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Eine Kriegsnull

Der Vietnamkrieg hat nichts Ehrbares


Von Ted Rall, 20.07.2008 - TedRall.com / ZNet

New York. Jede Präsidentschaftskandidatur braucht einen Mythos. Reagan war der große Kommunikator, Bill Clinton war mitfühlend. Beides war natürlich Blödsinn. Doch nie waren die Konstrukte, mit denen Kandidaten vermarktet werden, derart fiktional und durchsichtig wie das, was wir in diesem Jahr zu schlucken bekommen.

Noch lächerlicher als die Vorstellung, Obama sei der zweite JFK, klingen die Basismythen der McCain-Kampagne: Erstens, McCain sei ein Kriegsheld, zweitens, sein (angeblicher) Heroismus mache ihn glaubwürdiger, wenn es um Themen der nationalen Sicherheit geht. McCain sei “ein Vietnam-Held und ein Plus für die nationale Sicherheit”, schreibt die New York Times in einem typischen Medienhype.

John McCain kämpfte in Vietnam, doch es ist nicht edel oder gar heroisch, in diesem Krieg mitgekämpft zu haben.

Bestimmt leiden noch einige Amerikaner an periodischen Anfällen jener nationalen Amnesie, die uns daran hindert, unseren Platz in der Geschichte und in der Welt ehrlich zu bestimmen. Doch es gibt andere, die die Wahrheit über Vietnam nicht vergessen haben: Vietnam war ein katastrophales, nicht zu rechtfertigendes Schlamassel. Jeder mit einem Fünkchen Verstand war damals gegen den Krieg.

Zwischen einer und zwei Millionen Vietnamesen und 58.000 Amerikaner starben in Vietnam - dem Tode überliefert durch eine Reihe von Präsidenten und US-Kongresse, um die Flammen der Gier, der Hybris und der Dummheit zu nähren. Jenes Ereignis, mit dem der Kriegseintritt gerechtfertigt wurde - der “Vorfall” im Golf von Tonkin - hat nie stattgefunden. Das ideologische Fundament des Vietnamkrieges - das Mantra, um den Krieg am Laufen zu halten -, wurde fallengelassen, nachdem wir verloren hatten. Nein, kein “Dominostein” ist in Südostasien an den Kommunismus gefallen (Dominotheorie), im Gegenteil, der Effekt des amerikanischen Rückzuges war größere Stabilität. Als Ende der 70er Jahre im Nachbarland Kambodscha ein Genozid ausbrach, war es nicht Amerika, sondern die Armee des vereinigten Vietnam - die “üblen Kommunisten” also - die diesen Genozid stoppten.

Doch nicht einmal General Wesley Clark, der in Vietnam viermal angeschossen wurde, darf den Mythos des Kriegshelden McCain anfechten: “Nun, ich denke nicht, dass ein Kampfflugzeug zu reiten und abgeschossen zu werden, eine Qualifikation für eine Präsidentschaft ist”, sagte Clark. Daraufhin ließ die Obama-Kampagne den ehemaligen Nato-Kommandeur Clark prompt am langen Arm verhungern: “Senator Obama ehrt und respektiert Senator McCains (Militär-)Dienst und weist die gestrigen Aussagen von General Clark selbstverständlich zurück”. Alarmierend, mit welcher Regelmäßigkeit die Obama-Kampagne ihre Vertreter (Surrogaten) im Regen stehen lässt.

Die liberale Webseite Media Matters kritisierte mit einem Artikel, dass John McCain in den Medien immer wieder als Kriegsheld dargestellt wird. Doch selbst in diesem Artikel wird eingelenkt: “McCain ist letztendlich ein Kriegsheld. Alle sind sich darin einig.”

Nein, nicht alle. Ich war 12, als die letzten US-Besatzungstruppen aus Saigon flohen. Ich erinnere mich, wie ich - und die meisten Amerikaner - uns damals fühlten:

Wir waren erleichtert.

Als die erste Amtszeit von Präsident Nixon endete, waren die meisten Amerikaner bereits gegen den Krieg. Wie Gallup-Umfragen aus dem Jahre 1971 belegen, waren damals 70% der Amerikaner der Ansicht, dass es ein Fehler gewesen war, Truppen nach Vietnam zu entsenden. Manche hielten es für unmoralisch, andere hielten den Krieg für nicht gewinnbar.

Seit damals hat sich das politische Zentrum nach rechts verschoben. Wir haben die Reagan-Revolution erlebt und Bill Clintons Demokratische Mitte, und nach dem 11. September flirtete Bush mit dem Neofaschismus Marke McCarthy.

Dennoch glaubt eine überwältigende Mehrheit der Amerikaner - inklusive der Republikaner - nach wie vor, dass wir nie in Vietnam hätten kämpfen sollen.

“Nach dem Ende des Krieges, 1975”, so schrieb Michael Tomasky in The American Prospect 2004, “stellte Gallup fünfmal - 1985, 1990, 1993, 1995 und 2000 - dieselbe Frage: “Beging Amerika einen Fehler, als es Truppen nach Vietnam entsendete, um dort zu kämpfen?”. Jedes Mal lag die Ratio zwischen ‘Ja-’ und ‘Nein’-Stimmen bei mehr als Zwei zu Eins: So betrug das Verhältnis 1990 74% zu 22%, im Jahre 2000 war die Ratio 69% zu 24%:

“Eine große Mehrheit”, so Tomasky weiter, “bezeichnet den Krieg nach wie vor als ‘ungerecht’”. Auch 2004 - nach dem 11. September also - hielten 62% den Vietnamkrieg für ungerecht und nur 33% hielten ihn immer noch für moralisch gerechtfertigt.

Vietnam war ein illegaler Aggressionskrieg ohne Kriegserklärung. Kann man Menschen, die in diesem unmoralischen Krieg mitkämpften, wirklich als Helden bezeichnen? Die Frage schien sich erledigt zu haben, als Ronald Reagan 1985 den Friedhof von Bitburg in Westdeutschland besuchte, auf dem auch Nazi-Soldaten, einschließlich SS-Mitgliedern, lagen. “Auch diese jungen Männer”, so Präsident Reagan damals, “waren Opfer des Nazismus, auch wenn sie in einer deutschen Uniform kämpften und eingezogen wurden, um die hassenswerten Wünsche der Nazis zu erfüllen. Sie waren Opfer - so sicher wie die Opfer in den Konzentrationslagern”.

Die Amerikaner haben es Reagan nicht abgekauft. Nach dem Besuch in Bitburg fielen seine Umfragewerte auf 41%. Davor hatten sie normalerweise zwischen 60% und 65% gelegen. Wer für eine üble Sache kämpft, erhält keinen Lorbeer.

Aber warum fällt es dann im Fall McCain so schwer, den Mythos vom Kriegshelden zu zerschlagen? Die meisten Berichte gehen davon aus, dass McCain als Kriegsgefangener in Vietnam Mut bewiesen hat. Er habe das Angebot einer frühzeitigen Entlassung aus der Gefangenschaft, das ihm seine Kaptoren machten, zurückgewiesen. Das macht McCain jedoch nicht zum Helden.

Zur Hölle, McCain ist noch nicht einmal ein Opfer.

McCain hatte sich freiwillig gemeldet, um Napalmbomben auf die “Gooks” (diesen Ausdruck verwendet er, nicht ich) abzuwerfen - zu einer Zeit, als mehr als ein Viertel aller US-Kampftruppen aus Wehrpflichtigen bestanden. Er hätte abwarten können, ob sein Los tatsächlich gezogen wird. Oder er hätte sich - wie Bush damals - mit Hilfe entsprechender familiärer Kontakte drücken können. Er hätte sich aber auch zu jenen 100.000 wehrpflichtigen Männern gesellen können, die nach Kanada gingen, um keine Menschen töten zu müssen - in einem Krieg, der so schmerzlich falsch war. Sie sind die eigentlichen Helden.

Als McCain bei seinem 23. Bombeneinsatz abgeschossen wurde, war er gerade fröhlich dabei, ein ziviles Viertel mitten in einer großen vietnamesischen Stadt zusammenzuschießen. Die dort lebenden Vietnamesen zogen ihn aus einem nahen See und schlugen ihn. Das war bestimmt hart. Ich überlege mir, was wohl aus Mohammed Atta geworden wäre, wenn er am 11. September plötzlich lebend auf einer Straße in Lower-Manhattan aufgetaucht wäre. Wie lange hätte er wohl überlebt?

Vielleicht hätte er überlebt. Ich weiß es nicht. Aber eines ist gewiss: Niemand hätte in ihm je einen Kriegshelden gesehen.

Ted Rall ist Autor von ‘Silk Road to Ruin: Is Central Asia the New Middle East?’ Das Buch liefert eine drastische, tiefgehende Analyse über die nächsten große außenpolitische Herausforderung der USA.

Quelle: ZNet Deutschland   vom 22.07.2008. Originalartikel: War Zero . Übersetzt von: Andrea Noll.

Veröffentlicht am

24. Juli 2008

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