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“Ich ging durch die Hölle auf Erden und was in Hiroshima passiert ist, darf nicht wiederholt werden”

Zeugenbericht von Toshiko Saeki über den 6. August 1945 in Hiroshima

Zum internationalen Jahr des Friedens 1986 beschloss das "Hiroshima Peace Cultural Center" die Berichte von 100 Hibakusha aufzuzeichnen. Wir haben in der Lebenshaus-Website einige davon ins Deutsche übersetzte Zeugenberichte von Hibakusha bereits veröffentlicht. Diese Texte mit den Aussagen von überlebenden Opfern der Atombombenabwürfe müss(t)en jedem Menschen zur Kenntnis gebracht werden. Es soll niemand sagen können, nicht gewusst zu haben, was den Menschen in Hiroshima und Nagasaki Grauenhaftes widerfahren ist. Zum Hiroshima-Gedenktag 2008 veröffentlichen wir ein weiteres Zeugnis eines Überlebenden des Hiroshima-Verbrechens vom 6. August 1945: den Zeugenbericht von Toshiko Saeki.

Frau Toshiko Saeki war zum Zeitpunkt des Bombenabwurfes 26 Jahre alt. Sie befand sich mit ihren Kindern im Haus ihrer Eltern in Yasufuruichi. Nachdem sie am Nachmittag des 6. Augusts nach Hiroshima zurückkehrte, suchte sie viele Tage lang nach ihren anderen Verwandten, aber konnte sie nicht finden. Frau Saeki verlor bei dem Atombombenangriff 13 Familienmitglieder.

Saeki: Ich erinnere mich an ein Flugzeug, das hinter den Bergen zu meiner Linken auftauchte. Ich dachte noch, dass es seltsam war, ein Flugzeug so ganz für sich allein zu sehen. Ich sah genauer hin und es war eine B-29. Es war sehr seltsam, weil Luftabwehrwaffen auf das Flugzeug schossen. Ich sah ihm eine Weile nach, dann verschwand es. So bald es verschwunden war, tauchte ein anderes Flugzeug aus derselben Richtung auf. Es war sehr, sehr ungewöhnlich. Ich wunderte mich immer noch, was passieren würde. Dann gab es plötzlich einen Lichtblitz. Ich kann nicht beschreiben, wie er genau war. Und dann fühlte ich, wie mir ganz plötzlich eine Art heißer Druck entgegengeschleudert wurde. Mir war sehr heiß. Ich lag flach auf dem Boden und versuchte, der Hitze zu entkommen. Für einen Moment vergaß ich meine Kinder völlig. Dann gab es ein lautes Geräusch und hölzerne Schiebetüren und Fenster wurden in die Luft geblasen. Ich drehte mich um, um zu sehen, was mit dem Haus passiert war, und an einem Teil der Decke hing es einfach in der Luft. An anderen Stellen war die Decke eingestürzt und hatte das Kind meiner Schwester und auch mein Kind unter sich begraben. Als ich sah, was die Druckwelle mit meinem Haus angerichtet hatte, das ja weit weg von Hiroshima war, dachte ich, dass auch Hiroshima sehr schlimm getroffen worden sein musste. Ich flehte meine Schwester an, mich nach Hiroshima zurückgehen zu lassen, um meine Familie zu retten. Aber zu dem Zeitpunkt fielen Gegenstände und Feuer vom Himmel. Ich hatte Angst, weil ich dachte, dass der Müll in Bergen Feuer fangen würde. Mittlerweile hatte ich es geschafft, Mittagessen zum Mitnehmen fertig zu machen. Es hatte angefangen zu regnen, aber ich war froh darüber. Ich ging zur Hauptstraße, etwa fünf oder sechs Leute kamen aus Richtung Hiroshima. Sie waren in einer schrecklichen Verfassung. Sie sahen viel schlimmer aus als die jetzigen Ausstellungsstücke im Peace Memorial Museum. Sie halfen sich gegenseitig, aber sie kamen kaum voran. Ich schrie: "Welcher Teil von Hiroshima wurde angegriffen?". Aber sie alle murmelten nur: "Hiroshima wurde angegriffen. Hiroshima wurde schwer getroffen." Ich lief so schnell ich konnte Richtung Hiroshima. Als ich lief, sah ich einen wahnsinnigen nackten Mann, der aus der Gegenrichtung kam. Dieser Mann hielt ein Stück Eisen vor seinen Kopf, um sein Gesicht zu verstecken, weil er sonst nichts am Körper trug, und ich war verlegen deswegen. Ich drehte ihm meinen Rücken zu. Der Mann lief an mir vorbei und dann, ich weiß nicht warum, aber ich lief ihm nach und bat ihn, anzuhalten. Ich fragte ihn: "Welcher Teil von Hiroshima wurde getroffen?" Dann ließ der Mann das Eisenstück sinken und er sah mich an. Er sagte: "Du bist Toshiko, oder?" Er sagte: "Toshiko!"

Interviewer: Wer war der Mann?

Saeki: Oh, ich habe ihn nicht auf der Stelle erkannt. Sein Gesicht war so sehr angeschwollen, dass ich nicht einmal sagen konnte, ob seine Augen offen waren. Er rief mir zu, er sagte: "Ich bin es! Ich bin es, Toshiko! Erkennst zu mich nicht?" Dann erkannte ich ihn. Er war mein zweitältester Bruder. Er war schwer verwundet.

Interviewer: Sein Körper war mit Verbrennungen bedeckt?

Saeki: Ja und er sah schrecklich aus. Er erzählte mir, dass er von den Flammen verschlungen worden sei und nur sehr schwer entkommen konnte. Er sagte, dass Mutter ihn am Morgen geweckt hatte und dass er gerade den Abwasch erledigte, als es passierte. Er erzählte, dass Mutter im dritten Stock war und wohl durch die Druckwelle weggeschleudert wurde. Er sagte mir, dass er dachte, dass sie gestorben ist. Endlich erreichte ich Hiroshima, ich glaube, es war am Nachmittag.

Interviewer: Wie sah es aus in Hiroshima?

Saeki: Das ganze Stadtgebiet von Hiroshima war ein totales Chaos. Die Menschen versuchten, Zuflucht zu finden, im Grundschulgebäude, überall. Als ich die örtliche Grundschule erreichte, stauten sich die Leute schon in den Korridoren. Überall hörte man Klagen, Seufzen, Schluchzen und Weinen. Diejenigen von uns, die sich bewegen konnten, behandelten zwar nicht die Verletzten, aber wir trugen die toten Körper aus dem Gebäude. Ich fand niemanden von meiner Familie, also ging ich hinaus auf den Spielplatz. Dort waren die Toten in vier Haufen aufgeschichtet und ich stand direkt davor. Ich wusste einfach nicht, was zu tun war. Wie konnte ich nur die Körper meiner Lieben finden? Als ich durch die Klassenzimmer ging, konnte ich jede Person ansehen, aber das hier waren Hügel. Wenn ich versuchen wollte, meine Lieben zu finden, hätte ich einen Körper nach dem anderen wegräumen müssen. Das war einfach unmöglich. Ich war so traurig. Auf den Haufen lagen alle Arten von Körpern. Nicht nur menschliche Körper, auch Körper von Vögeln, Katzen, Hunden sogar der einer Kuh. Es sah fürchterlich aus. Sie waren verbrannt, so wie die Menschenleichen und einige von ihnen waren halb verbrannt. Sogar ein aufgeblähtes Pferd lag dort. Alles war da, alles.

Interviewer: Frau Saeki, wie lang haben sie nach Ihren Verwandten gesucht?

Saeki: Ich ging nach Hiroshima auf die Suche am 6. und am 7., aber am 8. sagten sie mir, dass es einen Fliegerangriff geben würde, also ging ich an diesem Tag nicht. Und am 15. ging ich auch nicht hin, aber ansonsten war ich wohl jeden Tag auf der Suche. Ich suchte Mutter sehr lange, aber ich konnte sie nicht finden. Ich konnte sie einfach nicht finden. Und endlich am 6. September, rief mein ältester Bruder uns im Wohnzimmer zusammen. Er versammelte dort alle Familienmitglieder. Er hatte etwas bei sich, das in Kleidung eingewickelt war. Er legte es auf den Tisch, an dem wir normalerweise unser Essen einnahmen. Mein Bruder sagte: "Toshiko, wickele du Mutter aus. Du hast jeden Tag nach ihr gesucht." Also tat ich, was er mir sagte, entfernte die Kleidungsstücke und erwartete, Stücke von ihren Knochen zu finden. Aber es war die Hälfte des verbrannten Kopfes meiner Mutter. Keine Augen, keine Zähne, nur ein kleines Stück Fleisch war übrig mit etwas Haar auf der Rückseite. Und ihre Brille war auch noch da. Die Brille wird heute im Peace Memorial Museum in der Nähe des Ausgangs ausgestellt, um den Leuten ihre Geschichte zu erzählen.

Interviewer: Ist Ihr älterer Bruder auch gestorben?

Saeki: Ja, nachdem er den halbverbrannten Kopf unserer Mutter gesehen hatte, fing mein Bruder an, seltsame Dinge zu sagen. Er bat uns, ihn gut zu verbinden und all die Poren seiner Haut mit weißem Stoff zu bedecken. Ich fragte ihn, warum wir das machen sollten, und er sagte, er wolle ein Experiment machen, um die Radioaktivität, die sich in seinem Körper gesammelt hatte, zu entfernen. Er sagte, wir sollten ihn gründlich überall verbinden, außer an Mund und Augen. So war auch seine Nase bedeckt. Bevor er mit dem Experiment begann, trank er eine große Menge Wasser. Er trank sogar mehr, als er fassen konnte, so dass das Wasser aus seiner Nase und dem Mund lief. Dann sagte er, er sei bereit. Er bat uns, ihn allein zu lassen und den Raum nicht wieder zu betreten, bis er um Hilfe rufen würde. Er sagte uns, wir sollen gehen und uns von ihm fern halten. Nach einer Weile spähte ich den Raum. Mein Bruder war vollständig nackt. Er hatte sich all die Bandagen vom Körper gerissen. Er lag ganz unbeweglich in einer Ecke. Ich wusste nicht, was mit ihm los war. Ich dachte, er wäre tot. Ich hämmerte an die Tür und schrie: "Bruder! Bruder, bitte stirb nicht!" Er wachte auf und setzte sich hin. Er sagte mir, dass das Experiment gescheitert sei. Er weinte erbarmungswürdig. Er sah ganz gesund aus, aber er wurde verrückt. Er sagte: "Ich bin größer geworden. Mach eine Öffnung in die Decke. Dieser Raum ist zu klein und ich kann nicht aufrecht darin stehen." Nach dem fürchterlichen Bombenangriff auf Hiroshima war der Geist meines Bruders wie in Stücke geschlagen. Krieg zerstört nicht nur Dinge und tötet Menschen, er zerstört auch die Herzen der Menschen. Das ist Krieg. Und während meines Lebenswegs habe ich das durch viele Ereignisse gelernt. Ich weiß das jetzt.

Interviewer: Frau Saeki, haben Sie bezüglich Ihrer Gesundheit Beschwerden gehabt?

Saeki: Ja, das habe ich. Gegen Ende August, vielleicht war es der 28. oder so, fiel mein Haar aus, ich spuckte Blut. Meine Zähne fielen aus. Und ich hatte etwa 40 Grad Fieber. Nuklearer Krieg hat absolut nichts Gutes! Ob man gewinnt oder verliert, zurück bleibt einem nur das Gefühl von Nutzlosigkeit, nur die Wut und die Angst vor den Folgeschäden der Radioaktivität bleibt. Die Überlebenden müssen mit dieser Angst leben. Manchmal habe ich gedacht, dass ich hätte sterben sollen, und es wäre besser gewesen. Aber ich muss um der Leute willen leben, die ihr Leben verloren haben. Also berichte ich von meinen Erfahrungen und hoffe, dass diese Worte andere Menschen davon abhalten, Krieg zu machen. Unsere Erlebnisse dürfen nicht vergessen werden. Woran wir während des Krieges geglaubt haben, hatte keinen Wert. Wir wussten nicht, gegen wen wir unsere Wut wenden sollten. Ich ging durch die Hölle auf Erden und was in Hiroshima passiert ist, darf nicht wiederholt werden. Darum erzähle ich diese Geschichte immer und immer wieder. Und ich werde es auch weiterhin tun.

Deutsche Übersetzung: Caroline Unger. Englische Fassung: Testimony of Akihiro Takahashi .

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Veröffentlicht am

09. August 2008

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