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China: Ein Land - sechs Systeme

Im Gespräch: Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung über einen Weg für Chinesen und Tibeter, ihren Dauerkonflikt zu lösen


FREITAG: Kurz vor den Olympischen Spielen ist in China nur selten eine offene und offizielle Polemik gegen den Dalai Lama zu hören. Noch im März hatten ihn chinesische Politiker einen "Wolf in Mönchsrobe" genannt. Getrieben von Furcht? Oder war das reine Polemik?

JOHAN GALTUNG: Beides, vor allem aber waren diese Äußerungen gegen den Westen gerichtet. Vom Dalai Lama erwarten die Chinesen wenig Gutes, weil er sich als junger Mann vom CIA helfen ließ. Sie trauen seinen Worten nicht. Ich bin mit einer Japanerin verheiratet. Sie sagt: Höre nicht, was ich sage - schau, was ich tue. Peking übersieht aber, dass er sich seither sehr verändert hat.

FREITAG: Sie sind seit langem mit dem Tibet-Konflikt beschäftigt. Woran ist eine Lösung bisher gescheitert?

GALTUNG: Es geht Peking nicht um Tibet, sondern um China als Ganzes. Die Volksrepublik hat es mit fünf Gebieten zu tun, die nach Autonomie oder Unabhängigkeit streben beziehungsweise diese behalten wollen: Taiwan, die Innere Mongolei, Hongkong, Xianjing und eben Tibet. Die jeweiligen Bewegungen pflegen eigene Idiome, eigene religiöse Bindungen, eigene Mythen und einen gewissen Sinn für Territorialität. Alle diese Regionen liegen an der Peripherie Han-Chinas, das sich im Verlauf seiner Geschichte überdehnt hat.

FREITAG: Wie sehr müssen die Han-Chinesen den Zerfall ihres Staates fürchten?

GALTUNG: Sie fürchten vor allem einen Domino-Effekt. Sobald sie den Tibetern mehr Freiraum geben, melden sich die Uiguren in Xianjing. In einem solchen Fall hätten wir es fast mit der Hälfte des chinesischen Territoriums zu tun, das womöglich abtrünnig würde. Man kann nur gemeinsam eine Lösung für alle finden.

FREITAG: Es ist eine Erfahrung aus der Geschichte Europas, dass Autonomie nicht zu fortgesetztem Separatismus, sondern Stabilität führen kann. Lässt sich das auf China anwenden?

GALTUNG: Eher nicht, weil der Dalai mehr als nur Bundesstaatlichkeit fordert, um mit einem europäischen Begriff zu antworten. Er wünscht sich das Recht, die tibetische Religion, Sprache und Kultur zu erhalten. Leider bleibt er vage, wenn es um die Frage geht, was er unter diesen Umständen mit Autonomie meint. Ich denke, dass Peking auch nach den Olympischen Spielen weiter darauf setzen wird, die Peripherie zu kontrollieren: Zuckerbrot für Hongkong, die Peitsche für Tibet, Xinjiang und die Innere Mongolei, normative Vorgaben für Taiwan.

FREITAG: Die Chinesen werden international daran gemessen, ob und wie sie diese Konflikte lösen.

GALTUNG: Ja, allerdings werden sie dabei ständig von den Amerikanern gestört. Die sehen in China zusehends eine Bedrohung ihrer Hegemonie und in Tibet den wunden Punkt der Volksrepublik. Der Politologe Samuel Huntington lieferte die ideologische Begründung für die aggressive Politik der Amerikaner, als er eine globale Allianz zwischen dem Islam und China ausmachte - also nach dem Muster: die halbe Welt gegen Amerika. Für seine These gibt es keine Beweise, aber Geld vom Pentagon. Ich denke, dass China keine militärisch-imperialen Absichten hegt. Ein Reich der Mitte hat das nicht nötig. Aber so, wie es für die USA unmöglich ist, Frieden mit den Castros zu schließen, so wenig wird sich China überwinden, dem Dalai Lama entgegen zu kommen. Das mag man als ungerecht empfinden, aber so ist eben die Psychologie.

FREITAG: Die Tibeter werfen China kulturellen Völkermord vor. Wie stehen Sie dazu?

GALTUNG: Als ich Lhasa zuletzt besuchte, sah ich dort ein sehr reges buddhistisches Leben, wenngleich viele Klöster zerstört oder leer waren. Es gibt jedoch noch einen weiteren Aspekt: Die Chinesen haben dort einen Wohlfahrtsstaat, einen Arbeitsmarkt und Kliniken errichtet. Diese sind nicht tibetisch geprägt, sondern chinesisch und teilweise westlich. In diesem Sinne können die Tibeter zwischen Buddhismus beziehungsweise Lamaismus und der Moderne wählen.

FREITAG: Die buddhistischen Intellektuellen und die Klostervorstände leben im indischen Dharamsala. Liegt dort die Zukunft der Tibeter?

GALTUNG: Nein, der Traum lebt in Lhasa, und die Tibeter werden dorthin zurückkehren. Zunächst aber muss Peking seinen Abscheu über den Dalai Lama zügeln und überzeugt werden, dass ein weniger strenger Staatsaufbau im Interesse aller liegt.

FREITAG: Lassen sich Ihrer Meinung nach Buddhismus und chinesische Staatsphilosophie verbinden, um zu einer Lösung zu kommen?

GALTUNG: Die tibetischen Mönche folgten lange einem tantrischen Hinduismus. Anders als Buddhisten - und ich bin einer - glaubten sie an Reinkarnation. Erst im Ausland lernte der Dalai Lama einen Buddhismus kennen, der auf das Nirwana zielt. Denken Sie an Goethes Faust: Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Das ist sehr buddhistisch, weil es aufs Nirwana und auf Buddha anspielt. Der Dalai Lama wünscht sich, in ein autonomes Lhasa zurückzukehren und das erste buddhistische Oberhaupt zu sein.

FREITAG: Und die chinesische Staatsphilosophie?

GALTUNG: Eine taoistische Formel lautet: In jeder Stärke liegt eine Schwäche und in jeder Schwäche eine Stärke. Anders gesagt: Jeder Einsatz von Gewalt zeigt, dass ein Staat schlecht konstruiert ist. Ein neuer Staatsaufbau erfordert allerdings lange Verhandlungen.

FREITAG: Seit Jahren verhandeln Emissäre des Dalai Lama mit Peking. Wer verhindert einen Erfolg?

GALTUNG: Fortschritte müssen vom Dalai Lama angestoßen werden - er ist das geistige Oberhaupt der Tibeter, er muss eingestehen, dass die lamaistische Oberschicht einst brutal in Tibet herrschte und die chinesische Politik auch positive Aspekte hat.

FREITAG: Peking lädt den Dalai Lama aber nicht ein, um sich mit ihm darüber zu verständigen.

GALTUNG: Das ist unwichtig. Es gibt Emissäre.

FREITAG: Aber wo ist der Lösungsansatz?

GALTUNG: Dort, wo die Chinesen bereits das Modell "Ein Land - zwei Systeme" erproben, eine Demokratie in Hongkong, die Ein-Parteienherrschaft in der Volksrepublik. Mit Blick auf die anderen um Autonomie bemühten Regionen schlage ich deshalb das Modell "Ein Land - sechs Systeme" vor. Unter dem heutigen Präsidenten Hu Jintao halte ich das für möglich. Er verfügt über eine große politische Begabung und benennt mit seinen Analysen die Defizite der chinesischen Gesellschaft: deren Spaltung in arm und reich, die überbordende Ausbeutung der Natur und die fehlende Demokratie.

FREITAG: Vom Dalai Lama erhoffen sich manche die Demokratie. Ist er ein Demokrat?

GALTUNG: Durchaus, wobei Tibeter wie auch Chinesen nicht auf Abstimmung, sondern auf Dialog setzen - bis zum Konsens. Sie verstehen Demokratie im Sinne der gegenseitigen Ausfragung. Auch als Vermittler versuche ich stets, jeden Satz als Frage zu formulieren.

FREITAG: Sie haben des öfteren den Dalai Lama getroffen …

GALTUNG: … Das erste Mal traf ich ihn im Januar 1961, gut ein halbes Jahr, nachdem ich Fidel Castro erstmals begegnet war. Ich sollte den Dalai Lama für den norwegischen Rundfunk interviewen. Vorher wollte ich mir noch den Bart abrasieren, aber als ich mit der linken Wange fertig war, fiel der Strom aus. Vermutlich dachte der Dalai Lama, dass Norweger halt so aussehen. Bei meinem letzten Treffen mit ihm - ich glaube es war das achte - meinte er, es würde wohl noch lange dauern, bis der Tibet-Konflikt gelöst sei. Vermutlich noch Jahrzehnte.

Das Gespräch führte Dirk Friedrich Schneider

Johan Galtung lehrte als Professor für Peace Studies an den Universitäten von Granada, Ritsumeikan Trömo und Witten/Herdecke. Er gilt als Doyen der Friedensforschung und vermittelte bisher in über 40 Konflikten weltweit.

Quelle: FREITAG. Die Ost-West-Wochenzeitung   32 vom 08.08.2008. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Veröffentlicht am

10. August 2008

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