dem Reich der Mitte drohen. Bald werden die Chinesen die Welt beherrschen - den Weltmarkt beherrschen sie angeblich schon. Zeigefinger werden geschwenkt: China kümmert sich nicht um die Menschenrechte! China entrechtet die arbeitende Bevölkerung! Sollte das zutreffen, würde nur das Vorbild der westlichen Industrieländer beherzigt. Schweiß, Blut und Tränen sind in der Geschichte während der Industrialisierung Europas in Strömen geflossen. Fast soviel wie in seiner Kolonialgeschichte.

Besondere Angst sollen wir vor dem künftigen Reichtum der Chinesen haben. Einigen Skribenten schwillt der Kamm: Wer, bitte schön, hat ihnen erlaubt, sich solche Mega-Städte zu bauen, sich solche Hochgeschwindigkeitstrassen anzulegen und auch noch Auto zu fahren wie wir? Niemand natürlich. Die Chinesen haben getan, was sie für nötig hielten, ohne lange zu fragen.

Kein Zweifel, China geht uns an - seit wir eine Weltgeschichte im modernen Sinne haben. Was sollten wir also vom Aufstieg dieses Landes erwarten? Nach wie vor ist das Pro-Kopf-Einkommen der USA 30 Mal höher als das der Volksrepublik. Nach diesem Maßstab ist China eher eine Eidechse als ein Drache: Platz 109 auf der Weltrangliste des IWF. Sicher, die Chinesen haben imponierende Wachstumsraten - um die zehn Prozent, aber arme und ärmste Länder verbuchen weit höhere Quoten, Angola zum Beispiel. Und für die Masse der Chinesen ist der Lebensstandard nach wie vor niedrig, weit entfernt von westlichen Selbstverständlichkeiten. Im größten Entwicklungsraum der Erde wird das noch einige Zeit so sein.

China bleibt jenseits der Küstenzonen bis auf weiteres ein typisches Agrarland mit einer Landwirtschaft, die sich zur Industrialisierung wenig eignet. Nur in einigen Regionen haben sich in rasantem Tempo Weltmarktbranchen etabliert. Die regionalen Disparitäten fallen für das Reich der Mitte sehr viel mehr ins Gewicht als etwa für eine EU der 27. Chinas Exportökonomie floriert und wächst rapide. Aber sie hat einen anderen Charakter als die des Exportweltmeisters Deutschland. Zum Teil handelt es sich um billige Massenprodukte, die in Manufakturen mit billigsten, genauer gesagt: extrem ausgebeuteten Arbeitskräften zusammengesetzt werden. Wie in den mexikanischen Maquilladoras haben die Chinesen die transnationalen Handels- und Wertschöpfungsketten, zu denen etwa die Assemblage von Nike-Schuhen oder T-Shirts gehört, nur selten unter Kontrolle (wenn, dann in Asien). Ausländische Konzerne, voran nordamerikanische und deutsche, sind es, die Chinas Exportgeschäfte betreiben und den Löwenanteil der Gewinne kassieren. Ob es den Deutschen gefällt oder nicht - in der chinesischen Handelsoffensive begegnen sie sich zum guten Teil selbst. Wer weiß, mit welchen Mitteln die (west)deutsche Exportindustrie europäische Nachbarn platt gewalzt hat, dem kann es schon mulmig werden, wenn die gleiche Industrie nun chinesisch drapiert auf dem deutschen Markt einfällt.

Und noch etwas, obwohl die chinesische Zentralbank die größten Dollarreserven der Welt hält, ist China nicht zum Herrn der Finanzmärkte aufgestiegen, nicht einmal in Asien. Gewiss versuchen die Chinesen, für ihre Dollars in den USA und anderswo einzukaufen, was gut und teuer ist - auch Unternehmensanteile. Zugleich aber ist es die Finanzmacht der Chinesen, die das extrem labile Weltwährungssystem und die in allen Fugen krachende "Finanzarchitektur" der westlichen Welt immer wieder stabilisiert, indem sie die US-Staatsverschuldung kompensiert.

Natürlich investiert China mit diesem Potenzial im Rücken in Entwicklungs- und Schwellenländern und verfolgt dabei seine Interessen, ob es den USA und der EU passt oder nicht. Deshalb ist China ein Rivale, aber noch lange keine Weltmacht. Denn für absehbare Zeit wird es den Dualismus geben, dass sich die Volksrepublik in einigen Regionen als hochentwickelter Industriestaat entfaltet, in den meisten Gebieten aber Entwicklungsland bleibt.

Natürlich modernisiert die (kleine) Atommacht China ihre Streitkräfte, verfolgt aber seine außenpolitischen Ziele mit Augenmaß. Seit Jahrzehnten ist kein Weltkonflikt erinnerlich, bei dem die Chinesen Öl ins Feuer gegossen hätten. Für eine Dämonisierung gibt es daher keinen einzigen rationalen Grund. Weltwirtschaft und Weltfrieden werden aus einer ganz anderen Richtung bedroht.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   33 vom 15.08.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

16. August 2008

Artikel ausdrucken

Weitere Artikel auf der Lebenshaus-WebSite zum Thema bzw. von