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Eine atomwaffenfreie Welt - Vision und Wirklichkeit: 1. Konzept und Geschichte kernwaffenfreier Zonen

Von Wolfgang Kötter

Atomwaffen scheinen als Trumpfkarte im Spiel um die internationale Macht wieder zu stechen. Vor aller Augen vollzieht sich eine Renuklearisierung der Weltpolitik. Die Atomwaffenmächte, die gerade ihre Arsenale optimieren, der nordkoreanische Nukleartest vom vergangenen Herbst und die iranischen Nuklearambitionen könnten eine gefährliche Dynamik in Gang setzen. Wenn aber immer mehr Staaten und möglicherweise auch Terroristen oder Kriminelle nach der verheerenden Massenvernichtungswaffe greifen, wird das Risiko eines absichtlichen oder auch versehentlichen Atomwaffeneinsatzes enorm ansteigen.

Um diesen lebensbedrohlichen Trend umzukehren, gewinnt seit einiger Zeit die radikale Forderung nach Schaffung einer atomwaffenfreien Welt wieder an Boden. Die vollständige Beseitigung aller Kernwaffen ist eine jahrzehntealte Vision der Friedensbewegung. Aber diesmal kommt die Forderung nach atomarer Abrüstung nicht allein von den Rüstungsgegnern. Vielmehr sind es gestandene Politiker, die aus den Erfahrungen ihrer eigenen Verantwortung für Atomrüstung und nukleare Einsatzstrategien die Lehren gezogen haben.

Erst vor wenigen Tagen schlossen sich vier ehemalige Spitzenpolitiker GroßbritanniensDie Ex-Außenminister Douglas Hurd, Malcolm Rifkind, David Owen und der ehemalige NATO-Generalsekretär George Robertson. ihren Kollegen in den USA an. Dort haben Ex-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz, sowie der ehemalige Verteidigungsminister William Perry und Senator Sam Nunn wiederholt eindringlich zur Schaffung einer Welt ohne Kernwaffen aufgerufen: “Die immer schnellere Verbreitung von Atomwaffen, nuklearem Know-how und Nuklearmaterial hat uns zu einem atomaren Wendepunkt geführt”, warnen die bereits als Apokalyptische Reiter titulierten Vier. “Wir stehen vor der sehr realen Möglichkeit, dass die tödlichsten Waffen, die jemals erfunden wurden, in gefährliche Hände fallen könnten.” Die bisherige Politik, um dieser Bedrohung zu begegnen, halten sie für nicht adäquat, denn: “Durch die breitere Verfügbarkeit von Atomwaffen verliert die Abschreckung zunehmend an Effektivität und wird zudem selbst immer riskanter.”

Die Idee, sich regional vom globalen nuklearen Wettrüsten abzukoppeln und dadurch einem möglichen Angriff mit Kernwaffen und den katastrophalen Folgen eines Nuklearkrieges aus dem Wege zu gehen, entstand in den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Eine vertraglich festgeschriebene kernwaffenfreie Zone könnte ihre Bewohner vielleicht vor der atomaren Katastrophe bewahren, bindet sie doch durch Zusatzprotokolle auch die Kernwaffenmächte in einen völkerrechtlichen Verpflichtungsrahmen ein und begrenzt etwaige Nuklearkriegsambitionen. Außerdem verzichten die Teilnehmer auf einen ruinösen und selbstmörderischen nuklearen Rüstungswettlauf mit ihren Nachbarn. Von Anfang an aber sahen die Nichtkernwaffenstaaten in der regionalen Atomwaffenfreiheit nicht das Endziel, sondern lediglich eine Zwischenetappe zur umfassenden nuklearen Abrüstung.

Nicht zufällig galten die ersten Pläne Europa, der unmittelbaren Konfrontationslinie zwischen den Militärallianzen von Ost und West. So bot der polnische Außenminister Adam Rapacki im Jahre 1957 den eigenen nuklearfreien Status für den Verzicht beider deutscher Staaten auf die Produktion, den Erwerb und die Stationierung atomarer Waffen an. Als modifizierte Variante schlug später die vom schwedischen Ministerpräsidenten geleitete Palme-Kommission vor, zwischen NATO und Warschauer Vertragsorganisation einen 300 km breiten von nuklearen Gefechtsfeldwaffen freien Korridor zu schaffen. Schwedens Außenminister Bo Östen Undén hatte bereits im Jahre 1961 einen weltweiten “Club atomwaffenfreier Staaten” angeregt. Daran anknüpfend schlug der finnische Präsident Urho Kekkonen zwei Jahre später eine kernwaffenfreie Zone in Skandinavien vor. Wie zuvor auch Rumänien, forderte Griechenland einen kernwaffenfreien Balkan. Letztendlich jedoch scheiterten alle diese Vorhaben an der Einbindung potentieller Teilnehmer in die strategische Planung und Waffendislozierung der Militärbündnisse während des Kalten Krieges.

Aber auch heute fragen sich viele Menschen, ob eine Welt ohne Atomwaffen wirklich erreicht werden kann oder ob sie lediglich ein Wunschtraum bleiben muss? Was die Zweifler aber häufig vergessen: Kernwaffenfreie Zonen haben auf der südlichen Hemisphäre bereits die Hälfte unseres Planeten von diesen verheerenden Massenvernichtungswaffen erlöst. Bis zum Hiroshima-Tag am 6. August stellen wir in den kommenden Tagen die bisher erreichten Erfolge bei der Befreiung ganzer Regionen von Atomwaffen vor und prüfen die Chancen für die Abrüstung aller Atomwaffen.

Kernwaffenfreie Zonen

Vertrag Region Unterzeichner /
Ratifikationen

Jahr Unterzeichnung /
in Kraft

Antarktisvertrag        
Antarktis
12 / 45                   
1959 / 1961
Tlatelolco Lateinamerika/Karibik   
33 / 33 1967 / 1968
Rarotonga Südpazifik 13 / 13 1985 / 1986
Bangkok Südostasien 10 / 10 1995 / 1997
Pelindaba Afrika 50 / 25 1996 / -
Semipalatinsk Zentralasien 5 / 2 2006 / -

Weitere Teile der Serie unter:

Fußnoten

Veröffentlicht am

30. Juli 2008

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